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Eua Senf - 25.07.2015

Zeiten ändern sich...

„Schönen guten Morgen, es ist Samstag, der 12.08.2023 um genau 6:05 Uhr. Heute startet die neue Saison der BWIN Superbundesliga", ertönt es aus meinem Radiowecker. Ich schaue fassungslos auf den Wecker. Die Nacht schon wieder vorbei. Müde und verkatert wecke ich meinen Sohn. Es ist heute sein Premierentag. Der Signal Iduna Park öffnet seine Tore das erste Mal für ihn. Zwei Jahre hat er darauf gespart, mit mir dort hingehen zu können. Wir sitzen auf der ehemaligen Südtribüne. Für die älteren hier vielleicht noch ein Begriff. Die Tribüne wurde 2018 umgetauft in „Real Love Sektor". 78 Euro pro Karte für Sitzplätze hinter dem Tor. Ein Schnäppchen, wenn man die Konkurrenz aus dem Süden anschaut. Beim FC Telekom Bayern München kostet die Hintertorkarte 110 Euro.

Die ganze Entwicklung hat sich ja ab der frühen Jahrtausendwende schon abgezeichnet. Unser Ballspielverein ist nüchtern betrachtet auch Teil der gesamten Kommerzialisierung gewesen, nicht zuletzt ging unser Verein 2000 an die Börse, verkaufte den Stadionnamen und hielt an dem Namen fest – auch bei finanzieller Gelassenheit, der Finanzierung durch externe Investoren und 2015 dem Sahnehäubchen, der Marketingtour nach Asien. Das alles sind Faktoren, mit denen unser Ballspielverein das Ganze mitgetragen hat. Schon damals standen sehr viele dem Ganzen kritisch gegenüber. Der Verein war nach den Meisterschaften und der „Echten Liebe"-Kampagne einfach zu überheblich geworden und machte aus jedem Dreck Geld, aber der ganzen Entwicklung konnte niemand entgegenwirken, da es genügend Leute gab, die das Ganze unterstützt und gefeiert haben.

Das Stadion ist immer noch dasselbe wie früher. Wenigstens das hat im Gegensatz zu den neumodischen Arenen noch Tradition – zumindest von außen. Ach, wenn ich an die Zeiten bis 2015 zurückdenke kommen mir schon noch ein paar Tränen. Wie stimmungsvoll die ganzen Partien waren. Die Meisterschaft 2002 und der Rasensturm danach, der Einzug ins Pokalfinale gegen Jena 2008, Málaga, Madrid,... herrliche Gedanken an hochemotionale Tage. Aber dieses Stadion wird diese Zeit nie mehr erleben.

Seit der Auflösung der 50+1-Regelung, der Splittung der Anstoßzeiten und der Aufstiege der Vereine wie Red Bull Leipzig, Thyssen Krupp Paderborn, Flyer Alarm Würzburg und Porsche Stuttgart ist nichts mehr so wie früher. Viele Vereine haben sich aus finanziellen Nöten an Firmen mit Marketingabsichten verkauft. Die Lizenzbedingungen des DFB bereiten auch nur noch Kopfschütteln. 2015 bekam beispielsweise der damalige VfR Aalen fast keine 3. Liga-Lizenz, da 5,7 Mio. Euro Startkapital fehlten, um der Liga angehören zu dürfen. Schon damals fragte man sich bei den ganzen Lizenzentzügen, wie kleine Traditionsvereine überhaupt eine Chance bekommen sollen, höherklassig spielen zu dürfen, wenn keine finanzstarken Unternehmen hinter dem Verein stehen.

Mein Sohn begleitet mich heute gegen Audi Ingolstadt. Dreifacher Meister mittlerweile. 2016 direkt nach dem Aufstieg. Damals hätte man schon aus Sicht der Bundesligavertreter die Notbremse ziehen müssen. Aber als dann im selben Jahr Red Bull aufstieg, konnte man nichts mehr machen. 2019 habe ich meine Dauerkarte für den damaligen Block 12 der Südtribüne abgegeben. Ich hatte einfach keinen Spaß mehr daran, Marketingvereine zu sehen. Ein Fußballromantiker war ich schon immer. Als es dann damals an den Stadionnamen ging, die ganzen Investoren kamen, der Ausbau der VIP Lounges und die Asientour 2015 durchgeführt wurden, war ich unserem Ballspielverein gegenüber schon sehr kritisch. Doch nach dem Verkauf des Vereinsnamens in Signal Iduna Dortmund und der Abschaffung der Stehplätze zog ich die Reißleine und kündigte meine Dauerkarte. Die damaligen Proteste gegen die „moderne Welt" und die deutschlandweiten Fanproteste mit bis zu fünf Millionen Beteiligten brachten leider nichts. Die Verantwortlichen des DFB hielten an dem neuen Konzept der BWIN Superbundesliga fest. Dem Verein tat es damals jedoch nicht weh. Auf eine Kündigung der Dauerkarte kommen 1000 Interessenten, die das ganze Event jede Woche ertragen möchten – leider.

