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Inne Ecke - 20.03.2014

Schlechte Stimmung? Ich glaub, mein Schwein pfeift!

Yeah! Wir stehen im Viertelfinale! Der BVB ist zum zweiten Mal in Folge unter den besten acht Mannschaften Europas! Also irgendwie auch der Welt und des ganzen Universums! Wir! Der BVB, der vor etwas mehr als 09 Jahren dem Exitus um Haaresbreite entkommen ist. Und was machen wir? Jammern. Wäre ja sonst auch doof.

Wer jammert eigentlich? Und über wen oder was? Nach dem Abpfiff des Spiels gegen St- Petersburg gab es mächtig auf die Ohren. Und zwar von den Spielern für die Fans. Wenn man liest, wer da was gesagt hat, könnte man glauben, wir hätten am Mittwoch einen der denkwürdigsten Abende der vergangenen Jahre erlebt. Nuri Sahin beklagte sich über „Murren“ im Publikum bei Fehlpässen. Sebastian Kehl gab zu Protokoll, die Spieler fühlten sich, als ob sie ein Verbrechen begangen hätten. Und Kevin Großkreutz holte die Keule raus und schimpfte, wer mit dem Erfolg nicht umgehen könne, habe beim BVB nichts zu suchen.

Alles richtig. Und doch irgendwie am Thema vorbei. Denn was war eigentlich passiert?

Gar nicht so viel. Und genau das ist vermutlich das Problem. Zunächst einmal war ich als Zuschauer in meiner Ecke vom Sturmlauf, den die St. Petersburger von Beginn an aufzogen, ganz schön überrascht. Ich hatte den Eindruck, dass es der Mannschaft ähnlich ging. Da ich ja ohnehin immer mit einer pessimistischen Grundhaltung ins Stadion gehe, war ein 0:3 von vornherein nicht ausgeschlossen. Und dann legen die Gäste so los. Als ich nach gefühlten 20 Minuten das erste Mal zur Uhr schaute, wäre ich fast aus den Latschen gekippt: 8:36 stand da! Achteinhalb Minuten, die sich anfühlten wie eine Ewigkeit – das konnte ja was geben...

Trotzdem – oder gerade deswegen – war die Stimmung in der ersten Halbzeit wirklich alles andere als schlecht. Im Gegenteil. Bei mir inne Ecke war es schon so, dass viele, viele Fans spürten, dass die Mannschaft Unterstützung braucht, und viele, viele waren auch stimmlich voll da und feuerten die Mannschaft an. Lob auch an die Vorsänger, die in Halbzeit Eins nach meinem Dafürhalten richtig gut waren und die richtigen Lieder anstimmten. An der recht guten Stimmung im ersten Durchgang hat meiner Meinung nach auch das Gegentor nichts geändert und nach dem Ausgleich war eh alles gut. Zur Pause gab es Pfiffe, aber die habe ich in erster Linie auf den Gegner und vor allem auf den Schiedsrichter bezogen (wegen aus unserer Sicht völlig zu unrecht nicht mit Rot geahndeten Grätsche des russischen Torwarts).

Ein anderes Bild in Halbzeit Zwei.

Die Mannschaft war immer noch nervös. Ich auch. Meine Nebenleute auch. Man hat ja gespürt, dass die Nummer immer noch in die Hose gehen konnte. Erstaunlicherweise kam jetzt aus Block Drölf kaum noch echte Anfeuerung, sondern da lief nun viel nicht mitsingbares „oléoléohohohoholalalalalaahahahahaha“-Gesinge, mit dem echt niemand jemals irgendeinen Sitzplatzkanacken wie mich dazu bewegen wird, aufzustehen und mitzusingen. Das schien auch für weite Teile der Süd zu gelten, weil die auch plötzlich irgendwie futsch war und nur noch die Monotonie aus Block Drölf zu mir nach oben drang – übrigens aber ein Dank dafür, dass die Vorsänger zwischendurch das „Europapokal“ von irgendwo unterm Dach aufgenommen und weiterzelebriert haben. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Süd momentan schnell den Faden verliert, wenn die Vorsänger ultrigere Lieder anstimmen, bei denen der Rest einfach wegpennt. Dann wieder wach zu werden und Gas zu geben, fällt nach meinem Eindruck sowohl den Ultras als auch dem Rest schwer.

Ist halt generell nur blöd, dass man, wenn es so schön leise im Stadion ist, jede Unmutsäußerung umso deutlicher hört. Und da kommen wir zum Vorwurf des Murrens.

