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Serien - 08.09.2015

Stimmungsbericht - eine Utopie

Einfach ohne Schickanen durch die Städte ziehenIch gehe durch die Innenstadt. Sie ist voll mit Farben. Unsere Farben und die des Gegners, bunt gemischt. Es gibt ein paar Provokationen, man ärgert einander ein bisschen, nichts Wildes. Es sind unsere Gegner, wir mögen sie deswegen in dem Moment nicht, trinken aber trotzdem ein Bier mit ihnen und wünschen ihnen beim Zuprosten eine Niederlage.

Zu Fuß geht es dann zum Stadion, noch immer in den Farben gemischt, ohne dabei von der Polizei aufgehalten oder intensiv begleitet zu werden. Ein paar Polizisten sind hin und wieder auf dem Weg und um das Stadion zu sehen. Sie tragen keine Helme oder Panzer, nur eine Uniform. Und sie lächeln, geben den auswärtigen Fans Auskunft über den Weg zum Stadion oder den richtigen Eingang.

Die Gefahr, dass betrunkene oder aggressive Fans aufeinander losgehen, gibt es nicht. Wir gehen aber nicht Arm in Arm mit unseren Gegnern, es gibt keine Freundschaft zwischen uns, nur den gegenseitigen Respekt für die gleiche Leidenschaft.

In unserem schönen, großen Stehplatzbereich angekommen, gehen die Lieder weiter.Auf dem Weg zum Stadion werden Lieder gesungen. In erster Linie für den eigenen Verein, ab und zu aber auch Provokationen gegen den Gegner. Auf eine witzige Art. So dass der angesprochene Fan nicht weiß, ob er beleidigt oder belustigt sein soll.

Im Stadion trennen sich die Farben. Wir gehen auf die eine Seite, der Gegner auf die andere. Wir sind an unseren Farben erkennbar, auch wenn nur die wenigsten das neueste Trikot aus dem Fanshop tragen. Es sind Fanclub-Klamotten, selbstbedruckte T-Shirts. Manche sind witzig, andere sind leidenschaftlich, manche sind auch ganz simpel. Es gibt keine „Uniformen“, aber wir sind alle sofort als Fans unseres Vereins erkennbar. Auch bei Auswärtsspielen.

In unserem schönen, großen Stehplatzbereich angekommen, gehen die Lieder weiter. Wir sind laut und leidenschaftlich, schon vor dem Anpfiff, aber auch der Gegner macht gewaltig Stimmung. Der Gästeblock (fanfreundlich und mit guter Sicht aufs Feld) ist zum Bersten gefüllt und sehr laut. Bei Heimspielen müssen wir alles geben, um die Gegner übertönen zu können und tun das auch. Die Fans auf den Sitzplätzen stehen regelmäßig auf, helfen, um Stimmung zu machen. Je näher sie an den Stehplätzen sind, umso länger stehen sie während des Spiels. Alle wissen das, keiner meckert darüber oder fordert jemanden zum Sitzen auf.

Auch die Sitzplatztribünen stimmen mit einEs gibt einen Vorsänger, der Lieder anstimmt und Trommler, die den Rhythmus koordinieren. Die Lieder kommen aber von der ganzen Tribüne. Manchmal werden sie in den Ecken angestimmt, ab und zu sogar auf der Haupt- oder Gegentribüne und von den Fans weitergetragen, bis das ganze Stadion singt.

Wenn der Gegner den Ball hat oder einen Eckball ausführt, wird laut gepfiffen. Dazwischen hört man immer wieder den Gästeblock. Ihre Gesänge werden von uns erwidert, manchmal lächerlich gemacht oder ins Gegenteil verkehrt. Dann übertönen wir sie aber wieder mit unseren eigenen Gesängen. Die gegnerischen Fans versuchen das Gleiche. Bei Eckbällen fliegen manchmal die Inhalte von Bierbechern auf die Spieler, ohne Verletzungsgefahr, aber schon so, dass es unangenehm ist für den Gegenspieler, Eckbälle auszuführen.

