Und jetzt?

Jubelnde Griechen - fassungslose BorussenDie Niederlage in Piräus ist bitter. Weniger als das nackte Ergebnis schmerzt dabei die Erkenntnis, dass die Bäume für den BVB nicht (mehr) in den Himmel wachsen. Die Champions League jedenfalls ist für die Borussen derzeit definitiv eine Nummer zu groß.

Ein Unentschieden gegen Arsenal ist akzeptabel, eine Niederlage in Marseille nichts Ehrenrühriges. Aber dann auch in Piräus zu verlieren? Und vor allem so? Mit der schlechtesten Saisonleistung, ausgerechnet wenn es drauf ankommt?

Da gibt es auch nicht viel zu beschönigen. In Piräus fehlte es dem BVB so ziemlich an allem: Haarsträubende Unsicherheiten in der Defensive waren – nicht wie noch in Marseille – die seltene, aber folgenschwere Ausnahme, sondern fast das gesamte Spiel über eher die Regel, als hätte sich der Deckungsverbund der Borussia mit den streikenden Griechen in der Hauptstadt solidarisch erklären wollen. Weiter vorn verdiente der Spielaufbau seinen Namen in der ersten Hälfte zu selten und in der zweiten überhaupt nicht: Kaum Bewegung, kaum Tempowechsel, wenige überraschende Momente und dazu ein Passspiel der Marke „Hoch auf Koller“, das schon mit dem Namensgeber einst eher Verzweiflungstat als Erfolgsrezept gewesen ist. Zu allem Überfluss nutzten die Schwatzgelben dann auch ihre Gelegenheiten nicht: Symptomatisch, wie Shinji Kagawa aussichtsreich den Ball über das Tor hebt, obwohl der Torwart schon fast liegt, oder Kuba freistehend überhastet abschließt, anstatt mit dem Ball in Richtung Tor zu gehen.

Nein, das war nichts und so ist es wohl auch kein Wunder, dass selbst Jürgen Klopp sich Mittwochabend schwer tat, seine Eindrücke des Abends in Worte zu fassen.Nein, das war nichts und so ist es wohl auch kein Wunder, dass selbst Jürgen Klopp sich Mittwochabend schwer tat, seine Eindrücke des Abends in Worte zu fassen. Denn auch von der wilden Entschlossenheit, mit der man sich noch in Bremen in jeden Ball geschmissen hatte, und die doch auch so elementar ist für große Europapokalfights, war in Piräus wenig zu spüren.

Was bleibt also nun nach der gestrigen Niederlage? Wut? Ärger? Am ehesten wohl Enttäuschung. Enttäuschung darüber, dass die Bäume für diese junge Mannschaft doch nicht in den Himmel wachsen und wir als Verein eben noch nicht so weit sind, wie wir uns das erhofft hatten.

Und ein bisschen kann einem die Mannschaft auch leid tun. Viel ist geredet worden über all die jungen Spieler, die die Champions League bisher nur von der Playstation kennen und für die sich jetzt ein Traum erfüllen würde, ebenfalls nun diese Bühne betreten zu dürfen. Und die nun jetzt leidvoll erfahren müssen, dass es für das Spiel mit den großen Jungs bislang noch an einigem hapert. Am ehesten wohl an der Erfahrung, Abgeklärtheit und Kaltschnäuzigkeit, denn rein von den fußballerischen Qualitäten her müsste sich der BVB wohl vor keiner der drei Mannschaften seiner Gruppe verstecken. Mit größtenteils nur der Erfahrung aus den sechs Europa-League-Spielen der vergangenen und den drei bisherigen Champions-League-Einsätzen stinken die Jungs aber leider ab gegen CL-Dauerbrenner wie London und Piräus.

Mario Götze ist zu ballverliebtDie Mannschaft hat unter Jürgen Klopp eine große Entwicklung im Schnelldurchgang vollzogen. Insbesondere in der vergangenen Saison hat sich die Mannschaft im Eiltempo entwickelt. Die Ergebnisse im Europapokal – sowohl letztes Jahr wie auch diesmal – offenbaren aber, dass mit großen Schritten übersprungene Stufen dieser Entwicklung nicht völlig ohne Auswirkung bleiben. Trotz imposanter Rückmeldung in der nationalen Spitzenklasse bleibt die Borussia international erstmal ein Lichtgewicht. Dabei wollten sie es doch offenbar besonders gut machen…

Jetzt kann man natürlich die Frage aufwerfen, ob der Kader zielgerichteter hätte verstärkt werden müssen, im Hinblick auf die Champions League. Ob man erfahrenere Spieler hätte dazu holen sollen.
Aber wäre das fair gewesen? Sicher nicht. Die Mannschaft, die sich für die Champions League qualifiziert und sich und uns einen Traum erfüllt hat, sollte eben auch die Gelegenheit bekommen, dort in der Champions League anzutreten. Das ist nur richtig.

Ivan Perisic im ZweikampfFür Fairness kann man sich nichts kaufen, aber vernünftig wäre es zumindest doch gewesen? Das bleibt mehr als fraglich. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sowohl der BVB wie auch andere Teams schon mit deutlich erfahreneren Mannschaften international untergegangen sind. Die Diskussion, ob eine andere BVB-Mannschaft besser abgeschnitten hätte, ist sehr akademisch, zu beweisen ist eine solche Vermutung kaum. Fakt aber ist, dass mit einer solchen Entscheidung ein großes Risiko verbunden wäre: Zum einen hätte man einer funktionierenden Mannschaft plötzlich externe (Führungs-)spieler aufgedrückt, zum anderen kosten derartige Spieler ein deutliches Mehr an Gehalt, das auch nach einem Ausscheiden und einer möglicherweise verfehlten erneuten Qualifikation für die kommende Saison noch zu zahlen wäre.

Vor allem anderen aber ist diese Forderung unehrlich, hat sich doch ganz Dortmund in der vergangenen Spielzeit ein Loch über die junge und entwicklungsfähige Mannschaft gefreut, mit der man sich endlich wieder identifizieren kann und die so große individuelle Entwicklungsperspektiven besitzt wie wohl keine andere in der Bundesliga. Doch Entwicklung mit allen positiven Merkmalen und ohne die negativen, das geht nicht – und es spricht eher gegen die Kritiker, als gegen die Mannschaft, wenn man einer so jungen Truppe auf einmal das Recht absprechen will, Fehler zu machen und Nackenschläge zu kassieren.

Subotic-Patzer nehmen zuTrotz allem – und auch wenn die Champions League nur die Kür ist und die Bundesliga samt erneuter Qualifikationsmöglichkeit den bedeutenderen Wettbewerb darstellt – fühlt sich das Ergebnis von vorgestern alles andere als gut an. Im Gegenteil, es tut richtig weh.

Wenn man etwas Positives ziehen will aus dem Tabellenstand in Gruppe F, dann ist es der Umstand, dass die Borussia nach der Partie wirklich gar nichts mehr zu verlieren hat. Den Gruppensieg kann man abschreiben, das Weiterkommen ist nur noch eine theoretische Option und selbst Platz 3 wird schwer genug. Auf das alles muss man sich jetzt nicht mehr konzentrieren und kann vielleicht jetzt in den verbleibenden drei Spielen etwas befreiter aufspielen.

Die Mannschaft wird aber auch an solchen Erlebnissen wachsen und lernen

Arne, 21.10.2011