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Im Gespräch mit... - 10.11.2014

BVB-Fanbeauftragter Daniel Lörcher: "Wir scheinen die rechte Szene ordentlich zu nerven"

Spruchband auf der Südtribüne vor dem Spiel gegen Hannover 96Vor kurzem ist der BVB für sein Engagement gegen Rechts mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichnet worden. In unserem Interview reden wir mit Daniel Lörcher, ehemaliges Vorstandsmitglied der Ultra-Gruppierung "The Unity" und seit 2013 Fanbeauftragter des BVB, über die Antidiskriminierungsarbeit des Vereins, die jüngsten Provokationen der rechten Szene gegen seinen Kollegen Jens Volke – und warum Anti-Rassismus eben keine Politik ist und sehr wohl ins Stadion gehört.

schwatzgelb.de: Noch einmal herzlichen Glückwunsch auch von unserer Seite zum Gewinn des Julius Hirsch-Preises. Wenn Du mal auf das Jahr 2012 zurückblickst, als auf der Südtribüne das NWDO-Banner gezeigt wurde, hättest Du damals gedacht, dass der BVB 2014 diesen Preis vom DFB bekommt?

Daniel Lörcher: Vielen Dank, wir sind begeistert von der Auszeichnung. Dass wir einmal so einen Preis gewinnen würden, war für mich schon vorstellbar. Für uns ist die eigentliche Auszeichnung aber, wie viele Fans in der Zwischenzeit sich klar gegen Rassismus und Diskriminierung stellen und wie selbstverständlich der BVB in diesem Bereich inzwischen agiert. Es hat sich unglaublich viel getan, daher würde ich den Preis gar nicht explizit herausheben wollen.

schwatzgelb.de: Also würdest Du sagen, das war etwas, was man so hätte erwarten können? Der BVB ist damals in der Presse ja richtig ins Kreuzfeuer genommen worden. Gut, Du warst damals noch nicht beim BVB angestellt.

Daniel Lörcher: Jens Volke und Sebastian Walleit hatten und haben ein großes Interesse, in diesem Bereich eine Menge zu bewirken. So gab es zum Beispiel bereits im Jahr 2008, mit dem Beginn ihrer Arbeit beim BVB, die erste Gedenkstättenfahrt nach Dachau und einen Besuch bei der Mondiali Antirazzisti. Wir können alle zusammen als BVB stolz sein, was sich in den letzten eineinhalb Jahren darüber hinaus entwickelt hat. Das merkt man überall im Haus: Ob es in der Abteilung Organisation mit Dr. Christian Hockenjos an der Spitze ist. Oder in der Kommunikation. Auch im Merchandising und im Marketing. Alle gehen offensiv und selbstbewusst mit diesem Thema um. Das finde ich einfach schön.

Die Westtribüne gegen Hannoverschwatzgelb.de: Inwiefern zum Beispiel?

Daniel Lörcher: Zum Beispiel dadurch, dass wir aktuell eine Schulung für alle Merchandising-Mitarbeiter vorbereiten. So wollen wir noch besser darauf achten, Trikot-Beflockungen mit verbotenen Symbolen und Codes zu vermeiden. Natürlich hatten wir dieses Thema bislang auch schon auf dem Schirm, aber den Fokus darauf möchten wir weiter intensivieren. In der Umsetzung war das sehr einfach, wir haben angefragt und sind sofort auf offene Ohren gestoßen. Das ist wirklich eine tolle Entwicklung.

schwatzgelb.de:  Kannst Du noch mal generell die Umrisse Eures Konzepts vorstellen? Auf welchen Säulen basiert das und was steht dahinter?

"Es kann immer wieder zu negativen Vorfällen kommen"

Daniel Lörcher: Unser Konzept umfasst fünf Säulen. Wir haben es gemeinsam mit der KoFaS (Kompetenzgruppe „Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“ an der Uni Hannover, d. Red.) auf Grundlage einer wissenschaftlichen Ausarbeitung von Gerd Dembowski erstellt und ausgearbeitet. Erste Säule ist die Fanarbeit: Wir möchten den Fans die Möglichkeit geben, gemeinsam mit uns coole Projekte umzusetzen, beispielhaft sind hier Spruchbandaktionen, die Tatort-Stadion-Ausstellung oder Unterstützung in der FARE-Woche. Hierbei geht es auch um ein Feedback in der Stadionzeitung oder auf der Homepage, also darum, dass wir darüber in den Klub-Medien berichten. Zum anderen geht es darum, Fans miteinander  zu verbinden, also ein Netzwerk auszubauen. Die Fans und Fanclubs sollen voneinander wissen, um sich noch besser austauschen zu können.