Sowieso ist es für den Gegner unangenehm, in unsere Nähe zu kommen. Die Lautstärke, mit denen sie konfrontiert werden, je näher sie zu unserem Tor kommen, macht ihnen deutlich zu schaffen, daher wollen sie lieber nicht zu nahe kommen. Keiner mag den Ball zu lange halten, wegen des Pfeifkonzerts, gibt ihn lieber gleich wieder ab.

Wenn ein Tor fällt, dreht das Stadion durch.Sobald wir den Ball haben, pushen wir die Mannschaft vor das gegnerische Tor. Die Energie von der Tribüne gibt der Mannschaft unglaubliche Kraft. Wir sind der zwölfte Mann, beeinflussen auch den Schiedsrichter in seinen Entscheidungen. Er pfeift nicht gerne gegen uns, traut sich nicht, wenn er sich nicht ganz sicher ist. Nicht, weil er Angst hat, dass ihm was passiert, sondern wegen der Lautstärke.

Wir sind sehr parteiisch, aber nicht unfair. Wenn ein Gegner verletzt am Boden liegt, wird er ausgepfiffen und aufgefordert, so schnell wie möglich wieder aufzustehen. Falls er aber tatsächlich schlimm verletzt ist und hinausgetragen oder ausgewechselt werden muss, applaudieren wir ihm, falls er es mit seiner Fairness auf dem Platz verdient hat. Wenn er aber selbst unfair war, dann begleiten wir ihn mit höhnischen „Auf Wiedersehn!“-Rufen. Der Gegner verhält sich genauso.

Wenn ein Tor fällt, dreht das Stadion durch. Leute liegen übereinander, finden sich einige Stufen weiter unten wieder, das Bier fliegt über unsere Köpfe, aber nicht in den Bechern. Der Urschrei ist noch kilometerweit weg hörbar. Ganz unten brennen Fackeln. Es ist nicht gefährlich und der Rauch zieht schnell weg, weil es nur in den vordersten Rängen brennt. Die Fans dort wissen das, der Verein weiß, wer die Bengalos abbrennt und die DFL hat das Zündeln vor einigen Jahren für eine bestimmte Gruppe Leute legalisiert. Sie haben einen Kurs absolviert, sind nüchtern und wissen genau, wie man mit den Dingern umgeht, damit niemandem was passiert. Es brennt nach jedem Tor und vor dem Anpfiff. Ein wunderschönes Bild.

Kontrollierte Pyroshows gehören mit dazuAuf der Gegenseite wird schwarzer und roter Rauch abgebrannt. Auch das ist legal und passiert kontrolliert. Dadurch wird keiner verletzt oder gestört. Der Schiedsrichter wartet einen Moment, bis die Sicht auf dem Spielfeld sich normalisiert und setzt das Spiel dann fort. Die Zeit wird nachgespielt.

Die Reporter im Fernsehen reden von Leidenschaft und der wahnsinnigen Stimmung. Im Gegenzug wird auch nicht plötzlich mitten im Block zwischen Kindern oder Fans, die Lungenprobleme haben, Pyrotechnik abgebrannt, es fliegt nie mehr Leuchtspur aufs Spielfeld oder gar in gegnerische Reihen und die Böller sind in den deutschen Stadien ausgestorben.

Nach dem Sieg sprinten die Spieler direkt zu den Fans. Ein paar Fans klettern auf den Zaun und klatschen die Spieler ab. Es wird gemeinsam getanzt und gesungen. Ein Spieler schnappt sich das Megafon und stimmt einen Song an, das ganze Stadion tanzt mit. Nach der Feier drehen die Spieler noch eine Runde durchs Stadion. Bedanken sich bei allen Tribünen, da die Stimmung von allen Tribünen gekommen ist. Sie applaudieren auch den Auswärtsfans, die ebenfalls einen großen Teil zur guten Stimmung beigetragen haben. Einige von ihnen beschimpfen die Spieler, andere applaudieren zurück.

Vor dem Stadion vermischen sich die Farben wieder und alle begeben sich in die Innenstadt, trinken noch ein Bier zusammen und singen weiter.

Beim Auswärtsspiel die Woche danach wiederholt sich das Ganze dann mit umgekehrten Vorzeichen.

Nadja, 30.08.2015


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