Wieder hier - Supercup BVB : Bayern

BVB-FansSo wie dem Autor wird es gestern wohl vielen ergangen sein: Man schlendert nach einer unendlich langen Sommerpause, die lediglich durch die EM ein wenig erträglich gestaltet wurde, in Richtung Westfalenstadion und je näher man dem Eingang kommt desto intensiver wird dieser Geruch, diese einzigartige Mischung aus Bratwurstrauch, Zigarettenqualm und Bierdunst. Dazu dröhnen im Hintergrund die Lautsprecher im Stadion die, wenn sie einmal Pause machen, auch das gelegentliche Warmsingen der Süd nach außen dringen lassen. Bei diesem wohligen Gefühl, dieser Vorfreude, geht einem ein Lied von Marius durch den Sinn, das dieses Kribbeln wohl am besten beschreibt:

Ich bin wieder hier, in meinem Revier, war nie wirklich weg, hab mich nur versteckt.

Ich rieche den Dreck, ich atme tief ein und dann bin ich mir sicher, wieder zu Hause zu sein


Alles scheint also wie immer. Im Stadion trifft man langjährige schwatzgelbe Leidensgenossen, mit denen man schnell ein paar Worte wechselt, die Verpflegungsstände sind noch immer dort, wo man sie nach all den Jahren auch mit verbundenen Augen finden würde. Doch der Schein trügt. Bei den Speisen und Getränken muss der Geldbeutel wieder einmal einen satten Aufschlag verkraften. Unverschämterweise wiederholt sich dieses Prozedere seit längerer Zeit im jährlichen Rhythmus. Kleiner Tip für alle verzehrwilligen Borussen: Die Getränke- und Bratwurststände rund um das Westfalenstadion halten ihre Preise seit vielen, vielen Jahren konstant. Zudem sind die Preise leicht zu merken: Bratwurst € 2,00, Bier, halber Liter € 2,00.

PetricNoch etwas ist anders an diesem Abend: Trotz der späten Anstoßzeit sichtet man auffällig viele Familien mit Kindern. Ach ja, es sind Ferien. Eine schöne Gelegenheit, dem Fannachwuchs die Stadionatmosphäre und die Stars näher zu bringen. Das inoffizielle Wettrüsten um das teuerste Outfit im Stadion gewinnen bei diesem inoffiziellen Supercupfinale eindeutig die Bayernfamilien. Während dem Jungfan in Schwarzgelb lediglich ein Trikot übergestreift und ein Schal um den Hals geknotet wird, besticht die Bayernfamilie mit perektem Styling. Von Käppi über Trikot, Regenjacke, Regenschirm, die Jogginghose bis hin zu den Turnschuhen ist alles, aber auch wirklich alles was der Umlandbajuware an sich trägt, konsumgerecht im FCB-Fanshop erstanden worden. Da schleppt so manche Familie mal eben locker 1.000 Euro mit sich herum.

Weitere Irritationen ergeben sich bei einigen musikalischen Werken aus den Stadionlautsprechern. Hat da der DJ Ötzi etwa einen Produktionsauftrag für eine neue Fan-CD erhalten? Die Ohren weigern sich, das Geplärre länger zur Kenntnis zu nehmen und schalten auf Durchzug. Bleiben noch die Augen. Die Süd präsentiert sich zunächst "oben Ohne" und im Unterrang sehr gut besucht. Kurz vor Anpfiff wird zusätzlich der Oberrang im östlichen Bereich freigegeben und füllt sich ebenfalls ordentlich.
Nachdem Rednex - die Sängerin schien sich beim Wandern einen Wolf gelaufen zu haben, sie stand die ganze Zeit über merkwürdig breitbeinig auf dem Rasen - ihr Vorprogramm abgespult hatten, rollte im Westfalenstadion vor erstaunlichen 47.100 Zuschauern endlich wieder der Ball.

SpielszeneAuf der Süd schienen Block Drölf und die Lautsprecheranlage eine wohlverdiente Sommerpause einzulegen, was in den umliegenden Blöcken wohl Erstaunen ausgelöst haben muss. So vergaß man zum Anpfiff prompt das obligatorische "Heja BVB". Ist anscheinend alles nicht so einfach, wenn weder Stadionlautsprecher noch Vorsänger anstimmen, was zu singen ist. So dauerte es eine Weile bis sich in den oberen Bereichen der Blöcke 12-14 einige Gruppen formierten, die hier und da mutig Lieder anstimmten, allerdings häufig erst von einem spärlich besetzten und akustisch mauen Bayernblock ermuntert werden mussten. Bis auf ein gelegentliches "Bayern, Bayern" und der Hymne an die selbständigen Mütter in Wohnwagen am Stadtrand, wahlweise in mehrfach vermieteten Innenstadtzimmern kam absolut nichts Nennenswertes rüber. Das Dortmunder Liedgut beschränkte sich überwiegend auf "unser ganzes Leben", gelegentlich wurde der ein oder andere ältere Gassenhauer ausgegraben. Über die unvermeidliche Humba am Ende des Spiels decken wir einfach den Mantel des Schweigens...

Auf dem Rasen schien es zunächst so, als wollten Rukavina und Kuba die Bayernabwehr über die rechte Seite alleine im Sturm erobern. Vor allem Kuba rannte was das Zeug hielt und brachte die Hintermannschaft in Weiß ein ums andere mal in Verlegenheit. Da scheinen den Worten eines Trainer doch tatsächlich einmal Taten zu folgen, hatte Trainer Klopp doch erst kürzlich verlauten lassen, dass aus dem jungen Polen noch ein wenig "herausgekitzelt" werden müsse.

