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Unsa Senf - 27.08.2014

Fußball statt Fahnen!

Als ich Samstag den Block betrat, wurde meine Vorfreude nur durch Taubenkot getrübt. Als ich den Block Samstag wieder verließ, dachte ich: "Ich hatte ganz vergessen, wie wenig Spaß ein Spiel in Block 13 macht!" Ein Appell.

Endlich wieder Bundesliga, endlich wieder Borussia, endlich wieder Südtribüne! So oder so ähnlich dürften sich viele gefühlt haben, als sie vergangenen Samstag den Block betraten, den viele Dauerkarteninhaber als "Heimat" oder mindestens als "zweites Zuhause" bezeichnen würden. Die Vorfreude war sicher allenthalben riesig und entsprechend fickerig und heiß wie das sprichwörtliche Frittenfett dürften die meisten Anwesenden gewesen sein. Die vor dem Spiel verteilten Luftballons und Bierkrausen wurden motiviert und in freudiger Erwartung vorbereitet und pünktlich zum Einlaufen der Mannschaften in die Luft geschmissen... doch dann nahm das Unheil seinen Lauf.

Macht keinen Spaß: Verdeckter Blick aufs Feld dank großen Fahnen und DoppelhalternWie ich mittlerweile weiß, war es Karim Bellarabi, der Samstag Geschichte schrieb und das schnellste Tor der Bundesliga-Historie erzielte. Nach nur 09 Sekunden zappelte der Ball im Netz von Mitch, ein neuer Eintrag in der langen traditionsreichen Chronik der Bundesliga wurde angelegt, ich war mit dabei - nur gesehen haben ich und sehr, sehr viele andere davon nichts. Ein großes Meer von Fahnen wogte wie die See hin und her, nachdem das Spiel angepfiffen war, nachdem der Ball in Richtung unseres Tores befördert wurde und auch als die Pille im Netz einschlug.

Nun kann man sicher entschuldigen, dass nur wenige Sekunden nach Anpfiff noch einige Fahnen im Raum stehen - dieser Umstand war aber leider ein exemplarisches Bild für die aktuelle Situation auf der Südtribüne und insbesondere in den Blöcken 12 und vor allem 13 und ein denkbar nerviger Start in die neue Saison. In den folgenden Minuten verging viel, sehr viel Zeit, bis man aus dem Block ausnahmsweise mal wieder einen Blick auf das (leider verhältnismäßig miese) Spiel unserer Elf werfen konnte, bis man sah, dass sich die Werkself in das Spiel biss und die Borussen wenig entgegenzusetzen hatten, bis man wahrnahm, welche Wirkung das geschichtsträchtige Tor von Karim Bellarabi entfachen sollte.

Um nicht weiter drumherum zu reden: Es nervt. Es nervt kolossal. Vielen von uns liegt sicher etwas am Support der Elf auf dem Rasen, fast alle von den Leuten in meinem Umfeld sind allgemein recht sangesfreudig, doch der wahre Grund für unseren Besuch im Stadion ist das Spiel auf dem Rasen. Und das wird uns genommen von jungen unreflektierten Bengeln ohne Sozialkompetenz, von dreisten egoistischen Selbstdarstellern und trotzigen Unterstützern. Vor allem aber wird es uns von anderen Borussen genommen; Menschen, die aus demselben Grund wie ich im Stadion zu sein scheinen und eigentlich daran interessiert sind, mit mir und allen um mich herum die bestmögliche Unterstützung für das Team auf dem Rasen heraufzubeschwören.

Besonders in engen Gästeblöcken ist ein Ausweichen kaum möglichNun mag man vortrefflich darüber streiten, welche Gesangsart jene ist, die das Team am besten nach vorne peitscht. Lautstärke, Szenenapplaus und der längst vergangene Westfalenstadion-ROAR! sind aber ganz sicher eher Thema in der Kabine als Vorwahlen, Lenzköpfe oder der heilige Reinoldi. Während ich mir bestens vorstellen kann, dass Mats Hummels mit Gänsehaut vom Platz geht, weil das Stadion vor lauter Wille, Lautstärke und positiver Aggression fast sein Dach verloren hätte, fällt es mir unheimlich schwer, mir vorzustellen, wie Marco Reus und Kevin Großkreutz auf dem Platz sinnieren, wie toll die Fahnen auf der Süd während des Spiels mal wieder aussahen. "Hast du das gesehen?" gilt vielleicht für Choreos, während des Spiels fokussiert sich das Team aber auf das Spiel - und genau das sollten einige auf der Tribüne auch mal wieder tun.

