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Unsa Senf - 27.03.2014

Ein Irrtum und das „friedlichste Derby aller Zeiten“

Beide Fanlager an der NordtribüneIch habe mich geirrt. Ja, ich bin davon ausgegangen, dass es beim Revierderby zu körperlichen Auseinandersetzungen und im Gästeblock zum - massiven - Einsatz von Pyrotechnik kommen würde. Doch weit gefehlt! Statt einer befürchteten Eskalation durch die Hardliner in Schwarzgelb und Blauweiß erlebte ich eines der friedlichsten Derbys seit Jahren. „Das friedlichste Revierderby aller Zeiten“, resümierten gestern sogar die Polizei Dortmund und die Vereine Borussia Dortmund und Schalke 04 in einer gemeinsamen Presseerklärung.

Dabei bin ich jedoch nicht zwingend dem medialen Hype auf den Leim gegangen. Verschiedene Faktoren ließen mich - leider - fest davon ausgehen, dass sich die Gewaltspirale rund um das Westfalenstadion weiterdrehen würde, die Vorzeichen schienen eindeutig zu sein. Da waren zunächst einmal die unschönen Szenen im Hinrunden-Derby, von denen ich - aus Erfahrung - annahm, dass sich die Gegenseite dies nicht reaktionslos bieten lassen würde. Ferner hatte ich die Vorfälle vom Kölner Rudolfplatz mit einer kolportierten Teilnahme von Angehörigen einer Dortmunder Ultragruppierung im Hinterkopf. Und als jüngstes Beispiel sorgten insbesondere die Vorfälle - die öffentlich zweien unserer Ultragruppierungen zugeschrieben werden - rund um das Auswärtsspiel am vergangenen Wochenende bei Hannover 96 nicht gerade für eine gelassene Grundstimmung bei mir. Exakt vor zwei Wochen hatte ich im dritten Teil der Derby-Serie meine Zweifel ob des Sicherheitskonzeptes zum Ausdruck gebracht. Mit einem Gefühl der Anspannung machte ich mich auf den Weg zum Stadion.

Deeskalation, wie man sie sich wünscht

Situation vor der NordtribüneDoch glücklicherweise habe ich mich geirrt! Um kurz vor 17 Uhr passierte ich den Bereich an der Nordtribüne an diesem Nachmittag zum ersten Mal. Ich erblickte eine Armada an Polizeiwagen und unzählige Uniformierte ihre Positionen einnehmen - doch entgegen des bei diesen Bildern bei mir üblicherweise einsetzenden Unwohlseins merkte ich, dass die Vertreter der Staatsmacht dieses Mal anders erschienen, als man es weithin gewohnt ist. Die Ordnungshüter traten aufgeschlossen, nett und freundlich auf und sorgten so für eine sehr angenehme Grundstimmung. Deeskalation, wie ich sie mir seit Jahren bei Fußballspielen wünsche - und von der ich hoffe, dass sie auch in Zukunft, nicht nur bei Derbys, anzutreffen ist.

Nach dem Spiel machte ich mich schnell auf den Weg Richtung Hauptbahnhof. Auch hier herrschte angenehme Ruhe, die von der Aura der im Hintergrund bleibenden Polizisten gesichert wurde. Okay, ich kann nicht einschätzen, wie die Situation eine Dreiviertelstunde später war, als auch die Blauen nach ihrer Blocksperre im Hauptbahnhof eintrafen. Nach allem, was man bisher vernahm, war die Situation in jenen Minuten aber wohl nicht viel anders als in jenen Minuten, in denen ich mich dort aufhielt. Ich konnte jedenfalls in Ruhe noch in einem amerikanischen Schnellrestaurant vorbeischauen und unbehelligt die Toilette aufsuchen, ehe ich mich entspannt auf den Weg zu meinem Zug machte, in dem es auch keinerlei negativen Vorkommnisse gab - und das übrigens gänzlich ohne Polizisten in den Abteilen.

