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Unsa Senf - 04.08.2014

Jägers Polizeipläne eine Chance für den Fußball

Spruchband aus dem Dezember 2012Fußball ohne Ninja-Turtles - geht jetzt endlich ein seit langer Zeit gehegter Wunsch in Erfüllung?

Mit voller Wucht platzte am Montag die Nachricht in die Fan-Welt, dass NRW-Innenminister Ralf Jäger den „Kräfteeinsatz optimieren“ möchte. In einem Pilotprojekt wird Jäger an den ersten vier Spieltagen der gerade angelaufenen Saison testen lassen, ob die Spieltage der Fußball-Ligen auch mit weniger Einsatzkräften der Polizei friedlich verlaufen.

Dies geht aus einer Pressemitteilung hervor, die das Innenministerium am Montag auf seiner Internetseite veröffentlicht hat. Demnach soll bei Spielen, „die in den letzten drei Jahren ohne Krawalle geblieben sind“, die Zahl der eingesetzten Bereitschaftspolizisten reduziert werden. Zugleich wird Jäger jedoch auch mit diesem Satz in der Pressemitteilung zitiert: „Ich sage es ganz deutlich: Einsätze bei Risikospielen bleiben unangetastet. Gleiches gilt für das konsequente Vorgehen gegen Gewalttäter.“

Ein Hardliner nun bereit zum Dialog?

Damit öffnet nun ausgerechnet jener Politiker plötzlich und unerwartet die Tür zum Dialog, der sich bisher als gnadenloser Hardliner profiliert hat und sich oftmals die unsäglichen Parolen der beiden Polizeigewerkschaften zu eigen machte. Genau aus diesem Grunde dürfte vielen Fußballfans am Montagmittag die Currywurst-Gabel vor Schreck aus der Hand gefallen sein, als die Meldung die Runde machte.

Transparente während der Aktion "Ohne Stimme keine Stimmung"Nun muss man natürlich stets vorsichtig sein, wenn Politiker - gleich welcher Partei - großspurige Versprechungen in die Welt hinausposaunen. Doch dieser Vorschlag Ralf Jägers, so kritisch ich dem Innenminister bislang gegenüberstand und -stehe, verdient eine Chance, ohne gleich zerredet zu werden! Wichtig ist aber, dass den Worten jetzt auch Taten folgen!

Die Zeiten, in denen in völlig unkritischen Heimspielen beispielsweise gegen Wolfsburg, Augsburg, Freiburg oder Hoffenheim eine Armada an Cops mit Helm und Schlagstock die Strobelallee säumen, müssen beendet werden. Genau diesen Effekt muss die Ankündigung Ralf Jägers haben. Der Meldung des Portals „DerWesten“ zufolge sollen Shuttle-Busse von den Bahnhöfen zu den Stadien „generell nicht mehr polizeilich begleitet“ werden.

Ohne unsinnige Schleusen in die vorholländische Prärie?

Man stelle sich einmal vor: Man erreicht ein Auswärtsspiel, sagen wir in Mönchengladbach am Rheydter Bahnhof, und wird nicht mehr von einer Armee Ninja-Turtles empfangen, die im Zweifel auch noch völlig sinnbefreite Schleusen an den Treppen einrichten, durch die man dann hindurch gescheucht wird, um dann mit Blaulicht und viel Trara über die vorholländische Prärie in die Beton- und Blechhütte verfrachtet zu werden. Oder man kann zu den Heimspielen im Regionalexpress fahren, ohne dass vollprotektierte Beamte stets mit einer Hand am Knüppel an den Zugtüren und in den Abteilen völlig deeskalierendes Misstrauen schaffen.

Dies, genau dies, ist eines meiner Wunschszenarien rund um die Fußballstadien. Und genau diesem öffnet der Vorstoß des Ralf Jäger nun die Türen. Wir Fußballfans sind nun aber gut beraten, dies nicht von Anfang an als Worthülsen abzutun. Sollte sich der Polizeieinsatz bei völlig unkritischen Spielen reduzieren, so ist unsere Seite gefordert, die ausgestreckte Hand auch anzunehmen. Natürlich ist des Innenministers Vorstoß wohl eher Kostengründen und explodierenden, nicht mehr händelbaren Einsatzstunden entsprungen als rationaler Einsicht; aber der Vorstoß des (Ex-?)Hardliners ist nun einmal in der Welt. Die Muskelspiele zwischen Fußballanhängern und Politik sollten in der kommenden Zeit ruhen; die aktive Fanszene sollte sich im Rahmen der „Probezeit“ auch entsprechend verhalten, ohne dies als durch die Staatsmacht oktroyiertes und daher abzulehnendes Verhalten zu verstehen - damit wir diese hoffentlich schöne, neue Zeit auch länger als vier Spieltage lang erleben können.

