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schwatzgelber Saisonrückblick - 24.05.2010

Die vergessenen Jahre Teil 6: Saison 55/56

BVB-LogoDer Zweite Weltkrieg war zu Ende und Deutschland war am Ende. Der Sport musste ganz andere Strukturen kriegen. Dieser Text befasst sich mit der Oberliga West, die in der Zeit von 1947 bis 1963 eine regionale Bundesliga war und die Basis für den BVB von heute darstellt. Spieler wie Preißler, Schmidt, Burgsmüller und viele andere brachte diese Zeit hervor. Trotzdem kennt kaum einer diese Liga. In diesen Saisonrückblick beschäftigen wir uns mit der Saison 1955/56.

Saison 1955/56 - Endlich Deutscher Meister

Der Saisonauftakt am 27.08.1955 begann hervorragend, die von Trainer Helmut Schneider trainierten Borussen besiegten den aktuellen Deutschen Meister Rot-Weiß Essen klar mit 4-1. Treffer durch Kapitulski, Niepieklo und zweimal Kelbassa drehten den zwischenzeitlichen 0-1-Rückstand. Aber nach vier Spieltagen hatten die Dortmunder einen Rückstand auf die punktverlustfreien Vereine von Fortuna Düsseldorf und Preußen Dellbrück von vier Punkten. Die Tabellenspitze erklommen die Borussen am 7. Spieltag (am 09.10.55) durch ein 3-2 gegen Westfalia Herne.

Beim Derby am 26.11.55 in Gelsenkirchen fand unter einer hervorragende Konstellation statt. Beide Mannschaften hatten 18-6 Punkte (Platz 3 für Dortmund, Platz 1 für die anderen). Der BVB setzte sich durch ein Eigentor von Zwickhöfer und zwei Treffer von Niepieklo mit 3-1 durch. Die Hinrunde beendete der BVB durch einen 4-2-Sieg gegen SV Sodingen und belegte als Tabellenführer (seit 11 Spielen ungeschlagen) mit 24-6 Punkten und 37:15 Toren den ersten Platz.

Am 09.01.56 fand das Auswärtsspiel der Dortmunder bei Rot-Weiß Essen statt. Die Borussen traten ohne Preißler und Sandmann an, gewannen aber durch einen Treffer vier Minuten vor dem Ende von Helmut Kapitulski mit 2-1. Auch gegen den Wuppertaler SV erwischten die Dortmunder einen Glanztag und gewannen mit 9-1. Acht der Treffer erzielten die „Drei Alfredos" (je drei Treffer von Kelbassa und Niepieklo, zwei Treffer von Preißler). Einen Rückschlag erlebte Borussia Dortmund in Köln. Man verlor beim 1. FCK mit 1-3, wobei Adi Preißler einen Elfmeter in die Wolken gejagt hatte. Am 26.02.1956 gewann der BVB am 23. Spieltag daheim gegen den Namensvetter aus Gladbach klar mit 5-2. Diesem Spiel gebührte im Nachhinein ein Platz in den BVB-Annalen, dazu aber später mehr.

Am 08. April 1956 sollte eigentlich die Oberligameisterschaft gefeiert werden. Vor 38.000 Besuchern empfing der BVB die Nachbarn aus Gelsenkirchen. Aber Dank Berni Klodt, der die Dortmunder im Alleingang mit 0-2 auf die Verliererstraße brachte, musste die Feier verschoben werden. Aber am 29. April war es dann soweit. Durch einen 2-0-Sieg bei SV Sodingen beendete der BVB die 09. Saison in der Oberliga West mit 78-36 Toren und 45-15 Punkten und feierte erneut die Westmeisterschaft mit vier Punkten Vorsprung auf die Gelsenkirchener. Alle Spiele in der Oberliga hatten Heinrich Kwiatkowski, Alfred Kelbassa und Helmut Kapitulski mitgemacht. Torschützenkönig wurde mit 24 Toren Alfred Niepieklo, vor seinem Sturmkollegen Kelbassa, der es auf 22 Treffer brachte. Insgesamt erzielten die „drei Alfredos" Niepieklo, Kelbassa und Preißler 63 der insgesamt 78 Tore.

