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Spielbericht Profis - 14.12.2014

Gegen manche Gegner kann man nicht gewinnen – und dann kommt Borussia

Der Gästeblock war wie gewohnt vollHatte man nach dem souveränen Sieg gegen die Kraichgau Piraten Hoffnung geschöpft, die Mannschaft könne endlich aus dem Gröbsten raus sein, trat sie in Berlin wieder einmal den Gegenbeweis an: Wieder einmal vergeigte der BVB ein Spiel gegen einen schlagbaren Konkurrenten, wieder einmal ließen die Spieler beste Chancen liegen und wieder einmal legten sie eine Lethargie und Mutlosigkeit an den Tag, dass man sich die Haare raufen wollte. Borussia hatte wieder einmal die Seuche am Fuß und schaffte es wieder einmal nicht, einen Big Point einzufahren.

Das Stadion nicht ausverkauft, eine entspannte Kartensituation rund um den Gästeblock und wieder einmal freie Plätze auf der Pressetribüne – der Absturz des Champions League Finalisten mit Vollgasveranstaltungen zum Abstiegskandidaten mit Standgasproblemen hätte rasanter kaum ausfallen können. Wer hätte es schon für möglich gehalten, dass Julian Schieber am 15. Spieltag doppelt so viele Ligatore auf seinem Konto haben könnte wie Henrikh Mkhitaryan und Ciro Immobile zusammen? Längst zählen dabei keine Ausreden mehr wie Verletzte oder falsche Schiedsrichterentscheidungen, längst ist die Krise hausgemacht. Immer wieder ließen die Herrschaften in schwarz und gelb ihre Klasse aufblitzen, zeigten exzellente Spiele in der Champions League und dominierten ihre Gegner zum Teil auch in der Liga. Nur ließen sie dort entweder ihre Chancen liegen oder verpassten es, nach einem hart erarbeiteten Sieg wie gegen Mönchengladbach den nächsten Schritt folgen zu lassen.

HB'98 fragte vor dem Spiel nach dem Konzept von Jos LuhukayNun war nach dem souveränen Sieg gegen Hoffenheim wieder einmal ein Spieltag gekommen, an dem man sich mit einem zweiten Erfolgserlebnis in Folge einen großen Schritt in die richtige Richtung hätte bewegen können: Mit einem Sieg wäre Platz 12 möglich und aufgrund der beinahe sicheren Niederlage der Augsburger Platz 3 wieder einmal nur sieben Punkte entfernt gewesen. Nicht, dass die Mannschaft derzeit irgendwelche Gedanken an diese Tabellenregionen zu verschwenden hätte, dafür waren die Leistungen der letzten Wochen nun wahrlich zu schlecht – doch wieder einmal bestand die Chance, das Narrativ des hoffnungslos abgeschlagenen Abstiegskandidaten über Nacht durch das Narrativ der irrsinnigen Aufholjagd zu ersetzen und die Stimmung eine ganz andere werden zu lassen. Diese Euphorie hätte die schweren Partien gegen Wolfsburg und Bremen ein ganzes Stück leichter machen können, ein Sieg gegen Hertha wäre Gold wert gewesen – doch wieder einmal standen sich unsere Jungs selbst im Weg.

Marcel Schmelzer stand wieder in der StartelfDabei hatte es zunächst gut ausgesehen. Die ruhmreiche Abwehrreiche bestehend aus Marcel Schmelzer, Mats Hummels, Neven Subotic und Lukasz Piszczek konnte zum zweiten Mal seit dem CL-Finale von Beginn an aufgeboten werden, davor konnten mit Dauerbrenner Sebastian Kehl, dem genialen Ilkay Gündogan und dem unzerstörbaren Manni Bender gleich drei Schlüsselfiguren das Spiel organisieren. Mkhitaryan und Pierre-Emerick Aubameyang sollten Immobile als einzigen Stürmer bedienen, die hoch stehenden Außenverteidiger für Tempo sorgen und den Druck hoch halten. Kurz gesagt: Auf dem Papier stand die beste Mannschaft, das Rezept war das gleiche wie in den Zeiten des größten Erfolgs und die Personallage war so gut, dass Milos Jojic keinen Platz gefunden hatte und auch das Fehlen von Kevin Großkreutz, der auf einem seiner Nebenkriegsschauplätze zwischen Geißbockheim und Thiergalerie hängen geblieben sein musste, nicht wirklich aufgefallen war.

