Wächst zusammen, was zusammen gehört?

Wächst etwas zusammen?Wer bei den bisherigen Heimspielen der laufenden Saison im Westfalenstadion war, wird sicher einige Male verwundert in Richtung Südtribüne geschaut haben und traute weder Augen noch Ohren. Wo noch vor Jahresfrist kleine und große Gruppen versuchten, mit allen Mitteln ihrem Liedgut zur Verbreitung auf der riesigen Betonwand zu verhelfen und dabei gerne auch mal den Einsatz der „gegnerischen“ Fans in Schwarzgelb boykottierten, stellt man aktuell ein fast nicht mehr für möglich gehaltenes Mit- statt Gegeneinander bei der Unterstützung der eigenen Mannschaft fest. Zusammen mit den Ecken erreicht die Süd wieder Phonstärken, die man sonst nur vom Derby kannte und immer häufiger stimmen inzwischen auch Ost- und Westtribüne mit ein.

Wächst hier wieder etwas zusammen, was eigentlich schon immer zusammen gehört? Man muss nicht allzu weit in der Vergangenheit stöbern, um die eines Vereins wie Borussia Dortmund unwürdigen Ereignisse zu schildern. Da gab es hüben wie drüben eine nicht unerhebliche Anzahl von Fans ein und des selben Vereins, die sich strikt weigerten, die Mannschaft gemeinsam mit „denen da“ anzufeuern. Auch im Schwatzgelb.de-Forum tobte in immer wieder aufkeimenden Diskussionen ein Kleinkrieg, bei dem man sich gegenseitig kritisierte, teilweise auch heftig beschimpfte, immer wieder längst bekannte Argumente anführte, warum das eigene Repertoire für die Süd geeigneter sei als das der anderen. Außer blank liegenden Nerven und, vor allem nach Heimniederlagen, zu wenig Nachtruhe führten die Diskussionen zu keinem (hörbaren) Erfolg. Ganz im Gegenteil, die Gräben untereinander schienen sich noch weiter zu vertiefen. Woher kommt trotzdem plötzlich diese, wenn auch nur schrittweise, Annäherung der gesanglichen Glaubenskrieger?

Die Kluft zwischen den Fans war auch bei Auswärtsspielen zu spüren, obwohl sich gerade dort der harte Kern der Die AussenfassadeSupportwilligen jeglicher Coleur trifft. Das gegenseitige Ignorieren war auch hier nicht zu übersehen. Eine kleine Wende trat ein, als sich der Verein im Frühjahr 2007 urplötzlich mitten im Abstiegskampf befand. Allen wurde offenbar bewusst, dass es hier um etwas Wichtigeres, Höheres geht als um persönliche Eitelkeiten. Es ging um den BVB! In dieser Zeit wuchs die Schar der reisewilligen  Borussen spürbar an, gleichzeitig verbesserte sich auch die Stimmung nachhaltig, man sang mehr und mehr gemeinsam. Eine erfreuliche Entwicklung, die sich bis heute gehalten hat. Doch trotz des gewachsenen Gemeinschaftsgefühls in der Fremde war im heimischen Westfalenstadion keinerlei Besserung zu spüren. Alles blieb wie immer – die einen schwiegen, wenn die anderen sangen und umgekehrt. Selbst bei den Pokalspielen gegen Ende der letzten Saison dominierte die gesangliche Grüppchenbildung.

Es gibt Gründe für den plötzlichen Aufwärtstrend im eigenen Stadion, der, wenn man die bisherigen Heimspiele der Saison zusammenfasst, nicht von der Hand zu weisen ist. Ein Punkt ist sicherlich die ungeheure Euphorie unter uns Fans, die durch die Verpflichtung von Jürgen Klopp ausgelöst wurde. Die Mannschaft erfreut uns seither mit erfrischendem Offensivfußball, gepaart mit einer großen Portion „Mut zum Risiko“ die das Defensivgerumpel und Ballgeschiebe der Vergangenheit abgelöst haben.

Ein weiterer, sicher der entscheidende Punkt, ist das Pokalfinale in Berlin. Alle anwesenden Dortmunder traten vor dem Spiel in der Stadt und später im Stadion derart geschlossen und selbstbewusst auf, dass man meinen konnte, wir seien der haushohe Favorit, dem niemand seinen x-ten Pokalsieg streitig machen könne. Sicherlich auch ein Verdienst von Fanabteilung und Fanbetreuung, die mit viel Arbeit für eine gerechte Kartenverteilung gesorgt hatten, was es dem reinen „Eventler“ fast unmöglich machte, mit seiner Uschi die so folkloristisch anmutenden Borussenfans im Stadion begaffen und fotografieren zu können, ohne selbst zur Stimmung beizutragen. Im Olympiastadion wurde jedem Nichtborussen von Anfang an lautstark klargemacht, wer den Pokal unbedingt mitnehmen will. Und das, obwohl unsere Borussia im Vorfeld überall lediglich als Kanonenfutter für Toni und Co gehandelt wurde. Unvergessen die Minuten von der 25. bis zur Halbzeit. Die mit 0:1 im Rückstand liegende, mut- und ratlos wirkende Mannschaft wurde von einem Orkan des „Unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz“ in Endlosschleifen über den Platz getragen und fand urplötzlich zu ihrem Spiel. Auf den Rängen war nichts mehr von den Animositäten des Bundesliga-Alltags zu spüren. Hier standen über 30.000 Dortmunder als Einheit zusammen und sangen, was die Kehlen hergaben.

Dieser „Geist von Berlin“ hat offensichtlich auch im Westfalenstadion Einzug gehalten. Zwar gab es unter den bisherigen Spielen auch Selbstläufer, bei denen die Süd durch frühe Tore automatisch brodelt (Stuttgart) oder Spiele, die auch den Geduldsfaden der treuesten Fans auf eine Zerreißprobe stellen (Bochum) aber die Tendenz, die Süd einschließlich ihrer Ecken wieder zu dem zu machen, was sie mal war, ist unverkennbar.

Wir sind auf dem richtigen Weg, sollten uns aber auch darüber im Klaren sein, dass er noch weit ist und wir ihn gemeinsam gehen müssen um das Ziel zu erreichen.

Peter, 03.11.2008