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schwatzgelber Saisonrückblick - 29.07.2010

Die vergessenen Jahre Teil 7: Saison 56/57

BVB-LogoDer Zweite Weltkrieg war zu Ende und Deutschland war am Ende. Der Sport musste ganz andere Strukturen kriegen. Dieser Text befasst sich mit der Oberliga West, die in der Zeit von 1947 bis 1963 eine regionale Bundesliga war und die Basis für den BVB von heute darstellt. Spieler wie Preißler, Schmidt, Burgsmüller und viele andere brachte diese Zeit hervor. Trotzdem kennt kaum einer diese Liga. In diesen Saisonrückblick beschäftigen wir uns mit der Saison 1956/57.

Saison 1956/57 - Titelverteidigung mit der gleichen Mannschaft

Die Saison begann am 01.08.1956 mit dem Europapokalspiel daheim gegen den vielfachen, luxemburgischen Meister Spora Luxemburg. Dieses Spiel fand bereits 17 Tage vor dem Ligastart statt. Die Dortmunder gerieten mehrfach in Rückstand, doch dank einer Energieleistung in der zweiten Hälfte gewann man das Spiel mit 4-3. Die Torschützen für den BVB waren Bracht, Niepieklo und zweimal Preißler. Alle Treffer der Luxemburger, die mit 9 Nationalspielern angetreten waren, erzielte Boreux. Die Oberliga-Saison begann mit dem Auswärtsspiel beim SV Sodingen. Der BVB musste ohne Alfred Niepieklo und Adi Preißler antreten, konnte aber auf den aus Berghofen kommenden Alfred Schmidt zurückgreifen. Trotz der frühen Führung von Peters musste der BVB eine Punkteteilung beim 1-1 hinnehmen. Sieben Tage später fand dann schon das Derby statt. Der BVB ging durch Preißler und zweimal Kelbassa mit 3-0 in Führung, musste aber am Ende beim 3-2-Sieg zittern.

Nachdem der BVB am 05.09.1956 in Köln gegen den 1.FC gespielt und in einem dramatischen Spiel die Kölner mit 4-3 niedergerungen hatte, mussten sie nur 24 Stunden später schon in Luxemburg gegen Spora antreten. Die Dortmunder Spieler gingen auf dem Zahnfleisch und kassierten deswegen eine 1-2-Niederlage. Fielder traf in der 23. Minute zur luxemburgerischen Führung, die Adi Preißler nur 6 Minuten später ausglich. Aber schon in der 35. Minute ging Spora erneut in Führung. Obwohl es in der zweiten Hälfte einen Sturmlauf mit sieben Mann gab, blieb es bei dem Ergebnis. Heutzutage wäre dies nach den UEFA-Regeln das Aus gewesen, aber damals musste ein Entscheidungsspiel über das Weiterkommen entscheiden. Dieses fand 10 Tage später in Bologna statt. Das Spiel war frühzeitig entschieden, nach 20 Minuten ging Luxemburg die Luft aus. Durch Tore von Kelbassa (dreimal), Preißler (zweimal), Simmer und Peters gewannen die Borussen klar mit 7-0 und qualifizierten sich für die zweite Runde. In der Liga lief es für den BVB nicht so erfolgreich. Am 7. Spieltag verlor man daheim gegen den Überraschungs-Tabellenführer Duisburger SV mit 0-1. Die Presse stellte sich daraufhin die Frage: „Wer soll diese Duisburger schlagen?“

In der zweiten Runde im Europapokal der Landesmeister mussten die Dortmunder am 17.10.56 beim englischen Meister Manchester United antreten. Der englische Meister war seit 26 Spielen in der Meisterschaft unbesiegt, aber die Borussen wähnten sich gut gerüstet, denn zuvor hatten sie den Tabellenzweiten Fortuna Düsseldorf klar mit 5-0 besiegt. Doch bereits zur Halbzeit führte der hohe Favorit aus England durch Tore von zweimal Violett und einen Treffer von Pegg mit 3-0. Aber die Borussen zeigten Moral und verschafften sich durch die Treffer von Kapitulski und Preißler bei der 2-3-Niederlage eine gute Ausgangsposition. In der Liga gab es am 28.10.56 einen Kantersieg auf dem Gladbacher Böckelberg. Dank fünf Treffern von Alfred Kelbassa gewannen die Dortmunder mit 7-0.

