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Unsa Senf - 22.01.2014

Warum verteidigt uns eigentlich keiner?

Am vergangenen Wochenende trafen sich bekanntlich in Berlin zahlreiche Fanvertreter einer Fülle von Fußballvereinen zum Fankongress. Mit dabei waren neben Abgesandten der Polizei und des DFB auch der DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig, der eine viel beachtete Rede hielt. Fast zeitgleich kam es bei einem Testspiel des 1. Fc Köln und unseres Revierrivalen auf Gelsenkirchen zu einer nach polizeilichen Erkenntnissen verabredeten Schlägerei, an der auch Fans von Borussia Dortmund beteiligt gewesen sein sollen. Bekanntlich verletzte sich bei der Auseinandersetzung ein 40-jähriger Mann schwer und wie immer in solchen Fällen war der mediale Aufschrei enorm und überlagerte fast die gesamte Berichterstattung über den viel gelobten Fankongress, was Andreas Rettig in einem Interview bei „11 Freunde“ auch kritisierte.

Im Nachgang solcher Aktionen ist es mittlerweile Usus, dass sich Vertreter der kleineren Polizeigewerkschaft und irgendein Innenminister eines Bundeslandes öffentlichkeitswirksam zu Wort meldet. In diesem Fall ließ es sich Ralf Jäger, Innenminister in NRW und aktuell Vorsitzender der Innenministerkonferenz, nicht nehmen, seine politischen Ansichten der Öffentlichkeit mitzuteilen. Es ist sein gutes Recht, seine Vorstellung von Politik zu äußern.

Jägers Distanzierungsgeschwrubel

Wieder einmal fordert der oberste Dienstherr der Polizei zudem die Fans auf, die Arbeit der Polizei zu übernehmen. In der freien Wirtschaft könnte ich es mir eher nicht vorstellen, dass ein Firmenchef, der seine Aufgaben nicht zufriedenstellend löst, sich hinstellt und die Kundschaft in die Verantwortung nimmt, doch etwas gegen seine Absatzflaute zu unternehmen. Auch wenn das irgendwie eine ziemlich lustige Vorstellung ist. Als Innenminister des Landes NRW darf man sich solche Gedankengänge aber anscheinend leisten und fordern, dass die von ihm ja auch so titulierten friedlichen Fans die "Intensivstraftäter" ausgrenzen. Was unzählige Staatsdiener in Kampfmontur also bislang nicht geschafft haben, soll jetzt Heinz Müller, 46 Jahre alt, Elektroinstallateur übernehmen? Nichts anderes bedeutet Jägers Distanzierungsgeschwrubel nämlich in letzter Instanz.

Stattdessen brüstet sich Herr Jäger damit, jetzt als Vorsitzender der Innenministerkonferenz den Kampf gegen „Intensivstraftäter“ zu forcieren, indem er eine bundesweite Datei durchsetzen möchte. Ganz davon abgesehen, dass aktuelle Fälle zeigen wie sicher solche gesammelten Daten sind, ist das nicht genau das gleiche Wundermittel, welches Jäger gegen Neonazis, Salafisten und Rockergangs einsetzen will? Man muss kein Wahrsager sein, um zu prophezeien, dass so ein simples Allheilmittel gegen unterschiedlich gelagerte Problemfelder nicht funktionieren wird. Aber Herr Jäger kann wohl nur simple Lösungsansätze.

Warum reagieren DFL, DFB und die Vereine bei diesem Thema so defensiv?

