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Eua Senf - 06.06.2015

Das Ende der Ära Blatter

Das FIFA-Hauptquartier in Zürich. Quelle: Wikipedia, Foto: MCaviglia www.mcaviglia.ch, Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">CC BY-SA 3.0</a>Na klar haben wir als erstes erleichtert - erstaunt die Faust geballt und das eigentlich Unvorstellbare freudig zur Kenntnis genommen: der große Strippenzieher, Aussitzer und Profitmaximierer hat sich dann doch aus seinem Amt verabschiedet. Externe Ermittlungsbehörden haben den Druck auf die korrumpierte Fußballfamilie, die zu keiner Selbstreinigung mehr fähig war, zu groß werden lassen. Der ehemals allmächtge Sepp hat dann doch noch einen Gegner gefunden, der nicht nach seinen Regeln spielte und dem er nicht gewachsen war.

Die tiefe Genugtuung angesichts des peinlichen Endes der unsäglichen Aera Blatter ist schnell ängstlicher Skepsis gewichen. Kann es – jetzt, da der Alleinherrscher abgedankt hat – wirklich nur noch besser werden? Oder läuft die Fußball-Welt in dieser historischen Zeit der Weichenstellung nicht Gefahr, eine einmalige Chance der Neuorientierung zu verpassen. Um es klar zu sagen: die nächsten Monate werden zu Monaten der Entscheidung. Und der Fußball wird seine Faszination verlieren, wenn jetzt wieder Leute ans Ruder kommen, für die dieser Weltsport nur ein Produkt ist, mit dem man so herrlich Geschäfte machen kann.

Es gibt eine Schlüsselfrage, an der sich alles festmachen lässt. Schaffen es die kommenden Machthaber, die irrwitzigste Entscheidung der Fußball-Geschichte rückgängig zu machen? Wird die WM-Vergabe nach Katar , vielleicht mit Hilfe der Schweizer Ermittlungsbehörden, gekippt oder bekommt der Fußball seine verkaufte Seele nicht mehr zurück?

FIFA-Funktionäre, die eine Sommer-WM in ein Land vergeben, in dem im Sommer kein Fußball gespielt werden kann, müssen entweder korrupt oder wahnsinnig sein. In beiden Fällen muss die Entscheidung revidierbar sein. Blatter war (wohl aus Kalkül) gegen Katar. Aber die Front derer, die allen Ernstes im Kamelreitparadies eine – inzwischen - Winter-WM spielen wollen, ist erstaunlich stark und geschlossen.

Platini ist oberster Katar-Lobbyist, Rummenigge steht an seiner Seite, Beckenbauer hat keine Sklaven gesehen. Dafür, dass Katar die nachweislich schlechteste Bewerbung abgegeben hat und klimatisch untauglich ist, verwundert die Zahl und das Kaliber der Fürsprecher. Denen ist es ja auch egal, dass die Spielpläne in den großen Fußballnationen, Teil unserer Fußballkultur, komplett über den Haufen geworfen werden müssen. Bewährtes wird fahrlässig zerstört. Der gesunde Menschenverstand, der eine WM-Vergabe nach Katar für schlicht und einfach grotesk hält, sollte sich seiner Sache nicht so sicher sein.

Die künftige Machtelite der FIFA muss Katar die WM nehmen. Blatter hatte ja schon maliziös-verschlagen den Engländern nahegelegt zu klagen. Schließlich war ja eine Sommer -WM ausgeschrieben worden. Und wenn hoffentlich irgendwann ein neuer Gastgeber für 2022 gesucht wird, muss der Weltverband schnellstmöglich zu einer Vergabepraxis zurückkehren, die in früheren Jahrzehnten die Regel war. Und die einem ganz einfachem Grundsatz folgte: Weltmeisterschaften müssen da gespielt werden, wo der Fußball geliebt wird. In jenen Ländern, die über Jahrzehnte den Fußball zu dem gemacht haben, was er heute ist.

