50% plus 1 – Infoveranstaltung am Donnerstag als Einstimmung für Sonntag

50+1Sonntag ist bekanntlich in Dortmund Wahltag. Neben mehreren Wahlgängen (Wirtschaftsprüfer, Kassenprüfer, Schatzmeister und Vizepräsident) gibt es unter Tagesordnungspunkt 09 eine Menge Satzungsänderungsvorschläge. Am gestrigen Donnerstag gab es dazu eine Informationsveranstaltung der BVB-Fanabteilung zum Thema 50+1, welches zur Zeit "das" dominierende Fussballthema schlechthin ist.

Richtig voll wurde es am 20.11.2008 um 19 Uhr im Conference-Center (Ebene 4) in der Nordtribüne des Westfalenstadions. Über 90 Personen wollten mehr über das Thema wissen.  Von dem Andrang war die Fanabteilung überrascht und musste eilig noch ein paar Stühle besorgen. Nach der Einleitung vom Vorsitzenden Götz Vollmann übernahm Daniel Nowara das Podium.

Die in mehreren Punkten aufgeteilte Präsentation begann mit einer Darstellung wie der der BVB aufgebaut ist. Bekanntlich gibt es beim BVB den eingetragenen Verein und die KGaA. Was gibt es da für Unterschiede? Zum einen wurde den Anwesenden aufgeführt, welche Teile des BVB gar nicht mehr zum Verein gehören (Im Fußball der Profi-, Amateur- und A-Jugend-Kader, sowie das Merchandising,  der Kartenverkauf und die Fanbetreuung). Der Verein besteht nur noch aus den Jugendmannschaften im Fußball (bis B-Jugend) sowie den Abteilungen Handball, Tischtennis und Fan. Hierbei wurde auch deutlich gemacht, welche Unterschiede es  zwischen der Fanabteilung und eben der Fanbetreuung durch Siggi Held, Petra Stüker, Jens Volke und Sebastian Walleit gibt.

Was hat der eingetragene Verein noch mit dem Profifußball (also der KGaA) zu tun? Das höchste Gremium des Vereins, die Mitgliederversammlung, wählt bekanntlich den Vorstand (Zweidrittel davon sogar am Sonntag) und der Vorstand beruft und überwacht eben die Geschäftsführer der Geschäftsführungs-GmbH. Was ist die Geschäftsführungs-GmbH? Um es einfach zu sagen, diese GmbH ist die eigentliche Macht in der KGaA. Die Aktionäre beim BVB haben folglich kein wirkliches Stimmrecht und können eben der Geschäftsführung nichts vorschreiben. Dies ist einer der großen Vorzüge der von Borussia Dortmund gewählten Kapitalgesellschaft.  Also warum sollte man sich Sorgen machen?

Rauball, Watzke und TreßZurzeit braucht man sich halt keine Sorgen machen, die 50% + 1-Regelung greift bei dieser Kapitalgesellschaft nicht. Denn es ist egal, ob der e.V. nun 50 % der Aktien hat oder, wie es in Wirklichkeit ist, nur 7%. Denn die Aktionäre haben keinen Einfluss auf die Geschäftsführung. Aber schon ein Blick in die Vergangenheit zeigt eine Gefahr. Im Moment sieht die Situation wie folgt aus: Der BVB-Vorstand (Dr. Rauball, Dr. Knauf und Dr. Lunow) bestellt und, vor allem, überwacht die Geschäftsführungs-GmbH (in Person von Aki Watzke und Thomas Treß). Vor ein paar Jahren (manche behaupten vor ein paar Jahrhunderten) sah das noch anders aus:  Da bestellte und überwachte der BVB-Vorstand um Dr. Niebaum, Dr. Kreke und Aki Watzke die Geschäftsführung um Michael Meier und eben Dr. Niebaum. Also überwachte Dr. Niebaum sich selber. Was daraus wurde, ist hinlänglich bekannt. Was hat dies nun mit der Regelung 50% + 1 zu tun? Es zeigt die Gefahr auf, denn wenn sich der BVB in ferner Zukunft entschließt, die Anteile der Geschäftsführungs-GmbH (die ja noch nicht einmal in der Satzung verankert ist) zu veräußern,  dann hat der Verein keinen Einfluss mehr auf die Geschicke der Aktiengesellschaft und vegetiert nur noch dahin als zahnloser Tiger bzw. kümmert sich nur noch um die Fußballjugend, die Handballerinnen, die Tischtennisspieler und die eingetragenen Fans. Der Profifußball (und sogar mehr) wäre dann in den Händen der Person, die die Mehrheit in der Geschäftsführungs-GmbH hat. Das Gremium „Mitgliederversammlung“ hätte seine Macht auf die Geschicke in der KGaA verloren.

