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Unsa Senf - 15.04.2015

Danke Jürgen Klopp!

Jürgen Klopp hat fertig. Also zumindest im Sommer bei Borussia. Das haben ein zu Tränen gerührter Aki Watzke, ein erstaunlich gefasster Jürgen Klopp und der wie immer kurz angebundene, aber auch sichtlich gerührte Susi Zorc heute in einer eilig anberaumten Pressekonferenz der Welt verkündet. Diese Nachricht schlug bei den BVB-Fans ein wie eine Bombe, obwohl Anzeichen einer Abnutzung im Verhältnis zwischen Trainer, Mannschaft und Verein zuletzt unübersehbar waren. Aber Jürgen Klopp hat hier in den letzten knapp sieben Jahren eine derartige Erfolgsgeschichte geschrieben und er war dabei als Person so dominant, dass sich viele Fans einen BVB ohne Jürgen Klopp kaum mehr vorstellen können und wollen.

Jürgen Klopp - Deutscher Meister 2012Er war ja so viel mehr als nur ein Trainer. Als erster Repräsentant des Vereins hat er das Bild der Borussia mehr geprägt als je ein Amtskollege vor ihm. Mit seinem einnehmenden Wesen, seinem Lächeln, seinem Humor und seiner Schlagfertigkeit konnte man sich keinen besseren Botschafter für den BVB vorstellen. Dementsprechend groß wird die Lücke sein, die er hinterlässt und ob sie von einem anderen Trainer komplett gefüllt werden kann, muss man leider bezweifeln. Es gibt sicher auch andere Trainer, die ihm fachlich das Wasser reichen können, die vielleicht sogar andere Stärken einbringen, die Klopp fehlen, wobei das heute nicht das Thema sein sollte. Nicht zu ersetzen ist Klopp auf jeden Fall als Typ, denn so einen mitreißenden Menschen, der alle um ihn herum begeistern kann, wird man nicht noch einmal finden. Jürgen Klopp passte zum maximal emotionalen BVB einfach wie die Faust aufs Auge.

Nur, zuletzt war Jürgen Klopps strahlendes Lächeln immer seltener zu sehen. Er wirkte angesichts dieser über weite Strecken ziemlich katastrophal verlaufenen Saison persönlich und körperlich angeschlagen. Irgendwann muss in ihm die Entscheidung gereift sein, dass er beim BVB nichts mehr bewirken kann und es daher unausweichlich ist, sich zu trennen. So ist es manchmal in Beziehungen, man liebt sich noch, muss aber trotzdem auseinandergehen, weil es einfach nicht mehr passt. Daher wäre es wohl auch die falsche Entscheidung gewesen, im Sommer nochmal einen gemeinsamen Neuanfang zu wagen, denn das Feuer ist weg und die Beziehung zwischen Klopp und dem BVB ist in Routine erstarrt. Ein Typ wie Klopp kann aber nur dann wirklich gut funktionieren, wenn er für eine Sache brennt. Nur dann kann er diese Flamme so auf die Mannschaft übertragen, dass jeder einzelne Spieler rennt, wie er noch nie gerannt ist und das Kollektiv am Ende weit besser spielt, als es die Summe seiner Einzelteile eigentlich hergeben dürfte.

Kloppo und Roman WeidenfellerUm das mal klarzustellen: Ich hatte mir auch nichts mehr gewünscht, als zusammen mit Jürgen Klopp in der nächsten Saison den alten Geist wiederzubeleben und mit neuen hungrigen Spielern die Vollgasveranstaltungen wiederaufzunehmen. Diese unfassbare Aufbruchsstimmung noch mal zu spüren, die ich so in meiner nun auch schon einige Jahrzehnte dauernden Fankarriere noch nie gespürt hatte. Auch in der Führungsetage des BVB muss der Wunsch stark gewesen sein, die Uhr wieder auf 2010 zurückzudrehen. Hatten schon die Transfers von Nuri Sahin und Shinji Kagawa in diese Richtung gedeutet, wurde es spätestens heute jedem offensichtlich, der in Aki Watzkes entgleiste Gesichtszüge geguckt hat. Auch wenn dem BVB-Lenker schon ein paar Tage klar gewesen sein muss, dass sein Trainer im Sommer von Bord gehen wird, wirkte er in der Pressekonferenz, als wenn er einen guten Freund oder besser ausgedrückt einen Traum zu Grabe getragen hätte. Man wollte ihn am liebsten in den Arm nehmen und ihm einen dreifachen Wodka zum Trost anbieten.

