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Spielbericht Profis - 15.09.2013

Superboys

Irgendwann im Juli. Irgendwo in Dortmund. In irgendeinem Hinterzimmer der Dortmunder Geschäftsstelle. 

Michael: Jürgen, mein Freund. Mir wird das alles viel zu viel. Die Presse erwartet stündlich einen Neuzugang, den wir ihr präsentieren können. Was sollen wir tun?

Jürgen: Gemach, gemach. Es ist doch alles gut. Die Zusagen für Aubameyang und Mkhitaytan haben wir doch. Schick denen unsere Bestätigung zu – und wir sind alle wieder sorgenfrei.

Michael: Recht haste, Jürgen, recht haste. Aber ich habe mir das nochmal durch den Kopf gehen lassen. 23 und 13 Millionen? Das passt nicht ganz zu uns. In diesen Zahlen schwebt das Risiko mit. Was machen wir denn, wenn die floppen?

Jürgen: Vertrau mir!

Michael: Liebend gern, aber ich habe mir mal eine Pro- und Contra-Liste gemacht. Fangen wir bei Aubameyang an. Der Junge ist schneller auf dem Platz als Calmund am Buffet. Eine gute Antizipation hat er auch. Aber Tore schießen? Nun, in Frankreich hat er es ganz gut gemacht. Aber die Bundesliga – und das wissen wir beide – ist nochmal etwas anderes. Ach, ich bin einfach unsicher…

Jürgen: Vertrau mir, Michael!

Michael: Angenommen, wir lochen die Aubameyang-Geschichte ein. Was machen wir mit Mkhitaryan? Der kostet nochmal locker zehn Millionen mehr, hat mir bei den Verhandlungen ebenso viele Nerven gekostet. Jetzt haben wir die Offiziellen rumgekriegt. Dennoch: Mich beschleicht die Unsicherheit. Keine Frage, der Kerl ist eine Granate. Technisch allererste Sahne. Aber so viel Geld für einen Spieler, der in der Ukraine gespielt hat? Ich weiß nicht…

Jürgen: So, jetzt ist aber gut. Wir holen beide Spieler. Punkt. Und ich gebe dir das Versprechen, Michael, dass die beiden – na, sagen wir mal bis zum fünften Spieltag – zusammen bereits acht Tore erzielt haben.

Michael: Du bist doch verrückt. Einfach verrückt.

Jürgen: Du musst mir nur vertrauen.

Samstag, 14. September: Der 6:2-Sieg des BVB gegen den HSV ist gerade 40 Minuten alt. Nachdem Jürgen Klopp den Presse-Marathon abgearbeitet hat, geht er in Richtung Auto. Er ist allein. Naja, fast. Zufällig will auch Michael Zorc gerade in sein Auto steigen. Es braucht an diesem Abend keine Worte. Michael schaut Jürgen an, will gerade den Mund aufmachen. Da winkt Jürgen ab. In seinem typischen, übergroßen Lächeln zwinkert er Michael zu. Beide steigen zufrieden in ihr Auto.

Nun, zugegeben: Diese Szenerie ist fiktiv – hätte aber theoretisch so stattfinden können. Und wer weiß? Vielleicht begleiteten den Dortmunder Verantwortlichen tatsächlich Zweifel, als sie die Neuen für diese Saison austüftelten. Spätestens seit gestern sind diese aber weg. Denn auch das fünfte Spiel gewinnt der BVB. Diesmal aber anders als die vier davor, die keinesfalls Zittersiege waren. Nein. Aber so richtig gefluppt hat es erst gestern. Mit einer spielerischen Glanzleistung. Mit Esprit. Mit Galle. Und mit zwei Neuen, die an fünf der sechs Borussia-Tore beteiligt waren.

