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Eua Senf - 13.08.2015

Leben im Schatten von RB Leipzig

„Hey, wollen wir am Wochenende Borussia gucken?“ lautete meine Frage und die Antwort war: „Ne, sorry, bin in Leipzig bei RB.“ Das ist nicht etwa eine Konversation mit einem eingefleischten RB Leipzig-Fan (sofern es sie überhaupt gibt), sondern mit einem befreundeten Schulfreund und Borussen. Mit ihm fahre ich seit 13 Jahren mehr oder weniger regelmäßig zu Spielen des Ballspielvereins Borussia, mal auswärts, mal ins Westfalenstadion. Mit ihm war ich zum ersten Mal auf der Süd, wir haben das legendäre Derby 2007 miterlebt, wir waren in Gladbach und haben zusammen wegen des HSV-Abseitstreffers („lieber Hamburg als der BVB!“) getrauert und er begleitete mich ins Krankenhaus, nachdem ich mir nach dem 1:2 Siegtreffer von Nuri in Köln das Handgelenk gebrochen hatte, weil alle aus den ca. 10 Reihen hinter mir unbedingt nach vorn wollten, während ich mich am Wellenbrecher abstützte. Wir gingen gemeinsam durch die schönsten, aber auch die schlimmsten Zeiten.

Lieber Leipzig als der BVB?

Ein Borusse, der lieber zur Leipziger Filiale einer Salzburger Firma fährt anstatt das Spiel seines Vereins zu sehen? Wie jetzt? Die einfachste Erklärung wäre natürlich, dass man nicht zu 100% mit dem Herzen dabei ist, was ich allerdings zu verneinen mag. Nun aber geht er lieber ins Zentralstadion zu einem Projekt, das mit Fußball nicht allzu viel zu tun hat. Für Red Bull ist die Leipziger Filiale nur eine von vielen, wenngleich auch die offensichtlich wichtigste. Dennoch wurde dieser „Verein“ nicht aus Liebe zum Sport oder zur Stadt – RB versuchte derartige feindliche Übernahmen nach dem Scheitern bei Sachsen Leipzig auch in Osnabrück und Düsseldorf, scheiterte dort aber am Gegenwind der Fans –, sondern nur aus reinen Marketingzwecken gegründet. Man will ein paar Dosen mehr in Europa dadurch verkaufen. Fußball, Sport oder Traditionen interessieren das Unternehmen um Mateschitz offensichtlich nicht – das kann man gerne bei Fans des erfreulicherweise gerade erst in die 2. Liga aufgestiegenen und neugegründeten Vereins SV Austria Salzburg erfragen.

Abkürzung mit freundlicher Hilfe von oben

In Leipzig übernahm man nicht einen der zwei mehr oder weniger großen Vereine Chemie bzw. Sachsen oder FC Lokomotive Leipzig. Beim FC Sachsen Leipzig versuchte man es - scheiterte jedoch an der Ablehnung der Fans. Welch Überraschung. So kaufte man sich halt die Spielgenehmigung des SSV Markranstädt, um so nicht die ganze Tour von Kreisliga C bis zum Profi-Geschäft durchmachen zu müssen. Das brach stehende WM-Stadion wollte ja auch genutzt werden, da kam der Einstieg von RB gerade recht. Leider.

Die Filiale eines Brause-Getränks aus Fuschl am See bekam sofort alle Unterstützung der Stadt und der hiesigen Politik. Davon konnte man in Leutzsch, wo das Finanzamt selbst einen Insolvenzantrag gegen den FC Sachsen Leipzig stellte, nur träumen. Herrn Mateschitz und seinem Gefolge wurde von Beginn an der rote Teppich ausgerollt, schließlich sei er die Rettung des ostdeutschen Fußballs. Ähnlich sah das wohl auch der sächsische Fußballverband (SFV), der keinerlei Bedenken gegen dieses Konstrukt hatte, nein, es sogar bewarb. Sämtliche, auch sachliche Kritik wurde nicht akzeptiert.