Mal unter uns: Ich murre bei Fehlpässen. Vielleicht raune ich auch. Ich raune auch, wenn ich mich beim Schreiben vertippe. Ich denke dann aber nicht, dass ich ein gottverdammter Analphabet bin. Ich ärgere mich, wenn mir die Mehlschwitze anbrennt. Und doch koche ich weiter. Raunen, Murren, „Aaaaaargh“-Sagen heißt nicht: „Boah, verpiss dich, du unfähiger Idiot“. Nein, es heißt ganz einfach: „Aaaaaargh!“ Ein Spieler, der einen Fehlpass gespielt hat, wird sich schließlich auch nicht denken: „Boah, geiles Ding, das muss ich mir noch mal in der Sportschau angucken!“, sondern auch eher so etwas wie „Aaaaaargh!“

Offenbar sind Spieler und Fans momentan aber Opfer einer gegenseitigen Erwartungshaltung. Alles muss super sein. Super-Fußball, Super-Stimmung, alles geil. Viele Fans erwarten, dass der Funke von unten nach oben springt, Spieler hoffen auf die Initialzündung von den Rängen. Das Westfalenstadion hat ja auch schon viele Tore geschossen. Aber die sind immer dann gefallen, wenn wirklich alle mitgemacht haben: Spieler und Fans (und im Optimalfall ein dadurch noch verunsicherter Gegner). Da springt nichts über, sondern da wird etwas geweckt, das irgendwie schon da war. Momentan ist diese Magie aber nicht da. Die Spieler sind körperlich am Ende, und die Fans wissen nach drei magischen Jahren immer noch nicht, wo ihnen der Kopf steht.
Wir sollten alle mal den Ball flach halten, statt uns gegenseitig die Schuld für vermeintlich schlechte Stimmung in die Schuhe zu schieben. Wie sagte Klopp in er PK nach dem Spiel: „Im Viertelfinale steht die Créme de la Créme des europäischen Fußball. Und wir. Leider geil.“ Und demnächst ist Derby! Da ist eine Stimmungsdiskussion mehr als überflüssig. Einfach mal schreien, dann wird’s auch wieder laut. Und nicht in die Kameras jammern, dass die Fans so gemein waren. Mal ehrlich: Da waren gestern Spieler auf dem Platz, von denen ich erst bei ihrer Auswechselung mitbekommen habe, dass sie offenbar dabei waren. Und das nicht nur gestern. Die Mannschaft sollte sich vielleicht auch ein paar Gedanken darüber machen, über welche Defizite das Publikum seit Wochen großzügig hinwegschaut und wie es die viel zu zahlreichen Heimniederlagen in dieser Saison verpackt hat. Hier ist noch kein Spieler gezielt ausgepfiffen – oder gezielt ausgeraunt – worden. Glaubt mir, es gibt Vereine, bei denen das Publikum deutlich schneller aus der Ruhe zu bringen und vom stoischen Schweigen zum wütenden Pfeifen zu bewegen ist. Stellt euch mal nicht so an, ey.

Ich lasse mir von Spielern nicht den Mund verbieten, wenn es darum geht, meiner Verärgerung spontan durch die Erzeugung unartikulierter, glutturaler Laute Ausdruck zu verleihen. Das ist die einzige Möglichkeit, die ich als Zuschauer habe. Ich kann mich nicht einwechseln (was auch echt keine Hilfe wäre), ich kann keinen auswechseln und ich kann dem Zehner nicht seine Laufwege erklären. Nein, ich kann nur raunen. Und murren. Und meckern. Wenn alles das nicht sein darf, dann darf auch das spontane Beklatschen eines erkämpften Einwurfs, eines mutig gespielten Passes oder einer Ecke nicht sein. Der Moment ist da und wird entsprechend bewertet und gefeiert oder eben beraunt oder bemurrt oder wasweißich. 90 Minuten Fußball bestehen aus einer Aneinanderreihung von unzähligen Momenten und viele davon sind Murr-Momente. Viele aber auch Spontanjubel-Momente. Die gehören zusammen. Gäbe es sie nicht, hätten wir Brei. Im besten Fall, entsteht durch dieses Auf und Ab aus gerauntem Murren und spontanem Jubel eine laute Wellenbewegung, die den ganzen Laden mitreißt und für Lärm sorgt. Wir sollten versuchen, und dadurch hochzuschaukeln und nicht gegenseitig runterzuziehen.

Womit ich beim Pfeifen wäre. Ein murrendes Raunen entfleucht meinem Mund schneller als ich „Scheiße“ brüllen kann. Aber pfeifen... Echt, ey. Ich kann da nicht so mitreden, weil ich nicht pfeifen kann, aber geht pfeifen nicht so: 1. Ärgern, also vermutlich auch raunen. 2. Weiterärgern und denken, dass man es diesem Versager da unten jetzt aber mal zeigen muss. 3. Finger in den Mund. 4. Pfeifen.

Boah, müsst ihr Zeit haben.

Wäre es nicht viel geiler, die Verärgerung in positive Energie umzuwandeln und die Mannschaft trotzig anzufeuern. Auf mein „Aaaaaargh!“ folgt nämlich in der Regel irgendein Geschrei mit „Weiterweiterweiter!!!“

Dann müssen sich Spieler und Fans nicht irgendwelche Vorwürfe von wegen Scheiß-Spiel-Scheiß-Stimmung-Ihr-seid-schuld an die Köppe werfen. Wir sind in Dortmund, im Westfalenstadion. Bei uns ist man ehrlich. Ehrlichkeit heißt auch, zu schimpfen, wenn einem etwas nicht passt. Aber im Westfalenstadion sein heißt auch, den Ärger zur Seite zu schieben und die Wut in Kampfgeist umzuwandeln. Das gilt für alle – die aufm Rasen und die auf den Tribünen.

Euer

desperado09, 20.03.2014


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