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Helden in Schwatzgelb - 12.03.2014

Der verlorene Sohn, der keiner ist
(…oder warum das Denkmal eines Feuerkopfes in Flammen aufgeht)

Kaum ein ehemaliger Borusse polarisiert so sehr wie Matthias Sammer. Vom einstigen schwarzgelben Idol ist schon vor Jürgen Klopps Seitenhieb in der vergangenen Woche kaum noch etwas vorhanden gewesen. Eine Geschichte über die Verwandlung eines Beinahe-Heiligen vom Paulus zum Saulus.

Es war der 26. November 1994, als Matthias Sammer gleichermaßen in die Fußballgeschichte einging und seinen Weg in die Herzen der Borussen fand. Im Bundesligaspiel auf dem Gladbacher Bökelberg erlitt der „Feuerkopf“ eine klaffende und stark blutende Platzwunde, wegen der er minutenlang behandelt werden musste. Anstatt sich in der Folge jedoch auswechseln zu lassen, wurde Sammers Augenbraue noch am Spielfeldrand getackert und er spielte anschließend weiter, als sei nichts gewesen. Die Dortmunder Borussia verspielte in der Folge zwar ihre 3:1-Führung, doch die Szene des blutenden und brüllenden Liberos und des tackernden Mannschaftsarztes hielt Einzug in das kollektive Bundesligagedächtnis. Matthias Sammer war zur schwarzgelben Legende geworden. Die Narbe ist noch heute erkennbar.

Es war die Blaupause dafür, wie Dortmunds Nummer 6 seinerzeit als Spieler, aber auch später als Trainer und Funktionär, den Fußball interpretierte und welches Verständnis von Engagement und Arbeitsethos er für sich selbst wie auch jeden anderen zur Maxime auserkor – bis hin zur Vernarbung von geschlagenen Wunden. Bis heute sieht Sammer sich gerne in der Rolle des Unbequemen, des Mahners, des aneckenden Typen, für den der Erfolg im Mittelpunkt steht und der von sich und allen anderen erwartet, persönliche Interessen, Wünsche und Vorlieben hinter die gemeinsame Sache zu stellen.

„Ich habe meine ganze Kindheit dem Fußball geopfert. Ich war nicht einmal im Ferienlager“
(Matthias Sammer im Tagesspiegel)

Doch ganz so selbstlos und im Dienste von Verein und Mannschaft, wie er es nach außen darstellte, agierte Sammer nie. Das wurde aus Dortmunder Sicht erstmals 1996 deutlich, als Sammer Vorreiter einer neuen Form der Vermarktung wurde, in dem er den großen „Schuhkrieg“ zwischen Nike und Adidas vom Zaun brach. Weil er – BVB-Ausrüster Nike zum Trotz – auf das Tragen von Adidas-Schuhen bestand, brachte er jene Lawine ins Rollen, die heute praktisch jedem Fußballprofi einen individuellen Ausrüstervertrag beschert – was gleichzeitig den Werbewert des jeweiligen Vereins für seinen Ausrüster mindert. Es ist die Ironie des Schicksals, dass derselbe Matthias Sammer im Hier und Jetzt beim FC Bayern auf der Präsentation Mario Götzes im Nike-Shirt gequälte Miene zum bösen Spiel machte und sich dafür offenbar auch vereinsintern eine gehörige Gardinenpredigt anhören musste.

Schuhe indes waren nicht die einzige Extrawurst, die sich Matthias Sammer als Topspieler der Borussia herausnahm. Immer wieder flirtete Sammer mit München, ließ sich gar beim Mannschaftsarzt der Bayern, Dr. Müller-Wohlfahrt, behandeln und zettelte aufgrund seiner Verletzung einen großen Streit mit dem damaligen BVB-Vereinsarzt Dr. Büscher an, der letztlich in dessen Demission endete. Und als der FC Bayern schon Mitte der 90er seine Augen auf die Top-Spieler des BVB - Stefan Reuter, Steffen Freund und eben Matthias Sammer – warf, nutzte das Trio die Gelegenheit zum Gehaltspoker, was insbesondere Sammers Gage bei der Borussia in neue Sphären katapultiert haben dürfte.

Trotz all dieser Extravaganzen galt Matthias Sammer stets als tadelloser Sportsmann und Gallionsfigur der Borussia, als Denker und Lenker des BVB-Spiels. Seine Interpretation des „Liberos vor der Abwehr“ entsprach ziemlich genau dem spielerischen Sechser, wie wir ihn heute kennen, der seinerzeit jedoch ungeheuer fortschrittlich daherkam. In dieser Rolle avancierte Sammer bis zu seinem tragischen Karriereende zum vielleicht weltbesten Verteidiger, in jedem Fall aber zum „Europäischen Fußballer des Jahres 1996“. Der Anteil Sammers an den Meisterschaften 1995 und 1996 und am Europameistertitel der Nationalmannschaft im selben Jahr kann kaum hoch genug eingeschätzt werden.

 


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