Dann gibt es die Säule Interne Maßnahmen. Das sind Schulungen des Ordnungsdienstes, von Volunteers, von Merchandising-Mitarbeitern und vielen mehr. Darüber hinaus ist auch das Ziel, einen Informationsfluss zu schaffen und die Mitarbeiter zu sensibilisieren.

schwatzgelb.de: Was sind die weiteren Säulen, von denen Du gesprochen hast?

Daniel Lörcher: Die dritte Säule ist die Netzwerkarbeit. Hierzu gehören alle Akteure,  die BVB-nah bzw. BVB-intern laufen: Das Borusseum, die BVB-Stiftung „leuchte auf!“, die BVB | Fan- und Förderabteilung. Darüber hinaus zählen aber auch lokale und überregionale Netzwerkpartner dazu, sei es das Fanprojekt oder die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, die Koordinierungsstelle der Stadt Dortmund, die DGB-Jugend oder der DGB als Gesamtes, aber auch Sponsoren wie zum Beispiel Evonik oder Opel.

Für uns ist bei der Netzwerkarbeit vor allem wichtig, dass wir nicht isoliert als BVB handeln, sondern uns gemeinsam mit den anderen Akteuren in der Stadt Projekten und vor allem auch den Problemen widmen. Außerdem bedeutet dieses Netzwerk für uns auch einen Rückhalt, schließlich kann es immer wieder zu negativen Vorfällen kommen.

Kranzniederlegung im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz-BirkenauDann gibt es als vierte Säule die PR- und Öffentlichkeitsarbeit. Hier geht es unter anderem darum, unsere Inhalte, unsere Maßnahmen und deren wissenschaftliche Bewertung nachhaltig in der Öffentlichkeit zu platzieren. Egal, ob durch interne Kommunikation, die bereits erwähnten Klubmedien oder das zielgerichtete Platzieren von Interviews, Texten, Bewegtbildbeiträgen oder Vorträgen. Beispielsweise waren wir neulich in den Niederlanden und haben an der Universität in Tilburg, vor 300 Studenten, einen Vortrag über Marketing und Anti-Rassismusarbeit gehalten. Genauso zählt da aber auch der Videospot hinzu, also klare Statements.

Und die letzte Säule ist die Gedenkpolitik, weil wir finden, dass es sehr wichtig ist, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Hier sind natürlich unsere bekanntesten Beispiele die Gedenkstättenfahrten oder aber auch die Unterstützung des Heinrich-Czerkus-Laufes.

Neben diesen fünf Säulen gibt es ergänzend den Aktionsplan des BVB. In diesem wurde für 18 Monate definiert, welche Aktionen wir umsetzen können. Für den ersten Zeitraum, der bis zum 27. Januar 2015 läuft, hatten wir drei Ziele definiert. Ab dann erstellen wir einen neuen Aktionsplan für die nächsten zwei Jahre. Das Grundlagenkonzept ist das, worauf sich bei Borussia Dortmund alle verständigt haben. Der Aktionsplan soll gewährleisten, dass alle fünf Bereiche im Gleichgewicht laufen und dass man nicht ein Thema überfrachtet, weil es gut läuft, und die anderen vernachlässigt.

"Wir können unsere Fans nicht alleine lassen"

schwatzgelb.de: Was waren die drei Ziele, die Ihr Euch jetzt gesetzt habt?

Daniel Lörcher: Wir wollten ganz allgemein einen Klimawandel erreichen: Der BVB und seine Fans sollten sich offen gegen Rassismus und Diskriminierung positionieren. Wir wollten mehr Fans miteinander verbinden und die Wahrnehmung des BVB in der Öffentlichkeit verändern. Uns war klar, dass weiterhin über Dortmund, den BVB und Rechtsextremismus berichtet wird – schließlich gibt es dieses Problem weiterhin, auch beim BVB. Für uns war daher wichtig, dass der BVB als Akteur wahrgenommen wird, der das Problem erkannt hat und etwas dagegen unternimmt. Wir glauben, ja wir wissen, dass wir hier auf einem guten Weg sind. Zuletzt wurde unsere Arbeit von mehreren Medien gelobt, beispielsweise von der taz.

schwatzgelb.de: War das auch der Anlass für das Konzept?