Während Hamburg für HSV-Fans eine Perle ist, war der Nord-Club  für BVB-Anhänger in der letzten Saison allenfalls eine Schweißperle. 2:3 und 1:4. Besonders letzteres Ergebnis schmerzte. Deshalb war trotz der konfusen Situation beim HSV Vorsicht geboten. Kuba schaffte es nicht rechtzeitig in den Kader und fehlte dabei ebenso wie die Langzeitverletzten Piszcek und Gündogan. Auf der Sechs durften sich Bender und Sahin weiter einspielen. Vor ihnen rannte Aubameyang, glänzte Mkhitaryan und zauberte Reus. Vor allem die drei und Lewandowski bekamen ein Ehemaligentreffen hautnah mit. Lasse Sobiech stand beim HSV nämlich in der Startaufstellung.

Erste Halbzeit

Und der bekam in der hanseatischen Hintermannschaft mal einen proppevollen Arbeitstag aufgetischt. Dortmund spielte sich Chancen heraus, die normalerweise für drei Spiele reichen. Los ging es schon in der vierten Minute mit einer Doppelchance. Mkhitaryan lief von links auf Adler zu, zog ab – und scheiterte. Im Nachschuss war es nochmal Adler, der wohl bundesligaweit zum Keeper mit dem größten Mitleidsfaktor gehört, hier aber Sahins Flachschuss parierte. Eine Kopie gab es sechs Minuten später. Über Umwege gelang der Ball zu Lewandwoski, der aus 16 Metern draufhielt. Wieder war Adler dran. Er klärte zur Ecke. Dass der Hamburger Sportverein nicht nur auf seinen Keeper, sondern auch auf statische und metallische Hilfe, nämlich auf die der Querlatte, angewiesen ist, zeigte sich in Minute 13. Hummels Rückenball nach einem Reus-Freistoß ging an den Querbalken.

Die Dortmunder begannen grandios, nahmen aber auch in dieses Heimspiel ihr lästigstes Problem: die Chancenverwertung. Bis zum Tor mit starkem Gegenpressing, überfallartigen Angriffen und filigraner Abstimmung lief alles bestens. Nur eben bis.

Da musste schon in der – wie sollte es anders sein – 19. Minute eine linksseitige Premium-Idee her, die ebenso simpel wie erfolgreich war. Marcel Schmelzer sah, als er einen eigentlich ungefährlichen Freistoß aus der eigenen Hälfte ausführen sollte, Pierre-Emerick Aubameyang starten. Sein Bewacher Heiko Westermann gewährte ihm noch einen höflichen Fünf-Meter-Diskretionsabstand. Aber selbst der half nichts. Aubameyang überrannte ihn hoffnungslos, traf aus acht Metern mit links – und Adler auf dem falschen Fuß. Egal. 1:0. Salto.

Unterstützt durch die stark aufgelegte Südtribüne ging es weiter in Richtung Nordtribüne. Und während Roman Weidenfeller mit den Balljungen hätte einen netten Small-Talk-Plausch abhalten können, spielten seine Vorderleute weiter nach vorne. Und erfolgreich. Im Spielaufbau verlor der HSV den Ball, den sich Reus schnappte. Er spielte Lewandowski an. Und schon lief das Prinzip „Hacke-Spitze-eins-zwei-drei“. Lewandowskis Hackenpass erreichte Mkhitaryan, der den Ball mit der Fußspitze im letzten Moment mitschleppte. Erster Schritt, zweiter Schritt, dritter – und zack. Vom Innenpfosten zum 2:0. 

Da verwunderte es schon sehr, dass wenig später ein 2:1 auf der Anzeige prangte. Der HSV war bis dahin nämlich harmloser als die Teilnehmer des 46. Pazifisten-Festivals in Bad Staffelstein. Lam profitierte bei seinem 25-Meter-Treffer aber auch von konsequenter Defensiv-Abstinenz der Borussia. Danach das gewohnte Bild. Reus scheiterte vor der Pause noch an Adler und der Latte.

