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Unsa Senf - 03.06.2015

Wir sind der Herausforderer!

Die Wunden vom verlorenen Pokalfinale sind noch nicht verheilt, schon rollt die nächste Saison auf uns zu, bei der auf einmal alles etwas anders ist: Klopp ist weg, Thomas Tuchel heißt der Neue, der bei seiner Antritts-Pressekonferenz heute erstmals gespürt haben dürfte, was unter einem höheren Medienaufkommen zu verstehen ist. Nachdem die brettstarken Pressekonferenzen von Klopp zuletzt gelegentlich etwas vorhersehbar waren, wartete alle Welt gespannt darauf, wie sich der vermeintlich hölzerne, unnahbare Tuchel auf dieser Bühne schlagen würde.

Nach kurzer Einleitung von Aki Watzke erklärte allerdings zunächst Zorc die Gründe, warum man sich für Tuchel entschieden habe. Dabei beschränkte er sich im Wesentlichen auf die gleichen freundlichen Worte, die man auch andernorts über Tuchel finden kann: Er stehe für taktische Flexibilität und könne sowohl Spieler als auch Mannschaften weiterentwickeln. Mit anderen Worten: Tuchel sei ein guter Trainer. Auf die meistgestellte Frage im Vorfeld, ob und warum Tuchel nach Dortmund passe, ersparte sich Zorc die Antwort. Aus gutem Grund: Denn wenn hier so unterschiedliche Typen wie Hitzfeld und Klopp die beiden erfolgreichsten Trainer werden können, dann ist die Typfrage eher nebensächlich. Um in Dortmund anerkannt zu werden, muss man verbindlich, glaubwürdig und ernsthaft bei der Sache sein. Dies sollte jedoch von jedem guten Coach zu erwarten sein.

Tuchel übernimmt die Rolle des Herausforderers

Und Tuchel? Der überging gleich einmal elegant die Ankündigung Watzkes, sich nicht zu Saisonzielen zu äußern: „Der BVB ist Herausforderer auf die Spitze in allen Wettbewerben, in denen er antritt.“ Die nationale Spitze beschränkte er dabei nicht auf die Bayern, sondern erweiterte sie um Wolfsburg, Gladbach und Leverkusen – von den Blauen sprach er als Fußballkenner nicht. Mit dieser Lageanalyse und Zielformulierung bewies er umgehend, dass er versteht, kommunikative Strategien zu entwickeln. Ohne die Erfolge der Vergangenheit klein zu reden, machte er doch klar, wo wir uns derzeit befinden: Hinter den Champions-League-Plätzen. Wir sind nicht der zweite Leuchtturm der Bundesliga, wir sind Siebter. Aber wir greifen die da vorne an. Wir sind der Herausforderer und als Herausforderer war der BVB schon immer stark. Die anderen haben etwas, das wir ihnen wegnehmen wollen. Wir können nur gewinnen.

Um diesen Weg auch glaubhaft beschreiten zu können, forderte Tuchel von seinen Spielern und dem Verein eine besondere Hingabe und eine besondere Haltung ein: „Fleiß, Mut, Bescheidenheit, Offenheit, Beharrlichkeit.“ So schön dies auch klingt, muss sich das zunächst erstmal umsetzen lassen. Denn eines hat Tuchel bewusst nicht gesagt, weil er es nicht sagen konnte, ohne als Nestbeschmutzer zu gelten: Es bedarf auch der Bereitschaft zum Neuanfang. Die Bereitschaft anzuerkennen, dass wir uns nicht auf alten Erfolgen ausruhen dürfen, sondern nach neuen gieren müssen. Dies gilt für Spieler wie für den Verein. Nichts hat dies mehr verdeutlicht als das zurückliegende Pokalfinale, in dem nicht nur die Spieler die letzte Intensität vermissen ließen, sondern auch die Fans satt waren. Völlig zurecht schreibt Christoph Biermann in den 11Freunden zu letzteren: „Zugleich war eine unangenehme Selbstbesoffenheit darüber, wie toll man ist, mit den Händen zu greifen.“

Es geht also darum, sich selbst neu zu erfinden. Wieder von vorne zu beginnen. Auf einem solideren Fundament als dies 2008 der Fall war, aber nicht von der Spitze weg. Zu diesem Fundament gehört auch unser Spielerkader, den Tuchel mit größerer Überzeugung hochklassig nannte, als die meisten von uns das nach der vergangenen Saison tun würden. Er habe keine Forderungen diesbezüglich, denn mittels Videoanalysen lasse sich nicht herausfinden, warum manche Spieler ihre alte Form nicht wiederfinden würden. Das klingt überzeugend und entlastet ihn von der Kaderplanung, stellt aber auch eine Herausforderung an Michael Zorc dar, der den Kader besser kennt und genauer weiß, an welchen Stellschrauben gedreht werden muss. Man darf sich aber sicher sein, dass Tuchel hier letztlich doch eine fundierte Meinung hat und diese einbringt. Hoffnungen auf einen großen personellen Umbruch machte die Pressekonferenz allerdings nicht.

In der Summe gelang Thomas Tuchel auf seiner ersten Pressekonferenz im Westfalenstadion ein positiver Einstand. Er wirkte sehr analytisch und doch emotional, die Vorfreude war mit Händen zu greifen. Weder strahlte er Unnahbarkeit aus noch wirkte er hölzern. Es war eine inhaltsreiche Pressekonferenz, die auf Substanz schließen lässt. Aber Tuchel wird Zeit brauchen, sich auf das neue Umfeld einzulassen und wir brauchen Zeit, um uns an den neuen Cheftrainer zu gewöhnen. Wenn beide Seiten dies mit der nötigen Offenheit angehen und sich von der Ära Klopp emanzipieren – natürlich ohne sie zu vergessen –, könnten uns aber spannende und erfolgreiche Jahre bevorstehen.

PatBorm, 3. Juni 2015


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