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Unsa Senf - 15.01.2015

Auf der Suche nach der verlorenen Stammelf

Die Meistersaison 2010/11 ist zwar mittlerweile auch schon vier Jahre her, aber fragt man in Dortmund nach den prägenden Spielern in dieser Zeit, dann wird man nicht wenige Leute finden, die gefühlt die ganze Aufstellung nennen können:

Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Sahin, Bender - Blaszczykowski, Kagawa, Großkreutz - Barrios.

Die erste Erkenntnis ist, dass zehn der elf genannten Spieler auch heute Damals, 2011...noch (oder wieder) für den BVB auf dem Platz stehen. Als Fußballromantiker freut mich das, aber umso schockierender ist der heutige Tabellenstand. Die zweite Erkenntnis, und mit der möchte ich mich im Weiteren befassen, ist jedoch, dass das wirklich die Aufstellung war. Präziser gesagt: Nennenswert viele Einsätze hatten sonst nur noch Santana, Kehl, da Silva, Götze und Lewandowski. Es gab also eine Stammelf, eigentlich sogar einen Stammkader, und bis auf die Verletzung von Kehl zu Beginn der Saison und von Kagawa in der Rückrunde (ohne die Lewandowski praktisch ohne Startelfeinsatz geblieben wäre) waren alle Spieler fast immer einsatzfähig.

Würde man heute nach der Aufstellung der Borussia fragen, würde man nichts als fragende Blicke ernten. Bereits zur Winterpause hat der BVB 26 Spieler in Pflichtspielen eingesetzt, und zumindest mit Kevin Kampl dürfte zur Rückrunde die Nummer 27 hinzukommen. Zudem kann ich mich an keine Saison aus den letzten Jahren erinnern, in der so oft im nächsten Spiel eine neue Mannschaft auf dem Rasen stand. Ich habe mir mal die Mühe gemacht und die Spieldaten der Hinrunde durchgesehen. Zählt man die Änderungen in der Startelf von einem Pflichtspiel zum nächsten, ergeben sich bei 25 Spielen die folgenden Anzahlen:

Null Änderungen: 1. Eine Änderung: 1. Zwei Änderungen: 3. Drei Änderungen: 8. Vier Änderungen: 6. Fünf Änderungen: 2. Sechs Änderungen: 3.

Heute, 2015...Oder wie Heraklit einst sagte: Nichts ist beständiger als der Wechsel. Das einzige Spiel ohne Änderung in der Startelf war übrigens das Heimspiel gegen Mönchengladbach, als dieselbe Elf auflief, die in der Champions League zuvor gegen Galatasaray gewann.

Nur zum Vergleich hier einmal die entsprechenden Zahlen für die Hinrunde 2010/11. Damals gab es 27 Spiele.

Null Änderungen: 8. Eine Änderung: 9. Zwei Änderungen: 8. Drei Änderungen: 1.

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Bei einer (zumindest im Verein) minimal höheren Belastung war es problemlos möglich, mit denselben zehn oder elf Leuten im Drei-Tages-Rhythmus zu spielen.

Nun gibt es verschiedene Gründe für diese krassen Veränderungen in den Zahlen: Der Kader ist heute deutlich größer, und diese Entscheidung wurde bewusst in Hinblick auf die Dreifachbelastung in den jeweiligen Wettbewerben gewählt. Derart viele Spieler brauchen eine Einsatzperspektive und kommen natürlich dann und wann zum Einsatz, zum Beispiel in den Pokalspielen oder im Heimspiel gegen Anderlecht. Daneben sind bei Borussia in den letzten beiden Jahren deutlich häufigere und schwerere Verletzungen (gerade auch seiner wichtigsten Spieler) zu verzeichnen, so dass es selbst nach guten Spielen oft nicht möglich ist, mit derselben Elf noch einmal aufzulaufen. Und als dritter wesentlicher Grund ist natürlich zu nennen, dass sich keine feste Stammformation wirklich angeboten hat. Gerade im Mittelfeld ist mit Ausnahme von Marco Reus und Pierre-Emerick Aubameyang kaum jemand da, der konstant ein gewisses Niveau auf den Platz gebracht hat.

Lichtblick: Marco ReusSowieso lohnt ein genauerer Blick aufs Mittelfeld: Über weite Strecken der Hinrunde hat Borussia entweder im 4-2-3-1 oder im 4-1-4-1 gespielt, so dass sich eigentlich immer fünf Spieler nennen lassen, die nominell im Mittelfeld aufgelaufen sind. Geht man die jeweiligen Startformationen durch, so ergeben sich 19(!) verschiedene Aufstellungen auf diesen fünf Positionen. Bei 25 Spielen. Die einzige Kombination von fünf Spielern, die häufiger als zweimal zu Beginn auf dem Platz stand, war

Bender, Kehl, Mkhitaryan, Kagawa, Reus,

gern noch offensiv um Aubameyang ergänzt. Insgesamt viermal haben diese Spieler so zusammen ein Spiel begonnen. Dies war besonders in den Wochen vor dem Spiel in Paderborn der Fall, so dass ohne Reus' Verletzung vielleicht so etwas wie eine Stammformation hätte entstehen können. Gruß nochmal an Marvin Bakalorz. (Nachtrag: Mein guter Freund André hat die Winterpause offenbar für dieselben Zahlenspiele zur Viererkette genutzt. Ähnliches Ergebnis: 16 verschiedene Aufstellungen in 25 Spielen.)

Was folgt daraus für die Zukunft? Zum einen scheint diese Vorbereitung eine der wichtigsten der letzten Jahre zu sein. Was im Sommer sowohl körperlich als auch mannschaftstaktisch versäumt wurde, muss zwingend in diesen Wochen nachgeholt werden. Umso dramatischer ist, dass mit Shinji Kagawa und Pierre-Emerick Aubameyang zwei zentrale Spieler für ihre Nationalmannschaften im Einsatz sind und sich sowohl Marco Reus als auch Henkikh Mkhitaryan noch im Aufbautraining befinden. Trotzdem muss sich jetzt ein Kern der Mannschaft finden, um den herum die Startformationen der Rückrunde gebaut werden. Die andauernden Wechsel auf drei oder vier Positionen können der Mannschaft nicht gut tun. 

Darüber hinaus sollte man sich wohl ernsthafte Gedanken um das Fitness- und Konditionstraining machen. Vergleicht man die kleinen und großen Blessuren heute mit denen in den Anfangsjahren unter Jürgen Klopp, als Oliver Bartlett als Konditionstrainer tätig war, springen einem die Unterschiede förmlich ins Auge. Zum Teil hat das sicher auch alterstechnische Gründe, denn viele unserer heutigen Spieler haben ein paar mehr Jahre auf dem Buckel als damals, aber die Zahlen deuten dennoch auf einen deutlichen Qualitätsverlust in diesem Bereich hin. Auch wenn der Fokus auf dem Abstiegskampf liegen muss: Sich hier nach Alternativen zum Status quo umzusehen, sollte nicht schaden.

Scherben, 15.01.2015

 


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