In Zeiten von zunehmender Kommerzialisierung, von einem Verein wie RedBull im deutschen Profifußball, von Sicherheitspapieren, Stadionverboten und Ticketpreiserhöhungen wirkt es äußerst befremdlich, dass sich ausgerechnet die Traditionalisten unter den Fans selbst immer weiter vom Spiel auf dem Platz entfernen und zu ihrem eigenen Event werden. Während man gemeinsam in Hamburg vor dem Stadion bleibt, um gegen die Preisspirale zu protestieren, nimmt man selbst sehr vielen Borussen, die "teures Geld" für ihre Eintrittskarte zahlen mussten, die Sicht auf das Spiel. Während man gegen eine riesige Werbefahne vor der Südtribüne wetterte, die bei "You'll never walk alone" herabgelassen wurde, "wirbt" man während des Spiels (!) minutenlang rücksichtslos für die eigene Gruppe. Während man sich über die fortwährende Kommerzialisierung, neue Fanshops und einen cleveren Marketingspruch auslässt, sammelt man zeitgleich Kohle für ein Kommunikationsnetzwerk und Merchandise-Artikel von verschiedenen Fanclubs, deren Hauptinteresse - das Spiel - man eigensinnig untergräbt. Während man sich allenthalben gegen einen sterilen, emotionslosen Sport wehrt, sorgt man selbst durch sein Verhalten für eine fortwährende Entkopplung eines Teils der Tribüne vom Geschehen auf dem Rasen. Ich mag mich irren, aber ich finde: Das passt nicht!

Besonders ärgerlich ist dieses Verhalten, wenn man selbst sich in fast jedem Aspekt des Tribünenlebens solidarisch zeigt. Meine eigene Gruppe hat sich zuletzt immer an Stimmungs- oder Materialboykotts des Kerns von Block drölf beteiligt, ohne den genauen Grund zu kennen oder davon selbst betroffen zu sein. Die Leute in meinem Umfeld helfen gern, wenn es darum geht, Spruchbänder hochzuhalten und somit Gruppenmeinungen nach außen zu tragen, die sie in dem Moment noch gar nicht kennen und vielleicht nicht mal teilen. Und als die Gruppe direkt vor uns letzte Saison für eine kleine Gedenkchoreo darum bat, zum Einlaufen auf unser eigenes Material zu verzichten, waren alle gerne bereit, dieser Bitte nachzukommen. Das rücksichtslose Dauerschwenken ist dafür dann der Dank?

Was uns ins Stadion treibt: Fußball, Kampf und Leidenschaft!In der vergangenen Woche präsentierte eine der Ultragruppen beim Borussentreff ihr Projekt „Südtribüne Dortmund“, ein Projekt, das uns alle einen soll, das verschiedene Fanströmungen auffangen und bündeln soll. Und ein Projekt, das Solidarität, nicht nur in monetärer Form von den Fanclubs auf der Südtribüne einfordert. Liebe Ultras von The Unity, ihr habt klar geäußert, dass ihr euch öffnen und einen Schritt auf die anderen Fans auf der Tribüne zugehen wollt. Davon ist, wie mir erzählt wurde, außer ein paar leeren Äußerungen auf der Auftaktveranstaltung, am ersten Spieltag nichts übrig geblieben. Die selbe Arroganz, die selbe Ignoranz und das selbe Selbstverständnis des besseren Fans habt ihr, wie schon so oft, zur Schau gestellt. Wie wollt ihr andere Fans und Fanclubs auf eure Seite ziehen und sie für eure Sache begeistern, wenn ihr die, die euch nicht nur gedanklich am nächsten stehen, ignoriert und ihnen immer und immer wieder vor den Kopf stoßt? Wie wollt ihr Akzeptanz auf dieser riesigen Tribüne gewinnen, wenn ihr nicht bereit seid, euch zu öffnen für die Anregungen von außen, wenn ihr nicht bereit seid, euer eigenes Verhalten zu hinterfragen? Die Fahnenschwenkerei erheblich zu reduzieren, das wäre ein deutliches Zeichen an uns Fans um euch herum, dass es euch ernst ist mit der „Südtribüne Dortmund“. Lasst euch daran messen!