MitgliederversammlungWas ist denn so schlimm daran, dass man Personen in den Verein holt, die Geld für neue Spieler zur Verfügung stellen? Eigentlich gar nichts. Nur wollen diese Leute auch einen Gegenwert haben. Wenn man Geld investiert, will man das auch wieder zurück haben. Ein Blick über den Ärmelkanal zeigt die Gefahr auf, welche man heraufbeschwört: Sämtliche Spitzenklubs dort gehören irgendwelchen Personen oder Gesellschaften. Aber durch eben den Kauf der Spieler und vor allem Abschreibungen der Kaufsumme, die man für den Verein bezahlt hat, sind diese Vereine hochverschuldet. Alleine Manchester United hat über 800 Mio. Euro Schulden. Würde ein Investor sein Geld aus dem Verein herausziehen, wäre dieser Verein dann ganz schnell pleite oder zumindest stark angeschlagen. Ein Investor, der keine emtionale Bindung an den Verein hat, kann sich problemlos wieder zurück ziehen. Man erinnert sich doch noch an den lieben Herrn Homm, der sich mittlerweile sang- und klanglos verabschiedet hat. Mit einer Fast-Pleite hat man ja in Dortmund Erfahrung, wo liegt also das Problem? Wie schon geschrieben, ein Investor möchte Geld sehen. Wie kommt dieses Geld herein? Neben der Profiabteilung ist auch der Bereich Merchandising und Kartenverkauf in der KGaA integriert, ergo könnte diese Geschäftsführung dann beschließen, dass die Preise für Fanartikel und Karten einfach erhöht werden. Nur mal als Beispiel, die billigste Tageskarte in der Premier League kostet  zurzeit 62 Euro. Und diese Preisgestaltung hätte dann auch Auswirkungen auf die Fanlandschaft. Plötzlich wird Fußball ein Luxusgut und die einfachen Bürger können sich das dann nicht mehr leisten. Somit würde ein wichtiger Fanbereich, auf den der BVB aufbaut, wegbrechen.

AbstimmungWas kann man dagegen tun? Ganz einfach, man muss per Satzungsänderung festschreiben, dass der Vorstand die Anteile der Geschäftsführungs-GmbH nicht so einfach veräußern kann. Und da kommen wir zum Hauptgrund der Veranstaltung gestern, denn es gibt da zwei Wege. Der Vorstand hat vorgeschlagen diesen Passus in der Vertretungsmacht festzuschreiben. Man benötigt eine Dreiviertelmehrheit, um diesen Passus wieder rauszunehmen. Eigentlich ein guter Weg, aber warum gibt es dann einen zweiten Antrag? Der Vorschlag vom BVB-Mitglied Bliemetsrieder geht nämlich noch weiter. Zum einen wird der Passus unter Zweck und Aufgaben des Vereins festgeschrieben. Zum anderen steht dort explizit drin, dass maximal 50% - 1 Stimme von der Geschäftsführungs-GmbH verkauft werden darf, so dass der Verein weiterhin die Kontrolle über die Geschäftsführung hat. Wo ist der Unterschied? Bei dem Vorschlag des Vorstandes kann eine Mitgliedersitzung den Verkauf von Anteilen an der Geschäftsführungs-GmbH beschließen (Auch wenn man nur 10% verkaufen will, der Vorstand kann sich später auf diese Abstimmung berufen und mehr verkaufen). Markus Bliemetsrieders Vorschlag hat hingegen einen weiteren Schutzmechanismus eingebaut: Selbst wenn die Mitgliederversammlung einen Verkauf zustimmt, so kann man nur dann mehr als 50% verkaufen, wenn man die Satzung ändert, also eine weitere Abstimmung, die man vorher bekannt machen muss.

Zwar geht man davon aus, dass sich Vorstand und Markus Bliemetsrieder bis Sonntag auf einen gemeinsamen Antrag einigen können, aber sollte es am Sonntag beide Anträge geben, so wird die Fanabteilung vorschlagen, den Antrag von Markus Bliemetsrieder zu unterstützen. Sowohl die Fanabteilung als auch Markus selber teilten mit, dass dies kein Misstrauen gegenüber dem jetzigen Vorstand ist, sondern eine Sicherheit vor einem Vorstand in (hoffentlich) ferner Zukunft.

ErbsensuppeIn der anschließenden offenen Diskussion zeigte es sich, dass das Konstrukt BVB halt schwer zu durchschauen ist. Es gab Fragen wie z.B. „Warum gibt es zwei Anträge?“ (Einfach gesagt, Kommunikationsprobleme, aber beide Vorschläge haben ihre Vorteile) oder „Was bringt einem Investor das Ganze?“ (Auch ganz einfach gesagt, Geld und Macht).

Wer also nicht auf Erbsensuppe steht oder meint, auf der Mitgliederversammlung passiert doch gar nichts, der sollte sich vor Augen führen: Wir Mitglieder haben die Macht, denn im Verein ist die Versammlung das höchste Gremium. Und damit dies noch  lange so bleibt, muss man am Sonntag wählen gehen. Schließlich wollen wir doch bestimmen, was in unserem Verein vor sich geht und nicht irgendein Investor, der nichts mit dem Verein am Hut hat. Liebe Mitglieder, kommt also alle zur Versammlung und sorgt dafür, dass wir Chef in unserem Zuhause bleiben.

CHS, 22.11.2008