Quo vadis DFL?

Kritik der Fans beim Heimspiel gegen WOB IIIm Streit mit dem Kartellamt um die Vergabe der neuen TV-Übertragungsrechte und der Forderung des Kartellamtes zur zeitnahen, frei empfangbaren Berichterstattung aus der Bundesliga meldete sich jetzt auch DFL-Chef Christian Seifert zu Worte und malte ein düsteres Menetekel von der Zukunft der Bundesliga an die Wand. Das Eingreifen des Kartellamtes würde den Fußballstandort Deutschland massiv gefährden, warnte er und legte gleich noch einen drauf: Ohne das neue Vermarktungsmodell würde der deutsche Fußball nicht in den Genuss von Topstars und Erfolgen im Europapokal kommen.

Man fragt sich, was an diesen Aussagen verwunderlicher ist. Dass ein DFL-Funktionär eine derart realitätsferne Sichtweise an den Tag legt, oder dass diese Aussagen in den Medien unkommentiert wiedergegeben werden. Was dort als düstere Zukunft verkauft werden soll ist eigentlich nichts anderes als das Dasein, das die Bundesliga seit Beginn fristet. Wo waren denn die großen Weltstars in der Vergangenheit beheimatet? In Italien und Spanien, seit den letzten 10 Jahren auch in England - aber mit Sicherheit nicht in der deutschen Liga. Die Bundesliga war seit jeher Heimat für Spieler, deren Stern erst am Aufgehen ist und die die Liga als Sprungbrett zu den Clubs mit den klangvollen Namen sehen. Selbst die eigenen deutschen Kicker, die das Zeug zum Star haben, konnte man nie so ganz halten. Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 beispielsweise zog es die halbe Nationalelf über die Alpen ins damalige Liraparadies.

Und was die Europapokalerfolge angeht: In den letzten 18 Jahren konnten deutsche Vereine gerade einmal 5 von 45 Titeln gewinnen. Einen davon im mittlerweile nicht mehr existierenden und traditionell eher schwach besetzten Pokal der Pokalsieger. Eine einzigartige Erfolgsstory sieht anders aus. Das also ist die von Seifert befürchtete und schwarzgemalte Zukunft - und gleichzeitig Vergangenheit und Gegenwart der Liga.

ProtestDa sollte man doch meinen, dass die Bundesliga unter diesen Voraussetzungen ein ziemlich tristes Dasein am Rand der Bedeutungslosigkeit führt. Aber weit gefehlt. Was die durchschnittliche Anzahl der Besucher eines Fußballspiels angeht, hat man die drei Branchenriesen Italien, Spanien und England bereits seit einigen Jahren überholt. In der letzten Saison war die Bundesliga die umsatzstärkste Liga in Europa, im Bereich Sponsoring ist man sowieso Nummer 1. Das sind die wirtschaftlichen Eckdaten der Bundesliga und sie sind alles andere als schlecht.

Woran liegt es also, dass Kaka, Christiano Ronaldo und Ruud van Nistelrooy nicht in Deutschland spielen? Woran liegt es, dass die Tottenham Hotspurs aus dem englischen Ligamittelfeld für Modric einen für deutsche Verhältnisse unmöglich zu stemmenden Betrag von 21 Millionen Euro auf den Tisch des Herrn legen können? Die Antwort der DFL ist ebenso simpel wie grundverkehrt: Schuld sei das Kartellamt, dass einen neuen TV-Vertrag blockiert. Ebenso schuld seien die in Deutschland moderaten Eintrittspreise. Dabei ist es gerade diese Mischung aus zeitnaher, unbezahlter Berichterstattung und die für jeden tragbare Eintrittspreise, die dem Bundesligafußball diese Popularität und auch diese Einnahmequellen verschaffen, die eigentlich in keinem Verhältnis zum sportlichen Ertrag stehen. In Deutschland haben Finalteilnahmen im Europacup den gleichen Seltenheitswert wie technisch wirklich begnadete Kicker mit internationaler Klasse. Und trotzdem rennen die Fans den Vereinen die Stadiontore ein. Aber statt über diesen Zustand froh und dankbar zu sein, zerbricht man sich in der DFL-Zentrale anscheinend kontinuierlich den Kopf, wie man den Leuten einreden kann, dass es dem deutschen Fußball schlecht geht und dass man möglichst mit Chelsea und Manchester auf Augenhöhe kommen muss.