Daniel Lörcher: Der Anlass war die Überzeugung zu diesen antirassistischen Werten und das Bewusstsein, aktiver sein zu müssen. Wir können nicht unsere Fans in der Fanszene alleine lassen, die sich teilweise schon seit Jahren aktiv einbringen und sich auch trauen, den Mund aufzumachen. Es gab ganz viele Ansätze, warum man irgendwann gesagt hat, wir müssen unser Engagement bündeln und vernünftig aufziehen. Es gab ja auch vorher schon Projekte, aber nicht dieses fokussierte Ziel.

Solidaritätsbanner nach den tätlichen Angriffen in Donezkschwatzgelb.de:  Gab es denn irgendein Ereignis oder einen Zeitpunkt, der dazu geführt hat, dass man gesagt hat „jetzt packen wir das mal zusammen“?

Daniel Lörcher:  Ein festes Ereignis kann man nicht benennen. Nach dem Spruchband „Solidarität für den NWDO“ wurde der Arbeitskreis Rechtsextremismus hier im Hause gegründet. Das war schon ein erster Schritt in diese Richtung. Es gab in den Augen der Öffentlichkeit nicht nur ein Fanproblem, sondern Vieles fokussierte sich auch auf den Ordnungsdienst. Dazu gab es natürlich auch die Übergriffe auf Thilo und Jens in Donezk. Durch das Verstärken der Maßnahmen und durch das Öffnen für diesen Bereich haben wir festgestellt: Wir benötigen ein Konzept.

schwatzgelb.de: Wie hat sich dieser Kreis im Haus gebildet? Haben da Leute gesagt, "ich habe da Bock drauf" oder wie seid Ihr das angegangen?

Daniel Lörcher: Das ist ganz klar unsere Abteilung und Aufgabe von Petra, Timm, Sebastian, Jens und mir, also aller Fanbeauftragten. Dr. Hockenjos verantwortet das Ganze. Wir haben die Kernkompetenz gebündelt: Wir haben jemanden von der Stadt und der Polizei eingeladen und erst einmal diese Vorfälle aufgearbeitet. Daraus hat sich dieser stetige Arbeitskreis entwickelt, der nach und nach durch weitere Akteure ergänzt wurde. Zusätzlich wurde vor etwas mehr als einem Jahr die KoFaS als wissenschaftliche Begleitung dazu genommen. Dadurch ist noch mal eine zusätzliche Professionalität in dieses Thema gekommen.

Wichtig ist uns hierbei aber auch hervorzuheben, dass alles ohne die tolle Unterstützung und wichtige Mitarbeit der BVB | Fan- und Förderabteilung und des Fan-Projekt Dortmund e.V. nicht so möglich gewesen wäre. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir in diesem Thema alle an einem Strang ziehen.

schwatzgelb.de: Ihr hattet gesagt, dass das Preisgeld, dass Ihr jetzt für den Julius-Hirsch-Preis bekommen habt, für ein lokales Projekt in Lublin verwendet werden soll. Erzähl doch mal kurz, wie das Projekt aussehen soll.

Daniel Lörcher: Das kann ich leider nicht, weil es noch nicht konkret ist. Ich kann Euch grob skizzieren, dass das Preisgeld von Seiten des BVB knapp verdoppelt wird, um dann einen internationalen Förderverein in Polen zu unterstützen. Es handelt sich um ein Bildungsprojekt für Jugendliche aus ganz Europa.

Holocaust-Mahnmal in Majdanekschwatzgelb.de: Letzte Woche kam die Meldung, dass Gerd Dembowski zur Fifa wechselt. Hat das irgendwelche Auswirkungen auf Euch? Bleibt die Zusammenarbeit mit der KoFaS bestehen?