Nach dem Frühstück geht es gegen neun Uhr mit der Bahn in Richtung Signal Iduna Park los. Das Spiel beginnt heute schon um 11 Uhr. Wir haben die erste Partie am heutigen Samstag. Die Bundesliga ist nicht mehr wie früher – Samstag, 15:30 Uhr. Da Sky damals Millionen geboten hatte, bekommt der Zuschauer heute sechs Spiele pro Samstag geboten. Der Spielplan am heutigen Tag beinhaltet:
11 Uhr: Signal Iduna Dortmund – Audi Ingolstadt
13 Uhr: FC Telekom Bayern – Red Bull Leipzig
15 Uhr: Porsche Stuttgart – Mercedes Benz Kickers Stuttgart
17 Uhr: VfL Wolfsburg – Bayer Leverkusen
19 Uhr: Flyer Alarm Würzburg – SAP Hoffenheim
21 Uhr: Thyssen Krupp Paderborn – Wiesenhof Bremen

Angekommen am Stadion geht es durch die Werbeveranstaltung hindurch. „Fanschminke gratis, Probefahrt bei Audi, Versicherungen günstig wie nie! " hallt es durch die neu errichtete Fanmeile. Die Fanmeile wurde 2020 auf der ehemaligen Roten Erde erbaut. Ein gigantischer Platz, mit Lounge-Sesseln, Werbebussen und Essen-/ Getränkestände. Dietmar Hopp-Brezeln und Ralf Mateschitz Masken umsonst. Weit und breit keine Stadionwurst und Bier. Es gibt Spareribs, Ofenkartoffeln, Currywurst mit Goldstreuseln und Fruchtspieße. Zu trinken allerlei Cocktails und Mixgetränke. „Ob die Menschen hier überhaupt wissen, auf welchem heiligen Platz sie stehen?", frage ich mich und laufe nachdenklich weiter.

Einen Moment erwische ich mich, wie ich in Gedanken in den alten Zeiten bin. Da hat man sich genüsslich mit Freunden vor dem Spiel im Biergarten Rote Erde getroffen, um ein Bierchen zu zischen und eine Bratwurst zu essen. Heute findet man zwischen reichen Hipster Teenies, Groupie Mädchen, Jugend Party Fraktion und Business Menschen kaum noch Fans aus den alten Zeiten. Früher kannte ich viele Menschen vom Sehen her. Heute erkenne ich keinen einzigen. Aber ich muss mich berappeln, schließlich hat mir mein Sohn das Spiel zum Geburtstag geschenkt.

Stehplätze gibt es keine mehr – weit und breit gepolsterte Sitzschalen. Klatschpappen mit Aufdruck „Jetzt schnell eine Reiserücktrittsversicherung für Ihren Urlaub buchen- Ihre Signal Iduna" zieren die Sitzschalen. Stimmung gibt es schon lang keine mehr. Wir wurden früher als die ANTI-Kommerzbefürworter belächelt, als wir eine Gefahr im Aufstieg von Hoffenheim und Ingolstadt sahen. Heute sieht man, dass zu wenige dem Ganzen kritisch gegenüber waren. 2015, als der VfL Wolfsburg gegen den FC Bayern gewonnen hat, jubelten plötzlich Fans aus allen Fanlagern. Die Fangesänge „Ihr macht unsern Sport kaputt" in Hoffenheim und beim Pokalfinale 2015 gegen Wolfsburg wurden nicht von der Masse mitgetragen. Schon damals hätte man gewarnt sein müssen. Wie viele schwärmten von der guten Jugendarbeit bei Red Bull und Hoffenheim. Die Vereine haben es damals einfach geschafft, den Großteil der Menschen mit gutem Image zu manipulieren.

Dreißig Minuten vor Spielbeginn beginnt das Vorprogramm im Stadion. DJ Partymaker legt die besten Club Hits und Partyhits auf und bringt die Menge zum Toben. Luftballons und Klatschpappen werden noch schnell an die Menge gebracht und der Ball rollt. Nach zehn Minuten fällt das 1:0 für Audi Ingolstadt, jedoch im selben Moment rollt die erste La Ola durch das Stadion. Es ist einfach wie in einem schlechten Traum. 2:0 gewinnt Audi Ingolstadt in einem langweiligen, unemotionalen Spiel. Circa 150 Euro ausgegeben – für eine Werbeveranstaltung. Aber es scheint in der heutigen Zeit gut anzukommen, denke ich mir, und begebe mich mit meinem Sohn, der ziemlich begeistert von diesem Tag ist, heim. „Papa, Papa", schreit er hinter mir. „Schau, hier gibt es Red Bull umsonst. Darf ich mir eine Dose holen?" Entsetzt drehe ich mich um. Er trägt eine Maske von Dietmar Hopp.

Schweißgebadet erwache ich im Bett. Puhhh, es war alles nur ein Traum. Doch eins schwöre ich mir in diesem Moment: ich werde alles dafür geben, um meinem Sohn in 10-15 Jahren für einen Fußball begeistern zu können, der mich in der heutigen Zeit auch noch begeistert!

Josef Köppel, 25.07.2015

 


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