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Sportpolitik - 18.10.2013

Neue Zahlen, altes Spiel: ZIS bleibt Antworten schuldig

Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze, kurz ZIS, möchte mit ihrem neuen Bericht warnen: Trotz rückläufiger Gewalt sei die Sicherheitslage im deutschen Fußball „weiterhin angespannt“. Doch auch im Jahr 2013 wirkt die ZIS-Statistik mehr als oberflächlich.

Werfen wir zuerst einen Blick auf die trockenen Zahlen: 788 Verletzte zählt der Bericht 2012/13, der Mitte der Woche vom Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste NRW veröffentlicht wurde, bei den 612 Spielen der ersten und zweiten Bundesliga. Das sind 341 weniger als im Vorjahr. Deutlich zurückgegangen sei zudem Anzahl der eingeleiteten Strafverfahren, nämlich von 8.134 in der Spielzeit 2011/12 auf 6.502. Dieser abnehmende Trend setzt sich auch bezüglich der freiheitsentziehenden Maßnahmen (von 7.298 auf 6.837) und der geleisteten Arbeitsstunden der Polizei von Bund und Ländern (von 1,76 Mio. auf 1,63 Mio.) fort. Anstiege verzeichnen diese Zahlen laut ZIS hingegen in der 3. Liga. Sie begnügt sich damit, dies mit den Abstiegen von Hansa Rostock, dem Karlsruher SC und Alemannia Aachen zu begründen.

Und was sagt uns das nun? Wenig bis gar nichts. Die Statistik gibt keinerlei Auskünfte darüber, wie stark und vom wem die 788 Personen verletzt wurden? Im Stadion, auf dem Acker oder vielleicht durch polizeilichen Pfefferspray-Einsatz? Keine Auskunft. Sie sagt auch nicht, wie viele der eingeleiteten Strafverfahren tatsächlich in der Verurteilung des Betroffenen endeten. Oder wie viele davon schnell wieder eingestellt wurden. Gleiches gilt für diejenigen, die an einem Spieltag in Gewahrsam genommen wurden. Doch mindestens diese Daten wären eben nötig, und eine gründliche Einschätzung der Sicherheitslage im deutschen Fußball geben zu können.

„Es bleibt festzuhalten, dass der vorliegende für die Saison 2012/2013 weiterhin eine Ansammlung von oberflächigen Zahlen und Darstellungen ist und keinerlei Aufschluss darüber zulässt, wie es in den genannten Ligen wirklich aussieht“, kritisiert zum Beispiel die Interessengemeinschaft „Unsere Kurve“ in einer Stellungnahme ob der vielen Lücken in der Statistik. Die NRW-Fraktion der Piratenpartei schlägt in eine ähnliche Kerbe: „Von einer seriösen Statistik zu sprechen, entbehrt jeglicher Grundlage. Nach wie vor ist völlig unklar, wie sich die Zahlen zusammensetzen.“ Das Oberverwaltungsgericht NRW hat der ZIS im September übrigens verboten, ihren Jahresbericht 2011/12 weiterhin unverändert zu verbreiten. Streitpunkt waren Äußerungen über die umstrittene „Gewalttäterdatei Sport“, bei dem das Gericht einem klagenden Fan Recht gab.

Natürlich existiert Gewalt beim Fußball und sorgt für unschöne Szenen. Doch rund um die Stadien ist sie im Vergleich zur menschlichen Gesellschaft nicht überdurchschnittlich ausgeprägt und ist auf jeder Dorfkirmes und jedem Volksfest in mindestens gleichwertigem Maße zu beobachten. Es bedarf keiner höheren Mathematik zu erkennen, dass sich unter 22.800 Besuchern eines Bundesligaspiels gerade mal ein Verletzter befindet. Oder dass lediglich gegen 0,04 Prozent der Zuschauer ein polizeiliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wird. Zeugen diese Zahlen tatsächlich von einer „angespannten Sicherheitslage“, wie die ZIS sagt?

Nein, finden wir, und haben deshalb nachgefragt, wie sie zu dieser Einschätzung kommt. Leider bleibt das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste NRW, wie bereits im letzten Jahr, plausible Antworten schuldig, warum sie den Besuch eines Fußballspiels als ein nicht unerhebliches Risiko für Leib und Leben einstuft. Außerdem nährt sie die Zweifel, dass wichtige Daten für eine differenzierte Einschätzung des Gefahrenpotenzials bewusst nicht erhoben oder dargestellt werden. Besserung ist nicht in Sicht.

schwatzgelb.de-Fragenkatalog zum ZIS-Jahresbericht 2012/13

1. In Ihrer Pressemitteilung sprechen Sie im Zusammenhang mit Fußballspielen von einer „weiterhin angespannten Sicherheitslage“. Dabei wurden pro Spiel in der 1. und 2. Bundesliga im Schnitt gerade mal 1,3 Personen verletzt (3. Liga: 0,94) und von den 18 Millionen Zuschauer in den beiden höchsten Spielklassen nahm die Polizei 0,036 Prozent vorläufig fest oder in Gewahrsam. Wie kommen Sie vor dem Hintergrund dieser Zahlen zu Ihrer eingangs erwähnten Einschätzung der Sicherheitslage?