Doch auf dem Rasen war davon nicht viel zu sehen. Beide Mannschaften begegneten sich auf Augenhöhe, beharkten sich im Mittelfeld und ließen nicht besonders viele Torraumszenen entstehen. Beide Mannschaften machten dabei einen konzentrierten Eindruck und lauerten auf einen Fehler des Gegners, sodass in den ersten 25 Minuten tatsächlich kein einziger nennenswerter Angriff zu notieren war. Dann foulte Bender Ronny, es folgten ein Freistoß aus etwa 20 Metern und das erste tiefe Durchatmen, als dieser sehr knapp rechts über das Tor geflogen war.

Micky musste noch in der ersten Halbzeit verletzt rausNach sage und schreibe 33 Minuten war dann auch der erste Angriff des BVB zu sehen: Immobile war alleine durchgebrochen und an einem Gegenspieler hängen geblieben, der zweite Ball aber wieder beim BVB gelandet. Mkhitaryan zog entschlossen aus der Distanz ab, zielte aber deutlich zu hoch – passend zum gegenwärtigen Spiel blieb er nach dieser Szene direkt liegen und musste verletzt ausgewechselt werden. Irgendetwas im Oberschenkel hatte gezwickt, später ergab die ärztliche Untersuchung einen Muskelbündelriss und eine Pause von etwa sechs Wochen. Für Mkhitaryan kam Kuba neu ins Spiel, der nach seinem Comeback unter der Woche gleich 60 Minuten Bundesligaluft schnuppern durfte.

Wirklich schwungvoll wurde es nun aber auch nicht. Das Konzept mit den drei Sechsern schien nach vorne nicht aufzugehen, Gündogan hatte dank Niemeyers enger Manndeckung kaum Gelegenheit zur Entfaltung. In der Defensive schlichen sich dazu immer öfter Böcke ein und Hertha witterte Luft. In der 39. Minute konterten die Berliner nach einem Abspielfehler Kehls im Mittelfeld schnell, aber Schmelzer hatte aufgepasst und konnte den Ball in höchster Not klären. Doch Sekunden später war dem BVB dieses Glück in der gleichen Situation nicht mehr gegönnt: Subotic spielte einen riskanten Pass zu Kuba, der von zwei Gegenspielern gut abgeschirmt war und nicht an den Ball kommen konnte. Per-Ciljan Skelbred fing den Ball ab und leitete den blitzartigen Konter ein, Hummels grätschte ins Leere, Julian Schieber ließ Kehl ganz lässig stehen und schob mühelos zum 1:0 ein. Zwei halbherzige Versuche Gündogans und Aubameyangs sowie eine Großchance Herthas später (Fehler Hummels, Pass auf Roy Beerens, Langerak sicher) hatte der Schied
srichter dann endlich ein Einsehen und bat die Mannschaften zum Pausentee.

Blöd: Ausgerechnet Julian Schieber schoss das entscheidene TorMan wusste nicht, was man als Zuschauer empfinden sollte. Freude über das weitgehend sichere Spiel, das den Puls nicht allzu oft in die Höhe schnellen ließ? Wut über die blutleere, ideen- und kraftlose Vorstellung, die einem weitaus weniger gut besetzten Gegner so gut wie keine Schwierigkeiten bereitet hatte? Resignation, weil die Mannschaft anstelle eines Hinrunden-Endspurts erneut ein Spiel zu verlieren drohte und kein Rezept fand, um den so wichtigen Dreier auch tatsächlich zu landen?

Dieses Bangen hörte man dem Gästeblock auch wirklich an. Starke und schwache Phasen wechselten sich stetig ab, mal sangen alle und mal nur wenige. In manchen Situationen übertönte der Dortmunder Anhang die von Beginn an starke und mit viel Liedgut ausgestattete Ostkurve ganz lässig, um dann wieder in ein müdes Grundrauschen zurückzufallen. Durchgehende Bewegung war eigentlich nur am unteren Teil des Gästeblocks in der Nähe des Zauns zu sehen, es war nicht Fisch und auch nicht Fleisch – und Euphorie war nach dieser ersten Halbzeit ein rar gesätes Gut.

Adsrian Ramos kam zur Halbzeit neu ins TeamIn der Halbzeit entschied sich Jürgen Klopp für einen weiteren Wechsel. Kehl durfte draußen bleiben, möglicherweise hatte die lädierte Rippe noch ein wenig gezwickt und vielleicht hatte Klopp auch das dringende Bedürfnis nach mehr Offensive gesehen. Die Mannschaft änderte jedenfalls ihr System auf ein 4-4-2, das mit Immobile und dem mit lauten Pfiffen begrüßten Adrian Ramos nun zwei Stürmer aufzubieten hatte. Auch Hertha hatte sich in der zweiten Halbzeit etwas vorgenommen – der Schwung der letzten Minuten des ersten Durchgangs mit dem späten Tor sollte ausgenutzt und Borussia sofort wieder unter Druck gesetzt werden.