Ebenso reagierten auch die regionalen Medien. Der MDR berichtete nur wohlwollend über dieses Konstrukt und noch schlimmer agiert da die Leipziger Volkszeitung – insbesondere durch den Propaganda-Minister ähm... RB-Hofberichterstatter Guido Schäfer. Der Mann war vor einigen Jahren sogar sowas wie Profi-Fußballer und spielte sogar mit Jürgen Klopp in einer Mannschaft. Nach seiner fußballerischen „Karriere“ wechselte er allerdings in die schreibende Zunft – und das scheinbar ohne jede Ausbildung. Was man auch an und in seinen Texten sieht. Generell. Bei RB Leipzig kennt der Mann allerdings überhaupt keinen Spaß. Jede Kritik, sei sie auch noch so sachlich und gutbegründet, wird direkt mit der Neid-Keule erschlagen. Da spielt es dann auch keine Rolle, wenn Hans-Joachim Watzke (berechtigte) Bedenken anspricht, schließlich trage der Ballspielverein Borussia auch den Namen eines Sponsors im Vereinsnamen und hatte von diesem Unsummen an Geld von der wohlgemerkt schon damals nicht mehr existierenden Borussia-Brauerei bekommen (dazu unser damaliger Kommentar). Und auch sonst versucht Herr Schäfer den „Traditionalisten“ bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen mitzugeben. Und was soll man sagen? Das kommt an. Ob Schäfer daran einen Anteil hat, vermag ich nicht zu beurteilen, aber sein Verhalten ist sicher nicht kontraproduktiv. Selbstverständlich, muss man leider sagen, berichtet auch der Mitteldeutsche Rundfunk, für den wir wohlgemerkt alle den Rundfunkbeitragsservice zahlen, bzw. zahlen sollten, nicht sehr kritisch. Das Gegenteil ist der Fall. Das Zentralstadion wird – vor allem wenn man das Alter des „Vereins“ bedenkt – im Laufe der Zeit immer voller, sogar zu U17-Meisterschaftsspielen zählt man 4.000 Zuschauer und der Zuschauerschnitt in der zweiten Liga kann sich auch sehen lassen.

Das Produkt kommt an

„Fan“-Potenzial ist durchaus da und meiner Meinung nach nicht weniger als in Dortmund (die Städte sind ähnlich groß und haben ähnlich viele Einwohner), auch wenn sich da zwei Vereine „bekriegen“. Aber davon will der gemeine Leipziger nichts wissen. Der „durchreisende“ Student schon mal gar nicht (wenn man sich nicht schon einem Verein verschrieben hat). Man will einfach nur Fußball und den bietet RB, in Innenstadtnähe. Damit holt Red Bull genau die Leute ab, die zwar gern Fußball sehen wollen, aber keine Lust auf Krawalle sogenannter "Fans", wie es in überregionalen Medien gern gesagt und geschrieben wird, haben, was bei den anderen, etablierten Vereinen eher nicht der Fall ist.

Im Stadion selbst fühlt sich vieles sehr falsch an. Die meisten Fangesänge kennt man mit anderem Text bereits aus anderen Stadien, selbst die gebrüllte „Attacke!“ nach der Trompete wurde übernommen. Man fühlt sich wie in einer CD „Best of Bundesliga Fan Chants“. Der Stadionsprecher gibt auch sein Bestes dazu, das Unwohlsein (der Gäste) zu bestärken: Bei jeder noch so kleinen Möglichkeit erinnert er die Zuschauer an die Namen der Spieler und insbesondere des Torwarts sowie der Firma, bei der sie unter Vertrag stehen („Und das war eine großartige Parade von der Nummer 1 der ROTEN BULLEN ...?“). Wer es in Hamburg schon zu viel findet, wird in Leipzig richtig Freude haben.

Als das Liga-Pokal-Finale vor einigen Jahren noch „regelmäßig“ im Zentralstadion ausgetragen wurde, war das Stadion voll. Das EM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein war binnen weniger Tage ausverkauft. Und da wundert es auch nicht, dass das Stadion gut gefüllt ist, wenn da Zweitliga-Fußball gespielt wird.

Somit kommen wir wieder an den Anfang des Artikels zurück. Besagter Freund lehnt, wie viele andere in meinen Freundeskreis „Konstrukte und Kunstvereine“ wie Leverkusen, Wolfsburg oder Hoffenheim kategorisch ab. Aber RB sei eine Ausnahme, „weil es vor der Haustür ist“, sind ja nur 40km. Das ist bedenklich und macht mir Angst. RB Leipzig selbst ist (noch) nicht der Untergang der deutschen Fußballlandschaft. Aber was ist, wenn das Modell Schule macht? Sehen wir dann bald „Coca Cola Kiel“ gegen „McDonald's Emden“ in der Bundesliga, während sich große oder zumindest größere Vereine wie der VfB Stuttgart mit dem HSV, der Borussia aus Gladbach, dem Effzeh, den Blauen, usw. in der zweiten Liga um den Aufstieg streiten, wohingegen der Volkswagen-Konzern mit seinen Filialen versucht, seine Vormachtstellung gegen die Red Bull GmbH zu verteidigen versucht? Selbst wenn die Borussia da mitmischt: Mein Fußball wäre das nicht mehr. Daher sage ich jetzt: Wehret den Anfängen.

Pa1N, 13.08.2015

 

 


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