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Stimmungsbericht - 20.01.2015

Wintertrainingslager 2015: Trainieren in weiter Ferne

Fans in La Manga: weit entfernt vom Geschehen„Ich bin gut drauf und ich schlaf gern lang, Frühstück fängt bei mir erst mittags an. Die Sonne streichelt mich das ganze Jahr, ich bin Profi bei Borussia!“ Lange ist es her, dass Spieler des BVB diesen Fangesang zu hören bekamen. Die erfolgreiche, sympathische und fannahe Mannschaft hatte Schmähungen einfach nicht verdient, selbst als zunächst der Erfolg ausblieb und infolge mancher Zwischenfälle auch die Sympathiewerte ein wenig in den Keller gegangen waren. Eigentlich der perfekte Zeitpunkt, um den Schulterschluss mit den eigenen Fans zu suchen, auf sie zuzugehen und sich ein paar nette Worte auf den harten Weg in die Rückrunde mitgeben zu lassen. Hätte man sich denken können. Doch das Trainingslager in La Manga zeigte eine andere Entwicklung und hielt so manche Überraschung parat.

Idyllisch gelegene TrainingsplätzeDie Trainingsplätze im La Manga Club waren idyllisch gelegen und boten Blicke auf ein nettes Panorama, wenngleich das Trainingsgelände in Marbella aus Fansicht wohl auf ewig unerreicht bleiben wird – auf eine Steintribüne unter Palmen und die praktische Kellerkneipe konnten aber alle verzichten, da schließlich die Mannschaft im Mittelpunkt stehen und optimale Trainingsbedingungen vorfinden sollte. Etwa 30 bis 40 Fans hatten sich dann auch auf die Reise an die spanische Mittelmeerküste begeben, um die Rückrundenvorbereitung ihrer Borussia zu verfolgen. Täglich nahmen sie zweimal am Rand des Trainingsgeländes Platz, hinter einer 15 Meter breiten Absperrung und einem mit Schlagstock bewaffneten Sicherheitsmann, und unterhielten sich tiefenentspannt über Gott und die Welt. Etwa 80 Meter weiter entlang der Seitenlinie hatten die Pressevertreter einen ähnlichen Aufenthaltsbereich zugewiesen bekommen, bewaffnet mit Stift, Notizblock und Handy.

Gut gelaunt bei den Fans: Nobby DickelCarsten Cramer hatte die Fans aus Deutschland sofort gesehen. Gerne bereit zum Smalltalk, ging er auf sie zu, stellte sich persönlich vor und nahm sich bei jeder Einheit ein paar Minuten Zeit zum Plausch. Gemeinsam mit Nobby Dickel kam er zu einer Fanparty am Freitagabend, unterhielt sich mit den Fans und zeigte Interesse an ihren Geschichten. Überhaupt: Von Busfahrer Christian Schulz über den Fanbeauftragten Sebastian Walleit bis hin zum wichtigsten Einzelaktionär Bernd Geske zeigten sich die Vereinsvertreter samt Umfeld von ihrer freundlichsten Seite und hatten keinerlei Berührungsängste. Dass der BVB obendrein die Fanparty gesponsert und Freikarten für das Testspiel in Alicante besorgt hatte, konnte als Zeichen der Wertschätzung gesehen werden und belegte deutlich, wie gut wir es mit unserem Verein derzeit erwischt haben.

Kaum aus der Nähe zu sehen: Marcel SchmelzerLeider nur machten Spieler und Trainer keinerlei Anstalten, diesem wunderbaren Beispiel zu folgen. Unter streichelnder Sonne fand das Training meist in 60 bis 80 Metern Entfernung statt, sodass davon so gut wie nichts zu sehen war – während der vordere Platz frei blieb oder für das wenig ergiebige Torwarttraining genutzt wurde. Wer sich nicht zwischen die etwa 10-20 (aufdringlichen) spanischen Fans mischen wollte, die sich an ein weiteres Absperrgitter quetschten und die Spieler beim sofortigen Marsch in den Bus belagerten, bekam die meisten Profis nicht ein einziges Mal aus der Nähe zu sehen. Nun will man sich selbst nicht zu wichtig nehmen und ist geneigt so manches auf die hoffentlich hohe Konzentration oder einen Tunnelblick zurückzuführen, was das eine oder andere Malheur auch verständlich erscheinen ließe – doch letztlich waren es einfach zu viele Kleinigkeiten, die für Kopfschütteln sorgten und in Erinnerung blieben.

