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Helden von 1966 - 12.07.2015

Herzlichen Glückwunsch, Hans Tilkowski!

Als schwatzgelb.de 2013 für den Film über Franz Jacobi die Spendengala „Tanz für Franz“ veranstaltete, war auch die BVB-Torwartlegende Hans Tilkowski mit dabei. „Die schwarz-gelben Wurzeln in Ehren zu halten ist ihm wichtig“, erzählt Gregor Schnittker, einer der Macher des Films. Nicht nur er zeigte sich beeindruckt von dem zwanzigminütigen, frei gehaltenen Redebeitrag Tilkowskis auf der Bühne der Spendengala. Aber damit nicht genug, Tilkowski blieb noch lange bei der Veranstaltung und war überaus offen für Gespräche.

In seinem Grußwort im Vorfeld der Veranstaltung hatte Tilkowski erläutert, warum er sich für das Projekt engagierte: „Tradition schafft Identifikation, schafft Bewusstsein für die Werte dieses Vereins. Wir brauchen positive Werte. Wir brauchen positive Vorbilder. […] Ich glaube, dass wir Gegenwart und Zukunft nur gestalten können, wenn wir wissen, wo wir herkommen. Auch als Verein.“

Ein echter Ruhrpottler

Hans TilkowskiDieses Credo, sich an die eigene Herkunft zu erinnern, hat Tilkowski, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, auch für sich selbst zum Maßstab genommen. 1935 in Dortmund-Husen geboren, wuchs er in einer Zechenkolonie auf, sein Vater arbeitete als Bergmann in der Zeche Scharnhorst – reich und privilegiert waren die Tilkowskis nicht. Mit 14 Jahren begann er eine Lehre als Stahlbauschlosser und musste sich sein karges monatliches Lehrgehalt mühsam verdienen. Seinen rasanten Aufstieg aus dem klassischen Arbeitermilieu im Ruhrpott zu einem der weltbesten Torhüter der sechziger Jahre führt Tilkowski nicht nur auf seine eigene Leistung zurück, sondern auf die Hilfe vieler Menschen im Ruhrgebiet, denen er immer auch etwas zurückgeben wollte. Seine Bekanntheit nutzt er daher seit Jahrzehnten, um zahlreiche Projekte zu unterstützen. So organisierte er Benefizspiele mit seinen Nationalmannschaftskollegen, sammelte Geld für Leukämiekranke, engagierte sich als Botschafter des Friedensdorfes Oberhausen für traumatisierte Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten und und und. Sein ehrenamtliches Engagement in allen Einzelheiten aufzuführen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, lässt sich aber am besten mit den Worten „beispielhaft und bewundernswert“ zusammenfassen.

Doch zurück zu Tilkowskis sportlichen Anfängen, die als Straßenkicker mit selbstgebastelten Toren und handgefertigten Stoffbällen, „Pillen“ genannt, begann. Seine ersten Vereine waren die Schülermannschaft des SV Husen 19 und der SuS Kaiserau, ein Nachbarverein seines Heimatortes und bekannt als Talentschmiede. Auf die Position des Torwarts war Tilkowski dort noch nicht festgelegt und spielte oft im Sturm. Dem Fußball galt auch nicht seine einzige Leidenschaft: Seine Wochenenden waren aufgeteilt zwischen Fußballspielen und Boxen, das er ebenfalls betrieb. Zahlreiche Boxkämpfe hat er bestritten, sich dann aber doch für den Fußball entschieden – zum Glück.

