Von Israel bis Portugal - 2. europäischer Fußballfankongress
Am vergangenen Wochenende lud das damalige FSI zum zweiten „European Football Fans Congress“ ein. Ziel war die Wahl eines Komitees am Sonntag, das die Ergebnisse der am Samstag stattfindenden Workshops weiterverfolgt. Weiterhin ist ein Ziel, diese Veranstaltung nun jährlich stattfinden zu lassen, um eine ernst zunehmende Vertretung für Fußballfans auf europäischer Ebene aufzubauen, die sich für die Interessen der Fußballfans gegenüber der UEFA und den Vereinen einsetzt. Das FSI wird von der UEFA unterstützt, bewahrt sich dabei allerdings nach eigener Aussage seine Unabhängigkeit.
Los ging es für die meisten Fans schon am Freitagabend. Ab 19 Uhr traf man sich an einer kieznahen Kneipe. Schon nach kurzer Zeit merkte man, es wird englisch mit den unterschiedlichsten Akzenten gesprochen. Insgesamt waren über 300 Fans aus 29 Nationen
anwesend und machten schon alleine dadurch das Wochenende zu einem Erlebnis. Einige Fans zog es am Freitag aber erstmal zum umgebauten Millerntor. Die Fans von St. Pauli hatten eine Stadionführung organisiert. Da das letzte Aufeinandertreffen mit den Amateuren schon eine Weile her ist, war dies eine gute Möglichkeit, das Stadion nach seinem Umbau genauer zu betrachten. Das Millerntor hat sich seinen Charme trotz neuer VIP-Logen durchaus erhalten können. Nebenbei merkte man wieviel positiven Einfluss Fans doch haben können, wenn man gut organisiert ist und an einem Strang zieht.
Nach der Führung waren auch die restlichen Dortmunder eingetroffen und so war Dortmund mit acht Personen für die kommenden Workshops vertreten. Bei einigen Fangetränken wurden dann noch Erfahrung mit den anderen Anwesenden über Fanarbeit ausgetauscht oder einfach über die Fußball im Allgemeinen diskutiert. Einige Verschlug es dann noch zu später Stunde Richtung Jolly Roger, die Fankneipe die in den letzten Wochen traurige Berühmtheit erfahren hat.
Nach einer kurzen Nacht ging es dann ans Eingemachte. Diesmal traf man sich in der VIP‑Ebene des Volksparkstadions. Der Kongress wurde mit etwas Verspätung von Kevin Miles von der FSF eröffnet. Bemerkenswert war die Rede von William Gaillard dem persönlichen Berater von Michel Platini. Die Rede beschäftigte sich zu großen Stücken mit den Transfers von jungen Fußballern. Sicherlich ein sehr wichtiges Thema, aber eben doch etwas losgelöst von den Schwerpunkten des Kongresses und den geplanten Workshops. Nach dieser kleinen Episode der Horizonterweiterung ging es dann für die Teilnehmer zu den einzelnen Workshops.
Am Vormittag standen Workshops zu den Themen Netzwerkarbeit, Fan-relevante Gesetzgebung, Anstosszeiten, Rechte behinderter Fans und Vereinslizensierung auf dem Programm.
Jeder Workshop wurde durch Vorträge von Fans begonnen, die in diesem Bereich Erfahrungen gemacht haben oder sich schon länger engagieren. Leider zeigten sich bei einigen Workshops schon, dass nach wie vor Spannung zwischen einigen Anhängern von St. Pauli und dem HSV gibt. So kam es in einem Workshop fast zum Eklat, als ein HSV-Fan nicht die Gelegenheit erhalten sollte, gegenüber der UEFA eine Forderung nach Stehplätzen zu artikulieren.
Die Mittagspause brachte dann wieder die Möglichkeit bei Speis und Trank zum regen Austausch mit anderen Fans. Andere nutzen die freie Zeit, die aufgebauten Stände der Fanorganisationen und Fangruppen zu besichtigen. Hierbei gab es auch einen regen Austausch und man konnte auch die eine oder andere Gemeinsamkeit entdecken. Insgesamt eine sehr nette Möglichkeit, mit den Leuten zu diskutieren, die man sonst nur über ein ganzes Spiefeld hinweg im gegnerischen Fanblock sieht.
Nach der Mittagspause ging es dann in die nächsten Workshops. Angeboten wurden nun die Themen Kampagnenarbeit, Praxismodelle positiven Polizeiverhaltens, Einbindung von Minderheiten, Pyrotechnik und Steigerung von Fanmitbestimmung. Aufgrund der Verspätungen wurden einige Themen sicherlich zu kurz behandelt. Nach einer Kaffeepause stellten dann die jeweiligen Moderatoren die Ergebnisse der Workshops vor, die eine Basis für die Arbeit des zu wählenden Komitee sind.
Nach dieser Abschlussveranstaltung zog es viele Fans in die Unterkünfte, um dann sich dann doch ein wenig auszuruhen.