Die Brisanz der Einsätze bei Fußballspielen ist besonders durch Gefahrensituationen  gruppendynamischer Prozesse geprägt. Darin besteht der Unterschied zu vielen anderen polizeilichen Einsatzanlässen. Eine auf statistische Durchschnittswerte reduzierte Betrachtung würde den Gefahrenmomenten und der Verantwortung der Polizei, aber auch der Veranstalter, die für den ordnungsgemäßen und sicheren Ablauf der Veranstaltungen regelmäßig einen sehr hohen Aufwand betreiben, nicht gerecht werden.

Die abgelaufene Saison weist  in der Gesamtbetrachtung leicht rückläufige Vergleichszahlen auf, die aber noch über den Werten der Saison 2010/11 liegen.

2. Über den Grad der Verletzungen und deren Ursachen liegen laut Bericht keine Erkenntnisse vor. Warum werden diese Daten überhaupt nicht erfasst bzw. angegeben? Würde eine Differenzierung nicht eine bessere Einschätzung der Sicherheitslage ermöglichen?

Eine Erfassung detaillierter Vergleichszahlen ist für eine polizeitaktische Bewertung nicht erforderlich.

3. Ist erfasst, wie viele der 6.502 eingeleiteten Strafverfahren zu Gerichtsprozessen und gegebenenfalls Verurteilungen geführt haben?

Nein, eine solche Erfassung ist für den ZIS Jahresbericht nicht relevant.

4. Ist erfasst, wie viele der 6.837 freiheitsentziehenden bzw. –beschränkenden Maßnahmen letztendlich zu einem Strafverfahren, einem Gerichtsprozess und/oder einer Verurteilung geführt haben?

Eine solche Erfassung wird nicht durchgeführt. Freiheitsentziehungen nach der Strafprozessordnung setzen aber immer den Verdacht einer Straftat voraus.

5. Auf Seite 14 des Berichts heißt es zu den freiheitsentziehenden bzw. –beschränkenden Maßnahmen: „Die Gesamtzahl dieser Maßnahmen ist, wie auch in den Vorjahren, nicht identisch mit der Gesamtzahl der davon betroffenen Personen, da in Fällen einer sich an eine vorläufige Festnahme anschließenden Ingewahrsamnahme einer Person beide Maßnahmen getrennt erfasst werden.“ Können Sie die tatsächliche Gesamtzahl der betroffenen Personen nennen?

Für den ZIS Jahresbericht ist eine solche Auswertung nicht erforderlich.

6. Warum werden analog zu der Statistik begangener Straftaten nicht auch die Zahlen der überführten Straftäter aufgeführt? Werden, wenn eine Person im gleichen Zug mehrere vermeintliche Straftaten begeht, diese getrennt erfasst?

In einem solchen Fall müsste die Historie jedes einzelnen Strafverfahrens nachvollzogen und rückwirkend in die Betrachtung der jeweiligen Saison eingebracht werden. Wie auch zum Beispiel im Bereich der Kriminalstatistik der Polizei NRW werden diese Aspekte nicht erhoben.

7. Fließen in die Statistik der verletzten Personen auch diejenigen ein, die durch Eingriffe von Ordnungsdienst oder Polizei verletzt wurden? Wenn ja, wie groß ist der Anteil?

Auch Personen, die durch polizeiliche Einsatzmaßnahmen verletzt wurden, sind in der Statistik der verletzten Personen enthalten. Die Anzahl wird im aktuellen Jahresbericht nicht separat erfasst.

8. Auf Seite 6 des ZIS-Jahresberichtes heißt es zum Einsatz von Pyrotechnik: „Durch die starke Rauchentwicklung kommt es regelmäßig zu teilweise erheblichen Gesundheitsschädigungen, von denen auch eine Vielzahl unbeteiligter Stadionbesucher betroffen ist.“ Liegen dieser Einschätzung konkrete Zahlen inklusive der Schwere der Verletzungen zugrunde?

Nein.

9. Der aktuelle Bericht beinhaltet Schätzungen zur Störerlage und teilt Fußballfans u. a. in die Kategorien A, B und C ein. Auf welcher konkreten Datenbasis und nach welchen Kriterien werden diese Schätzungen durchgeführt?

Die Daten werden durch die jeweiligen Polizeibehörden über die zuständigen LIS der Länder angeliefert.

10. Laut Bericht wurden in der Saison 2012/13 1.119 bundesweite Stadionverbote ausgesprochen. Wie viele Stadionverbotsprüffälle wurden im Berichtszeitraum tatsächlich erlassen?

Die Anzahl der von den Polizeibehörden bei den Vereinen angeregten Stadionverbote wird für den ZIS Jahresbericht nicht erhoben.

11. Von wie vielen Kolleginnen und Kollegen wurden die insgesamt knapp 1,3 Millionen Arbeitsstunden (Polizeibehörden der Länder) bzw. knapp 0,5 Millionen Arbeitsstunden (Bundespolizei) geleistet? Wie viele davon waren regelmäßig im Einsatz?

Auskunft zu den eingesetzten Beamtinnen und Beamten können nur von den jeweiligen Polizeibehörden der Länder gegeben werden. Eine namentliche Erfassung erfolgt für den ZIS Jahresbericht nicht.

 

Ferdinand, 18.10.2013


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