Schubladendenken auf höchster Instanz
Unbeachtet von der deutschen Öffentlichkeit schmetterte die große
Koalition aus CDU und SPD einen Antrag der Grünen-Fraktion im Bundestag
ab, der mehrere Fanthemen zum Schwerpunkt hatte. Unter Anderem wurden
eine Reihe alter Fanforderungen aufgegriffen, wie die Einrichtung einer
unabhängigen Ombudstelle und die zum jetzigen Zeitpunkt unrechtliche
Datei „Gewalttäter Sport“ auf eine rechtliche Grundlage zu stellen.
Auch die anderen Forderungen, wie eine intensivere Auseinandersetzung
mit dem Problemfeld Diskriminierung und bessere finanzielle
Unterstützung für Fanprojekte, sind sicherlich nicht ganz aus der Luft
gegriffen, wenn man die Zustände in Leipzig betrachtet (ein identisches
Fanprojekt für die beiden verfeindeten Lager) oder die Sparnachrichten
aus Dresden hört.
Es verwundert eigentlich nicht, dass ein solcher Antrag abgelehnt wird, gerade wenn er vom politischen Gegner eingebracht wurde. Bei der Begründung kann man allerdings nur noch sprachlos mit dem Kopf schütteln, heißt es offiziell von der CDU Fraktion „der Antrag enthalte eine Reihe von Selbstverständlichkeiten und Banalitäten“. Da fragt man sich dann doch, was an einer nicht existentierenden Ombudstelle, einer nach wie vor nicht geklärten Rechtlichkeit der Datei "Gewalttäter Sport" und mangelhafter Ausstattung von Fanprojekten eine „Selbstverständlichkeit oder Banalität“ ist?
Verständlicher wird es allerdings, wenn man die Rede eines Experten der CDU-Fraktion beachtet. Bernd Heynemann, Mitglied des deutschen Bundestages und ehemaliger DDR-Oberliga-, Bundesliga- und FIFA-Schiedsrichter, hat eine ganz klare Sicht auf die Fußballfans. Seiner Meinung nach gibt es drei Typen von Fans: „Da ist zum einen der Fußballfan, der ins Stadion geht, der guten Fußball sehen will, der natürlich seine Mannschaft anfeuert, der aber auch die gegnerischen Fangruppen mit Choreografien und Sprechchören ins Visier nimmt. Die zweite Gruppe sind die Hooligans, die ebenso ihre Plattform im Fußballstadion und auf den Fußballplätzen sehen, die aber vorrangig Ausschreitungen zwischen den Fangruppen und der Polizei und den Ordnungskräften provozieren wollen und auch das Spiel durch diverse Aktivitäten wie Zünden von bengalischen Feuern, Rauchbomben oder andere provokativen Sachen stören wollen. Die dritte Gruppe, die sogenannten Ultras, haben sich zum Ziel gesetzt, im Vorfeld des Stadions, das heißt in der Stadt und im Stadion schon Hasspunkte, Gewaltpunkte, Krawallpunkte zu setzen. Und sie haben mit dem Fußball nichts mehr zu tun, stellen aber eine große Bedrohung dar, da sie sich beim Anmarsch und beim Rückmarsch der Fans zum und vom Stadion mit unter diese mischen und damit Ausschreitungen mit den Ordnungskräften und der Polizei provozieren.“ (Quelle: Internetauftritt der CDU/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag) So weit, so einfach ist die Welt für Bernd Heynemann.
Neben
den ganz offensichtlichen Widersprüchen in der Aussage von Herrn
Heynemann, kann man sich da als Fan nur fragen, welche Eigenschaften
Bernd Heynemann zu diesen Pauschalurteilen befähigen. Immerhin ist
dieses Urteil härter und einfacher als jede Aussage des Fanforschers
Prof. Dr. Gunter A. Pilz – auf den er sich einleitend beruft. Aber nun
gut, ein Schiedsrichter hat scheinbar vom Rasen aus einen viel tieferen
Blick auf die Geschehnisse auf den Rängen und rund ums Stadion als
jeder Fanforscher, Vereinsoffizieller oder Fanbetreuer.
Im Umkehrschluss heißt das wohl auch, dass wir Fans von der Tribüne aus
die Schiedsrichtergarde bestens beurteilen können. Für mich gibt es da
zwei Typen: Scheiß Schiedsrichter und noch beschissenere. Herr
Heynemann darf sich gerne aussuchen, in welche Schublade er besser
passte. Für Politiker gilt übrigens ähnliches, hier kann man drei Typen
kategorisieren: Die Faulen, die Korrupten und die Ahnungslosen. Was
mich zu diesem Urteil berechtigt? Exzessives Zeitungslesen, einige
Besuche von Podiumsdiskussionen mit Politikerbeteiligung und verbrachte
Stunden vor dem Fernseher bei eingeschaltetem Phoenix und Bundestags-TV.
Das
wirklich Frustrierende ist, dass eine solche Pauschalverurteilung einer
ganzen Subkultur scheinbar niemanden interessiert und solch eine Meinung
auch noch von einem Politiker vom Fach vertreten wird. Immerhin ist
Heynemann ein gewählter Repräsentant und ordentliches Mitglied des
Sportausschusses des deutschen Bundestages. Wenn diese Fachmeinung
stellvertretend für das steht, was die Fans von der Bundespolitik zu
erwarten haben, dann kann man sich nur noch schütteln und beten, dass
die anderen nötigen Instanzen von Polizei, Vereinen, Verbänden und
Lokalpolitikern mehr Weitsicht beweisen, um eine weitere sinnvolle
Zusammenarbeit zu ermöglichen. Leider verpassten hier auch gerade der
DFB, die DFL und die Vereine, sich schützend vor ihr Klientel oder in
diesem Fall explizit die Ultras zu stellen. Man kann sicherlich
Erscheinungen, Entwicklungen und Auswüchse rund um die Ultrakultur
kritisieren, aber man sollte dabei immer noch eine sinnvolle
Diskussionsgrundlage erhalten und von Pauschalurteilen ganz sicher
Abstand nehmen. Dies scheint bei Bernd Heynemann nicht gegeben zu sein.
Schublade auf, eine heterogene Personengruppe rein, Schublade zu - so
einfach scheint es immer noch zu gehen.
Man kann Herrn Heynemann nur empfehlen, in den Zeitungsarchiven des deutschen Bundestages zu stöbern und sich die Artikel über die zwei Fandemonstrationen in Berlin und Frankfurt gründlich durchzulesen. Genug Zeit dafür sollte er in der Sommerpause ja nun haben. Vielleicht wäre auch ein Besuch des internationalen Fankongresses in Hamburg eine gute Idee, um seinen Horizont über Fans (und auch Ultras) im Allgemeinen zu erweitern.
mrg, 09.07.09
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