Von wichtigen Wettervorhersagen und stupiden Stundenkilometerangaben
Mensch, ist das geil, wenn „Odo“ mal wieder den Ball mit 35 km/h in die aufnahmebereiten Arme des gegnerischen Torwarts steuert. Oder wenn „unser Turbo Debucks“ die Kugel mit 42 km/h Richtung Eckfahne befördert. Und damit auch der letzte BVB-Fan bemerkt, wie geil das auch wirklich ist, bereitet Champion-Partner „Easyjet“ das ganze augenfreundlich in knalligem Orange per Anzeigetafel auf. Aber so langsam stellt sich die Frage, ob die Knebel der Verträge mit den Werbepartnern tatsächlich so fest um den BVB-Mund sitzen oder ob die entscheidende Person, die die Anzeigetafel bedient, einfach nur keine Ahnung von Fußball hat.Doch das ist noch längst nicht alles, was der BVB-Gast von den großen Leuchttafeln ablesen kann. Eine Tageszeitung, die Geschichten mit zweifelhaftem Wahrheitsgehalt, aufbereitet mit vielen bunten BILDern, an täglich 15 Millionen Leser transportiert, präsentiert jeden noch so unwichtigen Zwischenstand von den anderen Bundesligaplätzen. Tabellen mit einer Halbwertzeit von einigen Minuten sollen die Stimmung im Stadion erhöhen. Direkt danach die Wettervorhersage. Das interessiert natürlich brennend, wenn das Spiel in der 75. Minute auf des Eisbergs Spitze steht.
Bei allem Verständnis für wirtschaftliche Zwänge und zunehmender Kommerzialisierung des modernen Fußballs, so langsam muss man zumindest den Werbepartner „Easyjet“ vor sich selbst schützen. Denn es ist alles andere als „geil“, wenn Rosicky den Ball mit 89 km/h in die vierte Etage des Fangzauns drischt. Und es ist auch nicht sonderlich „geil“, wenn Ebi zehn Minuten vor Schluss freistehend den Ball an die Latte knallt und trotz 92 km/h NICHT den so wichtigen Ausgleich erzielt. Und vor allem: das Wort „geil“ ist schon lange nicht mehr „geil“. Spätestens seit den möchtegern-intellektuellen Pop-Studenten von „Juli“ und ihrem angestrengt tiefgründingen Liedchen „Geile Zeit“, hat das Wort ausgespielt.
„Easyjet“ tut sich mit seinem Engagement keinen Gefallen. Natürlich sagt die Werbebranche, dass auch schlechte Publicity nun mal Publicity ist, aber das kann doch nicht der Anspruch der Fliegerfirma sein. Der BVB-Fan ist kollektiv genervt von den Einblendungen in Bezug auf „Odo“, „Flo“ und „Debucks“. Und vor allem: er ist dauernd abgelenkt vom Spielgeschehen. Der Spruch ist alt, aber er gilt immer noch: Entscheidend ist aufm Platz. Ein neutraler Besucher des Westfalenstadions würde aber mit dem Eindruck nach Hause gehen: Entscheidend ist auffa Anzeigetafel. Ist es aber nicht.
Auch die BILD-Zeitung erkaufte sich einen Platz an der „Tafel“. Und inzwischen müsste jeder BVB-Fan so dermaßen von den blinkenden vier Lettern hypnotisiert sein, dass er jeden Kioskbesitzer fragen müsste, wo denn das Tor gefallen sei, sobald er die BILD-Zeitung erspäht. Doch auch bei den Zwischenergebnissen wäre weniger bedeutend mehr. Es interessiert nicht, ob Duisburg in Bielefeld getroffen hat oder nicht. Und für den BVB wichtige Ergebnisse müssen auch nicht unbedingt direkt durchgegeben werden, sondern es darf ruhig ein günstiger Moment abgewartet werden. Denn es war kein günstiger Moment, die zwischenzeitliche HSV-Führung in Berlin zu kolportieren, kurz bevor Florian Kringe einen BVB-Angriff abschließen wollte. Er semmelte den Ball meterweit drüber. Lag eventuell auch daran, dass ungefähr 2 Sekunden vor seinem Schuss das gesamte Stadion vehement jubelte, als ob der Ball schon im Netz zappelte. Ok, Profis sollten sich davon nicht beeindrucken lassen. Ein großes Fragezeichen hinterlässt der plötzliche Torjubel aber sicherlich bei den Kickern. Mit „Wir schreien den Ball ins Tor“ hat das jedenfalls herzlich wenig zu tun. Und besonders klug war es auch nicht, direkt nach dem ernüchternden 0:1 gegen Frankfurt das 2:2 in Berlin durchzugeben. So schafft man sich Grabesstimmung trotz 80.000.