Das wirklich traurige sind aber eigentlich nicht die Aussagen Jägers, sondern dass sie  unwidersprochen bleiben. Warum reagieren DFL, DFB und die Vereine bei diesem Thema so defensiv? Es ist unverständlich, warum Politiker für Aussagen wie der obengenannten Distanzierungsaufforderung weder von der DFL noch von einem Verein kritisiert werden. Man fordert ja auch nicht vom Motorradfahrer, dass er sich von den bekannten Motorclubs distanziert, die im kriminellen Milieu zu Hause sind. Der allergrößte Teil der Fans im Stadion fühlt sich den Krawallmachern nicht einmal nahe. Warum sich also von etwas distanzieren, dem man niemals nahe war? Und warum distanzieren, wenn diese fehlende Nähe die betreffenden Leute bislang ebenso wenig gestört hat wie die Möglichkeit von Stadionverboten und Geisterspiele? Weil es erst einmal gut klingt, wenn man jemanden auffordert, sich zu distanzieren. Es klingt tiefgründig und ist dabei nichts weiter als eine Luftnummer.  Aber gut, man hat es ja schon bei 12:12 gesehen, dass es die Fans sind, die sich selbst öffentlich verteidigen müssen gegen populistische Forderungen aus Politik und von der Polizei.

Es wäre wünschenswert, dass der BVB uns Fans öffentlich verteidigt

Ähnlich wie die gestrige Kritik an den unseriösen Medien wäre es wünschenswert, dass der BVB uns Fans öffentlich verteidigt. Da überlegt man, 8.000 Fans des S04 dafür zu bestrafen, weil sich in Köln einige Schalker Hools mit denen aus Köln und Dortmund prügeln. Oder diese benagelte Idee, bei einem friedlichen Verlauf des Derbys wieder einen prozentualen Anteil an Gästefans zu zulassen. 8.000 Fans müssen also hoffen, dass sich nicht irgendwo im Rahmen der nächsten Derbys ein paar Kampfeslustige auf die Mappe hauen. Anscheinend hat man selber unheimlich viel Vertrauen in die Wirksamkeit von solchen Ausschlüssen, wenn man dabei impliziert die Möglichkeit von Randale eingesteht. Man gibt zu, dass man diejenigen, die Gewalt im Umfeld des Derbys ausüben wollen, auch durch solche Maßnahmen nicht sicher vom Stadion und der Umgebung fern halten kann.

Wozu dann all diejenigen ausschließen, die ganz sicher friedlich bleiben würden? Ganz im Gegenteil, man provoziert mit dieser Maßnahme sogar andere gefährliche Situationen. Meint man wirklich, dass es nicht etliche Schalker geben wird, die sich auf Ticket- und Tauschbörsen mit Karten versorgen werden und dann in Kleingruppen auf den Tribünen verteilt sitzen? Bevor der BVB wieder richtig hipp wurde, gab es diese Durchmischung häufiger – und das war für die Polizei im Stadion mit Sicherheit nicht stressfreier, weil es häufiger zu Auseinandersetzungen kam. Und als interessanter Randaspekt: Wurde nicht im Vorfeld von 12:12 gebetsmühlenartig von Seiten der Vereinsvertreter und der DFL erklärt, dass man auf keinen Fall an einer Beschränkung der Gästekontingente oder an Kollektivstrafen interessiert sei? Hat lange gehalten, dieses Desinteresse.

99,99% der Stadionbesucher hat keinen Kontakt zu "Intensivtätern"

Käme es einer Kapitulation gleich, wenn der BVB öffentlich bekennen würde, dass er sehr viel in die Fanarbeit investiert (Fanbeauftragte, Fanabteilung, diverse Gesprächsrunden mit Fanklubs & -gruppen), aber einen gewissen Prozentsatz mit dem ihm zu Verfügung stehenden Mitteln, allen voran die Verhängung von Stadionverboten, niemals erreichen wird und dies logischerweise auch 99,99% der Stadionbesucher nicht können? Wäre es verwerflich, wenn sich der BVB dahingehend äußert, dass sich 99,99% der Stadionbesucher nicht von „Intensivtätern“ distanzieren brauchen, weil er zu diesen gar keinen Kontakt hat und den unterschwelligen Vorwurf, dass die friedlichen Stadionbesucher die kriminellen Handlungen und die handelnden Personen tolerieren beziehungsweise decken würden, entschieden zurückweist?

Er sollte zumindest einmal darüber nachdenken, denn „Echte Liebe“ sollte keine Einbahnstraße sein.

Volker und Sascha, 22.01.2014

Das verwendete Bild von Ralf Jäger stammt aus der Wikipedia und steht unter “public domain” zur freien Verfügung.


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