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Helden von 1966 - 19.07.2015

Defense wins championships: Zum Geburtstag von Willi Multhaup

Borussia Dortmunds größte Erfolge, in Deutschland wie auf europäischer Ebene, fußten immer auf einer starken Defensivorientierung gepaart mit Kaltschnäuzigkeit im eigenen Torabschluss. Technisch war der BVB vermutlich nie die stärkste Mannschaft Deutschlands oder gar Europas, weder in den letzten Jahren mit Jürgen Klopp und seinem Gegenpressing noch bei den Abwehrschlachten in UEFA-Cup und Champions League unter Ottmar Hitzfeld. Dafür wurde leidenschaftlich gerannt und verteidigt, und vorne hoffte man auf Sahnetage von Karl-Heinz Riedle oder Robert Lewandowski. Solch ein Fokus auf ein strukturiertes Abwehrverhalten hat in Dortmund eine lange Tradition. Schon der Sieg im Europapokal der Pokalsieger 1966 gelang unter der Leitung von Deutschlands wohl größtem Defensivkünstler der Sechziger Jahre: Willi Multhaup.

Der gebürtige Essener erblickte am 19. Juli 1903 als Sohn einer Familie von Fischhändlern das Licht der Welt, weshalb er bereits in jungen Jahren den Spitznamen „Fischken“ erwarb, der ihn bis ins hohe Alter begleiten sollte und eher unpassend zu seinem eleganten, bürgerlichen Auftreten schien. Als Spieler stand Multhaup vor allem für Schwarz-Weiß Essen auf dem Platz: Sein größter Erfolg als Aktiver war die Teilnahme an der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1925, bei der die Mannschaft vom Uhlenkrug erst im Viertelfinale am späteren Vizemeister FSV Frankfurt scheiterte. Ansonsten ist wenig über Multhaups weitere Spielerkarriere bekannt, ebenso wie über die Zeit während des NS-Herrschaft.

Nach dem Krieg war Multhaup zunächst als Trainer von TuRa Essen tätig, wo er bereits zum Ende seiner aktiven Zeit gespielt hatte. Der Verein aus Altendorf nahm zweimal an der Aufstiegsrunde zur Oberliga West teil, scheiterte 1948 jedoch unter anderem knapp am Lokalrivalen Rot-Weiss Essen. Multhaups Leistung wurde jedoch weithin wahrgenommen, und so erfolgte 1949 ein Wechsel zu Preußen Münster. Die Schwarz-Grünen, heute so egal wie das Provinzkaff drumherum, waren damals eine große Nummer im deutschen Fußball und erreichten mit ihrem „100.000-Mark-Sturm“ bereits im zweiten Jahr von Multhaups Amtszeit das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, das unter anderem mit Adi Preißler im Angriff nur knapp mit 1:2 gegen den 1. FC Kaiserslautern verloren ging. Es folgten Stationen Multhaups in Bottrop und in seiner Heimatstadt Essen, manche erfolgreich wie der Aufstieg in die Oberliga mit seinem Stammverein Schwarz-Weiß Essen 1959, manche katastrophal wie der Abstieg aus der Oberliga mit Rot-Weiss Essen zwei Jahre später.

Trotz dieses Misserfolgs, nur sechs Jahre nach der Deutschen Meisterschaft der Mannschaft aus dem Essener Norden, war Multhaups Ruf gut genug, um eine neue Chance als Trainer in der Oberliga West zu erhalten. Beim Meidericher SV stand Multhaup ab 1961 unter Vertrag, und das Ziel in seiner zweiten Saison in Duisburg war die Qualifikation für die Premierensaison der Bundesliga 1963. Dieses Unterfangen gelang durch einen Kraftakt, als der MSV hinter dem 1. FC Köln und dem späteren Deutschen Meister aus Dortmund Dritter in der Oberliga West werden konnte. Den historisch bedeutenden ersten Spieltag der neuen Liga erlebte Multhaup jedoch nicht auf der Trainerbank in Duisburg, sondern bei seinem neuen Arbeitgeber in Bremen. Dort formte er aus einer eher mittelmäßigen Truppe eine Spitzenmannschaft, der 1965 sensationell der Gewinn der Deutschen Meisterschaft gelang. Besonders beeindruckend war die Defensivbilanz der Bremer, die in der eher torreichen Frühphase der Bundesliga in 30 Spielen nur 29 Gegentore kassierten, was den Grundstein für den überraschenden Titelgewinn der Hanseaten legte. „Nebenbei“ machte Multhaup dabei in Deutschland den Libero hoffähig: Helmut Jagielski, den Multhaup zum Abwehrchef umschulte, gilt heute als der erste Ausputzer in Deutschlands höchster Spielklasse. Willy Multhaup 1965