Am 23. November fand das Rückspiel im Europapokal der Landesmeister gegen Manchester United statt. Erstmals wurde das neu installierte Flutlicht in der Roten Erde eingesetzt. Insgesamt 45.000 BVB-Fans kamen zum Spiel, es hätten min. noch 30.000 Karten mehr verkauft werden können. Trotz guter Leistung der Dortmunder endete das Spiel mit einem 0-0 gegen die „Busby-Babes“ und der BVB schied aus. Eine Entschuldigung hatte Trainer Schneider auch gefunden: „Das Licht störte uns mehr als die gegnerische Verteidigung.“ Lob gab es allerdings von den Engländern. Manchesters Manager Matt Busby sprach über die Gastgeber aus Dortmund: „Dortmund hat uns über den Hochleistungsstand des mitteleuropäischen Fußball aufgeklärt. Eine faszinierende Mannschaft.“

Der Deutsche Meister von 1957Beim Länderspiel in Dublin wurde nach zweijähriger Abstinenz Heinrich Kwiatkowski in der Nationalmannschaft eingesetzt. Beim 3-0-Sieg der Iren gab auch Elwin Schlebrowski sein Debüt. Bei Rot-Weiß Essen am 16.12. zeigte Alfred Kelbassa seine hervorragende Form. Er erzielte die Tore 17 bis 19 beim 3-0-Auswärtssieg. Die Hinrunde beendete der BVB auf Platz 2 mit 21-9 Punkten und 39-17 Toren. Ein Tag vor Heilig Abend trat Deutschland mit drei Borussen in Köln gegen Belgien an. Neben den schon in Irland eingesetzten Kwiatkowski und Schlebrowski feierte Alfred Kelbassa sein Debüt und erzielte beim 4-1-Sieg den dritten Treffer.

Im Derby am 12.01.57 zeigten beide Mannschaften eine dramatische, hochklassige Partie. Bei der „Werbung für den Fußball“ trennten sich die beiden Mannschaften mit 3-3. Am 01. Februar feierten die Borussen nach drei sieglosen Spielen bei Schwarz-Weiß Essen einen deutlichen Sieg und meldeten sich zurück. Drei Treffer erzielte Kelbassa und je zwei Tore steuerten Kapitulski, Schmidt und Preißler zum 9-0-Sieg im Uhlenkrug bei. Im Spitzenspiel beim Duisburger SV kamen die Dortmunder allerdings nicht über ein 1-1 hinaus (den Ausgleich für die Dortmund schoss Alfred Kelbassa). Aber nur zwei Spieltage später mussten die Duisburger den Platz an der Sonne räumen. Am Ende ging ihnen die Luft aus.

Eine Schreckensnachricht erhielten die Dortmunder am 25.03.57. Nach zwei Jahren verlässt Meistermacher Helmut Schneider den BVB und wechselte zu seinem vorherigen Verein, dem FK Pirmasens. Beim Sieg der deutschen Nationalmannschaft in Amsterdam gegen die Niederlande feierte der 21 Jahre alte Alfred „Aki“ Schmidt einen gelungenen Einstand. Der Dortmunder erzielte in der 75. Minute den 2-1-Siegtreffer. Die erfolgreiche Verteidigung des Westtitels konnten die Borussen am 11.05.57 beim 0-0 in Wuppertal feiern. Was zu diesem Zeitpunkt keiner wusste: Es war der sechste, aber auch der letzte Westtitel für den BVB. Die Oberliga-Saison endete eine Woche später daheim gegen Meiderich (ebenfalls 0-0). Der BVB beendete die Saison mit 41-19 Punkten und 73-33 Toren. Bei allen Oberligaspielen dabei war Wilhelm Burgsmüller. Torschützenkönig wurde Alfred Kelbassa mit sensationellen 30 Toren in 29 Spielen. Bei der Länderspielniederlage (1-3) gegen Schottland in Stuttgart am 22. Mai spielten die BVB-Spieler Schmidt und Kelbassa mit.

