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Unsa Senf - 05.08.2015

Kurs halten - Warum die Liga den eigenen Weg nicht verlassen sollte

„Lothar Matthäus wechselt für 8,4 Millionen DM zu Inter Mailand“ – das war 1988 ein Wechsel, dessen Dimensionen noch bombastisch genug waren, um in der Tagesschau verkündet zu werden. Heutzutage würde es ein Transfer dieser finanziellen Größenordnung, der zu meinen ältesten Erinnerungen an den Profifußball gehört, vielleicht noch in den Newsticker von N24 schaffen. Warum diese Nachricht trotzdem für mich erwähnenswert ist? Weil sie zeigt, dass ich bereits mit einem kommerzialisierten Fußball groß geworden bin. Diese Beträge waren bereits weit, weit weg von der vermeintlich guten, alten Zeit, in der die Fußballspieler nebenbei noch zur Arbeit gehen mussten. Jeder Fan, der Mitte der 80er oder später zum Fußball gekommen ist, kennt ihn nicht anders als ein Geschäft, in dem große Geldbeträge fließen. Und schon damals schüttelten die älteren Semester empört den Kopf: „So viel Geld, nur weil der Fußball spielt.“ Wenn ich für mich den Fußball von heute mit dem von früher vergleiche, dann vergleiche ich ihn nicht mit einer rosaroten Elf-Freunde-müsst-ihr-sein-Welt. Für mich gehörten Gehälter und Transfersummen, die mein Lebenseinkommen um ein Vielfaches übersteigen, von Anfang an dazu.

Seitdem hat sich Profifußball jedoch immer weiter verändert. Große Stehplatzränge sind Sitzplatztribünen gewichen. Für den Preis, den man 1997 für das Champions-League-Finale als Eintritt bezahlt hat, kommt man heute nur noch schwerlich zu einem x-beliebigen Bundesligaspiel und die Rekordsumme, die Inter Mailand damals für einen der begehrtesten deutschen Kicker überwiesen hat, erhalten bei den Topclubs heutzutage die Spieler der oberen Mittelklasse als Jahressalär. Die große Radiokonferenz am Samstag ist einem ausschweifenden Marathon von Livespielen der ersten und zweiten Bundesliga im TV gewichen. 1998 wurde die 50+1-Regelung in die Satzung des DFB aufgenommen und seitdem wieder sturmreif geschossen. Indem Verband und DFL tatenlos zusahen, wie ein Herr Hopp den Spieler Gustavo vor aller Augen zum FC Bayern transferierte, indem man mit Herrn Kind ihre de-facto-Abschaffung als Kompromiss vereinbarte und indem man nach markigen Worten zu Beginn am Ende doch sehr eierlos dem Leipziger Brauseprodukt die Teilnahme an den beiden höchsten deutschen Spielklassen gestattete. Nicht einmal die Dreifachfunktion von VW-Chef Winterkorn als „Leitwolf“, Mitglied im Münchener Aufsichtsrat und als Hauptsponsor des DFB-Pokals kann die Funktionäre zum Einschreiten bewegen.

Leider nicht verschwundenIm Rückblick betrachtet wirkt es so, als hätte der Fußball heute mit dem aus meiner Anfangszeit nur noch den Ball und zwei Tore gemein. Oder eigentlich nur noch den Ball, weil die Tore zu dieser Saison die Hawk-Eye-Technologie spendiert bekommen. Und doch hatte ich immer ein Gefühl, an das ich mich klammern konnte: Dass sich die Bundesliga etwas Eigenes, ein bisschen was Uriges bewahren konnte. Sie war nie, und auch das zeigt der Wechsel vom Loddar, die Liga der Superstars. Immer mal für einen Erfolg im Europapokal gut und die Nationalmannschaft aufgrund der berühmten „deutschen Tugenden“ gefürchtet, aber wer die Fußballikonen sehen wollte, der musste nach Italien oder Spanien schauen. Und später nach England in die Premier League. Wurden die Stehplätze in den deutschen Stadien weniger, dann verschwanden sie in anderen Ligen ganz und während die Eintrittspreise hier steigen, sind sie woanders für viele Leute unerschwinglich geworden. Ärgert man sich in Deutschland darüber, dass freitags Zweitligaspiele um 18.30 Uhr angepfiffen werden, so protestierten beispielsweise Fans des FC Sevilla gegen die wahnwitzige Anstoßzeit von 22.30 Uhr. Ein Zeitpunkt, zu dem in Deutschland „Sportsender“ schon auf Nacktbetrieb umschalten. Selbst die auftauchenden Sugar Daddys, Investoren und Konzerne mit ihren großen Geldsäcken haben hier durch das Vereinswesen nicht die Allmacht und Gestaltungsfreiheit, die sie sich wünschen.