Wir alle können uns glücklich schätzen, diese außergewöhnliche Ära in der Geschichte des Ballspielvereins Borussia miterlebt zu haben. Jürgen Klopps Erfolg beim BVB hat sich mit der vielleicht schönsten Meisterschaft 2011 und dem erstmaligen Double-Gewinn des BVB ein Jahr später für alle Zeiten im Borussia-Briefkopf verewigt. Dazu bescherte er uns noch das Champions League-Finale 2013 und eine weitere Reise nach Berlin 2014, die nur deshalb nicht mit einem weiteren Pokaltriumph gekrönt wurde, weil der Schiri blind und die Torlinientechnologie noch nicht eingeführt worden war. Aber Jürgen Klopp hat diesem Verein so viel mehr geschenkt als Titel und Finals. Er hat uns Momente geschenkt, von denen wir noch unseren Enkeln erzählen werden. Momente, die sich in das Herz jeden Borussens eingebrannt haben. Irgendwann wird die Ära Klopp für die nachwachsenden Fangenerationen einen mythischen Touch haben wie das Flutlichtspiel gegen Lissabon, wie Jürgen Wegmanns Stolpertor gegen Fortuna Köln, wie der Europapokalsieg in Glasgow 1966 oder Lars Ricken gegen Turin. Ich werfe einfach mal ohne Anspruch auf Vollständigkeit das 3:3 im Derby 08, Kagawa in GE, Sahin in Köln, „Mach mich hoch! 1:0 für Köln“, Bayern-Demontage in Berlin, Madrid und Malaga in den Raum. Derart gehäuft hat es solche maximal emotionalen Momente für uns BVB-Fans wohl noch nie gegeben. Irgendwann wird ein fleißiger Youtuber mal einen Film über die Ära Klopp beim BVB zusammenschneiden. Er dürfte abendfüllend werden und wer ihn ohne reichlich Taschentücher übersteht, der ist kein Borusse.

Champions League 2013 in MarseilleUnd was seine Leistung noch größer macht, ist der Umstand, dass er diese unfassbar großartigen Momente mit einem Verein erreicht hat, der eigentlich seine besten Jahre für eine lange Zeit hinter sich gehabt haben sollte. Als Jürgen Klopp 2008 beim BVB anfing, lag die Beinahe-Insolvenz, die einem inzwischen wie ein ferner Alptraum aus Kindheitstagen vorkommt, gerade einmal ganze drei Jahre zurück. Thomas Doll hatte sich mit dem BVB in einer von spielerischer Armut geprägten Saison zwar irgendwie ins Pokalfinale durchgewurschtelt, aber insgesamt hatte man sich als BVB-Fan mit der Aussicht auf mindestens 10 Jahre Mittelmaß abgefunden. Bestenfalls von gelegentlichen Ausflügen in den UEFA-Cup wurde geträumt. Der Verein hatte sich zwar wieder soweit konsolidiert, dass moderate Investitionen in den Kader möglich erschienen, stand aber auch hinsichtlich seiner Finanzkraft bestenfalls im Mittelfeld der Liga. Und dann kam der als „Gute-Laune-Kloppo“ annoncierte Trainer und machte Tabula rasa ohne Rücksicht auf Namen oder alte Meriten. Der BVB-Kader wurde gnadenlos auf Vollgasfußball getrimmt und wenn die höchste Investitionssumme für einen jungen Zweitligaverteidiger gebraucht wurde, dann war das halt so.

Klopp verneigt sich vor der SüdtribüneVielleicht ist das auch ein Grund für Klopps jetzige Demission. Es steht wieder ein Umbruch an, aber diesmal betrifft er seine Mannschaft. Seine Jungs, für die er sich auch in dieser Saison immer in die Bresche geworfen hatte, als sie es ihm immer seltener mit Leistung zurückzahlen konnten oder wollten. Vielleicht hat Jürgen Klopp auch deshalb erkannt, dass es Zeit für ihn ist zu gehen, weil er sich nicht in der Lage sah, die notwendigen Einschnitte in den Kader mit aller Härte zu vollziehen. Seine Begründung in der Pressekonferenz, wonach sich bei einem Verbleib von ihm vieles hätte ändern müssen, während nun, wenn er geht, vieles so bleiben könne wie es ist, deutet darauf hin. Dieses Statement kann man auch als letzten Liebesdienst an seine Spieler werten, die er so erneut aus der Schusslinie nimmt und als tauglich für einen Neuanfang bezeichnet. Es bleibt zu hoffen, dass die Mannschaft sich in der restlichen Saison darauf besinnt, was sie diesem Trainer zu verdanken hat und entsprechend auf dem Platz auftritt. Denn mit dem Pokalhalbfinale und bei nur vier Punkten Rückstand auf die Europa League-Qualifikation gibt es auch in dieser Saison lohnenswerte Ziele, die noch erreichbar sind.

Jeder Borusse aber wird die restlichen Spiele mit Wehmut verfolgen. Denn es wird die Abschiedstournee eines großen Trainers sein, den niemand gerne gehen sieht. Lasst uns daher am Samstag damit anfangen, ihm den Abschied zu bereiten, der ihm gebührt. Auch wir Fans müssen jetzt noch mal unter Beweis stellen, was für ein außergewöhnlicher Verein Borussia Dortmund ist. Denn nur dann würden wir uns einem außergewöhnlichen Trainer und noch außergewöhnlicherem Menschen wie Jürgen Klopp als würdig erweisen.

Abschließend bleibt an diesem traurigen Tag nur noch Danke zu sagen. Danke für die schöne Zeit. Danke für die Vollgasveranstaltungen. Danke für die Trophäen, die wir gewinnen durften. Danke für die Feste, die wir feiern konnten. Danke für die Momente, die wir auf ewig in unseren Herzen tragen. Danke für das Kapitel Vereinsgeschichte, das Du geschrieben hast. Danke für Dein Lächeln, mit dem Du den ganzen Verein und die ganze Stadt angesteckt hast.

Danke für alles, Jürgen Klopp!

Web, 15.03+1.2015

 


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