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Auf fremden Platz - 20.02.2014

Fußball im belagerten Leningrad

Der Moskau Prospekt in Leningrad führt zur Front während des Zweiten Weltkriegs 1941-1945 (Quelle: RIA Novosti archive, image #178610 / Boris Kudoyarov / CC-BY-SA 3.0)Am kommenden Dienstag tritt der BVB beim russischen Vizemeister Zenit St. Petersburg an, und wenn deutsche Fußballmannschaften zu Auswärtsspielen in Osteuropa antreten, bewegen sie sich häufig auf Schauplätzen des Zweiten Weltkrieges. Zu den grausamsten gehört St. Petersburg, Heimat des Dortmunder Achtelfinalgegners in der Champions League Zenit St. Petersburg. Schon zu Beginn des Russland-Feldzuges hatte Adolf Hitler angekündigt, „Moskau und Leningrad dem Erdboden gleich zu machen, um zu verhindern, daß Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müßten“. Nachdem die deutsche Wehrmacht die ehemalige russische Hauptstadt, damals Leningrad genannt, im September 1941 erreicht hatte, entschied Hitler, keinen Eroberungsversuch zu starten, sondern die Stadt einzukreisen und auszuhungern. Besonders zynisch erklärte der Generalquartiermeister Wagner seiner Frau die deutsche Politik: „was sollen wir mit einer 3 ½ Mill. Stadt, die sich nur auf unser Verpflegungsportemonnaie legt. Sentimentalitäten gibt’s dabei nicht.“ Am Ende der bis zum Januar 1944 dauernden Blockade waren mindestens 750.000 Zivilisten verhungert – selbst bei dieser eher niedrigen Schätzung sind das mehr Menschen, als bei allen alliierten Luftangriffen auf Deutschland starben. Heute gehören das Leiden der Leningrader Bevölkerung und ihr Widerstand gegen die deutsche Armee zu den zentralen Erinnerungen Russlands an den Zweiten Weltkrieg und zum Selbstverständnis der Stadt. Und auch der Fußball ist Teil dieser Widerstandsgeschichte Leningrads.

Der russische Ligabetrieb war beim Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 eingestellt worden. Als die deutsche Propaganda nach dem harten Winter 1941/42 Leningrad die „Stadt der Toten“ nannte, antwortete die sowjetische Seite mit kulturellen Veranstaltungen, die den Überlebenswillen der Stadt und die Überlegenheit der Sowjetunion über den Feind symbolisieren sollten. Als bedeutendstes kulturelles Ereignis gilt die Aufführung der „Leningrader Symphonie“ von Dimitri Schostakowitsch im August 1942, die per Lautsprecher auch zu den deutschen Truppen außerhalb der Stadt übertragen wurde. Eine wichtige propagandistische Rolle spielte aber auch die Wiederaufnahme des Fußballspiels in der belagerten Stadt im Mai 1942. Dabei ist es schwer, zwischen all der Propaganda und nachträglicher Mythenbildung die wirklichen Ereignisse zu rekonstruieren. Gleich vier Daten gelten als mögliche Termine für das erste Spiel, die beiden am häufigsten genannten Daten sind der 6. bzw. der 31. Mai 1942.