Zweite Halbzeit

Ganz klar: Wie so oft hätte der BVB bereits mit drei, vier Toren führen müssen. In der 49. Minute sah die Realität dann ganz anders aus. Nach VdV-Freistoß von der linken Seite stand Westermann derart frei, dass er nur noch einköpfen musste. Der zweite HSV-Torschuss, das zweite HSV-Tor – zumindest in Sachen Effektivität hat der Universalsportverein Vorbildcharakter bewiesen.

Das war’s dann aber auch wieder. Klopps Chancenspezialisten feuerten weiter aufs HSV-Tor. Zunächst versuchte sich Reus in einem Riesen-Solo. Sein Schuss prallte – man ahnt es – an die Latte. Dann gab es eine Tripple-Chance. Reus, Lewandowski und Mkhitaryan vergaben hintereinander. Zwei Minuten danach rückten sich die zwei Neuen wieder selbst in den Fokus. Mkhitaryan kam mal wieder aus dem Zentrum, bewegte den Ball magnetartig an seinem Fuß, spielte dann auf Aubameyang, der diesmal mit rechts abzog. Wieder sah Adler nicht wirklich gut aus. Wieder war der Ball aber drin (63.).

Die Seiten wechselte Aubameyang beim vierten Tor. Auch die Vorbereiterrolle wollte er mal ausprobieren. Also spielte er einen strammen Flachpass in den Strafraum. Verständnisvoll ließ der einlaufende Reus den Ball durch seine Beine. Denn er wusste: Hinter ihm steht noch jemand. Robert Lewandowski nämlich. Der bekam das Spielgerät dann auch, dachte kurzzeitig darüber nach, wie er am lässigsten einschieben kann, stoppte den Ball mit der Sohle, ging einen Schritt nach vorne – und traf zum 4:2. Keine 90 Sekunden später, der HSV längst ein resigniertes Opfer der Dortmunder Ungnädigkeit, stürmte wieder Aubameyang. Ihm versprang der Ball, was wenig schlimm war. Diekmeier spielte im Fallen Reus den Ball zu, der sich kurz bedankte, dann nach vorne ging, tunnelte und jubelte – 5:2.

Das Westfalenstadion gab dann unterdessen schon mal die Antwort auf die wohl wichtigste Frage der Bundesliga. Die elf Borussen auf dem Platz bedankten sich auf ihre Weise. Nuri Sahins Flanke aus dem Halbfeld erreichte Lewandowski, der ebenso frei wie Westermann zuvor in der 49. einnicken konnte. 

Und während der BVB auf dem Platz – mittlerweile mit Sokratis, Hofmann und Durm – das Spiel und den Sieg ausklingen ließ, gaben Block Drölf und die Südtribüne ein Lied zum Besten, das wunderbar melodisch, einfach und in jeder Situation zu singen ist. Alles zur Melodie von Reamonns „Supergirl“. Hätte die Band gewusst, dass ihre Melodie irgendwann mal im Westfalenstadion gesungen wird, dann hätten sie ihr Lied damals vermutlich umbenannt. In „Superboys“ und in Anlehnung an elf Borussen. Elf Borussen, die nach fünf Spielen 15 Punkte holten.

Die Fotostrecke zum Heimsieg gegen den HSV findet Ihr wie gewohnt auf unserer BVB-Fotoseite unter diesem Link.

Statistik

Borussia Dortmund: Roman Weidenfeller – Kevin Großkreutz, Neven Subotic (61. Sokratis), Mats Hummels, Marcel Schmelzer (79. Erik Durm) – Sven Bender, Nuri Sahin – Pierre-Emerick Aubameyang, Henrikh Mkhitaryan (79. Jonas Hofmann), Marco Reus – Robert Lewandowski.

Hamburger Sportverein: René Adler – Lasse Sobiech (46. Petr Jiracek), Johan Djourou, Heiko Westermann – Dennis Diekmeier, Tolgay Arslan, Tomas Rincon (68. Hakan Calhanoglu), Zhi-Gin Lam – Rafael van der Vaart (86. Pierre-Michel Lasogga) – Jacques Zoua, Maximilian Beister. 