Daniel Lörcher: Ja, das ist alles besprochen. Wir waren im Vorfeld informiert und konnten uns darauf einstellen. Robert Claus, unser zweiter Ansprechpartner, unterstützt uns nun alleinverantwortlich. Wir wünschen Gerd in jedem Fall viel Erfolg bei der Fifa, er ist genau der Richtige, um dieses Thema an so wichtiger Stelle voran zu treiben.

"Zwischen den Bundesliga-Clubs gibt es einen Austausch, auch anderswo häufen sich die Probleme"

schwatzgelb.de: Was hat denn der BVB durch die bisherige Zusammenarbeit mit der KoFaS anders gemacht? Was für Anregungen kamen von deren Seite, auf die Ihr vielleicht so gar nicht gekommen wärt?

Daniel Lörcher: Die KoFaS ist für uns ganz oft eine zusätzliche Sicherheit. Wir haben das Grundlagenkonzept gemeinsam ausgearbeitet, wir reflektieren unsere Projekte und erhalten auch in kritischen Situationen immer wieder kompetente Unterstützung.  Die KoFaS hat zu Beginn ein Fanhearing durchgeführt. Es wurden viele Fans befragt, und wir erhielten anonymisiert eine direkte Rückmeldung auf die Probleme in der Fanszene.

schwatzgelb.de: Wie siehst Du denn, wenn wir da mal kurz einhaken dürfen, das Standing der KoFas innerhalb der Fanszene? Herrschte da anfangs Skepsis? Beim letzten Borussentreff und auf der Fandelegiertentagung bestand ja die Möglichkeit, die KoFas und ihre Arbeit den Fans quasi vorzustellen.

Daniel Lörcher: Da Gerd und Jonas Gabler vielen ein Begriff waren, wurde das als professionelle Hilfe auch anerkannt. Es gibt aber kaum direkte Berührungspunkte, weshalb das Thema nicht negativ belastet war.

schwatzgelb.de: Arbeitet der BVB mittlerweile eigentlich auch mit anderen Bundesliga-Vereinen zusammen? Vernetzt man sich da untereinander?

Daniel Lörcher: Es gibt einen guten Austausch zwischen den Clubs. Das heißt, wir haben Anfang dieses Jahres einfach mal Kollegen anderer Vereine eingeladen und sie zu der Situation und deren Umgang mit Problemen in diesem Bereich befragt. Wir werden auch angesprochen: Zum Beispiel im Hinblick auf Gedenkstättenfahrten. Der DFL-Bereich Fanangelegenheiten hat auch Fachtagungen für alle Fan- und Sicherheitsbeauftragten zum Thema Rechtsextremismus veranstaltet. Das heißt, es gab einen Erfahrungsaustausch und Vorträge. Das soll auch weiter forciert werden. Es läuft an vielen Standorten etwas an, weil sich die Probleme auch andernorts häufen.

Verschiedene Anti-Rassismus-Plakate auf der Südtribüneschwatzgelb.de: Wie sieht die konkrete Zusammenarbeit mit anderen Organisationen auf lokaler Ebene auf? Also die Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, die Stadt Dortmund usw. Der BVB hat ja nicht allein ein Problem mit Rechtsradikalen, sondern die ganze Stadt.

Daniel Lörcher: Bei der Steinwache zum Beispiel ist es einfach zu erläutern: Wir baten die Steinwache aufgrund des Buches, das sie vor einer Weile herausgegeben hat (Ohne Rückkehr. Die Deportation der Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg nach Zamość im April 1942, Anm. d. Red.), um Unterstützung bei unserer Gedenkstättenfahrt nach Lublin. Der Leiter der Steinwache ist mit uns nach Polen gefahren, war als zusätzlicher Historiker mit vor Ort und auch für die Teilnehmenden greifbar. Er hat Fragen beantwortet und konnte einen starken lokalen Bezug herstellen. Außerdem findet gemeinsam mit der Steinwache, Heimatsucher e.V. und dem Borusseum am 13.11.2014 ein Zeitzeugengespräch im Borusseum statt.

Mit der Koordinierungsstelle der Stadt Dortmund gibt es einen Erfahrungsaustausch und die Umsetzung und Unterstützung von Aktionen und Maßnahmen. Wir sitzen in der Stadt im Begleitausschuss, wo auch ganz viele Stadtteilverbände und Zusammenschlüsse vertreten sind.