Zum vierten Mal nach 1949, 1950 und 1953 nahm der BVB an der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft teil. Im ersten Spiel der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft am 20.05.56 hieß der Gegner VfB Stuttgart. Während der BVB drei Wochen ohne Spielpraxis war, mussten die Stuttgarter in die Qualifikation gegen TuS Neuendort und startete mit einem beeindruckenden 0-0 beim Hamburger SV. In Stuttgart imponierte der Westmeister mit seinem Auftreten trotz des Fehlens von Erich Schanko (dafür spielte der junge „Jockel" Bracht) und unterstricht die Favoritenrolle in der Endrundengruppe 2. Matchwinner der Partie war Alfred Niepieklo, der beide Treffer zum 2-0-Endstand erzielte. Beim 1-0 konnte VfB-Keeper Karl Bögelein den Eckball von Niepieklo trotz zweimaligen Nachfassens nicht aufhalten. Im Anschluss kontrollierten die Borussen das Spiel und die Stuttgarter warfen dann alles nach vorne. Die Chancen erspielte aber der BVB. Traf Helmut Kapitulski noch in der 80. Minute nur den Pfosten, so konnte fünf Minuten später Niepieklo nach einem unnachahmlichen Solo die Entscheidung erzielen.

Sieben Tage später kam die Viktoria 89 Berlin nach Dortmund und entführte vor 37.000 Zuschauern völlig überraschend einen Punkt aus der Roten Erde. Die Berliner gingen durch Horter mit 1-0 in Führung und erst eine deftige Kabinenansprache von Trainer Schneider wendete das Blatt. Die Dortmunder erzielten schnell den Ausgleich nach einer Kombination über Peters, Schlebrowski, Preißler und dann Niepieklo, das 1-1 war gleichzeitig der Endstand. Wiedergutmachung hieß das Ziel am 30.05. Der BVB empfing in der Roten Erde vor 40.000 Zuschauern den Hauptkonkurrenten, den Hamburger SV. Am Ende gewannen die Dortmunder klar mit 5-0 durch Tore von Preißler, Kelbassa und einem Hattrick von Niepieklo in der zweiten Hälfte. Dabei muss man sagen, dass der HSV noch Glück hatte, denn die Niederlage hätte gegen die entfesselt aufspielenden Borussen noch höher ausfallen können. Einzig der Hamburger Seeler wehrte sich gegen den Sturmlauf der Westfalen, aber er war bei „Spinne" Michallek in guten Händen. Auch am dritten Junitag zeigte der BVB vor 61.000 Zuschauer keine Gnade in Berlin. Gegen die ausgepowerte Viktoria 89 Berlin erzielten Kelbassa (2), Niepieklo (2), Peters und Bracht den 6-0-Endstand. Bereits zur Halbzeit führte man mit 4-0 und in der zweiten Hälfte schonte man sich für das vorentscheidende Spitzenspiel.

Am 10.06.56 fand in Hamburg vor 77.500 Zuschauern das Rückspiel gegen den HSV statt. Die Vorzeichen waren gut, denn bei den Hamburgern fehlte unter anderem Uwe Seeler. Die Dortmunder gingen dann auch durch Kelbassa in der 17. Minute mit 1-0 in Führung, aber verhielten sich im Anschluss zu passiv. Schon drei Minuten später glich Schlegel aus und in der 36. Minute gingen die Hanseaten durch Klaus Stürmer in Führung. Am Ende gewannen die Norddeutschen mit 2-1 und die Borussen konnten sich bei ihrem Torhüter Kwiatkowski bedanken, dass die Niederlage nicht deutlicher war. Von den Feldspielern erreichten außer Michallek und Preißler keiner die Normalform. Somit war der Ausgang in dieser Gruppe wieder offen, denn mit 7-3 Punkten hatten beide Mannschaften die identische Punktzahl.