Tore: 1:0 Aubameyang (19.), 2:0 Mkhitaryan (22.), 2:1 Lam (26.), 2:2 Westermann (49.),  3:2 Aubameyang (65.), 4:2 Lewandowski (73.), 5:2 Reus (74.), 6:2 Lewandowski (81.).

Schiedsrichter: Tobias Welz

Ecken: 7:2

Chancen: 18:3

Gelbe Karten: - / Rincon, van der Vaart, Arslan, Diekmeier

Zuschauer: 80645 im ausverkauften Westfalenstadion

Noten

Roman Weidenfeller: Statistisch gesehen ein gebrauchter Tag: drei Schüsse auf sein Tor, zwei HSV-Treffer. An beiden war er aber absolut machtlos. Im Training bekommt er mehr zu tun. Note 3,5

Kevin Großkreutz: Absolut solides Spiel. Kämpferisch gewohnt auf Spitzenreiter-Niveau. Diesmal aber immer auch mit Akzenten nach vorne. Note 2,5

Neven Subotic: Wurde nach einer Stunde ausgewechselt. Sah beim 1:2-Anschlusstreffer nicht ganz glücklich aus und beging das Foul vor dem 2:2. Also: Subotic hatte auch schon mal bessere Tage. Note 4

Mats Hummels: Nationalmann…? Was? Völlig egal. Hummels machte einen lupenreinen Job, war der Sicherheitspol in Schwarz-Gelb – und erzielte kurz vor dem Ende nach einem Alleingang fast noch das 7:2. Note 2

Marcel Schmelzer: Auch er bekam hinten recht wenig zu tun, weshalb er sich vorne noch öfter als sonst als zusätzliche Offensivkraft anbot. Engagiert wie eh und je. Deshalb Note 2,5

Sven Bender: Neigt dazu, unauffällig und bärenstark zugleich zu spielen. Immer besser wird die Feinabstimmung zum Sechser-Kollegen Sahin. Ein gutes Duo, das dennoch ein wenig im Schatten der vor ihm stehenden Dreierkette steht. Note 2

Nuri Sahin: Hatte vor allem in der Anfangsphase selbst große Chancen. Danach leitete er immer wieder als Anfangsstation gefährliche Angriffe ein, legte das letzte Tor auf und ist außerdem in guter bis sehr guter Form. Weiter so! Note 2

Aubameyang: Ist wohl der Spieler, bei dem die Messung der Ballgeschwindigkeit fälschlicherweise seine Laufgeschwindigkeit aufnimmt. Spielte wie in Augsburg von Anfang an. Dort traf er dreimal, nun zweimal. Schön zu sehen, wie er einschlägt. Schön, dass er seine Saltos nun auch zuhause machen kann. Vor dem Tor dennoch ab und zu ein wenig (zu) lässig. Note 1,5

Mkhitaryan: Auch er mit einer Wahnsinnsvorstellung. Die Zehner-Position ist gemacht für einen derart begnadeten Fußballer. Seine Spielweise, die bodenständig und spektakulär zugleich ist, ist nicht nur nett anzusehen, sondern auch erfolgreich. Note 1

Reus: Volle Punktzahl. Klasse. Unglaublich. Note 1

Lewandowski: Bekam diesmal gar nicht so viele Bälle vor dem Tor wie sonst, weil Reus und Aubameyang oftmals als Sturmpartner fungierten. Engagiert mit seiner einmaligen Abschirmtechnik. Und: zwei Tore. Besser geht‘s kaum. Note 1,5

Sokratis: Spielte eine unspektakuläre und fehlerfreie halbe Stunde neben Mats Hummels in der Innenverteidigung. Note 3

Durm und Hofmann: Kamen spät in der 79. Minute uns sind deshalb ohne Note

Leon, 15.09.2013