Die ersten europäischen Gastgeberländer nach dem Krieg hießen Schweiz und Schweden. Die waren – logisch – neutral und unzerstört. Danach wurden wie an der Schnur gezogen die großen Fußballnationen der Reihe nach ausgewählt: England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich. Die FIFA folgte damals, zumindest in Europa, einer klaren Logik.

Gleichzeitig hatte die Blatter-FIFA angefangen, in Übersee die WM-Vergabe in den Dienst von Expansion und Markterschließung zu stellen. Mit zum Teil skurrilen Folgen für die Stimmung auf den Rängen. 1994 brachen bei der bis heute zuschauerträchtigsten WM der Geschichte die Besucher in Jubelstürme aus, wenn der Ball zehn Meter übers Tor gedroschen wurde. USA halt. 2002 wurden vor dem Turnier in Japan und Südkorea Kurse angeboten: „Fußball-Fan in sieben Tagen!“ Und in Ermangelung von Fan-Gesängen trällerten die Eventies nach der Melodie von „Freude schöner Götterfunken“ ihr La-La-La-La-La-La-La-La in die Kameras der Fernsehteams aus aller Welt. Mehr Ga-Ga ging nicht.
Für die Jahre nach der WM 2010 in Südafrika hatte Sepp Blatter die große afrikanische Glückseligkeit von Millionen Menschen prognostiziert. Doch statt grenzenlosem Kontinentalstolz empfanden die Menschen eher totales Desinteresse an diesem Weltturnier. Und machten lieber Revolution. Afrikanischer Frühling! Und in Südafrika selbst fragten sich die Menschen, was ihnen nach Abzug der Wanderheuschrecke FIFA eigentlich geblieben war von diesem Mega-Event, außer so manchem weißen Elefanten.

Dass nicht automatisch jede Vergabe einer WM an ein Fußball-Land moralisch-ethisch über jeden Zweifel erhaben ist, muss nicht extra betont werden. Stimmenkäuflichkeit bei der FIFA gehört längst zum System. Und die WM 1978 in Argentinien, wo die Torschreie bis in die Folterkammern des Militärregimes zu hören waren, wird auf ewig ein Turnier der Schande bleiben.
Nach Blatters Rücktrittsankündigung hat eine neue Zeit begonnen. Wir werden Monate der neuen Enthüllungen erleben. Kandidaten werden sich in Stellung bringen. Das Blatter-Reich wird zerschlagen werden, nicht viele Steine werden auf dem anderen bleiben. Die Erfüllungsgehilfen der Vergangenheit drängen jetzt schon in die Rolle des Kronzeugen.

Es geht in den kommenden Monaten ums Eingemachte. Und es bleibt zu hoffen, dass alle, denen das Wohl des Fußballs am Herzen liegt, sich zu Wort melden. Auch wenn sie – so mancher Fan-Verband hat diese Erfahrung zu oft gemacht – Gefahr laufen, dass ihre Stimme ungehört verhallt. Die FIFA braucht einen Präsidenten, der den Fußball als seinen Schutzbefohlenen betrachtet. Der sich zu seiner Verantwortung gegenüber Hundert Millionen Fans bekennt. Der wirtschaftlich erfolgreich arbeiten will, ohne alles in den Dienst der totalen Kommerzialisierung zu stellen. Und die Fußball-Welt bracht einen Präsidenten, der jede Rede mit dem Satz beendet: „Im übrigen bin ich dafür, dass Katar gekippt wird!“

Hansi Küpper, 06.06.2015

Hansi Küpper ist seit rund einem Vierteljahrhundert als Fußballkommentator für verschiedene Radio- und Fernsehsender tätig, aktuell für Sport 1. Er schreibt regelmäßig die Kolumne Hansi Mondiale in der BVB-Mitgliederzeitschrift "Borussia" sowie der Stadionzeitschrift "Echt".


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