Um zu veranschaulichen, wie weit das Problem inzwischen fortgeschritten ist, möchte ich kurz noch mal von meinem Samstag erzählen. Als ich mich zum Beispiel in der Halbzeitpause umdrehte und in die herumstehende Menge fragte, wer denn nun das Tor für Leverkusen erzielt habe oder wie es gefallen sei, erntete ich leere, ahnungslose und stumme Blicke aus zig verschiedenen Gesichtern. Ein elementarer Moment des ersten Saisonspiels von Borussia war unheimlich vielen Menschen entgangen. Als sich Mitte der zweiten Halbzeit dann erneut eine nervige Häufung des Fahneneinsatzes bemerkbar machte, wurde in meinem Umfeld gepöbelt und gebrüllt - gegen die eigenen Leute auf der Tribüne, nicht gegen das Team in Rot auf dem Rasen. Irgendwann kippte die Stimmung so weit, dass sich einige der Besucher um mich herum vor lauter Ohnmacht gegenüber den Fahnen schon fast Backsteine als Wurfgeschosse herbeiwünschten, weil alle bisherigen Versuche, das Problem zu schildern und einen Kompromiss zu finden, auf taube Ohren stießen. Das kann und will ich nicht unterstützen oder befürworten, doch es zeigt: Die Geduld ist endgültig erschöpft und "Dann stellt euch doch woanders hin" kein gültiges Argument. Recht muss Unrecht nicht weichen.

Führt nicht nur auf dem Platz ans Ziel: Teamwork und ZusammenhaltDieser Aufforderung zur Umpositionierung sind aus meinem direkten Umfeld, aber auch in Block 12, schon so manche Borussen nachgekommen, welche ihr ganzes Tribünenleben nur an diesem einen Ort verbracht haben. Wir reden hier nicht nur von zwei Jahren, nicht nur von fünf Jahren und auch nicht nur von zehn Jahren. Um mich herum verschwinden Gesichter, die ich bei jedem Spiel, an das ich mich im Westfalenstadion erinnern kann, gesehen habe, weil es für sie unerträglich geworden ist, das Spiel - den Grund ihres Stadionbesuchs! - nicht mehr mitzubekommen. Hier entstanden früher Verbundenheiten und sogar Freundschaften, die jetzt nicht mehr in der gewohnten Form existieren. Hat man sich früher jedes zweite Wochenende an seinem Platz im Block getroffen und zusammen gefachsimpelt, gejubelt und gelitten, werden diese Grüppchen zunehmend gesprengt und verteilt, weil sie schlicht und ergreifend die Schnauze von der rücksichtslosen und egoistischen Selbstdarstellerei im unteren Block drölf voll haben. Wenn man sich da ansieht, welche Reaktionen die Umsetzung von langjährigen Dauerkarteninhabern auf der Westtribüne hervorriefen und wie simpel, kooperativ und schlussendlich zufriedenstellend der BVB sich mit der dortigen Kritik befasste, sollten sich jene, die da am lautesten protestierten, vielleicht mal eine Scheibe von der Konfliktlösung beim BVB abschneiden. Anders als bei Borussia führten Kritik, Protest und Gespräche in Block drölf bisher nämlich weder zu Einsicht noch zu einem Kompromiss oder gar einer Lösung.

Abschließen möchte ich mit den Äußerungen eines Bekannten. Dieser konnte aufgrund der Krankheit eines Freundes am Wochenende dessen Karte übernehmen und sein erstes Spiel überhaupt von der Südtribüne aus erleben. Als ich ihm Freitag anbot, die Karte für Samstag zu nehmen, freute er sich mehr als der sprichwörtliche Schneekönig auf dieses bisher einmalige Erlebnis. Für viele Leute ist der Besuch der Südtribüne und insbesondere der Blöcke 12 und 13 ein Traum, der vielleicht niemals wahr wird. Als wir dann auf der Rückfahrt über seinen ersten Besuch der Süd sprachen, zeigte sich mein Bekannter enttäuscht: "Das war heute sicher kein Tag, an dem ich vor Aufregung und Adrenalin kaum einschlafen kann oder von dem ich meinen Enkeln erzählen werde. Am Fernseher hätte ich mehr vom Spiel gehabt..." Wollen wir wirklich, dass das der bleibende erste Eindruck unserer teilweise so mächtigen Südtribüne ist?

Daher appelliere ich an euch, lieber Stimmungsblock:
Fußball statt Fahnen! Emotionen respektieren - Materialeinsatz reduzieren!
Denn: Wir kommen alle wegen des Spiels auf dem Rasen ins Stadion, wir wollen alle unsere Mannschaft unterstützen, doch ein Schwenker hat noch nie ein Tor geschossen.

NeusserJens mit vielen, vielen anderen Leidtragenden, 27.08.2014


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