Geduld – die härteste Versuchung seit es Fußball gibt

Frust nach Abpfiff1:1 gegen Hannover. Wie kann das sein? Jürgen Klopp, der große Hoffnungsträger, ist doch nun unser Trainer. 1:1 gegen Bochum. Wie kann das sein? Steckt diese graue Maus doch einmal mehr im Abstiegskampf. 1:1 gegen Cottbus? Überhaupt, wie das kann das denn bitte sein? Schließlich sollte die Rückrunde nun endlich richtig für uns beginnen.

Trotz eines insgesamt unverkennbaren Aufschwungs unter Jürgen Klopp gab es – gerade in Heimspielen -  immer wieder Rückschläge, die uns Fans auf eine harte Probe gestellt haben. Geduld ist schließlich nicht gerade eine Tugend, die uns in die Wiege gelegt worden ist. Fluchend und verärgert tritt man nach solchen (Heim-) Spielen den Heimweg an. Ganz besonders am vergangenen Sonntag, als mit einem Unentschieden gegen die Überlebens-Experten aus der Lausitz der Anschluss an die so sehr herbeigesehnten Europapokalplätze vorerst verloren wurde.

In der ersten Erregung stellt man bereits wieder alles in Frage und ruft laut oder leise nach diesen und jenen Konsequenzen. Absolut verständlich - doch auch richtig? Natürlich muss man sich Luft verschaffen. Ein erneutes Unentschieden zu Hause gegen einen Abstiegskandidaten – eine Enttäuschung, keine Frage. So verständlich dieser Ärger ist, Ungeduld ist gerade jetzt der schlechteste Ratgeber. Hinter uns BVB-Fans liegen harte Jahre mit sehr schwierigen Proben. Der finanzielle Beinahe-Crash, der in einem Jahr mit schlechterer wirtschaftlicher Situation als 2005 wohl schnurstracks in die Niederungen des Fußballs geführt hätte. Ein gewisses Auf und Ab mit dem stoischen Bert van Marwijk, dessen Leistung in einigen Jahren vermutlich viel höher eingeschätzt werden wird. Schade nur Doll führte uns nach Berlinum das unrühmliche Ende, bei dem auch Geschäftsführer Watzke eine Menge Lehrgeld zahlen musste. Es folgte „One-Hit-Wonder“ Jürgen Röber, der zwar einen Heimsieg gegen die Bayern errang, sonst aber nur durch sein lautes Sprachorgan zu beeindrucken wusste. Als Krönung schließlich „Mr. Trainerschein“ Thomas Doll, der mit seinem offensichtlich nur zwei- bis dreiseitigen Phrasenwörterbuch schon sehr bald Journalisten wie Fans nur noch nervte. Die Ironie des Schicksals: Ihm, ausgerechnet ihm, gelangen Achtungserfolge, die in den letzten Jahren nicht vielen BVB-Coaches vergönnt sein sollten. Er führte den BVB zum Derbysieg in einem Spiel, von dem wir noch lange zehren werden. Auch im „Lieblingswettbewerb“ des BVB, dem DFB-Pokal, führte er die Mannschaft nach knapp 20 Jahren bis in das Finale nach Berlin.

Im Sommer dann die Ab- und Erlösung. Es kam Jürgen Klopp, der Medienstar. Der Motivator. Der Eloquente. Der, der für die große Aufbruchsstimmung gesorgt hat. Viele verbinden mit ihm ganz eng die Hoffnung auf bessere Zeiten. Mit einem tollen Saisonstart gegen starke Gegner legte er auch gleich los wie die Feuerwehr - und gleichzeitig die Messlatte hoch. Zu hoch? Ich denke ja. Sicher, zu Hause sollten Mannschaften, die gegen den Abstieg spielen, in aller Regel geschlagen werden. Vor allem sollte die Spielweise eine viel beherztere sein, als es gegen Cottbus der Fall war. Doch nützt es nichts nun wieder in Ungeduld zu verfallen, Man muss schlicht und einfach sehen, was für einen Fußball die Mannschaft in den vergangenen zwei Jahren geboten hat. In welchem Maß Mannschaften ohne Herz und Seele, aber dafür mit potenten Geldgebern neuerdings investieren können. Dass wir in der Winterpause im Gegensatz zum Trend bei den besagten Klopp gibt die Richtung vorKlubs der Wirtschaftskrise Tribut zollen mussten und mehr oder weniger bewusst den Konkurrenzkampf in der Mannschaft abgeschafft haben, um Entlastung auf der wirtschaftlichen Seite zu schaffen. Ein Aufstieg wie Phönix auf der Asche ist angesichts dieser Umstände also mehr als utopisch.

Lautes und aufgeregtes Geschrei führt nach Spielen wie am Sonntag daher zu nichts.  Konstruktive Kritik hingegen ist immer erlaubt und erwünscht. Doch sollte sie beim BVB in den nächsten Jahren gepaart sein mit viel Geduld. Diese ist nun nämlich dringend notwendig und könnte sich in schwierigen Zeiten irgendwann als großes Pfand erweisen. Auch die großen Trainer brauchen schließlich ihre Zeit, um eine gute Mannschaft aufzubauen. Diese sollten wir Jürgen Klopp nun ebenfalls geben. Endlich haben wir wieder einen Trainer, dem es zuzutrauen ist, beim BVB etwas Nachhaltiges aufzubauen. Wir haben im Grunde auch gar keine andere Alternative, als diesen Kurs bedingungslos und eben geduldig zu unterstützen. Klopps mitreißende Leidenschaft ist nun mehr gefragt denn je. Ebenso sein Vertrauen in junge Spieler, die unsere Zukunft bedeuten. Beides zusammen stellt den alternativen Weg zu den teuren und für den BVB nicht stemmbaren „Projekten“ in Hoffenheim oder Wolfsburg dar.

So schwer es nach Heimspielen wie gegen Cottbus auch manches Mal sein mag, lasst uns gemeinsam diesen Weg ohne die anderenorts üblichen Aufgeregtheiten mitgehen. Lasst uns gerade in schwierigen Phasen der zwölfte Mann sein. Aktionismus, das mussten wir in den letzten Jahren äußerst leidvoll erfahren, ist der schlechteste Ratgeber überhaupt. Die härteste Probe wiederum ist unsere Geduld. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass wir über kurz (Derbysieg?) oder lang (Europapokal?) dafür entsprechend belohnt werden...

Sebi, 19.02.2009