Marbella 2007: Mit Fans auf der TribüneDa war etwa Kapitän Mats Hummels, dessen sofortiges Verschwinden aus dem Stadion bereits mehrfach negativ aufgefallen war, der die umstehenden Fans keines Blickes würdigte. Oder Henrikh Mkhitaryan, der mitten durch eine Gruppe Fans zum Trainingsgelände schlenderte, aber weder „Guten Morgen“ noch „Hallo“ über die Lippen brachte. Oder ein Spieler, der den Gewinn der Meisterschaften noch groß in einer Fankneipe gefeiert hatte, jetzt aber gar nicht mehr schnell genug in den Bus kommen konnte. Oder der Kameraturm auf Höhe der Mittellinie, auf dem wir bei unserem ersten Trainingsbesuch aufgrund der besseren Sicht Platz genommen hatten, dessen Nutzung uns nach Intervention eines BVB-Mitarbeiters beim Sicherheitsdienst aber bereits am Nachmittag untersagt worden war. Oder Uschi Glas, die als bekennender Fan des FC Bayern näher an Mannschaft und Trainer herangekommen war, als alle anwesenden Fans zusammen, ironischerweise aber vor dem Verbot noch gemeinsam mit uns auf dem Kameraturm gestanden und durchaus Zeit für ein paar Fanwünsche gehabt hatte. Oder das Foto der Mannschaft mit den Fans, das nicht einmal zum Abschluss des Trainingslagers fünf Minuten für ein kurzes Palaver oder zwei bis drei Sonderwünsche geboten hatte, sondern bereits nach einer knappen Minute Kontakt (alle schnell aufstellen, drei bis vier Klicks, fertig!) wieder beendet war. Oder, oder, oder…

Jerez 2011: Spaziergang mit den FansDas Verhalten der Mannschaft enttäuschte – und so mancher Fan, der es nicht aufs Foto geschafft oder es gar nicht erst versucht hatte, war im Nachhinein auch nicht ganz so unglücklich darüber. Denn während sich die Spieler in Marbella noch zu den Fans auf die Tribüne gesetzt hatten oder in Jerez gemeinsam mit den Fans vom Trainingsgelände zum Hotel gelaufen waren, schienen in La Manga nur Kevin Großkreutz, Roman Weidenfeller und Teddy de Beer deren Anwesenheit bemerkt zu haben. Kevin wandte sich nach jeder Trainingseinheit direkt an die Fans, klatschte mit einigen ab und blieb so lange stehen, bis er als letzter Spieler in den Bus gebeten wurde. Roman und Teddy scherzten im Vorbeigehen und wirkten irgendwie froh, die kurzen Augenblicke der Abwechslung genießen zu können. Der Rest? Fehlanzeige.

Platzsturm: Spanische Fans auf TuchfühlungEs war Ironie des Schicksals, dass die Spieler in Alicante dann doch noch zu ihrem Fankontakt kommen sollten: Das Spiel gegen Steaua Bukarest war keine zwei Sekunden abgepfiffen, als hunderte Spanier den Rasen stürmten, die Spieler von allen Seiten begrabschten und bedrängten. Vielleicht haben sie wenigstens in diesem Moment darüber nachgedacht, wie gut sie es mit ihrem zurückhaltenden deutschen Anhang doch hatten. Oder darüber ihr Verhalten gegenüber den eigenen Fans zu ändern, bevor diese auf Facebook das nächste Mal Forderungen nach Unterstützung und einem Verzicht auf Pfeifkonzerte zu lesen bekommen. Dabei reicht manchmal schon ein einfaches "Hallo" oder "Guten Morgen".

SSC, 20.01.2015


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