Fanverhalten genauso wichtig wie das Sicherheitskonzept

Gästeblock beim DerbyNun ist die entspannte Atmosphäre sicherlich zu einem gewissen Teil dem Sicherheitskonzept zuzuschreiben - ein Umstand, den ich vor zwei Wochen an dieser Stelle quasi ausgeschlossen habe; errare humanum est. Doch zu berücksichtigen ist, dass in meinen Augen das besonnene Auftreten der Fans - insbesondere der Ultra-Gruppierungen - ein elementarer Bestandteil des friedlichen Verlaufs war. In diesem Aspekt bin ich mir sicher: Hätten die schwarzgelben wie blauweißen Hardliner, die sich vorwiegend aus dem Ultra-Bereich rekrutieren dürften, eine Eskalation gewollt - es wäre auch mit diesem Sicherheitskonzept dazu gekommen. Doch offenbar war nicht zuletzt die Drohung, dass es bei Vorfällen wie im Hinspiel zu Derbys ohne Gästefans kommen würde, Grund genug, an diesem Dienstagabend auf jegliche Art von Provokation zu verzichten; selbst die wechselseitigen Schmähgesänge zwischen den Fanlagern hielten sich in Grenzen.

Entsprechend resümierte der Dortmunder Polizeipräsident: „Die Fans beider Mannschaften haben sich so verhalten, wie man sich Fußballfans wünscht.“ Und Dr. Christian Hockenjos, Direktor Organisation bei Borussia Dortmund, ergänzte: „Ein Dank gilt insbesondere auch den Fans, die sich so verhalten haben, wie wir es uns alle wünschen. Absolute Unterstützung ohne jegliche Pyro und Gewalt. Es war das erste Derby seit einigen Jahren, bei dem nicht die nächste Eskalationsstufe erreicht wurde; ein guter Schritt in die richtige Richtung, dem hoffentlich weitere folgen werden.“

Ultras sind sich ihrer Verantwortung bewusst

Spruchband von The UnitySowohl die Dortmunder als auch die blaue Ultra-Szene hatten sich offenbar - sicherlich unabhängig voneinander - dazu entschlossen, die Eskalation nicht weiter voranzutreiben. Vor diesem Hintergrund erscheint auch ein Banner „The Unitys“ aus dem Heimspiel gegen Mönchengladbach rückblickend in einem anderen Licht, auf dem es hieß: „Derby-Sicherheitskonzept: Dummer Aktionismus oder gezielte Provokation? Polizei und Medien, wollt ihr die Eskalation?“ Es hat mich mit großer Erleichterung erfüllt, zu erkennen, dass sich unsere Ultra-Szene ihrer Verantwortung gegenüber der gesamten Fanszene bewusst ist; ebenso erfreulich ist der Verzicht auf (fast) jegliche Form der Provokation und Rache für das Hinspiel seitens der Gästefans angesichts der drohenden Konsequenzen für beide Fanlager bei neuerlichen Fehltritten.

Nichtsdestotrotz bleibt mit einem Blick in die Vergangenheit ein seltsames Gefühl. Vorgestern, als Dortmund im Brennglas der Öffentlichkeit stand und eine deutsche Meisterschaft zur Randnotiz verkam, blieb es entgegen der offenbar weit verbreiteten Erwartungshaltung ruhig. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch bei kommenden Derbys der Fall ist, bei denen der Hype weniger groß sein wird. Es wird höchste Zeit, dass der organisierte Support und die Choreografien - beides schwerwiegende positive Aspekte der Ultra-Kultur - wieder die Schlagzeilen beherrschen. Die Hand ist ausgestreckt, mögen nun alle Beteiligten diese annehmen. Oder, um mit den Worten des Polizeipräsidenten Lange zu enden:

„Wir können uns jetzt aber nicht selbstzufrieden zurücklehnen und uns ausruhen. Die Fans haben gezeigt, dass es friedlich geht. Dahinter möchte ich nicht mehr zurück. Ich wünsche mir zukünftig nur noch solche Derbys, allerdings mit viel weniger Aufwand für die Sicherheit.“

Daniel Mertens, 27.03.2014


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