Abschließend in der Endrunde empfing der BVB sieben Tage später in der völlig überfüllten Roten Erde vor über 40.000 Zuschauern den VfB Stuttgart. Dank des Torquotienten reichte dem BVB ein Sieg zum Einzug in das Finale. Bester Mann war Kapitän Preißler, der nicht nur drei Treffer erzielte, sondern auch den letzten Treffer von Niepieklo zum 4-1 vorbereitete. Die Dortmund begannen zwar nervös, stellten aber frühzeitig klar, dass man nach 1949 erneut um die Deutsche Meisterschaft spielen wollte. In der 22. Minute erzielte Adi Preißler das 1-0 und nur neun Minuten später traf er erneut. In der 50. Minute zeigte der Schiedsrichter nach einem Handspiel im Strafraum auf den Punkt. Diese Chance ließ sich Preißler nicht nehmen und erzielte seinen dritten Treffer. Zwar konnten die Stuttgarter durch Simon noch einen Treffer erzielen, aber das Tor von Niepieklo bedeutete den 4-1 Endstand. Im Finale war nicht wie erwartet der Nachbar aus Gelsenkirchen der Gegner, sondern der Karlsruher SC, der überraschend mit 3-2 gegen den Vize-Westmeister die Nase mit 0,07 Tore vorn hatte. Grund dafür war die umstrittene Quotenregelung, die halt die abwehrstärkere Mannschaft bevorteilte. Denn nach der Tordifferenz wären die Gelsenkirchener (16:12 gegenüber 7:5 des KSC) weiter gewesen.

BVB 1956

In Berlin fand am 24.06.56 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft vor nur 75.000 Zuschauern statt. Schlechtes Wetter und der unattraktive Endspielgegner der Dortmunder verhinderten eine bessere Auslastung des Stadion. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Finals konnte man sogar Karten an der Tageskasse bekommen. Auch war die Feindschaft zwischen Dortmund und Gelsenkirchen damals noch nicht so unerbittlich wie heutzutage, denn die Dortmunder quittierten das umstrittene Weiterkommen der Badener mit Transparente wie „Trotz Unkenruf und böse Geister, nach Westfalen kommt doch der deutsche Meister" und „Wurde Schalke in Karlsruhe auch verschoben, so wird Borussia den Titel nach Westfalen holen". Und wie am 23. Spieltag lief die gleiche Mannschaft auf. 10.000 BVB-Anhänger reisten nach Berlin zum Olympiastadion und erlebten einen Schock. Der vom Österreicher Adolf Patek trainierte KSC ging in der 09. Minute durch Kunkel in Führung, nach dem sein Gegenspieler Max Michallek ihn aus dem Auge verloren hatte. Aber die „Drei Alfredos" Niepieklo, Kelbassa und Preißler drehten das Spiel. Bereits nach 5 Minuten lässt Preißler Baureis aussteigen und Alfred Niepieklo haut den Ball ins Netz. Die Dortmunder setzten die Badener mit ihren bekannten schnellen Kombinationen unter Druck, so dass die Führung in der 26. Minute durch Kelbassa nach einer Ecke fiel, da KSC-Torhüter Fischer zu lange zögerte. Die Entscheidung fiel dann kurz nach der Pause. Zwar waren die Karlsruher nach der Unterbrechung am Drücker, aber ein abgefälschter 25 Meter-Schuss von Preißler (53. Minute) und Abstaubertor von Peters (57. Minute) erhöhten auf 4-1. Auch hier sah der KSC-Torhüter nicht gut aus, da er den harten Freistoß von Kelbassa nach vorne abwerte. Das Eigentor von Burgsmüller in der 62. Minute hatte dann nur noch statistischen Wert. Sorgen hatte nur noch Max Michallek, der sich während des Spiels eine Rippenverletzung zuzog und zum Röntgen ins Krankenhaus musste: „Nicht auszudenken, wenn ich heute Abend beim Umtrunk nicht dabei sein kann." Durch den 4-2-Sieg gewann Borussia Dortmund erstmalig die Deutsche Meisterschaft. 22 Jahre nach den Gelsenkirchener und nur ein Jahr nach dem Sieg der Rot-Weißen aus Essen durfte man den Deutschen Meister wieder aus Westfalen begrüßen.

