Stellungnahme des Fan-Projekt Dortmund e.V. zum Derby Borussia Dortmund – FC Schalke 04 am 20.10.2012
Bewusst mit etwas Abstand folgt nun eine Stellungnahme des Fan-Projekt Dortmund e.V. zur Partie zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 am 8. Spieltag der Saison 2012/2013, da die bisherige mediale Berichterstattung über die Sichtweise des Fan-Projekts nicht dem tatsächlichen Meinungsbild unserer Institution entspricht.
Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es sich nicht, wie zum Teil berichtet, um die „schlimmsten Ausschreitungen der Fußballgeschichte“ gehandelt hat, sondern lediglich eine Minderheit der Stadionbesucher (unter 1%) an Auseinandersetzungen beteiligt war. Selbstverständlich lehnt das Fan-Projekt jegliche Form von Provokation und gewalttätiger Auseinandersetzungen ab und somit auch jene, die an diesem besagten Tag stattgefunden haben.
Kritisch zu bewerten ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass gerade in der selbsternannten Fußballhauptstadt Deutschlands im Vorfeld dieses Spiels in erster Linie die Brisanz möglicher Auseinandersetzungen in den Vordergrund gerückt wurde (self-fulfilling prophecy), auf der anderen Seite hingegen positive Aspekte, wie der sportliche Wert der Partie und eine Vorfreude auf ein großes Ereignis völlig untergegangen sind. In diesem Zusammenhang waren diverse im Vorfeld getätigte Aussagen (u.a. in Interviews und auf Podiumsdiskussionen) einem friedlichen Ablauf in keiner Weise dienlich.
Auf diesem Weg laufen Fans Gefahr, zum Spielball der Politik zu werden bzw. sich machen zu lassen, was es in jedem Fall zu verhindern gilt. Die Negativspirale aus Fehlverhalten von Fans, medialer (Über-)Dramatisierung bis hin zur Fehlberichterstattung, mangelnder Professionalität der Sicherheitskräfte sowie politischem Aktionismus ist nicht zielführend und muss von allen Beteiligten aufgebrochen werden.
Dafür ist es zum einen unerlässlich, dass ein jeder Fan sein Verhalten an diesem Spieltag kritisch hinterfragt, denn es kann und darf nicht sein, Gewalt als Reaktion oder Gegenreaktion (weder gegen Gästefans noch gegen Polizisten) einzusetzen, so wie es vor dem Stadion, unter der Südtribüne und insbesondere im Bereich rund um die Gaststätte Flora geschehen ist. Gewalt ist nicht hinnehmbar. Anstelle von Solidarisierung gegen Sicherheitskräfte kann nur ein lösungsorientierter und zielgerichteter Dialog stehen, wie er in Teilen an besagtem Spieltag in entscheidenden Situationen (wie auf dem Weg zum Stadion) stattgefunden hat.
Zum anderen scheint es aus unserer Sicht dringend erforderlich, dass auf polizeilicher Seite ein professionellerer Umgang mit großen Fangruppen stattfindet. Ein flexibleres Einsatzkonzept wäre – besonders an diesem Spieltag - wichtig gewesen, das den aktuellen Gegebenheiten hätte angepasst werden können. Denn die Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen, dass sich große Fangruppen nicht immer automatisch Sonderzügen anschließen. Problematische Situationen ergaben sich zudem an diesem Spieltag aufgrund nicht vorhandener Ortskenntnisse begleitender Einsatzhundertschaften. Auch die polizeiinterne Kommunikation führte nicht nur in Einzelfällen zu sich widersprechenden Aussagen und Vorgaben in Richtung der Fans, welche im Anschluss als Konsequenz einen Pfefferspray-Einsatz nach sich zogen. Hier wären weiterreichende Entscheidungsbefugnisse/ Interventionsmöglichkeiten der polizeilichen Fachleute (szenekundige Beamte) hilfreich gewesen. Grundsätzlich sollte die Polizei ihre Strategie des massiven Einsatzes von Pfefferspray überdenken, der immer häufiger und selbstverständlicher geworden ist. Aus diesen Situationen heraus kommt es häufig zu Verletzungen Unbeteiligter, die in der Fanszene für Unverständnis und große Empörung sorgen.
Abschließend bleibt grundsätzlich festzuhalten, dass alle Beteiligten deutlich professioneller und sachorientierter mit diesen besonderen Spielen umgehen müssen - sowohl in der Vorbereitung, am Spieltag als auch in der Nachbereitung. Eine grundsätzliche sowie intensive Analyse, sowohl positiver wie negativer Ereignisse des kompletten Spieltags, im Kreise der Teilnehmer der Sicherheitsbesprechungen zu erarbeiten, ist unabdingbar. Diese sollte sich nicht ausschließlich auf Personen außerhalb sondern auch auf jene innerhalb der eigenen Institution beziehen. Zur professionellen Aufarbeitung seitens der rechtsstaatlichen Sicherheitsbehörden gehört neben der Reflexion unter anderem, dass tatsächliche und nachweisliche Täter – unabhängig davon, in welcher Rolle und Funktion sie an diesem Spieltag agierten – zeitnah und angemessen Konsequenzen spüren. Ebenso – in hohem Maße – ergibt sich eine Verantwortung auf Seiten der Medien, die Berichterstattung sachlich, redlich und objektiv recherchiert wiederzugeben. Nicht zuletzt liegt es jedoch auch in der Hand der Fans, sich kritisch zu hinterfragen und mehr Verantwortung zu übernehmen. Um eine weitere Zuspitzung der Situation zu vermeiden, muss in die Zukunft investiert werden. Das bedeutet, dass die Arbeit mit den Fußballfans und mit Jugendlichen im Allgemeinen weiterhin intensiviert werden muss und es in diesem Zusammenhang nicht dazu kommen darf, dass sich die Politik aus der Förderung und Finanzierung der Jugendarbeit zurückzieht. Selbstverständlich sehen wir uns in der Pflicht, unseren Teil zu einer sachlichen Aufarbeitung der Ereignisse beizutragen.
Quelle: BVB-Fanprojekt
Redaktion, 24.11.2012
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