Was werden die Risikospiele sein?

Spruchband vor dem Derby 2014Es wird jedoch auch interessant, was die Einsatzplaner wohl alles als Risikospiele einstufen werden, bei denen die Zahl der eingesetzten Beamten nicht reduziert werden soll. Es bleibt zu hoffen, dass nicht amokmäßig jedes zweite Spiel zum Hochsicherheitsspiel stilisiert wird, wie es beispielsweise in der vergangenen Saison bei Auswärtsspielen des Wuppertaler SV der Fall war. Bei unserem oder dem rheinischen Derby ist eine Vielzahl von Polizisten an den Anfahrtswegen leider unerlässlich. Doch im normalen Bundesliga-Alltag, der - pessimistisch geschätzt - 290 der 306 Spiele umfassen dürfte, brauchen wir die Armeen aus grünen und blauen Hulks nicht.

Doch auch in der Dritten Liga, in der unsere Amateure regelmäßig richtige Erzrivalen wie Holstein Kiel, die SpVgg. Unterhaching, Wehen Wiesbaden oder Jahn Regensburg empfangen, brauchen wir keine Hundertschaften und Reiterstaffeln rund um die Rote Erde. Insbesondere hier wurde und wird bislang unnötig Steuergeld verbrannt, das man für sinnvollere Aufgaben hätte verwenden können. Schon seit langer Zeit fordere ich hier eine starke Reduzierung - und vielleicht passiert diesbezüglich nun endlich etwas.

Doch der Vorschlag sollte auch über NRW hinaus zu einem Pilotprojekt werden. So habe ich bis heute nicht verstanden, wieso vor rund einer Woche in Erfurt neben unzähligen Beamten auch noch zwei Wasserwerfer rund um den Gästeblock postiert waren; einer davon derart futuristisch gebaut, dass ich annahm, dass während des Spiels die nächste Transformers-Episode neben dem Steigerwaldstadion abgefilmt würde. Und dies soll nur eines von zahlreichen Beispielen sein, die man als Fußballfan vierzehntäglich irgendwo auswärts in Deutschlands Stadien erleben kann.

Polizeigewerkschaft hetzt gegen Jägers Pläne

Fantrennung durch die Polizei hinter der Nordtribüne beim Derby 2014Es dauerte natürlich nicht lange, bis sich auch die Polizeigewerkschaften zum Thema äußerten. So wird in dem oben angesprochenen Artikel des Portals „DerWesten“ der NRW-Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Arnold Plickert, in Bezug auf die als Gewalttäter eingestuften Fans mit diesen Worten zitiert: „Wenn wir uns in die Hinterhöfe zurückziehen, zerlegen die uns die Straßen“. Mehr Drama ist ihm wohl nicht eingefallen, als sein Handy klingelte und er um seine Einschätzung befragt wurde. Plickert nannte Jägers Plan demnach „völlig inakzeptabel“, da fortan weniger Polizisten einer gleichen Zahl an Gewalttätern gegenüberstehe.

Zwar sind Plickerts Aussagen als die typisch polizeigewerkschaftliche Hetze einzuordnen, aber in einem Punkte geht der GdP-Funktionär in die richtige Richtung: Wir Fans sind nun gefordert. Gewaltsame Vorfälle müssen noch mehr als zuvor vermieden werden, damit der Fußball in Zukunft wird, was er eigentlich sein soll: Ein völlig entspannter Zeitvertreib am Wochenende.

Die Innenminister der 15 anderen Bundesländer täten daher gut daran, dem Beispiel ihres Amtskollegen aus NRW zu folgen und endlich die Präsenzen der Polizisten bei völlig unproblematischen Fußballspielen, also gefühlten 98 Prozent aller Spiele, deutlich zu reduzieren. So argwöhnisch man den Vorschlag Ralf Jägers begleiten muss, so aufgeschlossen sollten wir Fans ihm dennoch auch begegnen. Wir haben uns jahrelang über die mediale Hetze beschwert und aufgeregt. Nun wurde die Tür zu einem entspannten Stadionbesuch geöffnet, gehen wir hindurch und zeigen den Populisten aus den Reihen der Polizeigewerkschaften und der Politik, dass sie zu Unrecht gegen uns Fußballfans gehetzt haben. Alles andere wäre eine herbe Niederlage für den Fußball.

Daniel Mertens, 04.08.2014


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