Natürlich kriegen wir Fans die Zwischenergebnisse auch selber raus. In Zeiten von WAP etc. überhaupt kein Problem. Früher war es dann halt das kleine Radio. Wie schön war das, wenn sich positive Zwischenergebnisse wie ein Lauffeuer verbreiteten und der Jubel langsam immer größer wurde. Das stachelt mit Sicherheit auch die Spieler mehr an, anstatt ein plötzlicher Torjubel, wenn Kehl im Mittelkreis gerade den Zweimeterpass auf Amoah spielt. Deshalb die Frage: Wie wäre es mal mit überhaupt keinen Zwischenergebnissen? Man hört doch auch aus anderen Stadien, dass der Trainer entschied, das Spiel komplett ohne Einblendungen von den anderen Plätzen bestreiten zu wollen. Ist das bei uns überhaupt möglich oder haben die BVB-Verantwortlichen da überhaupt keinen Einfluss mehr drauf? Eine Chronistenpflicht besteht in dem Bereich der Zwischenergebnisse zumindest nicht.
Schlimm ist auch, dass inzwischen der Eindruck entsteht, als würde es reichen, dass die Bauern oder Herne-West zurückliegen, um zu vergessen, dass unser BVB sich gerade um Kopf und Kragen spielt. Sind jetzt BVB-Fans auf der Süd oder in erster Linie Bayern-Hasser? Mit völligem Unverständnis habe ich des Öfteren direkt nach dämlichen Punktverlusten freudig scherzende schwarz-gelb gekleidete Fußballfans beobachtet. Ich möchte keinem vorschreiben, wie er sich im Misserfolg zu verhalten hat, aber ist es denn inzwischen komplett egal, wie unser BVB spielt? Hauptsache, Bayern hat verloren? Das kann es doch wirklich nicht sein..
Die GoYellow-Fundgrube muss inzwischen aus allen Nähten platzen. Der BVB-Fan scheint so gefesselt von dem Feuer, was unsere Jungs auf dem Platz abfackeln, dass er all sein Hab und Gut in den Weiten des Westfalenstadions verschusselt. Es landet natürlich dann immer in dem schönen BVB-Fundbüro. Und netterweise wird dies auch x-mal pro Spiel über die Lautsprecherboxen an den Fan weitergegeben. Vielleicht sollte man sich in der nächsten Saison Zeit und Puste sparen, in dem man den Präsentator der Zuschauerzahl Gerd Pieper direkt zur GoYellow-Fundgrube ruft, wo er seine verlorenen Kästen Warsteiner und Coca-Cola abholen kann.
Auch Nobby Dickel sollte sich in Zukunft verbal etwas zurückhalten. Die Südtribüne muss bei der Verabschiedung von Jan Koller nicht extra aufgefordert werden, „Jetzt aber mal wirklich alle“ seinen Namen zu schreien. Dieses permanent-nervige Gelaber des Stadionsprechers hat zumindest bei mir in dem Moment Totalverweigerung hervorgerufen. Vielleicht war aber auch nur mein Mund noch so verklebt von dem Honig, den Dickel uns dauernd mit seinem „Beste Fans der Liga“-Gerede um den Bart schmiert.
Die Kröte „SIP“ versuchen wir ja alle kollektiv zu schlucken, auch wenn sie bei vielen noch quer im Hals steckt. Dass viele andere aber schon mit der Verdauung begonnen haben, bewies kürzlich die kontrovers geführte Klatschpappen-Diskussion. Dienten diese verteilten Faltpappen aber wenigstens noch der Unterstützung des eigenen Teams, so wirken die ständigen Einblendungen eher kontraproduktiv. Im schlimmsten Falle wäre es dann so, dass viele aus dem Stadion gehen und zwar nicht wissen, wie der BVB letztendlich gespielt hat, dafür aber jeden Stau im Umkreis von Dortmund runterrasseln können.
Es muss sich dringend etwas ändern in der nächsten Saison. Der Blick des BVB-Fans muss wieder auf den Platz gelenkt werden. Es ist wichtig, was unsere Jungs auf dem Rasen machen, es ist nicht wichtig, wie die Tabellensituation nach der 20. Minute wäre. Es ist außerdem nicht wichtig, ob es Sonntag regnet oder die Sonne scheint. Zwischenergebnisse müssen nicht unbedingt alle direkt unters Volk geworfen werden. Und auch „Easyjet“ sollte sich eine andere Strategie überlegen. Sie sollen ja ruhig ihre Einblendungen haben, dafür wird ja auch gut bezahlt. Aber bitte keine sinnfreien Stundenkilometerangaben mehr.
Ein bisschen weniger wäre hier um einiges mehr. Oder haben wir den Zenit der Werbebombardierung noch gar nicht erreicht und kriegen demnächst von Firma X das Eckenverhältnis aus der AOL-Arena und von Firma Y die Kartenstatistik vom Tivoli präsentiert?
Geschrieben von DvB
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