Gegenüber dem Vorjahr wurde der Modus für die Endrunde der Deutschen Meisterschaft geändert. Es fanden kein Hin- und Rückspiel mehr statt, sondern nur noch ein Spiel auf einem neutralen Platz. Erster Gegner am 02.06.57 waren in Ludwigshafen die Kickers Offenbach. Zwar lagen die Dortmunder schnell mit 0-1 im Rückstand, doch in der Hitze von Ludwigshafen zeigten die Borussen ihre Stärke und gewannen durch Tore von Alfred Niepieklo und Aki Schmidt mit 2-1. Eine Woche später hieß der Gegner in Hannover 1. FC Kaiserslautern. Erneut ging der Gegner in Führung, aber Kelbassa, Preißler und Kapitulski brachten dann den BVB in Front. Am Ende gewannen die Borussen mit 3-2. In Braunschweig wartete am 16.06.57 Hertha BSC Berlin auf den BVB und schon nach 30 Sekunden brachte Faeder den Außenseiter aus Berlin in Führung. Doch Niepieklo konnte schnell ausgleichen. In der 68. Minute erzielte dann Kapitulski den 2-1-Endstand und sicherte somit das Endspielticket.

Das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft fand am 23.06.1957 in Hannover statt. Von den 82.000 Zuschauern im Niedersachsenstadion kamen alleine 40.000 aus dem Ruhrgebiet. Und der BVB sorgt für ein Novum. Erstmals trat eine Mannschaft mit exakt der gleichen Mannschaft an, die im Vorjahr Meister geworden ist. Vor dem Spiel gab es schon eine Auseinandersetzung auf dem Platz zwischen den jungen Uwe Seeler vom HSV und dem 14 Jahre älteren Max Michallek. Seeler soll dem Dortmunder mit den Worten begrüßt haben: „Na Opa, was willst du in deinem Alter denn noch hier auf dem Platz?“. Darauf erwiderte ihm Michallek: „Bübchen, dich halte ich noch, wenn ich 70 bin.“ Die Hamburger zeigten einen Blitzstart, aber Alfred Kelbassa erzielte das 1-0. Zwar konnten die Hamburger durch Krug in der 25. Minute ausgleichen, aber nur eine Minute später war es erneut Kelbassa, der die Dortmunder in Front schoss. Den Endstand von 4-1 wurde durch zwei Treffer von Niepieklo sichergestellt. Dortmund überzeugte durch eine große Mannschaftsleistung. Das klare Ergebnis zeigte noch nicht einmal das wirkliche Kräfteverhältnis auf dem Platz wieder. Die Dortmunder taten nur das, was sie mussten. Zeitweise sah es so aus, als würden die Hamburger in dem Kombinationswirbel der Borussen untergehen. Am Ende schalteten dann aber die Dortmunder ein paar Gänge zurück, was wiederum die neutralen Fans verärgerte. Erstmals seit 1944 gelang es einem Klub, den Titel zu verteidigen.

Gegen 19 Uhr am nächsten Tag traf der Deutsche Meister mit der Bundesbahn in Dortmund ein. Erneut warteten 250.000 Fans bei strömenden Regen auf die Helden, um sie zu feiern. Nur einer konnte sich nicht so recht über die Meisterschaft freuen. Da Meistertrainer Schneider unbedingt die gleiche Mannschaft wie im Vorjahr spielen lassen wollte, musste der frisch gebackene Nationalspieler Aki Schmidt, obwohl er sportlich in das Team gehörte, draußen bleiben. Daran musste er lange knabbern.

Mit einem offiziellen Empfang im Rathaus und einer Feier im Goldsaal der Westfalenhalle wurde der Abend beendet.

CHS, 28.07.2010


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