"Wir begegnen Politik, die von den Nazis bewusst ins Stadion getragen wurde"

schwatzgelb.de: Wie steht der BVB generell zu der Aussage, Politik hätte im Stadion nichts zu suchen?

Daniel Lörcher: Für uns ist Anti-Rassismus keine Politik, sondern normaler Menschenverstand. Wir begegnen mit unserer Anti-Rassismus-Arbeit Politik, die von den Nazis immer bewusst ins Stadion getragen wurde. Zu sagen, man ist antirassistisch oder antidiskriminierend, ist etwas, das in unserer Vereinssatzung und auch im Grundgesetz festgeschrieben steht. Darauf Wert zu legen, hat nichts mit „links sein“ oder gar Linksextremismus zu tun. Das ist also einfach normaler Menschenverstand.

schwatzgelb.de: Nun konzentriert sich der BVB sehr auf Anti-Diskriminierungs- und Anti-Rassismusarbeit. Andere Bereiche, wie zum Beispiel das Engagement gegen Homophobie fallen hingegen etwas ab. Wie siehst du das – gehören all diese Themen eigentlich zusammen, oder differenziert ihr da bewusst?

Daniel Lörcher: Wir haben grundsätzlich ein Konzept zu Anti-Diskriminierung. Ausgangspunkt stellte die Arbeit gegen Rassismus und organisierten Rechtsextremismus dar, jedoch werden wir den Blick perspektivisch erweitern, auch auf das Thema Homophobie.

schwatzgelb.de: Wie, glaubst du, wirkt das Engagement, das ihr gerade beim BVB betreibt, in die rechte Szene rein? Kannst du das einschätzen?

Daniel Lörcher: Ich kann das nur über ihre eigene Kommunikation einschätzen. Danach zu urteilen, scheinen wir sie ordentlich zu nerven. Als Beispiel kann hier die Verleihung des Julius Hirsch-Preises durch den DFB genannt werden. Die Nazis haben über ihre Propagandakanäle diese Auszeichnung antidiskriminierender Arbeit als „Antifa-Preis“ bezeichnet. Das war schon mehr als amüsant und für alle Leser leicht zu durchschauen. Es klang regelrecht verzweifelt, wie versucht wurde, solch eine Verleihung zu diskreditieren. Ich finde gut: Wir nerven die Nazis.

"Die Provokationen gegen Jens sind ein typischer Versuch der Einschüchterung"

schwatzgelb.de: Habt ihr gleichzeitig im Blick, dass, wenn ihr jemanden so nervt, derjenige irgendwann auch mal zurückschlagen könnte? Macht ihr euch Gedanken darüber, dass möglicherweise eine größere Aktion von Seiten der Nazis folgen könnte, oder glaubt ihr, dass sie dieser Personenkreis in erster Linie zurückzieht?

"Fußball ist Fußball - Rassismus bleibt Rassismus" im Gästeblock in KölnDaniel Lörcher: Das Ganze hat zwei Seiten. Die Nazis könnten sich, wie in der vergangenen Woche, auf uns persönlich stürzen: Hier war erneut Jens Ziel der Provokation, als man eine HoGeSa-Demo auf seinen Namen angemeldet hatte. Nach seiner Veröffentlichung der Geschichte und einem klaren Statement  gegen Rassismus kam dann eine Veröffentlichung vermeintlicher privater Daten und Anschuldigungen über ein rechtes Internetportal. Das ist eine typischer Versuch der Einschüchterung.

Auf der anderen Seite, also im Stadion, sind wir immer darauf eingestellt, dass irgendwas passieren kann. Unsere Ordner sind geschult, der Sicherheitsbeauftragte ist fest im Thema. Es kann aber immer sein, dass etwas durchgeht. Oder dass irgendwas ins Stadion geschmuggelt wird und man auf einmal ein riesiges Spruchband auf der Tribüne hat. Der Unterschied wäre aber, dass viel mehr umstehende Fans mitbekommen würden, was passiert, und sensibel reagieren würden. Für uns wäre ein Vorfall natürlich nicht schön, aber auch kein Weltuntergang, weil es eigentlich nur die Bestätigung darstellt, dass es die Personen immer noch gibt und dass sie ihre rechte Haltung auch weiter ins Stadion tragen. Davon gehen wir sowieso aus, da uns das Thema stetig beschäftigt.

schwatzgelb.de: Wie regiert der Verein, wenn er von solchen Aktionen, von solchen Gruppen im Stadion Kenntnis erhält?

