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Reportage - 19.07.2014

BVB-Fans zu Besuch in der Todesfabrik

Eingangstor des Stammlagers Auschwitz IDer BVB, die Fanabteilung und das Fan-Projekt Dortmund luden Mitte Juli wieder zu einer Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz. Die Teilnehmer sammelten zahlreiche Eindrucke und spürten das Grauen, das von den einzelnen Schauplätzen im polnischen Oswiecim heute noch ausgeht. Da geriet auch das WM-Finale in den Hintergrund.

Gleich am Tag der Ankunft in der Internationalen Jugend-Begegnungsstätte von Oswiecim besuchte die BVB-Reisegruppe das Stammlager Auschwitz I. Was ist das bloß für ein Ort, an dem der Besucher den blauen Himmel verflucht, blühende Blumen am liebsten ausreißen und sattgrünen Rasen platttreten würde? Schönes Wetter, Blüten und Picknickwiesen passen einfach nicht nach Auschwitz, an einen Ort, der keine Farbe verdient hat.

Und doch verströmt das Stammlager Auschwitz I die Atmosphäre einer ärmlichen Mietskaserne: In Reih und Glied stehen aus roten Ziegeln gemauerte, zweigeschossige Barracken. Das berühmte Portal mit dem Spruch „Arbeit macht frei“ führt in das Freilichtmuseum. Glücklicherweise hatte die Gruppe BVB-Fans einen Guide, der sie ausführlich informierte und jeden Eindruck von „Das kann ja gar nicht so schlimm gewesen sein“ im Keim erstickte: „Hier gab es früher kein Gras, es gab nur Schlamm“, sagte Museumsführer Janosz und sorgte bei der Gruppe für die richtige – bedrückte – Stimmung. Vermutlich wirkt Auschwitz erst im Herbst oder Winter so, wie es der Ort verdient hätte.

Tödlicher Stacheldraht im StammlagerIn zahlreichen Barracken des flächenmäßig erstaunlich kleinen Stammlagers sind Ausstellungen zu finden, die den Lageralltag zeigen. Bald wird klar: Das Leben war eines auf Abruf. Das Stammlager Auschwitz I war zwar kein Vernichtungslager, aber auch hier wurden nicht arbeitsfähige Häftlinge vergast und anschließend im Krematorium verbrannt – zu Testzwecken. Wer nicht spurte, kam in den Gefängnistrakt, in dem die Häftlinge den Foltermethoden der Nazis vollends ausgeliefert waren. Nicht selten endete der Aufenthalt im Lager-Gefängnis vor dem Erschießungskommando.

Auschwitz erstickt jeden schlechten Witz im Keim, bevor ihn der Kopf zuende denken kann. Lachen passt nicht an diesen Ort. Viele Besucher schweigen, sind fassungslos, wenn sie durch die Ausstellungen in den Barracken gehen. In einer wird das Wenige gezeigt, was von den Lagerinsassen heute noch üblich ist: bergeweise Prothesen, Schuhe, Koffer, Brillen und Haare. Es sind die allerletzten Überreste der Häftlinge, denn Gräber gibt es nicht an diesem unwirklichen Ort. Der Weg aus Auschwitz raus führte meist durch den Schornstein des Krematoriums.

Die Besichtigung des Stammlagers hinterließ bei der Gruppe gemischte Gefühle. Die aufgeräumte Optik des Lagers und die Grausamkeit der dort verübten Taten passen nicht zusammen. Glücklicherweise bot das Team an jedem Abend bei einer Abschlussrunde die Möglichkeit, die gewonnen Eindrücke im Gespräch mit der Gruppe zu sortieren.

Das berühmte Torgebäude von BirkenauDer zweite Tag führte die Gruppe ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Obwohl dort deutlich weniger intakte Gebäude stehen, ist das Grauen viel greifbarer als im Stammlager. Kamine stehen auf dem schier endlosen Gelände wie Grabsteine und machen dem Besucher deutlich, wie viele Holzbarracken einst auf dem jetzt weitgehend grünen Feld gestanden haben müssen. Im mehr als 200 Fußballfelder großen Birkenau betrieb die SS eine perfekte Vernichtungsmaschinerie. Die meisten Neuankömmlinge wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft ins Gas geschickt, weil sie nicht arbeitsfähig waren. Darunter fielen alte, schwache und kranke Häftlinge, aber auch Mütter mit kleinen Kindern. Zigtausende Kleinkinder wurden in Birkenau vergast. Wer die Selektion an der Rampe überlebte, musste sein Dasein unter menschenunwürdigen Bedingungen im Dreck der überfüllten Barracken fristen. Arbeitsunfähigkeit bedeutete den Tod in der Gaskammer. Schätzungen zu Folge starben mindestens 1,1 Millionen Menschen, die meisten Juden, in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau.

Im Gegensatz zum Stammlager stehen in der Todesfabrik Birkenau nur noch die Ruinen der Gaskammern. Doch der Ort wirkt auch so und strahlt pure Grausamkeit aus. Die BVB-Fans erfuhren von all den Grausamkeiten, die im Lager von den Nazis verübt wurden, vom Dahinvegetieren in den Barracken, von der Vernichtung durch Arbeit und von den grausamen Experimenten Dr. Mengeles an Zwillingen und Kleinwüchsigen.

Kranzniederlegung in Birkenau neben den Ruinen einer alten GaskammerDie Eindrücke aus Birkenau konnte jedenfalls keiner aus der Gruppe bis zum Anpfiff des WM-Endspiels zur Seite schieben. Deutschland anzufeuern und zum Sieg zu brüllen wirkte fehl am Platze. So schafften es die Dortmunder Gruppenmitglieder, die der deutschen Mannschaft die Daumen drückten auch, dem Spiel mit der gebotenen Demut und ohne Großmäuligkeit oder übertriebenes Pathos zu folgen. Im Gegensatz zu einer anderen – süddeutsch geprägten – Gruppe, die ebenfalls im Begegnungszentrum war.

Überhaupt war die Atmosphäre der sehr bunt zusammengestellten Dortmunder Gruppe untereinander sehr entspannt. Die Liebe zum BVB und die Ablehnung von Rassismus dürften die kleinsten gemeinsamen Nenner der Gruppe gewesen sein, doch die täglichen Eindrücke vor Ort schweißten zusammen. Bei den überaus geselligen Abenden kam das Gespräch denn auch immer wieder auf die Erlebnisse vom Vortag – das Bedürfnis der Aufarbeitung des Gesehenen war jedem deutlich anzumerken.

Gedenktafel in Birkenau: "Dieser Ort sei allzeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit."Vor Ort in Auschwitz konnten die BVB-Fans Geschichte nicht nur lesen, sondern anfassen. Sie betraten Orte, die sie sonst nur aus dem Fernsehen kannten: Gaskammern und andere ganz reale und doch jeder Vorstellung entrückte Orte des Grauens. Die Reise wird bei den meisten Teilnehmern noch lange nachwirken. Sie werden über ihre Erlebnisse sprechen, vermutlich immer in Häppchen, wenn wieder irgendein schreckliches Bild in der Erinnerung auftaucht, und sie werden Fotos zeigen. Und da man Auschwitz-Fotos nicht unkommentiert zeigen kann, werden sie ihre Eindrücke wiedergeben. Genau das ist der Hintergrund, den der BVB mit dieser Reise verfolgt. Die Mitreisenden werden gewissermaßen zu Botschaftern für Toleranz und gegen Rassismus. Ein vielversprechender Ansatz. Nächstes Jahr wird der BVB wieder Auschwitz besuchen.

desperado09, 19.07.2014


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