Verkannt, oder vielmehr bewusst, verschwiegen wird hierbei, dass auch ein deutlich besser dotierter TV-Vertrag und/oder eine Anhebung der Eintrittspreise kaum etwas am Status Quo Der Anwalt der Fans findet höhere Eintrittspreise okayändern würde. Man will mit Ligen konkurrieren, in denen einfach ganz andere Voraussetzungen herrschen. In Spanien nimmt man es mit dem Lizensierungsverfahren nicht so genau und lässt Real Madrid auch trotz eines horrenden Schuldenberges weiter Fabelsummen für Ronaldo bieten. In England buttern Mäzene und Investoren Unsummen in Klubs, die dann auch ihr Eigentum sind. In Italien sind Mäzene und Schuldenmacherei so eng verwoben, dass wohl selbst Eingeweihte nicht genau sagen können, woher das Geld für einen Transfer genau stammt. Und wenn das nicht hilft kann man ja, inErwartung einer Milden Strafe, immer noch Spiele und Transfers manipulieren.

Das sind die Rahmenbedingungen, in denen sich die deutsche Liga deutlich von den drei Topligen unterscheidet und die man auch mit neuen Vermarktungswegen nicht egalisieren kann. Um vergleichbare Bedingungen zu schaffen, müssten Pay-TV und Eintrittspreise auf ein Niveau angehoben werden, bei dem der Fußballfan zum eifrigen Lottospieler mutieren muss, wenn er denn auf seinen Lieblingsverein nicht verzichten will.

Aber zum Glück gibt es in der DFL ja kluge Köpfe wie Hannovers Herrn Kind, die diese Crux erkannt haben und Abhilfe schaffen wollen. Die Abschaffung der 50+1-Regel und somit der unbegrenzte Zugang von Investoren in die Fußballvereine sowie der Verkauf der Klubs ist der ultimative Ausweg aus dem Dilemma. Und genau das steht am Ende des Weges, den die DFL-Führung so munter beschreitet. Nicht mehr lange und man wird, gespielt  oder ehrlich, zerknirscht zugeben müssen, dass trotz aller Anstrengungen die Stars und Trophäen weiterhin in den Händen der ausländischen Topklubs verweilen. Bis dahin wird man allerdings weiter das Fanvolk mit düsteren Zukunftsprognosen für dumm verkaufen und im gleichen Atemzug die Liga aus Sicht der Einnahmenseite schon einmal präventiv interessanter für die Käufer gestalten. Eine Salamitaktik der DFL und ein böses Spiel an den Fans. Man sollte der Protest im Westfalenstadionzahlenden Kundschaft zumindest soviel Respekt erweisen, dass man sie nicht in Bausch und Bogen für dumm verkaufen will. Wenn man in der DFL-Zentrale schon nicht mit den wahren Zielsetzungen an die Öffentlichkeit gehen will, kann man wenigstens auf so peinlich durchschaubare Nebelkerzen verzichten.

Man zerstört blind und kurzsichtig ein gesundes, stabiles und wachsendes Unternehmen, indem man sich auf einen ruinösen Wettbewerb einlässt. Im letzten Champions-League Finale beispielsweise standen sich mit Chelsea und Manchester nicht nur zwei finanzielle Schwergewichte gegenüber sondern auch Verbindlichkeiten in Höhe von 1,8 Milliarden Euro. Was die finanzielle Situation von Real Madrid angeht, gibt es schon seit längerem Anzeichen auf einen Kollaps. In Italien gibt man sein Bestes, um die öffentliche Zuneigung zum Fußball als Basis zu zerstören. Dagegen haben wir in der Bundesliga finanziell größtenteils gesunde Vereine, neue Stadien und ein großes Interesse am Fußball - sowohl auf Seiten der Fans als auch bei der Wirtschaft. Beste Voraussetzungen eigentlich, um in aller Ruhe auf das Platzen der monströsen Seifenblasen in den anderen Verbänden zu warten und um ganz natürlich weiter nach vorn gespült zu werden. Aber wirkliches Interesse an einem eigenen, auf Langfristigkeit angelegten Weg, scheint man in der DFL nicht zu haben.

Zumindest bei Herrn Seifert ist davon nicht viel zu sehen.

Sascha, 21.07.08