Ein Tag später um 19 Uhr trafen die beiden Sonderwagen der Bundesbahn in Dortmund ein. 80.000 Fans erwarteten die Helden von Berlin am Bahnhof. Auf den Straßen waren es dann ungefähr eine Viertel Million Menschen, die die Meistermannschaft auf zwei flachen LKW sehen wollten. Es wurde ein Triumpzug durch Dortmund, der nur noch durch den Borsigplatz übertroffen wurde. Der ganze Platz war eine von einem Fahnenmeer eingefasste Menschentraube. Gründungsmitglied und mittlerweile Ehrenpräsident von Borussia Dortmund Franz Jacob schrieb in einer Grußzeile: „Es ist müßig aufzuzeigen, wie viel Mühe und Arbeit nötig waren, um unseren Verein zu dem heute bestehenden Block zusammenzuschweißen. In guten und schlechten Tagen hat sich die Treue der Mitglieder zu ihrer Gemeinschaft bestens bewährt. Es hat sich im Laufe der Jahre immer wieder erwiesen, dass gerade in Zeiten der größten Sorgen echter Borussengeist unserem Verein eine granitene Rückenstärkung gab." Und weiter: „In der Stunde dieses großen Erfolges muss es daher für uns alle Verpflichtung sein, sich die Hände zu reichen zu dem Gelöbnis, miteinander den weiteren Weg zu beschreiten, damit unserem Ballspielverein Borussia 09 die Achtung im deutschen Fußballsport für alle Zeiten erhalten bleibt." Und Adi Preißler versprach dann: „Meine Kameraden und ich sind der Meinung, dass die Viktoria in Dortmunds Mauern heimisch werden müsste. Wir wollen auf jedem Fall alle Kraft einsetzen, diese so heiß begehrte Trophäe in der kommenden Saison erfolgreich zu verteidigen." Vor dem Finale hatte allerdings Preißler eine Niederlage erlitten, als er versuchte, die Meisterschaftsprämie auszuhandeln. Gerade die Kollegen in Süd- und Norddeutschland, so wussten die Dortmunder Spieler, erhielten mehr als die 1.000 DM. Doch BVB-Vorsitzender Dr. Werner Wilms blockte die Einwände von Preißler entrüstet ab: „Herr Preißler, was haben Sie mit mir vor, wollen Sie mich ins Gefängnis bringen. Das DFB-Satut verbietet jede Prämie. Wenn ich Ihnen nur eine Mark zahle, stehe ich mit einem Bein im Zuchthaus". Adi Preißler kommentierte diese Absage später wie folgt: „Mit solchen Erklärungen ließen wir uns damals abspeisen. Die Vorstandschaft hat sich dann eins ins Fäustchen gelacht, wenn wir uns mit unseren monatlichen Vertragshonorar von 400 Mark zugrieden gaben." Auch ein Auto, was den Spielern als Lohn für die Meisterschaft versprochen wurde, gab es damals nicht. Ein weiterer Streitpunkt zwischen Mannschaft und Vorstand betraf die Zukunft von Erich Schanko, der zu diesem Zeitpunkt kein Stammspieler war. Obwohl er innerhalb der Mannschaft einen hohen Stellenwert hatte, wurde ihm im Berliner Trainingslager die Kündigung mitgeteilt. Daraufhin rebellierte die Mannschaft, so dass er eine Vertragsverlängerung um ein weiteres Jahr bekam. Außerdem wurde er als 12. Mann in der Prämienregelung berücksichtigt.

CHS, 24.05.2010


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