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Gastautoren - 13.09.2013

Desinformation und Eskalation

Ich bin ein guter Bundesbürger. Ich lebe gerne in meinem Land, bin eher wertkonservativ und habe mit einer gewissen Naivität bis zu den jüngsten NSA-Enthüllungen nicht an Verschwörungstheorien geglaubt. Wenn ich Polizisten gesehen habe, hatte ich immer ein gutes Gefühl. Sie waren für mich Repräsentanten unserer Staatsmacht, die unsere Sicherheit garantierten. Inzwischen beschleicht mich bei Polizeieinsätzen immer häufiger ein mulmiges Gefühl. Ich empfinde die Geschehnisse vor dem BVB-Spiel gegen Braunschweig und während der Partie Schalke gegen Saloniki als regelrecht alarmierend. Um es klar zu sagen: Etwas stimmt nicht mehr in unserem Land.

Das Relegationsspiel Düsseldorf-Hertha im Vorjahr markierte einen Wendepunkt. Law-and-Order-Politiker und Polizeivertreter erkannten eine Chance. Hand in Hand mit einer unsäglich verzerrenden Berichterstattung deuteten sie eine gewaltige Aufstiegsparty in einen Bürgerkrieg um. Alles war in den Wochen der nun einsetzenden Hysterie erlaubt. Dass Ultras als "Taliban der Fans" verunglimpft wurden, störte niemanden. Dass Choreografien als "faschistoide Versammlungsrituale" diffamiert wurden, wurde akzeptiert. Die überwältigende Mehrheit der Nicht-Stadiongänger in Fußball-Deutschland wurde geradezu systematisch in Angst und Schrecken versetzt.

Dass die Verletzungsgefahr beim Münchener Oktoberfest 25 mal so groß ist wie bei den Spielen der deutschen Profi-Ligen, interessierte niemanden. Auch nicht die Polizei! Bei der lösten die vergewaltigten Frauen und Schwerverletzten von der Theresienwiese nur ein Schulterzucken aus: "Wo so viel getrunken wird, wird es immer zu alkoholbedingten Körperverletzungsdelikten kommen," meinte ein Polizeisprecher lakonisch. Ein Bundesligapräsident, der so über eine Schlägerei im Stadion sprechen würde, wäre morgen nicht mehr im Amt.

Der Fußball ist in schwierigen politischen Zeiten der großen Krisen von den Hardlinern in der Politik als dankbarer Blitzarbeiter erkannt worden. Eine Pyro-Fackel und zwei prügelnde Fans reichen: Schwupps verschwinden die Artikel über Währungskrise, NSU-Morde und NSA-Bespitzelung in den Innenteil der Zeitungen. Und für die Nachrichten über Fan-Randale sorgt die Polizei - und das ist der Skandal - inzwischen selbst.

Die ZIS (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze) platzierte mitten in die Sicherheitsdebatte des Vorjahres die Veröffentlichung von Verletztenzahlen mit klarer Aussage: wir haben mehr Verletzte, also eskaliert die Gewalt! Wir müssen handeln! Als nachdenklich gewordene Journalisten nachhakten, wurde aus der vorher noch so laut tönenden ZIS die geradezu peinlich hilflose ZDS (Zentrale Desinformationsstelle Sporteinsätze). Der Fragenkatalog von Spiegel Online und das in sich zusammenfallende Kartenhaus der ZIS ("Hierzu liegen keine Erkenntnisse vor") sind ein eindrucksvolles Dokument einer versuchten und dann kläglich gescheiterten Dramatisierung der Situation in unseren Stadien.

Trotzdem haben versuchte Desinformation und Eskalation seit dem vergangenen Herbst System. Die Fan-Randale beim Revierderby, die niemand will und niemand gutheißt, wurde vom NRW-Innenminister in grober Unkenntnis der Vergangenheit zur schlimmsten Ausschreitung aller Zeiten hochdramatisiert.

Als lose Schrauben an einer Zuschauertribüne in Zwickau entdeckt wurden, schloss der Polizeisprecher Sabotage nicht aus. Ruckzuck sprachen Zeitungen von "unbekannten Chaoten" und "Mordanschlag". Die unspektakuläre Wahrheit - es handelte sich schlicht und einfach um Pfusch am Bau - blieb dann weitestgehend ungehört.