HummelsEbenfalls unübersehbar: Von der ersten Minute an bekamen unsere Spieler ein gefährliches Funkeln in den Augen, sobald ein Bazi die Mittellinie überschritt und nicht innerhalb von 5 Metern sofort umkehrte. Pressing vom Allerfeinsten, fast über die komplette Spielzeit, war die Folge und man machte sich bereits Gedanken, ob dieser Druck über die gesamte Spielzeit aufrecht zu erhalten sei. Defensives Mittelfeld und Viererblock kämpften, häufig unterstützt von den Offensivkräften, innerhalb der eigenen Hälfte um jeden Grashalm, doppelten die gegnerischen Ballführenden und erzwangen sich so immer wieder erstklassige Kontermöglichkeiten, indem die Spitzen nach Balleroberung sofort und schnörkellos steil angespielt wurden. Dadurch ergaben sich zahlreiche gute Möglichkeiten, die Beste vielleicht für Valdez nach Pass von Dede (19.). Folgerichtig fiel das 1:0 dann in der 29. Minute durch Kuba, der einen Zuckerpass von Petric einnetzen konnte.

Bei der Bekanntgabe des Torschützen gefror einem als langjähriger Tempeljünger plötzlich das Blut in den Adern: Man wurde vom Stadionsprecher gezwungen, den Name dreimal statt, wie üblich und angemessen, nur einmal zu brüllen. Für Bruchteile von Sekunden wollte man sich die Ohren zuhalten und dachte "Nein, bitte nicht das auch noch! Bitte lass es nicht geschehen!" und man harrte auf diese unsägliche Aufforderung des Stadionsprechers, auf sein "DANKE!" mit einem ebenso artigen wie blödsinnigen "BITTE!" zu antworten. Zum Glück ging wenigstens dieser Kelch (noch) an uns vorüber.

Lieber Nobby, wir Borussen sind seit Jahren leidgeprüft, mussten schon einige bittere Kommerzpillen schlucken, damit der Verein am Kacken blieb. Selbst mit dem, wenn auch kurzzeitigen, Herablassen der Fahne vor unserer Süd müssen wir leben. Sollte allerdings dieses Familienblockgeplärre bei uns Einzug halten - die Aktion von gestern deute ich als Testphase für weitere Schritte in Richtung mediengerechtes Klatschvieh -, überschreibe ich meine Dauerkarte demjenigen, der gestern im Emmakostüm durch den Mittelkreis gelatscht ist.


Zurück zum Spiel: Kurz nach dem Führungstreffer folgte das 2:0 durch einen Freistoß von Hajnal, links oben in den Knick. Tamás zeigte vielversprechende Ansätze im Spielaufbau, gute Übersicht und gescheites Passpiel. Mit Jubelarien sollte man sich allerdings noch zurückhalten. Vor Jahresfrist startete Federico, dem das gestrige Spiel anscheinend etwas zu schnell war, ähnlich gut in die Saison um später immer mehr zu verblassen. Von den Bayern war in der ersten Halbzeit so gut wie nichts zu sehen. Toni tauchte nach seiner obligatorischen Flugeinlage in den Anfangsminuten, von der Dortmunder Innenverteidigung gut behütet, total ab und Salto-Klose vergab in der 27. Minute aus 6 Metern freistehen eine 100%ige.

Trainer Jürgen KloppNach dem Wechsel wollte der FCB auch einmal mitspielen und kam zu kleineren Möglichkeiten, wobei dem Dortmunder Abwehrverband auch das Glück des Tüchtigen half (67., Poldi). Ab Mitte der zweiten Hälfte sah man Jürgen Klopp dann an der Seitenlinie immer aufgeregter mit den Armen Richtung Bayerntor rudern und die Spieler laut schreiend aus der eigenen Hälfte beordernd. Den erwarteten Kräfteeinbruch wollte der Trainer anscheinend nicht kommentarlos hinnehmen. Die Jungs bemühten sich zumindest wieder, den Druck der ersten 45 Minuten erneut aufzubauen. Zum Leidwesen einiger Osttribünenbesucher ward Bayern-Klinsi allerdings nicht ein einziges mal am Spielfeldrand gesehen. Der späte Anschlusstreffer durch Ekici (72.) resultierte aus einer Mischung von Schlafmützigkeit und Stellungsfehlern der linken Abwehrseite.

Jubel dewr Mannschaft mit PokalDas Spiel endete ohne großes Aufsehen hochverdient mit 2:1 für die Guten, man bekam einen inoffiziellen Pokal für die Vitrine und ca. 1,6 Millionen EUR zusätzlich auf das Konto.

Auf der erfreulich kurzen Pressekonferrenz begründete Trainer Jürgen Kl. die Unstimmigkeiten im Spiel seiner Mannschaft grinsend mit den erst kürzlich zum Kader gestoßenen Akteuren, worauf Trainer Jürgen Kl. die zweite Halbzeit mit einem schelmischen Lächeln in Richtung Trainer Jürgen Kl. als "bessere Trainingseinheit" bezeichete.

 

BVB: Weidenfeller - Rukavina, Subotic, Hummels, Dede - Kuba (60. Federico), Kehl, Hajnal (60. Kruska), Buckley (46. Kringe) - Valdez (71. Klimowicz), Petric (86. Sadrijaj)


Bayern: Rensing - Sagnol (46. Ottl), Lucio, Demichelis, Lell - Altintop (70. Ekici), Borowski (46. van Buyten), van Bommel, Schweinsteiger (46. Ngwenya) - Toni (46. Kroos), Klose (46. Podolski)

Tore: 1:0 Kuba (29.), 2:0 Hajnal (33.), 2:1 Ekici (72.)

Zuschauer: 47.100, Schiedsrichter: Kienhöfer

Peter, 24.07.2008