Hitziges Auftakttraining
Nun ist es soweit. Jürgen Klopp tritt sein Traineramt in Dortmund an. Und alle wollen den neuen BVB-Coach sehen, als ob der Heiland persönlich das Gelände betreten hat. Alle sind irgendwie beKloppt, auch die Sonne. Ein Auftakttraining wird zum Medienspektakel in glühender Hitze.
Es ist immer wieder ein lustiger Spaß: Am besten geht man auf die Minute genau zur Pressekonferenz beim BVB. Im Fahrstuhl mit Jürgen Klopp, Aki Watzke, Michael Zorc, Pressesprecher Josef Schneck und einigen anderen spät eingetrudelten Journalisten nach oben fahren, schnell als erster aus dem Aufzug huschen und Richtung Presseraum gehen. Kaum betritt man den Raum, richten sich reflexartig zig Kameraobjektive von TV-Leuten und Fotografen auf einen, die dann nach einer Sekunde sofort wieder enttäuscht gesenkt werden. Nicht jeder ist halt Jürgen Klopp. Und um den geht es heute. Die kurze Aufmerksamkeit hat der Autor dieser Zeilen trotzdem wieder genossen.
Über 50 Journalisten haben sich im BVB-Pressezentrum versammelt. NTV und N24 übertragen zeitversetzt. Aber was macht die BVB-B-Jugend hier? Aki Watzke klärt auf: Es handelt sich um die Neuzugänge des BVB. Nun ja, von weitem erkennt man Patrick Owomoyela dann doch. Und die anderen sind ja auch höchstens 19. Und Tamas Hajnal ist gerade mal 1,30 Meter. Da kann man die Spieler schon mal mit Jugendkickern verwechseln. Neven Subotic fällt durch seine Haartracht auf. Seit ich meinem Charakter bei Grand Theft Auto San Andreas genau dieses Hairstyling verpasst habe, weiß ich auch, wie es heißt: Cornrows.
Zunächst ergreift Aki Watzke das Wort. Wirtschaftsinfos. Das Interesse am BVB sei ungebrochen. Vielleicht habe das mit den schönen Fotos von Jürgen Klopp an der B1 zu tun. Der neue BVB-Coach schaut auf und lacht etwas gequält. 44000 Dauerkarten seien das Ziel, so Watzke weiter. Und eine Stunde später – das wusste der BVB-Chef da noch nicht - ist das schon erreicht. Die 44444. Dauerkarte ging über den Ladentisch.
Doch kein Ende der Wirtschaftserfolge, Watzke vermeldet noch mehr. Jürgen Klopp wirkt unterdessen nervös, er hat noch kein Wort gesprochen, aber schon eine ganze Flasche Orangensaft in sich hinein geschüttet. Der BVB habe irgendeinen Vertrag (der Autor hat vergessen, um was es ging) vorzeitig bis 2016 verlängert, erklärt Watzke. Jürgen Klopp schaut dabei nervös auf seine Uhr, als wolle er sehen, wie lange es bis 2016 noch dauert. Watzke schwenkt um zum Fußball: „Ein Saisonziel wird nicht formuliert.“
Dann darf Klopp endlich reden, auch wenn er das eigentlich gar nicht will: „Ich bin froh, dass die Zeit vorbei ist, in der nur über Fußball geredet wird“, sagt der neue BVB-Coach. Und formuliert doch ein Ziel: „Wir wollen die Saison besser als die letzte abschließen.“ Sein Plan sei, besser, erfolgreicher und mit mehr Konstanz Fußball zu spielen. Das könne man populistisch nennen, aber im Endeffekt wären dann alle zufrieden, wenn es so eintreffe.
Wie er die Abwehr verbessern wolle, wird Klopp gefragt. „Wir lassen einfach alle sieben Innenverteidiger gleichzeitig spielen“, antwortet der. Gelächter. Aber bevor es zur Comedyshow verkommt, erklärt der Trainer klipp und klar, wie er die Defensivleistungen des BVB verbessern möchte. Humor und Fußballkompetenz, auf dieses Gemisch kann sich der BVB nun einstellen. Eine gute Mischung. Was Klopp den Fans denn für die Saison versprechen könne, fragt der schwatzgelb.de-Schreiberling: „Ich verspreche, wir hauen alles raus, was wir draufhaben. Wir tun alles, um unsere Ziele, unseren Plan durchzusetzen.“ Wir werden ihn ihm Mai daran erinnern.
Der Spielplan gefalle ihm richtig gut, sagt Klopp und es wirkt so, als habe er die Diskussionen im schwatzgelb-Forum genau verfolgt. „Vielleicht spielen wir ja das Eröffnungsspiel in Düsseldorf, dann haben wir schon mal ein Heimspiel dort.“ Auch die frühen Spiele gegen Bayern und Sch**** (Klopp: „Falls man das so sagen darf!?“) passen ihm ins Konzept. „Wenn wir die gewinnen, ist es ein Supersaisonstart. Wenn nicht, haben wir genügend Zeit, das auszubügeln.“
Dann endlich geht es raus auf den Trainingsplatz. Oder besser: Ins Westfalenstadion, denn da findet die erste Einheit der Saison statt. Etwa 9000 BVB-Fans bevölkern die Osttribüne. Die Sonne scheint, es ist ungefähr 1000 Grad heiß. Prachtwetter für alle, die nicht trainieren müssen. Und ein Zeichen von Petrus: Über Dortmund scheint diese Saison die Sonne. Klar, der Heiland ist ja jetzt auch da.
Auf dem Rasen stellt Josef Schneck die Neuzugänge vor. Nuri Sahin bekommt den dicksten Applaus. Einige rufen „Nuri, Nuri“. Der winkt etwas verlegen ins Publikum. Auch Neven Subotic, Felipe Santana, Tamas Hajnal und Patrick Owomoyela dürfen sich über kräftigen Zuspruch der Fans freuen.
