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Unsa Senf - 18.01.2014

Ihr Scheinheiligen!

Silvester in Essen: Unbekannte beschießen Rettungskräfte mit Feuerwerkskörpern. Ein freiwilliger Feuerwehrmann wird im Einsatz von einer Rakete im Gesicht getroffen, erleidet einen Nasenbeinbruch und ein Knalltrauma. Allein: Es interessiert offenbar niemanden. Ein Fußball war offenbar nicht in der Nähe. 

Wir erinnern uns: Es ist nur wenige Monate her, als es beim Revierderby tatsächlich zu hässlichen Szenen im schwarzgelben Gästeblock gekommen ist. Borussen zündeten Pyrotechnik, zerstörten Plexiglaswände und feuerten zu allem Überfluss und als negativen Höhepunkt auch noch Pyrotechnik in Richtung der Gelsenkirchener Sitzplatzblöcke und Richtung von Roman Weidenfeller. Das ist praktisch nicht entschuldbar.

Doch weil diesmal eben doch ein rundes Leder und ein paar wehende Fahnen in der Nähe waren, startete sogleich die in diesem Kontext inzwischen gewohnte Hysteriedebatte samt Distanzierungs- und Sanktionsforderungen. Der WDR entfernte kurzzeitig die Südtribüne aus dem Vorspann seiner Lokalzeit aus Dortmund, der BVB selbst entzog seinen Ultragruppen auf unbestimmte Zeit das Privileg der Auswärtsdauerkarte, Jürgen Klopp schämte sich, der DFB ermittelte und eine Vielzahl an Medien fand die Ausschreitungen so derart schrecklich, dass man die Bilder genüsslich verbreitete und lukerative Klickstreckendaraus bastelte.

Kurzum: Die gefühlte komplette Republik meldete sich zu Wort und forderte harte Strafen.

Es tut tatsächlich nichts zur Sache, dass beim Revierderby offenbar niemand durch das verschossene Feuerwerk zu schaden kam: Das kann man Tätern nämlich kaum zu Gute halten. Es war letztlich einfach Glück. Doch vergleicht man die Ereignisse aus dem Derby mit denen der Silvesternacht in Essen, so beschleicht einen dann doch der Verdacht, dass die Relationen nicht so richtig passen wollen. Oder anders: Für den schwerverletzten Retter interessiert sich tatsächlich keine Sau.

Statements der Polizeigewerkschaften? Fehlanzeige.

Exzessive Medienberichterstattung? Fehlanzeige.

Thematisierung im Innenausschuss des Landes NRW? Fehlanzeige.

Thema bei der Innenministerkonferenz? Fehlanzeige.

Einzig lokale Medien berichteten kurz, knapp und ungewöhnlich unaufgeregt.

Was hätte es doch für tolle Möglichkeiten gegeben? Innenminister Ralf Jäger und Polizeigewerkschaftschef Rainer Wendt hätten sich unisono über die Gefahren für die Einsatzkräfte, die absurd hohen Einsatzzahlen und die damit verbundenen Belastungen zu Silvester und Neujahr beklagen können.

Die Innenministerkonferenz hätte beratschlagen können über ein generelles Alkoholverbot zum Jahreswechsel. Über den personalisierten Feuerwerksverkauf bei Lidl und Aldi. Über eine Beteiligung sowohl der Firmen Weco und Nico wie auch von Rottkäppchen, Krombacher und Co. an den Einsatzkosten von Polizei und Feuerwehr. Über die Abschaffung des Schwarzpulvers (dessen zulässiger Anteil unlängst ja sogar noch erhöht worden war).

Insbesondere die profilierungssüchtigen Hardliner hätten enorm auf sich aufmerksam machen können, indem sie eigens zu Silvester die Einrichtung von Schnellgerichten und eigens abgestellten Staatsanwälten fordern und Haftstrafen samt Führerscheinentzug einfordern. Vielleicht ließen sich die Vorfälle ja mit Täterkarteien und Käuferdateien verhindern?

Die Medien schließlich hätten Fragen stellen können: Müssen freiwillige Feuerwehrmänner wegen dieser Chaoten ihr Leben riskieren? Warum überhaupt distanziert sich kein Feuerwerkskäufer von diesen Wahnsinnigen, diesen sogenannten Feuerwerkern? Sind Deutschlands Innenstädte zu Silvester sicher? Wer schützt uns überhaupt vor den Raketen-Irren? Der WDR hätte sämtliche Feuerwerksbilder aus seiner Berichterstattung entfernen können. Und gibt es eigentlich schon den Begriff „Pyro-Attentäter“?

Der einigermaßen krasse Fall in Essen ist schließlich nur exemplarisch für Tausende ähnlicher Fälle in ganz Deutschland, bei denen zu Silvester Dummheit, Arschlochmanier, Alkohol, Raketen und Böller eine unselige Allianz eingehen. Man nennt das Brauchtum und es ist akzeptiert, dass dabei Menschen zu Schaden kommen. Niemand wäre so wahnsinnig, auch nur eine der oben genannten Maßnahmen zu fordern. Man will das Echo ja nicht ertragen. Fußballfans mit ihrem zweifelhaften gesellschaftlichen Ruf sind da doch eine sehr viel dankbare Zielgruppe.

Liebe Medien, liebe Politiker, liebe Sanktionsfanatiker. Wir haben verstanden. Es geht Euch ganz und gar nicht um den Schutz von Unbeteiligten, um die Vermeidung von Straftaten, kurzum um die Sicherheit. Ihr missbraucht einzelne Vorfälle nach eigenem Gutdünken für Eure eigenen Ziele, sei es politischer Einfluss, Durchsetzung von Interessen oder einfach nur wirtschaftliche Erwägung.

Wir ahnen das schon lange. Jetzt haben wir auch Gewissheit.

Arne, 18.01.2014


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