Bewohner des belagerten Leningrads holen Wasser aus einer gebrochenen Wasserleitung (Quelle: RIA Novosti archive, image #35 / Vsevolod Tarasevich / CC-BY-SA 3.0 )Das Spiel am 6. Mai soll zwischen Dinamo Leningrad und einer Auswahl der Leningrader Garnison ausgetragen worden sein, wobei Dinamo 7:3 gewonnen habe. Allerdings bestätigt nur einer der angeblichen Beteiligten das Datum und obwohl das Spiel in deutscher und russischer Sprache im Rundfunk übertragen worden sein soll, wird es in keinem zeitgenössischen Zeitungsbericht erwähnt. Daher ist es wahrscheinlich, dass erst am 31. Mai das erste Spiel während der Belagerung der Stadt stattfand, bei dem Dinamo die Leningrader Metallfabrik 6:0 schlug. Für die Begegnung wurden sogar Soldaten von der Front in die Stadt zurückbeordert und Dinamo lieh einen Spieler an den Gegner aus, der nicht genug eigene Spieler aufbieten konnte. Der Fabrikmannschaft fehlte zudem ein Torhüter, die Rolle übernahm der Verteidiger Ivan Kurenkov, der 1944 als Kapitän mit Zenit St. Petersburg den russischen Pokal gewann. Die Zeitungsberichte zu diesem Spiel sprachen von einem „lebendigen und energischen Tempo“ und lobten das „aktive und stabile Spiel“ der Verteidiger der Fabrikmannschaft – in Wirklichkeit waren die Spieler nach der langen Besatzungszeit in einer körperlich schwachen Verfassung und konnten daher nur zweimal 30 Minuten bestreiten. Ein Wiederholungsspiel wenige Tage später mit kaum veränderten Mannschaften ging 2:2 aus.

Der sportliche Wert dieser Spiele war natürlich gering und sie lockten auch keine Zuschauermassen an. Die Behauptung, 2000 Menschen hätten das erste Spiel verfolgt, ist sicherlich falsch, die erhaltenen Bilder lassen lediglich einige Insassen des nahegelegenen Lazaretts erkennen. Da eine vorherige Werbung für das Spiel die Gefahr eines Bombenangriffs durch die deutschen Belagerer mit sich gebracht hätte, ist dies wenig verwunderlich. Allerdings hatte die Begegnung ein hohes propagandistisches Potential, das in den Folgemonaten ausgiebig genutzt wurde. Über den Ladogasee, dem letzten verbliebenen Zugang zur Stadt, gelangte die Dinamo-Mannschaft nach Moskau, wo sie am Jahrestag der Einkreisung Leningrads ein Spiel gegen Dinamo Moskau, eine Woche später gegen Spartak abhielt. Danach reiste Dinamo Leningrad durch die Sowjetunion, trat gegen zahlreiche Mannschaften an und demonstrierte so den Überlebenswillen und die Widerstandskraft Leningrads: „Nun wussten alle – Leningrad ist am Leben!“

Gedenkstätte in Krasnenkoe FriedhofIn der russischen Gegenwart ist die Erinnerung an das Blockadespiel immer noch lebendig, regelmäßig widmen sich Veranstaltungen diesem Thema. Für den St. Petersburger Fußball ist das erste Blockadespiel bis heute Teil der eigenen Identität. Am Petrowski-Stadion, das früher vom jetzigen Zweitligisten Dinamo St. Peterburg genutzt wurde und wo kommende Woche Zenit St. Petersburg den BVB empfängt, erinnert heute eine Gedenktafel an das Spiel: „Hier, im ‚Dinamo‘-Stadion, während der schweren Tage der Blockade, am 31. Mai 1942, trugen die Leningrader Dinamo-Spieler das historische Blockadefußballspiel gegen die Mannschaft der Metallfabrik aus.“ Zwar ist diese Angabe nicht ganz korrekt, da das Spiel auf einem Nebenplatz des zerbombten Stadions ausgetragen wurde, dennoch kann man ruhig sagen, dass unsere nächste Champions-League-Begegnung auf geschichtsträchtigem Boden stattfindet.

 

Wer mehr über den Fußball in Leningrad während der Belagerung wissen möchte, dem empfehle ich folgenden Aufsatz:

Alexander Chertov, Fußball während der Blockade. Leningrad 1941-1944, in: Dittmar Dahlmann u.a. (Hrsg.) Überall ist der Ball rund. Zur Geschichte und Gegenwart des Fußballs in Ost- und Südosteuropa – Die zweite Halbzeit, Essen 2008, S. 45-64.

PatBorm, 20.02.2014


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