Daniel Lörcher: Alles, was gegen die Stadionordnung verstößt, ist Sache des Ordnungsdienstes: Die Personalien werden festgestellt und die Person des Stadions verwiesen. Ganz oft wird darüber hinaus auch bei Thor Steinar-Klamotten und anderer verbotener Kleidung, die der rechten Szene zuzuordnen ist, ein Stadionverbot ausgesprochen.

schwatzgelb.de: Habt ihr einen Überblick, wie oft tatsächlich Leute versuchen, mit Thor Stainer-Kleidung ins Stadion zu kommen?

Daniel Lörcher: Es fällt leider ganz oft nicht auf. Aber es gibt immer wieder Personen, die durch den BVB-Ordnungsdienst abgewiesen oder des Stadions verwiesen werden.

schwatzgelb.de: Was ratet ihr Leuten, die mitbekommen, dass jemand rassistische Äußerungen tätigt?

Daniel Lörcher: Wir raten grundsätzlich dazu, sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Man sollte sich Mehrheiten schaffen, andere Fans drum herum ansprechen. Dann entweder die Person ansprechen oder einen Ordner darum bitten, dass gehandelt wird. Wir Fanbeauftragte sind auch immer für solche Problematiken ansprechbar.

"Unser Ordnungsdienst wird jährlich überprüft"

schwatzgelb.de: Passiert das in dieser Form schon?

Daniel: Lörcher: Ja, wir haben immer wieder Fans, die Ordner ansprechen, und die dann auch handeln.

Klare Botschaft der Südtribüneschwatzgelb.de: Kann ich denn damit rechnen, dass es keine rechtsradikalen Ordner mehr gibt?

Daniel Lörcher: Ja, klar. Jeder, der dem BVB bekannt ist, fliegt raus. Unser Ordnungsdienst wird jährlich überprüft und wenn dem BVB Personen gemeldet werden, dann werden diese auch tatsächlich aus dem Ordnerkreis entlassen. Das ganze erfolgt natürlich nicht ohne eine Überprüfung.

schwatzgelb.de: Kannst du nachvollziehen, dass es Fans gibt, die glauben, es würde nichts bringen, zum Ordner zu gehen und die dann eher nicht handeln?

Daniel Lörcher: Klar. Jeder hat auch so eine innere Hemmschwelle, die man erstmal überwinden muss, um sich zu trauen, etwas zu sagen. Es geht ja nicht nur darum, den Ordner anzusprechen, sondern auch mal den Mund aufzumachen und etwas zu sagen. Ich kann aber auch immer nur sagen, dass man uns genauso gut ansprechen kann.

schwatzgelb.de: Nochmal zurück zu den Gedenkstättenfahrten. Du hast ja bereits gesagt, dass eine Säule eures Konzeptes die Vernetzung der Fans untereinander ist. Was genau erhofft ihr euch davon?

Daniel Lörcher: Wir möchten die positiven Kräfte miteinander bekannt machen. Die Fans sollen immer wissen: Da gibt es noch weitere Fans die genauso denken, wie man selbst.Die Anzahl der Leute, die wir zu solch einer Fahrt mitnehmen können, ist begrenzt. Aber wir sprechen ja bewusst Multiplikatoren aus Fanclubs, Ultra-Gruppierungen oder Fanzines an. Die erzählen dann weiter und begeistern neue Leute dafür. Wir glauben einfach, dass es gut ist, für dieses Thema eine Mehrheit zu schaffen, und die Fahrten tragen einen Teil dazu bei.

schwatzgelb.de: Wenn solche Netzwerke wie beispielsweise ballspiel.vereint! entstehen, dann ist es aber schon im Sinne des Vereins, wenn diese bei ihren Aktivitäten zwar stets den BVB stärkend im Rücken wissen, sich aber andererseits auch in gewissem Maße von ihm emanzipieren?

