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Eua Senf - 02.02.2015

Voreiliger Unfug

Das hat gerade noch gefehlt: Der Philosoph Wolfram Eilenberger hat uns Borussen im Gespräch mit Zeit Online kurzerhand zur Sekte erklärt und lässt insgesamt kein gutes Haar am Verein, insbesondere an Trainer Jürgen Klopp. Unser Gastautor Patrick widerspricht.

1. Ich bestreite, dass der Trainer größer ist als der Verein. Die Identifikation ist gewaltig, warum Eilenberger jetzt aber glaubt, dass die Identität gerade hier damit flöten geht, verschließt sich mir, denn...

2. ...natürlich wurde Kloppo intern immer wieder hinterfragt. Sachlich. Eilenberger verwechselt die nach außen demonstrierte Geschlossenheit in dieser Frage offenbar mit den internen Vorgängen: Hätte Kloppo kein Konzept, würde man ihm zwar noch immer mehr Toleranz entgegenbringen als jedem anderen Trainer - und das völlig zurecht, weil Fußball nie so kalt sein darf, dass es keinen Kredit und keine Erinnerung gibt -, man würde sich aber auch mit ihm besprechen und ggf. getrennte Wege gehen.

3. Dass Kloppo ein Konzept hat, lässt sich völlig unschwer daran erkennen, dass Dortmund in allen bis auf vielleicht drei oder vier Spielen richtig stark war und es einzig an einer Qualifikation gefehlt hat: Abschlussstärke. Das komplette Spielkonzept eines Trainers an dieser einen Fähigkeit aufzuhängen, ist ebenso naiv und unseriös wie die völllige Nichterwähnung besagter Spielstärke.

4. Eilenberger begeht auch den Fehler, die Existenz von Pech, Zufall und schlechten Läufen zu bestreiten und für jeden Fehlschlag aktionistisch nach Gründen zu suchen. Ich kann es nicht erklären? Dann nehme ich nach dem Ausschlussprinzip den letzten Grund, der bleibt: Kader war es nicht (denn der kostet ja viel), Verletzungsmisere lasse ich nicht gelten, WM auch nicht - bleibt nur der Trainer übrig. Das ist, gelinde gesagt, ebenfalls unseriös.

5. Apple ging es unter Jobs besser als jetzt. Microsoft unter Gates besser als unter Balmer. Komische Beispiele also, wenn man krasse Identifikation als etwas Negatives darstellen möchte.

6. Tatsächlich muss man, damit Ideen umgesetzt werden, zu bestimmten Teilen Macht auf den Einzelnen konzentrieren. Das ist in Dortmund nicht stärker geschehen als woanders - nur, dass es aufgrund des enorm guten Verständnisses in der Troika Watzke-Zorc-Klopp nicht mehr so wirkt, als würde es checks and balances geben. Die gibt es aber natürlich - die leidenschaftliche Verantwortung gegenüber den Fans und die wirtschaftliche gegenüber Anteilseignern und Sponsoren verbietet es Watzke und dem Aufsichtsrat, einen blinden Fleck zu haben. Ich weiß nicht, wie Eilenberger darauf kommt, dass da tatsächlich ein gesamter Verein nicht reflektieren würde, was an seiner Führung geschieht. Er lässt sich - wieder mal - von der medialen Darstellung blenden, nach welcher Dortmund unter Kloppo eins ist und er der große Bestimmer ist. Das ist letztlich aber natürlich nur zum einen innere Geschlossenheit, die keine Blindheit ist, zum Anderen eine Strategie, wie man sich nach außen verkauft. Dem sitzt er offenbar heftig auf.

7. Aufgrund des miserablen halben Jahres zu behaupten, dass sich Kloppos Gestaltungskraft verbraucht habe, ist schlichtweg Unsinn. Und dass man 20 Punkte auf die Bayern hat, darf angesichts deren wirtschaftlicher Urgewalt und spielphilosophischer Vorprägung wohl kaum verwundern. Kloppo entwickelt sich selbstverständlich weiter - wenn er zum Beispiel eine Dreierkette versucht, wenn er im Spiel von 4-5-1 auf 4-4-2 Raute umstellt oder einen Sechser für einen Achter opfert, um zu verlagern. Wie naiv ist es, zu sagen, dass das Wunder der doppelten Meisterschaft nicht wiederholt werden konnte, also offenbar keine Idee mehr da ist?

