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Im Fokus - 11.03.2014

Was geschah rund um das Derby am 26. Oktober 2013? Eine Analyse in drei Teilen

Knappe fünf Monate liegt das letzte Derby mittlerweile bereits zurück - und noch immer scheinen die Vorkommnisse von jenem 26. Oktober 2013 in einem undurchschaubaren Nebel zu liegen. Recherchen von schwatzgelb.de sollten nun Licht in das Dunkel bringen - und deckten einen Sachverhalt auf, der in der Politik wohl jedem Minister seinen Sessel kosten dürfte, beim Fußball jedoch anscheinend niemanden interessiert.

Da die einzelnen Sachverhalte sich teilweise recht komplex darstellen, an dieser Stelle aber nichts verknappt und dadurch eventuell sogar falsch wiedergegeben werden soll, haben wir uns dazu entschieden, statt eines episch langen Textes einen Dreiteiler zu veröffentlichen. Der vorliegende erste sowie der morgen erscheinende zweite Teil drehen sich rund um das zurückliegende Derby im Oktober 2013. Im dritten Teil (ab Donnerstag) widmen wir uns den Konsequenzen, die das letzte Duell in der Arena für das Spiel heute in 14 Tagen bedeutet. Das verabschiedete Sicherheitskonzept, das für manchen Stadiongänger eine Änderung der Gewohnheiten bedeuten wird, soll dabei im Mittelpunkt stehen.

Teil 1 - Wie unsere Neugier geweckt wurde

Der Auslöser für die Recherchen von schwatzgelb.de war eine Pressemitteilung der Polizei Gelsenkirchen vom 14. Februar 2014 unter der Überschrift „POL-GE: Großartiger Ermittlungserfolg der Polizei nach den Krawallen beim letzten Derby Schalke gegen Dortmund am 26.10.2013 in der Veltins Arena Ermittlungskommission ‚GE 15:30‘ zieht erfolgreiche Bilanz“. Darin berichtete die Polizei, dass insgesamt 69 Straftäter identifiziert worden seien, darunter 55 Dortmunder und 14 Schalker. Die Namen der Identifizierten seien „in Absprache mit der Staatsanwaltschaft dem Verein FC Schalke 04 mit dem Vorschlag eines bundesweiten Stadionverbotes gemeldet“ worden. „Auch die Namen der 514 Dortmunder Ultras, unter denen sich auch die 55 identifizierten Tatverdächtigen befinden, die sich am Morgen des 26.10.2013 konspirativ am Bahnhof Essen-West getroffen hatten, um ohne Polizeibegleitung zur Veltins-Arena zu kommen, sind dem Verein auf Anfrage mitgeteilt worden. Die tatsächliche Entscheidung zur Erteilung von Stadion- oder Betretungsverboten obliegt allein dem Verein.“ Bereits am 20. Januar 2014 hatte der FC Schalke 04 mitgeteilt, dass er 498 Haus- und Geländeverbote, gültig jeweils bis zum 30. Juni 2019, ausgesprochen und zusätzlich 31 dreijährige bundesweite Stadionverbote verhängt habe.

Journalistische Ignoranz bei den lokalen Medien

Nun musste der interessierte Beobachter bereits seit dem Derby feststellen, dass die lokalen Medien „Der Westen“ und „Ruhr Nachrichten“ keinerlei Anstalten zeigten, die Geschehnisse journalistisch-objektiv aufklären zu wollen. Auch auf die oben genannte Polizeimeldung vom 14. Februar 2014 reagierten beide Online-Portale lediglich mit einer schlichten Kopie der Polizeitexte, „der Westen“ dabei sogar noch unkritischer als die „Ruhr Nachrichten“.

Diese journalistische Ignoranz motivierte in der Folge, der Sache näher auf den Grund zu gehen. Mit einem Schreiben vom 16. Februar 2014 wendeten wir uns mit einigen Fragen an die Pressestelle der Polizei Gelsenkirchen. Von Interesse war hierbei insbesondere, auf welcher Rechtsgrundlage die Daten der 514 in Essen-West festgestellten Personen an den Verein Schalke 04 übermittelt wurden und ob gegen jede einzelne dieser Personen entsprechende Ermittlungsverfahren eingeleitet oder bereits abgeschlossen wurden. Einen Tag später, am 17. Februar 2014, erhielt die Redaktion bereits die Antwort von der Pressestelle der Polizei Gelsenkirchen. Darin hieß es, dass man „zu rechtlichen Einschätzungen [...] keine Angaben machen“ werde. Zudem erfolgte der Hinweis, dass es sich bei den Vorkommnissen in Essen-West um eine „Maßnahme der Bundespolizei“ gehandelt habe.