Andere nutzen die Möglichkeit, um an einer Führung im Volksparkstadion teilzunehmen. Durch die geplante Erweiterung der Stehplätze wird es dort auch in nächster Zeit einige Veränderungen geben. So wird auch ein neuer Stehplatzblock für die Heimfans direkt unterm Dach im Oberrang eingerichtet, was sicherlich sehr laut werden könnte. Man erinnere sich nur was in München und Hannover direkt unterm Dach für die Gästefans möglich ist. Die
Führungsteilnehmer aus England beschäftigten sich hauptsächlich mit der Technik des Umrüsten von Stehplatz in Sitzplatz und zurück. So wurde dieser Vorgang mehrfach durchgeführt und dabei von allen Seiten photographiert und gefilmt. Man spürte ganz deutlich, dass hier der Wunsch nach solcher Technik in englischen Stadien vorhanden war. Auch ein Besuch hinter der Heimkurve war recht beeindruckend. Auch wenn man in Dortmund sicherlich auf den rechten Weg ist, solche Strukturen wie der Supporters Club in Hamburg sind einfach nur wünschenswert.
Das Abendprogramm wurde dann wieder von den St. Pauli Fans organisiert, die zum SC Sternschanze luden und bei Grillfleisch und Getränken machte man es sich gemütlich. Wer wollte konnte einer sehr interessanten Dokumentation über Fußballfans in Israel beiwohnen oder sich selber mal im Blindenfußball probieren.
Später zog es einige Fans wieder auf den Kiez, um das Hamburger Nachtleben zu genießen. Sonntag morgen hieß es für einige Teilnehmer dann auch schon wieder Abschied zu nehmen, da die ersten Ligen den Spielbetrieb wieder aufnahmen.
Für die Verbliebenen ging es dann an die Wahlen. Zuerst wurde über eine Satzungsänderung abgestimmt, die es möglich macht, dass Fannetzwerk als eingetragenen Verein in Deutschland zu führen. Zusätzlich wurde das Netzwerk nun endgültig in Football Supporters Europe (FSE) umbenannt. Bei den Komiteewahlen konnte sich leider keiner der deutschen Kandidaten durchsetzen. Dafür setzten sich zwei Kandidaten durch, die wörtlich "von der FSE lernen wollen". Das ist natürlich schön und absolut verständlich, allerdings wäre die Wahl bereits gut aufgestellter und organisierter Vereinigungen (bzw. deren Vertreter) für die FSE aber sicherlich hilfreicher gewesen. Dass dort nun kein deutscher Vertreter, dafür aber vier Briten, dabei ist, lässt diese Vertretung schon etwas fragwürdig aussehen.
Hinter der Kulisse wurde vorher intensiv über eine befürchtete Dominanz Deutschlands diskutiert, was bei gerade zwei zur Wahl stehenden Deutschen (gegenüber 4 Briten) schwer nachvollziehbar war. Dass nun überhaupt kein deutscher Vertreter im Vorstand vertreten ist, ist dann doch nicht förderlich. Das Abstimmungsverhalten vieler deutscher Mitglieder war dann eben doch nicht so, dass sich einer der Kandidaten durchsetzen konnte. Das ist schade und sicherlich nicht gerade hilfreich, wenn man in Zukunft in Europa gegenüber der UEFA und den Vereinen Stärke demonstrieren will. Gerade hier in Deutschland sind auf Fanseite Strukturen geschaffen worden, die wohl einzigartig sind und die durchaus als Lehrstück dienen können. Warum viele Deutsche ihren Landsleuten die Stimme verweigerten, ist nicht ganz klar. Man kann an dieser Stelle viele Vermutungen anstellen, Fakt scheint aber, dass es hinter den Kulissen viele Gespräche gegeben hat. In Anbetracht der offen zu Tage getretenen Spannungen in den Workshops lässt das Ganze einen bitteren Geschmack zurück.
Klar ist auch, dass Samstag nachmittag/abend plötzlich viele neue Mitglieder hinzukamen und dass das Wahlprozedere nicht für jeden verständlich war. Die Aufteilung der Stimmen an lokale und nationale Vereinigungen plus Einzelstimmen dürfte nur den wenigsten klar geworden sein. Zusätzlich fehlten am Samstag plötzlich Anmeldungen zu den Wahlen, die einige Gruppen ausschlossen. Weiterhin war der Zählraum während der Stimmenauszählung offen und für jedermann zugänglich, was höchst unglücklich ist und Raum lässt, für nötige Verbesserungen in der Zukunft. Hoffentlich zieht daraus niemand seine Schlüsse und zweifelt am Ende das Ergebnis an. Das würde der Sache schließlich mehr schaden als nützen.
Schlussendlich wurden die Engländer Kevin Miles und Dave Boyle, Emilio Abejon aus Spanien, die Norwegerin Christina Magnussen, der Slowake Michal Riecansky, Shay Golub aus Israel, der Belgier Dirk Vos und Tam Ferry aus Schottland in das Komiteegewählt. Nach der Pressekonferenz ging es dann noch für einige Teilnehmer zur Abschiedsparty, während der Großteil dann doch gen Heimat startete.
Mittel- und langfristig muss auch die Finanzierung des Projekts auf andere Füße gestellt werden. Derzeit finanziert die UEFA eine hauptamtliche Kraft (Daniela Wurbs, ehemalige Mitarbeiterin des Fanladen St. Pauli) des FSE, was es natürlich erschwert, wirklich unabhängig aufzutreten.
Insgesamt lohnte ein Besuch des Kongresses schon wegen der interessanten Gespräche, verschiedenen Lösungsansätze und Ideen. Es bleibt zu hoffen, dass die Entwicklung des FSE nun weiter zu mehr Professionaliät geht und man in Zukunft in Zusammenarbeit mit den regionalen und nationalen Organisationen eine starke Stimme für die Fans in Europa entwickeln kann.
mrg, 22.07.09
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