8. Einsatz, Intensität, Balleroberungen und Aggressivität sind selbstverständlich geeignete Mittel, um im Fußball Erfolg zu haben. Eilenberger unterstellt aber, dass dahinter nichts passiert. Das verkennt, dass Dortmund mit Lewas Weggang diese Saison seine gesamte Spielphilosophie umstellen muss, da die mitspielende, tief fallende "falsche Neun" jetzt nicht mehr existiert. Er trivialisiert die Komplexität taktischer Systeme, wenn er glaubt, dass das mit nur einer Vorbereitung getan ist. Jeder einzelne Spieler - bis hin zum spieleröffnenden Innenverteidiger oder gar dem Torhüter - muss sich umstellen. Das dauert. Lang. Und wie kann man dieses taktische Vakuum überbrücken? Nun, mit Einsatz, Intensität, Balleroberungen und Aggressivität.

9. Wenn Kloppo angeblich die letzten 5% aus Weltklassespielern nicht rausholen kann, warum war dann Marco Reus letzte Saison in der Liga der Weltmeister der beste Spieler? Warum war Lewa dann letzte Saison stärker, wenn doch Großmeister Pep diese Fähigkeit im Unterschied zu Klopp zu besitzen scheint? Warum war Sahin in Dortmund Bundesliga Spieler des Jahres und bei Real und Liverpool bedeutungslos, warum Kagawa internationale Klasse und in Manchester kaum Randfigur? Der größte Widerspruch aber: Wenn Kloppo diese grundlegend Fähigkeit fehlt, warum wünscht sich Eilenberger ihn dann zu Arsenal? Wäre das Problem dann dort etwa behoben? Hier kumuliert sich der gedankliche Unrat.

10. Dass die Fans Dortmund auch nach Niederlagen feiern, hat verschiedene Gründe: a) Liebt man seinen Verein unabhängig von einzelnen Spielen. b) Hat Dortmund zumeist, wie erwähnt, wirklich stark gespielt - es spricht für die Fans, wenn sie das sehen und sich nicht vom Ergebnis blenden lassen. c) Ist es schließlich "vernünftig", seine Mannschaft zu feiern, weil man ihre Leistung damit eher steigern wird als mit Bu-Rufen. Ich unterstelle, dass Eilenberger die Identifikation mit seiner These hier zu deren Identität hat werden lassen - indem er nämlich versucht, wirklich alles, was im Fußball zunächst einmal positiv ist, zu verteufeln, was ihm nur gelingt, indem er es in falsche Bezüge setzt.

11. Zu behaupten, dass Kagawa und Sahin ihre niedrigen Ablösesummen nicht wert waren, ist doppelt unseriös: Zum einen ist es viel zu früh für ein Urteil nach diesem halben Jahr, welches kaum zulässt, irgendeinen Spieler individuell zu beurteilen, zum anderen übergeht er die - gemessen am Marktwert bei transfermarkt.de - sehr geringen Ablösesummen, die die Transfers womöglich schon rein wirtschaftlich vernünftig erscheinen lassen. Warum diese Spieler nicht wieder an ihre früheren Leistungen beim selben Verein sollten anknüpfen können, lässt er auch im Dunkeln.

12. Wo ist das Problem, wenn Kloppo in der Tat nächste Saison zur "Totalerneuerung" ausruft? Braucht es diese Psychologie nicht nach einer schweren Krise? Und woran sollte man sich stoßen, wenn diese Losung sich förderlich auswirkt?

Eilenberger sagt, dass das Erklärbare zum Irrationalen verklärt wird bei Dortmund. Ich sage, die Medien machen - mit ihm als eloquentes Werkzeug - das Gegenteil: Sie verklären die 10% Irrationales im Fußball, die einfach existieren, weil ein so komplexes System nie ganzheitlich wird verstanden werden können, zum Erklärbaren. Da sie aber selbst nicht so richtig wissen, wie das mit Dortmund passieren konnte, tasten sie wie wild alles ab und landen beim Trainer. Er MUSS es doch sein. Woran sonst kann es liegen, wenn man keine Gründe findet? Das ist aber voreiliger Unfug. Natürlich ist es denkbar, dass Kloppo auch perspektivisch verbraucht ist. Vielleicht werden wir mal zurückschauen und feststellen, dass dieses halbe Jahr der Vorbote des Endes seiner Wirksamkeit bei Dortmund war. Aber es ist viel zu früh, das zu beurteilen - und im Übrigen deuten alle Anzeichen (Spielkultur, Motivation, taktische Einstellung) gegen diese These. Vielleicht sollte man einfach mal akzeptieren, dass die einzige Anomalie bei Dortmund jene ist, dass sich ein gesamter Verein einschließlich seines Umfeldes nicht davon verrückt machen lässt, dass etwas schwer Erklärbares, dass ein möglicher, aber sehr unwahrscheinlicher Fall eintritt. Sondern in Einklang mit Herz und Verstand und eingedenk der Erfolge des Trainers Klopp und der Spieler mit Geduld und Solidarität Rückendeckung gibt.

Patrick, 02.02.2015


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