Bundespolizei berichtet aus erster Hand

Auf diesen Hinweis hin leitete schwatzgelb.de den Fragenkatalog noch am selben Tag weiter an die Pressestelle der Bundespolizei. Schon am darauffolgenden Tag, dem 18. Februar 2014, erhielten wir eine Antwort von dem Leiter der Bundespolizeiinspektion Dortmund, Oliver Humpert, die sich im Tonfall angenehm positiv von dem harschen Ton der Landespolizei Gelsenkirchen unterschied. Für eine weitere Erörterung wurde der Redaktion ein persönliches Treffen angeboten, das am 24. Februar in Dortmund stattfand. In einer vergleichsweise angenehmen und aufgeschlossenen Atmosphäre schilderten Oliver Humpert und sein Stellvertreter, Sven Srol, die Vorkommnisse des 26. Oktober 2013 in Essen-West. Sven Srol konnte dabei aus erster Hand berichten, da er an jenem Tag als Einsatzleiter der Bundespolizei im Einsatz war.

Die Vertreter der Bundespolizei stellten die Vorkommnisse in Essen-West wesentlich entspannter dar, als sie in den Medien - unterstützt von den ersten Polizeimitteilungen jenes Tages - transportiert wurden. So habe die Polizei kurzfristig „gesicherte Erkenntnisse über die Anreisewege der Dortmunder Ultras“ erhalten und habe dementsprechend die Zahl der Einsatzkräfte am Bahnhof Essen-West erhöht. Einer normalen Weiterreise mit der Bahn in Richtung Gelsenkirchen-Buer habe von Seiten der Bundespolizei nichts im Wege gestanden.

"Es verlief friedlich, es gab keine Widerstände und keine Beleidigungen"

Doch aufgrund eines Güterzugunfalls zwischen Gladbeck-West und Bottrop-Boy sei die Zugstrecke gesperrt worden. Die Bundespolizei habe den Dialog mit den anwesenden Ultras gesucht und angeboten, dass diese alternativ zum Essener Hauptbahnhof fahren könnten, wo Ersatzbusse Richtung Stadion bereitgestellt würden. Der Dialog mit den Ultras habe sich zwar nicht einfach gestaltet, da diese eine Schikane seitens der Polizei befürchtet hätten, so Srol im Gespräch mit schwatzgelb.de, doch letztlich lobte er die für solche Situationen vergleichsweise entspannte Gesprächsatmosphäre. Abschließend sei es daher auch gelungen, die Ultras von dem Plan zu überzeugen; doch just in diesem Moment sei ein Zug eingefahren, der als Reiseziel noch „Gelsenkirchen-Buer“ angezeigt habe. Die Ultras hätten sich daraufhin hintergangen gefühlt und versucht, diesen Zug erreichen. Hierbei sei eine bestimmte Zahl - Srol bezifferte sie auf 300 bis 400 - über die Gleise gelaufen. In Abstimmung mit der Landespolizei habe man daraufhin eine Identitätsfeststellung vorgenommen. Srol lobte ausdrücklich die relativ entspannte Atmosphäre während dieser Maßnahme: „Es verlief friedlich, es gab keine Widerstände und keine Beleidigungen.“ Er gab zu verstehen, dass man vereinzelte Gleisüberschreitungen aufgrund der Einstufung einer Ordnungswidrigkeit nach dem Opportunitätsprinzip sogar noch toleriert hätte; aufgrund der hohen Zahl an Gleisüberquerern habe man sich jedoch zu der Maßnahme entschlossen, um ein Zeichen zu setzen.

Von der Landespolizei wurden schließlich die Ersatzbusse organisiert, mit denen die Personen nunmehr vom Bahnhof Essen-West zum Stadion gebracht wurden. Damit sei die Maßnahme für die Bundespolizei erledigt gewesen. Im Nachgang sei man bemüht gewesen, die Ordnungswidrigkeit des Gleisüberquerens einzelnen Personen nachweisen zu können. In etwa 55 Fällen seien schließlich entsprechende Verfahren eingeleitet worden, da eine Zuordnung eindeutig möglich gewesen sei.

Vorkommnisse in Essen-West offenbar nicht ansatzweise so martialisch wie sie in Polizei- und Pressetexten dargestellt wurden

Aufgrund der Vorkommnisse in der „Arena Auf Schalke“ habe sich die Landespolizei nach dem Spiel mit der Bitte um Übermittlung der 514 Datensätze aus Essen-West an die Bundespolizei gewendet. Diesem Wunsch sei man nachgekommen, die entsprechenden Rechtsgrundlagen hierfür seien vorhanden. Der Paragraf 32 des Bundespolizeigesetzes regelt entsprechend, dass die Bundespolizei „Behörden des Polizeivollzugsdienstes [...] personenbezogene Daten übermitteln [kann], soweit dies zur Erfüllung polizeilicher Aufgaben erforderlich ist“. Mit diesem Schritt sei der Sachverhalt für die Bundespolizei abgeschlossen.

Das Gespräch mit den beiden Vertretern der Bundespolizeiinspektion Dortmund machte deutlich, dass sich die Vorkommnisse in Essen-West offenbar nicht ansatzweise so martialisch abgespielt haben dürften, wie sie in den seinerzeitigen Polizei- und Pressetexten dargestellt wurden.

Teil 2 : Die rechtswidrige Datenübermittlung durch die Polizei Gelsenkirchen.

Daniel Mertens, 11.03.2014


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