Natürlich wäre es völlig falsch, die deutsche Bundesliga als den einsamen Streiter für das Gute darzustellen, der Faninteressen höher stellt als den schnöden Mammon. Man jagt dem Geld ebenso hinterher wie in der Premier League oder La Liga. Mittlerweile erzielen die Vereine zusammen einen Jahresumsatz jenseits der zwei Milliarden Euro. Mit Mildtätigkeit und übertriebener Rücksichtnahme kommt man nicht auf diese Summen. Trotzdem musste die Bundesliga einen eigenen Weg finden und der war durchaus erfolgreich. Eine Gemengelage aus Regelungen, Gewohnheiten und Mentalitäten verhinderten, dass der Fußball ein derart exklusives Produkt wie anderswo in Europa wurde. Auch ohne die ganz großen Weltstars führte die Bundesliga in den letzten Jahren kontinuierlich die Statistik der Besucherzahlen an, eine breit gefächerte und frei empfangbare Berichterstattung macht sie für Sponsoren attraktiv und die Eintrittspreise befinden sich noch auf einem Niveau, bei dem einige Briten günstiger dabei wegkommen, wenn sie nach Deutschland reisen und hier ein Spiel im Stadion verfolgen, als wenn sie sich ein Ticket für ihren lokalen Premier-League-Club kaufen würden. Und dabei sprechen wir nicht von den Sitzen am Spielfeldrand, die mittlerweile von Touristen mit vollgestopften Tüten aus den Fanshops belagert werden. Kurzum: Die Bundesliga war immer stärker als die anderen Ligen zu einem Spagat zwischen den Interessen der Fans und kommerziellen Eigeninteresse gezwungen und letztendlich stellte sich genau das als ihr eigenes Erfolgsrezept heraus.

25.000 StammkundenEin Erfolgsrezept, das mir als Fan mittlerweile zwar etliche Unannehmlichkeiten bereitet, aber auch genug Punkte bietet, bei denen ich weiß, dass ich damit besser fahre als Fans in anderen Ländern. Es ist erträglich – auch wenn die Vereine in ihren Hochglanzprospekten dieses Wort mit Sicherheit niemals zur Selbstbeschreibung verwenden werden. Die Frage ist nur: wie lange noch? Das Gefühl nagt, dass sich die Bundesliga an einem Scheidepunkt befindet. Auslöser dabei ein neuer TV-Vertrag, der selbst dem Letzten der Premier League einen Platz unter den 40 reichsten Fußballvereinen des Kontinents garantiert. Wahnsinnig. Ekelhaft. Und vor der realen Bedrohung, finanziell abgehängt zu werden, erscheint den deutschen Fußballmachern das bisherige Erfolgsrezept anscheinend auf einmal als Hemmschuh. Zwei zentrale Aussagen von Herrn Watzke, der in der Vergangenheit gerne in die Rolle des kleinen Fußballmannes schlüpfte, aus dem aktuellen Interview mit dem Kicker sind zusammengenommen ein deutlicher Fingerzeig:

Auf die Frage nach möglichen Anstoßzeiten in der Bundesliga von Sonntag 13.30 Uhr:

Wenn man vier- oder fünfmal pro Saison ein Spiel zu dieser Zeit austrägt, um den südostasiatischen Markt zu bedienen, dann ist das diskussionswürdig.“

Zu weiteren Problemen für den Amateurfußball aufgrund von Sonntagsspielen:

Wir müssen uns eingestehen, dass die Besucherzahlen im Amateurfußball seit 15 Jahren dramatisch rückläufig sind. Das hat viele Gründe, aber der allerkleinste ist die Bundesliga am Sonntag. Der Amateurfußball ist nicht mehr sexy genug, ihm fehlt der Event-Charakter, der für eine größere Resonanz offenbar zwingend nötig ist.“