So konterten die Berliner noch giftiger, als in der ersten Halbzeit. In der 50. Minute musste erst Bender mit einem Foul klären, wenige Augenblicke später blieb Änis Ben-Hatira in der Viererkette hängen. Kurz darauf trag Psizczek trifft Skjelbred hart und nahm den gelben Karton auf sein Konto, bis Ben-Hatira erneut auf links durchgebrochen war und bei freiem Schussfeld aus spitzem Winkel nur das linke Außennetz traf. Bis auf einen schwachen Freistoß Schmelzers nach einem Foul an Kuba in Nähe des rechten Strafraumecks gab es von Borussia noch immer nicht viel zu sehen – wer an eine druckvolle Aufholjagd geglaubt hatte, kam sich nun endgültig ein wenig bescheuert vor.

Während das Publikum nach den eingeblendeten Toren der Bayern raunte und nach den Kölner Toren lautstark jubelte, nahmen sich die Herthaner nun mehr und mehr zurück – das flotte Spiel gegen die nach wie vor lauffreudigen aber ineffizienten Borussen, hatte einiges an Körnern gekostet. Der BVB, der zu diesem Zeitpunkt auf Platz 16 und zuvor sogar Platz 17 abgerutscht war, musste nun endlich aus dem Quark kommen: In der 65. Minute tauchte Immobile plötzlich vor Thomas Kraft auf, konnte diesen mit seinem Gewaltschuss aber nicht überwinden. Gündogans Freistoß zwei Meter vor dem Strafraum (nach Foul von John Brooks an Kuba) blieb in der Mauer hängen, Hummels wuchtigen Kopfball nach der anschließenden Ecke konnte Kraft jedoch erneut zur Ecke klären (72. Minute).

Aubameyang gegen HegelerBorussia drückte nun auf die Tube, war von einem Offensivfeuerwerk aber nach wie vor meilenweit entfernt. Schmelzers Verzweiflungsschuss aus der zweiten Reihe stellte Kraft vor keine besonderen Probleme, auch Gündogans Distanzschuss wurde mühelos pariert (79./80. Minute). Man konnte auf der Tribüne verrückt werden, wie harmlos die Angriffsbemühungen ausfielen und wie viele Zuspiele in Strafraumnähe in diesen so entscheidenden Minuten nicht ihr Ziel fanden. Als Immobile aus kürzester Distanz wieder an einer Glanzparade Krafts scheiterte und dann auch noch aus sieben Metern Torentfernung eine butterweiche Flanke am offenstehenden Tor vorbeiköpfte (86./87. Minute), war klar – Borussia hatte auch dieses Spiel verloren.

Die Offensivbemühungen kamen viel zu spät und zaghaft, Immobile agierte vor dem Tor weniger abgebrüht als der Bulle von Backnang und Henrikh Mkhitaryan ausgerechnet bei einem mutigen Torschuss so schwer, dass er die so wichtige Vorbereitung auf die Rückrunde komplett verpassen wird. Wie verunsichert die Mannschaft war, zeigte sich dann nach Spielende: Statt zu den Fans zu gehen, die in den Bereichen neben dem Gästeblock „die Schnauze voll“ hatten und „Kampfbereitschaft“ einforderten, versammelten sich die Spieler im Mittelkreis und steckten dort die Köpfe zusammen. Kapitän Hummels verzog sich direkt in die Kabine, während Kehl und Roman Weidenfeller auf die Fans im Gästeblock zugingen und dort einige Worte wechselten. Die Mannschaft kam dann doch noch in Richtung der Fans und wurde von den Stehplätzen lautstark angefeuert, während sich Weidenfeller die Zeit nahm Autogramme zu schreiben und Fanwünsche zu erfüllen. Es sah so aus, als hätten sich die beiden alten Herren die Kritik der letzten Wochen zu Herzen genommen und erkannt: Kein Borusse hat etwas zu befürchten, wenn er sich in die Nähe der eigenen Fans begibt. Es wäre schön, wenn sich diese Erkenntnis Klopp tröstet Ciro Immobilebei allen Spielern durchsetzen würde, gerade nach so schmerzlichen Niederlagen.

Statistik

Hertha: Kraft - Pekarik, Hegeler, Brooks, Schulz - Niemeyer - Beerens, Skjelbred, Ronny, Ben-Hatira - Schieber
Wechsel: Hosogai für Skjelbred, Van den Bergh für Ben-Hatira (beide 70.), Lustenberger für Ronny (82.)

BVB 09: Langerak - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Kehl - Bender, Gündogan - Aubameyang, Mkhitaryan - Immobile
Wechsel: Kuba für Mkhitaryan (35.), Ramos für Kehl (46.), Sahin für Subotic (83.)