Daniel Lörcher: Ich finde es wichtig, dass das Thema Antidiskriminierung nicht von oben aufgezwungen wird. Niemand soll denken, er müsse sich jetzt damit auseinandersetzen, weil der BVB das gerne möchte. Das kann nicht funktionieren. Wir als Verein können unsere Position klar machen und so auch in Vorleistung gehen, indem wir einen Raum schaffen, in dem sich Fans gegen Diskriminierung engagieren können. Wir finden ballspiel.vereint! und ihr bisheriges Engagement toll, vor allem, da es so vielschichtig ist und viele Fans aus unterschiedlichsten Bereichen mitwirken.

schwatzgelb.de: Wie schwierig war es, die Mitarbeiter des Vereins intern für Antidiskriminierungsarbeit zu begeistern oder in der vereinseigenen Berichterstattung neben dem Sportlichen eben auch Platz für dieses Thema zu schaffen?

Daniel Lörcher: Das war kein großes Problem. Wir sind uns hier alle einig.

"Es wird viel zu oft die 'Politik ist Politik, Fußball ist Fußball'-Diskussion geführt"

Foto der Gedenkstättenfahrt von BVB-Fans im Sommer nach Ostpolen, hier Bełżecschwatzgelb.de: Bei Dynamo Dresden prangte kürzlich beim Spiel gegen Fortuna Köln anlässlich der FARE-Woche keine Werbung auf dem Trikot, sondern „Love Dynamo – Hate Racism“. Ist so etwas beim BVB auch vorstellbar?

Daniel Lörcher: Grundsätzlich ja.

schwatzgelb.de: Und hältst du das auch für wahrscheinlich?

Daniel Lörcher: Finde ich schwierig, das jetzt zu versprechen. Aber wir pflegen eine gute Zusammenarbeit mit Evonik und haben dieses Thema grundsätzlich schon einmal intern diskutiert, aber bisher noch nicht forciert. Es ist gut vorstellbar, dass der BVB irgendwann mal eine ähnliche Botschaft auf dem Trikot tragen könnte.

schwatzgelb.de: Der BVB hatte vor einiger Zeit ja auch einen T-Shirt-Wettbewerb ausgerufen. Fans sollten Motive einreichen, die das Bekenntnis des Vereins zu Weltoffenheit und gegen Rassismus und Diskriminierung zum Ausdruck bringen. Das beste Motiv soll in den Fanshops des BVB als T-Shirt vertrieben werden. Wie ist da der aktuelle Stand?

Daniel Lörcher: Das Projekt hat sich leider sehr lange hingezogen. Mittlerweile gibt es aber ein Siegermotiv, das bald vorgestellt wird.

schwatzgelb.de: Über positive Beispiele für Netzwerkarbeit unter den Fans haben wir ja bereits gesprochen. Welche Erwartungen hast du darüber hinaus an die BVB-Anhänger?

Daniel Lörcher: Es wird immer noch viel zu oft die „Politik ist Politik, Fußball ist Fußball“-Diskussion geführt. Und ich verstehe auch nicht, wie man Antirassismus-Arbeit als Politik einstufen kann, das ist mir unverständlich.

Daniel Lörcher (Quelle: bvb.de)schwatzgelb.de: Gerade dieses Argument findet sich auch bei uns sehr häufig in den Facebook-Kommentaren, wenn wir über die Antidiskriminierungsarbeit des BVB oder allgemein berichten. Diese Einstellung ist eine Gefahr, wobei sich auf die Frage stellt, von wie vielen sie tatsächlich getragen wird und ob das Internet hier nicht die Realität verzerrt.

Daniel Lörcher: Natürlich sind die Kommentare bei Facebook nicht repräsentativ, und man sollte sie nicht überbewerten. Wir stellen vermehrt fest, dass viele normale Fans sich nicht mehr an den Kommentaren beteiligen, da sie von den Inhalten genervt sind. Und die Leute, die so etwas sagen, sind nicht alle gleich extreme Rechte. Man merkt daran aber schon, dass Alltagsrassismus weiterhin ein großes Problem ist. Ich wünsche mir deshalb ein höheres Bewusstsein, sodass eine gewisse Antidiskriminierungs-Kultur beim BVB Einzug erhält. Dieser Prozess hat begonnen, und glaubt mir: Wir verfolgen ein sehr langfristiges Konzept!

goldkind, Nina, Malte S., 10.11.2014

 


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