Die Stoßrichtung ist klar. Statt ehemals „Go West“ auf der Dortmunder Tribüne also eher „Go East“ in der Geschäftsführung. Passend dazu auch eine neue Dependance in Singapur. Und unser Verein steht nicht alleine da. Schon seit einigen Jahren reisen Bundesligavereine als Teil einer DFL-Strategie nach Asien, um dort die Liga bekannter zu machen. Dieses Jahr waren mit dem BVB und Bayern München gleich zwei echte Schwergewichte vor Ort. Der Trend ist nicht neu, Herr Watzke bringt aber einen neuen Ton in die Diskussion. Anstoßzeiten angepasst an die Fernsehgewohnheiten einer potentiellen Käuferschicht in Asien. Natürlich in homöopathischer Dosis verkündet. Nur ein paar Spiele. Man muss nun wirklich keinen Aluhut aufhaben, um hier eine bekannte Salamitaktik zu erkennen. Wie stark der Drang ins Ausland ist, verdeutlich der Umstand, wie klein er die Bedeutung des Amateurfußballs redet, wenn dieser als Argument gegen Sonntagsspiele angeführt wird. Neben seiner Funktion als Geschäftsführer ist Herr Watzke nämlich auch Vorsitzender des Landesligisten Rot-Weiß Erlinghausen – und als solcher sollte er froh über jeden zahlenden Fan sein, anstatt auch seinem Verein den Sex-Appeal abzusprechen.

Mehr als nur eine AuslandstourDarüber hinaus gilt der BVB neben dem FC Bayern als eifriger Verfechter eines Montagspiels für die erste Bundesliga. Kann man zumindest für Borussia Dortmund aktuell noch heranziehen, dass ein Montagsspiel für die Europa-League-Teilnehmer zu Vermeidung eines Donnerstag-Samstag-Rhythmus vorteilhaft ist, so dürften derartige Überlegungen an der Säbener Straße eher keine Rolle spielen. Es geht schlicht und ergreifend um eine weitere Auseinanderzerrung des Spieltags mit dem Ziel, den Interessenten an den Übertragungsrechten möglichst viele Spiele in der exklusiven Einzeloption offerieren zu können. Langfristig blieben der TV-Institution Sportschau oder vergleichbarer Rechteverwerter im Free-TV nur eine überschaubare Anzahl leidlich attraktiver Spiele am Samstag, während die Spiele von wirklich breiten Interesse zeitgleich oder danach im Pay-TV laufen.

Ob bewusst oder unbewusst rütteln sie mit diesen Maßnahmen jedoch an einem Pfeiler des deutschen Erfolgsrezeptes: dem möglichst „barrierefreien“ Zugang der Fans in Deutschland zu ihrem geliebten Spitzenfußball. Anstoßzeiten in der Mittagszeit sind ein Problem für Familien. Montagsspiele sind für die Anhänger der Gastvereine in der Regel schwer mit der Arbeit vereinbar. Der Amateurfußball möchte als Basis ernst genommen werden. Und viele Menschen fühlen sich einem Verein verbunden, weil sie ihn im TV verfolgen können, ohne mehrere hundert Euro im Jahr für ein Pay-TV-Abo ausgeben zu wollen oder zu können. Das sind Aspekte, die man berücksichtigen sollte, bevor man alle Hebel in Bewegung setzt, um seinen Trikotabsatz in China, Thailand, Malaysia oder Japan anzukurbeln und sich für Sky und Konsorten hübsch zu machen.

Ist man sich der Gefahren wirklich bewusst, die abseits des bisher eingeschlagenen Weges lauern? Die englische Liga ist mit gigantischen Schritten enteilt und in Asien bereits ein absoluter Platzhirsch, in Frankreich investieren milliardenschwere Kataris Unsummen in PSG und Spanien stellt mit Real Madrid und dem FC Barcelona zwei Vereine, die neben viel Geld auch unendlich viel Mythos aufbieten können. Da bleibt der Bundesliga nicht viel mehr als die Rolle als Premier League light. Von den Weltstars lässt sich vielleicht der ein oder andere mal in München blicken, der Rest der Liga wird auch in Zukunft eine Regalreihe darunter einkaufen. Die englischen Clubs erzielen momentan ungefähr das Achtfache der Bundesliga in der Auslandsvermarktung. Und auch dort konkurriert man zusätzlich bei den Trikotverkäufen mit den Jerseys mit Messi- oder Ronaldoaufdruck. Man hechelt dem Ausland mit Abstand hinterher und entfernt sich dafür von der Heimat.

Die Bundesliga war nie die schönste Braut auf dem Markt, aber in einer festen Beziehung. Man hat ihr so manchen Streit und so manchen Fehler verziehen, aber vielleicht arbeitet sie gerade an ihrem Single-Status. Und irgendwie schließt sich hier auch der Kreis wieder zu Lothar Matthäus.

 Sascha, 05.08.2015


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