Eine Gruppe ist extra aus Mainz angereist. Sie tragen „Danke, Kloppo“-Shirts. „Viereinhalb Stunden sind wir bis hierher gefahren“, sagt Timm. Der 11-Jährige kann zwar mit Borussia Dortmund nichts anfangen, aber Jürgen Klopp findet er toll. Genau so wie seine Cousine Fiona (15): „Kloppo ist nett und hilfsbereit. Er unterhält sich gerne und viel mit Fans, auch über private Dinge.“ Der neue BVB-Coach habe der Mainzerin seine schulischen Leistungen in Englisch und Mathe gestanden, erzählt sie nicht ohne Stolz. Ab und zu wolle sie auch zu Bundesligaspielen nach Dortmund fahren.
Markus Brzenska betritt als erste aus den Katakomben das Stadion, setzt sich direkt auf die BVB-Bank. Hinter ihm Marc-André Kruska. Er trägt ein Netz voller Bälle. Daniel Gordon und Neven Subotic bringen ebenfalls einen Beutel Spielgeräte mit. Die anderen Jungprofis tragen die Getränke und Aufstellhütchen. Die Hierarchie ist klar beim BVB. Nur Mats Hummels scheint schon zu den Etablierten zu gehören. Der Innenverteidiger muss nichts außer sich selbst auf den Trainingsplatz schleppen. Er tut dies gut gelaunt und mit einem fröhlichen Lächeln.
Genauso fröhlich, obwohl er gar keinen Grund dazu hat, ist Alex Frei. Der Schweizer steht mit Krücken an der BVB-Bank – und bekommt Standing Ovations von den Zuschauern. Klar zerre es an den Nerven, zuzugucken. Aber diese Saison sei vieles möglich beim BVB, sagt der Stürmer. Und kündigt sein baldiges Eingreifen an: „Mitte bis Ende August bin ich wieder spielfähig.“ Hoffentlich weiß das auch sein lädiertes Knie. N24 bittet Frei um ein Interview. „Ja, aber lass uns woanders hingehen, wo es kühler ist. Hier gehe ich kaputt“, sagt er im feinsten schweizerischen Deutsch.
Auf dem Platz hält Jürgen Klopp derweil die erste Ansprache an seine Mannschaft. Danach heißt es laufen – aufgeteilt in zwei Gruppen. Die Torhüter trainieren separat mit Teddy de Beer. Immer wenn die Spiele vor der Osttribüne laufen, reagiert das Publikum. „Kuba“, rufen sie. Oder „Dede“, „Kringe“, „Giovanni“. Die Spieler blicken manchmal auf und lachen zurück. „Ole, Tinga“, ruft einer. Der Brasilianer grinst und hebt den Daumen.
Ein alter Bekannter scheint beim BVB wieder da zu sein. Ein Kameramann sieht aus wie Uwe Grauer. Ist der Ex-Libero nun beim Fernsehen? Weitere TV-Stars gehören dem Trainerteam des BVB an: Der eine Konditionstrainer sieht aus wie Stromberg und hat die muskelbepacktesten Waden der Welt. Der andere, neue Coach hat Ähnlichkeiten mit dem Bodybuildertypen aus „Alles Atze“. Da werden die Laufeinheiten sicherlich sehr lustig.
Patrick Owomoyela kann noch nicht mittrainieren. Er sitzt auf der Ersatzbank und plaudert mit jedem, der gerade vorbeikommt. „Boah, ist das heiß heute. Wie haltet ihr das aus in langer Hose?“, fragt er in die Runde. Es wirkt, als ob sich der Neuzugang aus Bremen beim BVB schon heimisch fühlt. Er klatscht mit Sebastian Kehl ab. Die beiden kennen sich aus der Nationalelf.
Nun geht das Trainingsspielchen los. Während des Spiels stellt Nobby Dickel die Spieler noch mal einzeln vor. Roman Weidenfeller und Marc Ziegler spielen abwechselnd im Sturm, wobei Weide den besseren Eindruck hinterlässt. Seine punktgenauen Zuspiele werden von lauten „Uuhhs“ begeleitet. „Drei Kontakte“ ruft einer und schon spielt Sebastian Kehl den Ball ab. „Zentrum zu“, schreit Florian Kringe. Zu spät. Giovanni Federico ist schon durch. Aber sein Schuss geht am Tor vorbei. Besser macht es auf der anderen Seite Tamas Hajnal. Der Ungar fällt durch blitzgescheite und schnelle Zuspiele auf. Und als Torschütze. Der Neuzugang markiert den ersten und einzigen Treffer des Trainings nach einer herrlichen Kombination mit Kehl. Hajnal ist somit erster Gewinner der neuen Saison.
Nach anderthalb Stunden ist das Training vorbei. Und das Wasser leer. Marcel Schmelzer, Ex-Amateur und Neuprofi, steht ziemlich ratlos vor den Kästen. „Ist nix mehr da“, ruft er seinen Kollegen zu. Jürgen Klopp kommt dazu und sagt bestimmt: „Kann sich bitte jemand mal um Wasser kümmern?“ Und lächelt. Flasche leer schon nach dem ersten Training? Nein, denn da war der Nachschub längst organisiert. Zwei volle Kästen sind schon im Anmarsch, getragen von den Konditionstrainern. Eine Abschlussansprache, dann ist Trainingsschluss. Mats Hummels schreibt noch fleißig Autogramme vor der Tribüne. Die anderen Spieler sind da längst in den Katakomben verschwunden. Das Medienspektakel ist vorbei. Die Sonne scheint weiter wie beKloppt.
DvB, 02.07.2008
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