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Unsa Senf - 30.07.2014

Wir sind alle Dortmunder Jungs?

Als die britische Independent berichtete, dass Shinji Kagawa möglicherweise von Manchester United verkauft werden solle, überschlugen sich soziale Medien und insbesondere unser Forum mal wieder. "Muss man machen!" war die überwiegende Meinung – allein schon um Reus' Abgang nächsten Sommer zu kompensieren. Doch Marco Reus ist weder bereits gewechselt noch nur irgendein Spieler im Kader der Borussia: er ist einer von nur zwei gebürtigen Dortmundern.Kevin Großkreutz herzt Shinji Kagawa

Denkt man an Borussia Dortmund und DEN Dortmunder schlechthin, denkt man an Kevin Großkreutz. Der frischgebackene Fußballweltmeister fiel auf durch Fangesänge, Pferdelunge und seine Vergangenheit auf der Südtribüne. Immer wieder war Kevin daher Ziel von blauen Anfeindungen und Empfänger besonderer Lobhudeleien, besonders mit ihm hielten die wiederholten "Wir sind alle Dortmunder Jungs!"-Gesänge Einzug in das Westfalenstadion. Die Botschaft war immer, egal ob in Kneipe, Stadion oder Zeitung, egal ob seine Leistung ausbaufähig, stark oder herausragend war: Kevin, dat is' einer von uns!

Wo wir gerade bei Lobhudeleien sind: Mit denen wird auch ein junger Japaner überhäuft, der mittlerweile schon länger nicht mehr zum Kader des BVB zählt als er überhaupt Teil davon war. Shinji Kagawa ist immer wieder Traum und Wunschspieler vieler BVB-Fans, obwohl er beim Ruf aus dem Mutterland des Fußballs relativ schnell die Abreise antrat – wenn auch unter Tränen. Warum ist das so? Weshalb wird der kleine Japaner hier dermaßen verehrt? Liegt es an seiner unnachahmlichen Spielweise und seiner sympathisch-bescheidenen Art? Liegt es an seinen Treffern gegen die Blauen? Ist die Erinnerung an eine märchenhafte Zeit der Grund? Oder ist die große Beliebtheit allein dem Ohrwurm-Charakter des importierten Fangesangs für ihn geschuldet?

Es gibt nämlich einen Spieler im Kader des BVB, der aufgrund seines besonderen Geburtsorts und seiner sportlichen Leistung durchaus größere Wertschätzung verdient hätte als er aktuell erhält: Marco Reus, Dortmunder, 30 Tore und 23 Vorlagen in 60 Ligaspielen für die wahre Borussia. Und doch wirkt er irgendwie nicht so integriert und verankert beim BVB wie sein Freund und Kollege Kevin Großkreutz. Wie kommt das?

Mit dem Heimatverein in der Königsklasse: Marco ReusGenau wie Kevin wurde Marco in Dortmund geboren, genau wie Kevin nahm Marco den Umweg Ahlen in die Bundesliga, genau wie Kevin kehrte Marco letztlich zu seinem Stamm- und Heimverein zurück, um für Furore zu sorgen – und doch hört und liest man gefühlt nur davon, dass Reus im kommenden Sommer wechselt und nur noch im Raum stünde, zu welchem europäischen Top-Verein. Weshalb ist das so? Wieso erfährt Marco Reus unter den Fans des BVB weder eine vergleichbare Bewunderung noch einen ähnlichen Rückhalt wie Kevin Großkreutz oder der andere "Dortmunder Jung" Nuri Sahin, bei dessen Rückkehr aus Madrid fast das Stadiondach abgehoben wäre? Warum bekommt dieser begnadete Ausnahmespieler, dem das Talent aus den Ohren heraussprudelt und der schon gesamte Spiele im Alleingang entschieden hat, nicht die Sprechchöre, die zum Beispiel Jakub Blaszczykowski erhält?

Liegt es daran, dass Marco beizeiten etwas unbeteiligt und divenhaft wirkt, weil er auf dem Platz nicht Kilometer frisst und den Rasen umpflügt wie Manni oder Schmelle? Ist seine sehr schüchterne, zurückhaltende und möglicherweise arrogant wirkende Art abseits des Platzes der Grund dafür? Wird Marco nicht so besungen wie Kagawa, weil er nicht Teil des märchenhaften Aufstiegs des BVB war und erst nach den drei Titeln der Ära Klopp dazustieß? Hat der hohe Preis seiner Rückkehr nach Hause den Erwartungsdruck erhöht und lässt ihn daher nicht so heimisch erscheinen wie den "kostenlosen" Großkreutz? Oder liegt es wirklich einzig und allein daran, dass der Wechsel von seinem guten Kumpel Götze nach München das Dortmunder Märchen der elf Freunde jäh und schmerzhaft enden ließ und das Trauma samt Angst vor der finanziellen Übermacht aus dem Süden noch nicht überwunden ist?

Marco spielte schon als Kind beim BVB </br>(Foto: marcoreus.de)Es mag sein, dass Marco Reus in seinem Vertrag eine Klausel hat, die der des Mario Götze ähnelt. Geschenkt. Und es mag auch sein, dass sich Marco bisher mit seiner Zuneigung gegenüber Heimat und Fans eher bedeckt hielt, statt sein Herz wie Kevin auf der Zunge zu tragen. Das ist wohl schlicht nicht seine Art. Was aber schade und ärgerlich ist, ist der Umstand, dass man Marco schon heute fast die Briefmarke auf den Hintern klebt und diesen genialen Fußballer mit der ganzen Kälte des Geschäfts behandelt, weil man ein, zwei oder drei mal miese Erfahrungen mit anderen Spielern gemacht hat. Ganz egal was Mario Götze, Robert Lewandowski oder Shinji Kagawa getan haben: Marco Reus hat sich nichts zu schulden kommen lassen, ist gebürtiger Dortmunder und seit Kindestagen Borusse. Das hat er schon und immer wieder gezeigt und betont, als er noch am Niederrhein Tore gegen die Blauen schoß und sinngemäß so etwas verlauten ließ wie: "Sie kriegen mich vielleicht aus Dortmund, aber sie kriegen Dortmund niemals aus mir."

Wird Zeit, dass wir ihm auch endlich mal mit der entsprechenden Wärme und Zuneigung begegnen, die wir anderen "Dortmunder Jungs" zukommen lassen. Stand heute spielt Marco bis zum 30. Juni 2017 für Borussia Dortmund – hoffentlich auch noch einige Jahre darüber hinaus. Jemand mit Dortmund im Herzen braucht den BVB auf der Brust!

NeusserJens, 30.07.2014


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