Für Borussia Dortmund war Multhaup zwar nur eine Saison tätig, dennoch ist sein Name untrennbar mit einem der größten Erfolge der Dortmunder Vereinsgeschichte verbunden: In der Spielzeit 1965/66 wurde der BVB nicht nur knapp Vizemeister hinter 1860 München, sondern gewann (ähnlich überraschend wie Werder Bremen die Deutsche Meisterschaft im Vorjahr) den Europapokal der Pokalsieger. Sein Vorgänger Helmut Eppenhoff hatte sich nach Querelen mit dem Vereinsvorstand trotz Pokalsiegs zum Saisonende verabschiedet, und so war Meistertrainer Multhaup ein logischer Nachfolger. Ähnlich wie in Bremen baute Multhaup auch in Dortmund das Spielsystem in Hinblick auf eine defensivere Orientierung vom klassischen WM-System zu einem 4-2-4 um und machte aus dem Halbstürmer Wolfgang Paul den Libero der späteren Europapokalgewinner. Multhaup selbst stellte sein psychologisches Wirken in den Vordergrund: „Die physische Fitness einer Mannschaft ist unter den Bedingungen der Bundesliga eine Selbstverständlichkeit. Viel wichtiger ist es, die Spieler auch seelisch auf jedes Spiel vorzubereiten und sie taktisch richtig einzustellen.“ (vgl. Die ZEIT Nr. 17/1966)

Liest man heute die Spielberichte der entscheidenden Spiele im Europapokal ab dem Viertelfinale, wird der Fokus auf die Abwehrleistung deutlich. Insgesamt kassierte der BVB in den fünf Spielen nur vier Gegentore (Altetico Madrid: 1:1 A, 1:0 H; West Ham United: 2:1 A, 3:1 H; FC Liverpool 2:1 n.V.), und glaubt man den Berichten von damals, so war jedes einzelne Spiel eine reine Abwehrschlacht der Dortmunder, die von den Versuchen geprägt war, über Held und Emmerich schnelle Konter zu fahren und ansonsten sicher zu stehen. Selbst im Finale war das Ziel wohl eher, das Spiel nicht zu verlieren als es wirklich zu gewinnen. Trotzdem gab es diesen Sieg, der nicht nur durch Libudas Tor (natürlich nach einem Konter) heute legendär ist.

Multhaup selbst verließ den BVB aufgrund eines deutlich besseren finanziellen Angebots aus Köln zum Saisonende, was rückblickend den Niedergang der Borussia in den nächsten Jahren einleitete. Mit dem Effzeh gelang Multhaup zum Abschluss seiner Karriere noch ein letzter großer Erfolg mit dem Sieg im DFB-Pokal 1968. Mit 65 Jahren war dann, abgesehen von einem kurzen Engagement als "Feuerwehrmann" in Bremen 1972, für Fischken Schluss. Anlässlich seines Todes am 18. Dezember 1982 fand Sigi Held noch einmal lobende Worte für seinen früheren Trainer: „Er war ein großer Trainer, gleichzusetzen etwa mit einem Ernst Happel, Udo Lattek oder Rinus Michels heutzutage.“ (vgl. FAZ vom 20.12.1982)

Was bleibt? Sein Sohn Hennes, der noch im hohen Alter als Fotograf tätig ist und viele berühmte Fußballbilder geschossen hat, und eben das Wissen darum, dass Sprichwörter manchmal doch stimmen: Offense wins games, defense wins championships.

Scherben, 19.07.2015


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