Der Fall (des) Thomas Doll
„Da lach ich mir doch den Arsch ab.“ Mit drastischen Worten hat Thomas Doll gestern tiefe Einblicke in sein Seelenleben gewährt – und dabei vor allem den anwesenden Medienvertretern auf der eigentlich routinemäßigen Pressekonferenz vor dem Frankfurt-Spiel ins Gebetbuch geschrieben, was er von den Vorfällen der letzten Tage und Wochen hält. Doch obgleich der Frust des Cheftrainers verständlich und das Gesagte durchaus richtig ist, offenbart sich dem Betrachter dieser denkwürdigen Pressekonferenz in erster Linie der Eindruck, dass es sich bei Thomas Dolls Angriff lediglich noch um ein Rückzugsgefecht handelt.
Ja, gar keine Frage: Der Trainer hat verdammt gute Gründe gehabt für seine Attacken in Richtung Presse. Ein Trainerdiskussion, die unmittelbar vor dem Pokal-Endspiel entfacht wird. Ein Gerücht um Jürgen Klopp, dass noch am Finaltag in die Medienlandschaft hinein gestreut wird. Falsch wiedergegebene Aussagen Dolls in einer Boulevardzeitung, eine Diskussion über angeblich bereits auf der Abschussliste befindliche Spieler sowie zu guter Letzt die Bekanntgabe der Verpflichtung eines Spielers, der bei der Borussia nicht einmal namentlich bekannt ist. Dies alle kumuliert in sieben Tagen. Wen wundert es da noch, dass einem die Hutschnur irgendwann auch einmal reißt? Wenn Thomas Doll also die Respektlosigkeit ihm und seinen Spielern gegenüber beklagt, so hat er zweifelsohne Recht. Das Spiel, das in Dortmund aktuell getrieben wird, hat mit Fair Play leider nichts zu tun.
Dennoch ist auch Dolls Verteidigungsrede nicht eben ein Gala-Auftritt gewesen. Klarer Fall, das erreichte DFB-Pokal-Finale und den damit verbundenen Einzug in den internationalen Wettbewerb gilt es zu würdigen. Erstmals seit dem bitteren Ausscheiden der Borussia in Sochaux 2003 ist der Verein in der kommenden Saison im UEFA-Cup vertreten. Und auch der Weg dorthin ist trotz Heimspiel-Serie und Zweitliga-Gegnern im DFB-Pokal nicht so spielend leicht gewesen, wie er manches Mal dargestellt wurde. Thomas Dolls Darstellung indes ist kaum weniger einseitig. Zwar stellt er klar, dass man selbst um das unbefriedigende Abschneiden in der Liga wisse und jetzt noch Punkte gegen den Abstieg brauche. Ingesamt aber befindet er, dass der Einzug in den Europapokal „die paar Punkte, die fehlen“ durchaus ausgleiche.
Natürlich hat der BVB auf diesem Weg die Saison halbwegs retten können. Ein nachhaltiger Weg, gar ein Rezept für die Zukunft, ist dies jedoch nicht. Anders als die Liga ist der Pokal eben nicht allein auf dem Leistungsprinzip aufgebaut. In der Bundesliga spielt jeder Verein exakt zweimal gegen jeden anderen. Wenn Du im Pokal hingegen bereits in der zweiten Runde die Bayern zugelost bekommst, wird es ungleich schwerer mit der Qualifikation. Dies ist schlichtweg nicht planbar und insofern ist der Finaleinzug für den Moment zwar ein Erfolg gewesen, im Hinblick auf die Zukunft und eine nachhaltige Entwicklung des Vereins jedoch überwiegt der momentan 13. Tabellenrang. Auch in der kommenden Saison gilt es schließlich wieder, jedem Ligakontrahenten zweimal gegenüber zu treten.
Mit der medialen Kritik muss der Trainer daher leben. Immerhin ist es ihm zu keiner Zeit gelungen, den BVB auch nur in die Nähe der UEFA-Cup-Ränge zu führen. Im Gegenteil ist die Mannschaft mit 53 Gegentoren inzwischen Schießbude der Liga. Auch ist der Umgang der Presse mit dem Trainer lange Zeit ein äußerst zurückhaltender gewesen. Erst in den letzten Wochen bläst Doll der Wind wirklich ins Gesicht.
Doch er gibt eben auch genügend Anlass dafür. Spielerisch ist nur wenig Weiterentwicklung bei der Borussia zu verzeichnen. Eine feste Abwehrformation ist nach 29 Ligaspielen ebenso wenig gefunden wie eine funktionierende Ausrichtung im Mittelfeld oder eine Stammbelegschaft im Angriff. Das sind die Fakten, die durchaus genügend Anlass geben, über die Arbeit von Thomas Doll und der gesamten sportlichen Leitung zu diskutieren. Umso mehr, als dass ein echtes Treuebekenntnis seitens der BVB-Führung bisher ausgeblieben ist. Dies ist allein durch einen bestehenden Vertrag bis ins Jahr 2010 sicherlich nicht ausreichend gegeben, die Wertigkeit solcher Verträge im Profifußball ist hinlänglich bekannt.
Warum also unterlässt es die sportliche Leitung, Doll den Rücken zu stärken? Ein simples „Thomas Doll ist auf jeden Fall auch in der kommenden Saison noch unser Trainer“ würde ja reichen. Stattdessen setzt man Doll den hässlichen Gerüchten schutzlos aus und lässt damit zu, dass die Autorität des Trainers in der Öffentlichkeit wie auch gegenüber der Mannschaft schwindet. Warum? Steht fünf Tage vor Spieltage wirklich noch nicht fest, ob man den weiteren Weg gemeinsam mit Doll gehen möchte? Macht man die Zukunft des Trainers ernsthaft fest an den restlichen fünf Spielen, in denen es im Grunde lediglich noch darum gehen kann, irgendwie noch ein paar Pünktchen zur endgültigen Sicherung des Klassenerhalts zu sammeln? Wird eine derart bedeutende und grundsätzliche Personalie wie die des Cheftrainers wirklich davon abhängig gemacht? Weitsicht sähe anders aus.
Nach dem gestrigen Auftritt Dolls darf man jedoch wohl davon ausgehen, dass er selbst um die unsichere Zukunft seines Jobs weiß. Der Rundumschlag in Richtung Presse gleicht einem verzweifelten Rückzugsgefecht. Der Trainer wirkt angeschossen, Vergleiche mit Giovanni Trappatonis einstiger „Flasche leer“-Rede sind darum wahrscheinlich gar nicht so weit hergeholt. Auch „Trap“ war wenig später nicht mehr Trainer des FC Bayern.
Kaum vorstellbar, dass es Thomas Doll anders gehen wird. Seine Reputation ist bereits jetzt auf ein Minimalmaß zusammen geschrumpft. Selbst wenn er nicht bereits in der Sommerpause den Verein verlassen müsste: Aufgrund des verspielten Kredits dürfte es dann die erstbeste Krise in der kommenden Saison sein, die das Schicksal besiegelt.
Der Fall Thomas Doll offenbart einmal mehr die hässliche Seite des Profi-Fußballs. Wie zuvor bereits Bert van Marwijk und Jürgen Röber wird auch Thomas Doll Stück für Stück (auch menschlich) demontiert und sturmreif geschossen. Diesen Umgang hat der Trainer bei aller berechtigten Kritik nicht verdient. Es ist jetzt an den Verantwortlichen, dies zu verhindern. So oder so.
Arne, 24.04.2008