Tor: 1:0 Schieber (40.)
Gelbe Karten: Brooks, Kraft – Piszczek
Zuschauer: 75.250

Stimmen zum Spiel

Jetzt ist guter Rat teuerJürgen Klopp: "Ich habe ganz normal wie jede Woche den Kader gemacht - und dann festgestellt, dass Kevin nicht dabei ist. Es ist nicht so, dass ich mir überlege, wen ich nicht in den Kader nehme und den Rest dann aufstelle. Deshalb gilt das auch nur für diese Woche, beim nächsten Spiel werde ich einen neuen Kader aufstellen. (...) Wir sind uns der Situation maximal bewusst und hinterfragen uns ständig, auch ich meine eigene Arbeit. Zu Späßen und Witzen ist uns dabei derzeit nicht zumute, wir diskutieren die wichtigen Themen und Probleme sehr deutlich. Wenn wir aus dieser Situation wieder herausgekommen sind, werden wir alle noch viel näher zusammengerückt sein. (...) Zunächst haben uns die Fans nach Spielende ihre Meinung sagen wollen, vollkommen zurecht nach dieser ersten Hälfte, aber dann hat sich das sehr schnell geändert und wir haben nochmal richtig Unterstützung gespürt. Eines kann ich dabei in jedem Fall sagen: Unsere Fans haben sich bislang überhaupt gar nichts zuschulden kommen lassen - als einzige. Denn wir können das von uns nicht behaupten."

Noten

Langerak: Kaum geprüft, beim Gegentor weitgehend machtlos. Gegen Spielende viel in der Offensive unterwegs, allerdings ohne nennenswertes zu bewirken. Note 3.

Piszczek: Viele Angriffe kamen über seine Seite, lieferte sich mit Ben-Hatira manches Duell. In der Offensive mit Ausnahme eines harten Fouls unspektakulär. Note 3,5.

Subotic: Böser Fehlpass vor dem Gegentreffer, ansonsten gegen selten angreifende Berliner weitgehend sicher. Note 3,5.

Nicht ganz so stark wie zuletzt, ließ sich beim Gegentreffer vom eher als hölzern bekannten Schieber böse vernaschen.Hummels: Grätschte vor dem Gegentreffer ins Leere, brachte kurz danach mit einem erneuten Fehlpass Hektik ins Spiel und ermöglichte Hertha die sofortige Großchance zum 2:0. Verschwand nach Spielende sofort in der Kabine, von einem Kapitän hätte man da mehr erwarten dürfen. Note 4,5.

Schmelzer: Defensiv nur selten gefordert, offensiv zumindest bemüht. Alles in allem eine solide, aber glanzlose Partie. Note 3.

Kehl: Nicht ganz so stark wie zuletzt, ließ sich beim Gegentreffer vom eher als hölzern bekannten Schieber böse vernaschen. Bewies nach Spielende dafür große Führungsqualitäten, als er zu den Fans ging und sich einem wenig angenehmen Gespräch stellte. Kaum einer verkörpert den BVB so sehr, wie er. Note 3.

Bender: Machte seine Sache gut, konnte aber erwartungsgemäß kaum Impulse nach vorne setzen. Äußerte sich nach Spielende mit deutlichen Worten, versteckte sich nicht hinter anderen und nahm seinen Teil der Verantwortung auf sich. Note 3.

Gündogan: Brauchte sehr lange, um sich von Niemeier loszueisen, und konnte dem Spiel zu keinem Zeitpunkt seinen Stempel aufdrücken. Die Ideenlosigkeit ging zu einem Großteil auf sein Konto, schwache Standards und Distanzschüsse kamen dazu. Alles in allem nicht sein Tag. Note Konnte nach seiner Einwechslung nicht wirklich überzeugen, wurde von Subotic vor dem Gegentreffer arg in Bedrängnis gebracht. Note 3,5.4,5.

Aubameyang: Kaum zu sehen und dann auch selten mit guten Szenen. Note 5.

Mkhitaryan: Da schießt er endlich einmal beherzt aufs Tor und fummelt nicht bis zur Torauslinie herum, um sich gerade dabei zu verletzen. Gute Besserung! Note 3,5.

Immobile: Es ist zum Verzweifeln. Viele Schüsse gingen nicht aufs Tor, die anderen wurden von Kraft pariert. Mindestens einen Treffer musste er machen, doch setzte er den Kopfball aus kurzer Entfernung vorbei am leeren Kasten. Note 5.

Kuba: Konnte nach seiner Einwechslung nicht wirklich überzeugen, wurde von Subotic vor dem Gegentreffer arg in Bedrängnis gebracht. Note 3,5.

Ramos: Zeigte an alter Wirkungsstätte eine schwache Partie, hatte fast keine Szenen und agierte dann auch schwach. Note 5.

SSC, 14.12.2014


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