Als Frankfurter Fans sich beim Auswärtsspiel in München verschärfter Körperkontrollen in Zelten unterziehen mussten, machte anschließend eine erschreckende Zahl von sichergestellten Messern und Pickelhauben die Runde. Erst auf Nachfrage stellte sich heraus, dass die "Waffenfunde" überall im und am Stadion, nur eben nicht in den Zelten getätigt wurden. Die Hardcore-Leibesvisitation wurde als voller Erfolg verkauft, war aber tatsächlich ein Voll-Flop.

Als mitten im niedersächsischen Wahlkampf Dynamo Dresden zum Auswärtsspiel nach Hannover kam, wurde - merkwürdig, merkwürdig - eine bewährte Deeskalationsstrategie der Polizei außer Kraft gesetzt. Ausgerechnet die gefürchteten Dynamo-Fans wurden nicht wie üblich frühzeitig in einen geöffneten Gästeblock gelassen sondern eingekesselt. Brauchte da vielleicht jemand willkommene Schlagzeilen?

Um Schlagzeilen ging es offensichtlich auch, als man die Presse zu einer geradezu grotesken Hooliganbekämpfungs-Polizeiaktion mit Hundertschaft und Hubschraubern am Berliner Olympiastadion einlud. Spätestens als im Schneegestöber ein vierfacher Familienvater und Hubschrauberpilot sein Leben verlor, hätte es den Aufschrei der Empörung geben müssen. Oder glaubt irgendjemand wirklich, dass bei einem Bundesligaspiel mit 70000 Zuschauern die Polizei über Hubschraubereinsätze über einer Menschenmenge nachdenkt, um eine Schlägerei zu verhindern? Wir sollten uns nicht verdummen lassen!

Spätestens die Ereignisse der gerade begonnenen Saison sollten uns endgültig aufrütteln. Warum werden BVB-Fans auf dem Weg zum Stadion eingekesselt? Weil die Polizei eine Bombe in einem Rucksack wähnt? Weil ein Sturm auf den Gästeblock vermutet wird? Weil Schlagringe, Messer und Baseballschläger sichergestellt werden sollen? Nee! Die Polizei wollte eines ACAB-Transparents habhaft werden. Wie schräg ist das denn? Kein Polizist muss sich diese primitive und frühpubertäre Beleidigung gefallen lassen. Aber kein Bundesbürger muß sich eine derartige Unverhältnismäßigkeit beim polizeilichen Vorgehen auf der Suche nach einem - juristisch noch nicht einmal verbotenen - Banner gefallen lassen.

Der Polizeieinsatz auf Schalke markierte den traurigen Höhepunkt des Versuchs, dem Fußball und seinen Fans ein Gewaltproblem unterzujubeln, dem man nur vor Millionen Fernsehzuschauern durch martialisches Einschreiten begegnen könne. Von "Lebensgefahr" und "Volksverhetzung" war die Rede. Was eine reguläre Fahne mit Volksverhetzung zu tun hat, konnte die hilflos vor sich hinstammelnde Polizeisprecherin dem Radiomoderator nicht erklären. Die ZIS, der grundsätzlich keine Erkenntnisse vorliegen, lässt grüßen.

Der Fußball in Deutschland läuft Gefahr, ähnlich missbraucht zu werden, wie der Fußball im England der Thatcher-Ära. Auch damals wurden Verhältnisse dramatisiert, Fans kriminalisiert und Tatsachen verschleiert. Der Fußball muß sich wehren.

Die Vertreter des FC Schalke haben sich vorbehaltlos hinter ihre Fans gestellt, die an diesem Abend Opfer waren. Ein derartig klares Bekenntnis gegen Panikmache und Eskalation ist zur Nachahmung empfohlen.

Hansi Küpper, 13.09.2013

Hansi Küpper ist seit rund einem Vierteljahrhundert als Fußballkommentator für verschiedene Radio- und Fernsehsender tätig, aktuell für Sport 1. Er schreibt regelmäßig die Kolumne Hansi Mondiale in der BVB-Mitgliederzeitschrift "Borussia" sowie der Stadionzeitschrift "Echt".


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