Über Herne nach Dortmund

Fast wäre Tilkowski 1955 ein Blauer geworden, wechselte aber dann doch aus sportlichen Gründen vom SuS Kaiserau zu Westfalia Herne, wo er seinen fußballerischen Durchbruch schaffte. Nicht zuletzt seinem Einsatz war es zu verdanken, dass Herne zweimal den Abstieg vermeiden konnte. Seine starke Leistung machte auch Nationaltrainer Sepp Herberger auf ihn aufmerksam und so absolvierte Tilkowski 1957 gegen die Niederlande sein erstes Spiel für die deutsche Nationalmannschaft. 1959 gelang ihm mit seinen Vereinskameraden die ÜberraschungTilkowski gegen Martinelli im Pokalfinale 1965: Westfalia Herne wurde Meister der Oberliga West. In der 1963 neu gegründeten Bundesliga erhielt Herne jedoch keinen Startplatz, weshalb Tilkowski, der Dortmunder Jung, mit der Einführung der neuen Liga wechselte – zum amtierenden deutschen Meister Borussia Dortmund. Dort stand bisher Publikumsliebling Bernhard Wessel im Tor, was zu einem Konkurrenzkampf führte, der beide zu Höchstleistungen anspornte. Eines seiner besten Spiele lieferte Tilkowski dabei sicherlich 1964 in Lissabon im Achtelfinale des Europapokals gegen Benfica ab. Zwar verlor der BVB das Spiel mit 2:1, das Spiel wird aber als „Wunder von Lissabon“ bezeichnet, weil niemand den Borussen diese Leistung zugetraut hatte. Und noch weniger das 5:0 im Rückspiel in Dortmund, das noch heute vielen als Jahrhundertspiel gilt. Der Mannschaft gelang danach noch der Einzug ins Halbfinale, wo sie letztlich gegen Inter Mailand ausschied. Erfolgreiche Jahre folgten für Tilkowski und den BVB: 1965 wurde er als erster Torwart in der noch kurzen Bundesligageschichte zum Fußballer des Jahres gewählt und konnte außerdem den neuen, glänzenden DFB-Pokal in die Höhe recken. Und 1966 dann der Triumph in Glasgow: Borussia Dortmund besiegte den FC Liverpool und wurde Europapokalsieger. Tilkowski, der bei sieben von neun Spielen im Tor stand, war an diesem Erfolg maßgeblich beteiligt. Seine Stärke nicht nur bei diesen Partien bestand vor allem im Vorausahnen des Spielverlaufs, weshalb er auch als „König des Stellungsspiels“ bezeichnet wurde.

Nur eine Saison später erfolgte im Streit der Abschied vom BVB – glücklicherweise kam man sich später wieder näher. Tilkowski hütete nun bei Eintracht Frankfurt das Tor. Seinem dortigen Engagement schlossen sich Trainerstationen zunächst bei Werder Bremen, das er vor dem Abstieg rettete, sowie bei 1860 München, dem 1. FC Nürnberg, dem 1. FC Saarbrücken und bei AEK Athen an.

Und immer wieder Wembley

Und war da nicht noch was? Natürlich kommt kein Artikel über Tilkowski ohne eine Erwähnung von Wembley ´66 aus. „Das Wembley-Tor klebt an mir wie ein alter Kaugummi an der Schuhsohle“, schrieb Tilkowski in seiner Autobiographie mit dem bezeichnenden Titel „Und ewig fällt das Wembley-Tor“. Längst lasse es sich von seinem Namen nicht mehr trennen, was Fluch und Segen zugleich für ihn sei. Einerseits bringt es ihm auch heute noch Bekanntheit, die er für seine sozialen Projekte nutzen kann. Andererseits reduziert es ihn als Fußballer auf dieses eine Spiel, was seiner Laufbahn absolut nicht gerecht wird. Allenfalls seine Konflikte mit Sepp Herberger werden noch erwähnt, die zu seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft geführt haben. Später versöhnten sich beide wieder, sonst wäre der Name Tilkowski heute nicht untrennbar mit Wembley verbunden. Der Konflikt mit dem Bundestrainer trug auch entscheidend dazu bei, dass sich in der Öffentlichkeit das Bild von Tilkowski als das eines westfälischen Sturrkopfes durchgesetzt hat. Gregor Schnittker, der mit Tilkowski seit einiger Zeit gut bekannt ist, schätzt gerade dies an ihm: „Er ist Westfale – mit allen Tugenden und Charaktereigenschaften. Er ist kein Schmeichler, zeigt eine klare Haltung und ist sehr heimatverbunden.“ Von solchen Typen wie Tilkowski, die sich sozial engagieren, sich positionieren und nicht ihr Fähnchen in den Wind hängen, kann man nicht genug haben. In diesem Sinne, herzlichen Glückwunsch, Hans Tilkowski!

Nina, 12.07.2015


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