Parallele Fußballwelt
Sonntag Abend war es so weit, die EM 2008 in Österreich und der Schweiz ging zu Ende. Für die einen leider und für die anderen zum Glück. Was dieses Turnier bei dem Autoren dieser Zeilen hinterlässt, ist ein starkes Gefühl der Irritation und Verwunderung. Ein internationales Ereignis, das einerseits Fußball in seinen unterschiedlichen Spielarten verkörpert, andererseits aber auch unendlich weit entfernt von seinem Wesen ist.
Vom reinen Fußballspiel an sich war das Turnier mit Sicherheit eine positive Überraschung. Trotz des dicht gedrängten und hochklassigen Teilnehmerfeldes spielte der „bloß nicht verlieren"-Gedanke eine erfreulich untergeordnete Rolle. Im Vergleich zu den letzten Welt- und Europameisterschaften war der Anteil langweiliger und unansehnlicher Spiele deutlich geringer. Oder um mal vom nüchternen Schreibdeutsch wegzukommen: Ich hab ziemlich oft Abends vorm Fernseher gesessen und mir gedacht, dass das doch ein ziemlich geiler Kick ist, den die beiden Mannschaften da bieten. Dabei präsentierte man den Fußball in all seinen wunderbaren Facetten. Einige Teams boten technisch höchstwertigen und begeisternden Kombinationsfußball, andere hielten mit Wille und Leidenschaft dagegen. Dementsprechend auch die Halbfinalpaarungen. Auf der einen Seite das Match zwischen Spanien und Russland, die beide im Turnierverlauf gezeigt haben, dass bei ihnen ein Rädchen nahtlos ins andere greift und auf der anderen Seite mit der Türkei und Deutschland zwei Teams, deren spielerischen Darbietungen in der Mehrzahl zwar mittelschwere Kost waren, die aber immer dagegen gehalten haben.
Insofern verkörpert diese EM schon vieles vom Geist des Fußballs - zumindest mehr als die vergangenen Wettkämpfe - und das wird mir positiv in Erinnerung bleiben. Aber abseits des reinen Spielgeschehens wird dem Fußball viel seiner Faszination genommen. Er wird in ein buntes Kostüm gesteckt, kastriert und zu einem jämmerlichen Partyabklatsch seiner selbst degradiert.
In der öffentlichen Berichterstattung überschlägt man sich förmlich mit Jubelarien darüber, dass Fanlager nach dem Spiel fröhlich miteinander feiern. Genau das solle Fußball sein - ein friedliches Fest für alle. Wie bitte? Den Teil mit friedlich kann man mit Sicherheit unterschreiben und es ist absolut positiv, dass die Anzahl von Schlägereien angesichts einer derart großen Menschenmasse erfreulich gering ist, aber was ist das für eine Fußballwelt, in der man sich nach dem eigenen Ausscheiden aus dem Wettbewerb fröhlich in die Siegesparty der Gegner einreiht und mit ihnen feiert?
Fußball hat, zumindest am Spieltag, deutlich mehr trennende als vereinenende Elemente. Man fühlt sich den Leuten zugehörig, die die eigenen Farben tragen. Sicherlich gibt es auch auf der Gegenseite durchaus ordentliche Typen, mit denen man ein Bierchen trinken, frotzeln und über Fußball fachsimpeln kann. Dennoch gibt es auf beiden Seiten die stillschweigende Übereinkunft, dass man spätestens mit Anpfiff absolute Gegner sind, die alles für den Sieg der eigenen Mannschaft unternehmen werden und man sein Gegenüber nach dem Spiel möglichst niedergeschlagen und demoralisiert erleben will. Das ist doch der Fußball, den wir jedes Wochenende erleben und den wir so mögen.
Diese Rivalität, der Wettkampfgedanken und die Gegnerschaft sorgt doch mit für dieses faszinierende Wechselbad der Emotionen. Man weiß vorher nie, wie man sich nach dem Spiel fühlt. Man durchlebt Freude und Niedergeschlagenheit in all seinen Variationen. Gedämpfte Freude, wenn man einen Pflichtsieg locker eingefahren hat, ausgelassene Freude über einen vorher für unmöglich gehaltenen Auswärtssieg, jubelnde Überraschung über einen völlig unverdienten Erfolg - und eben auch diese lähmende Niedergeschlagenheit, wenn der Gegner einfach übermächtig war oder tiefsitzender Ärger, weil der entscheidende und siegbringende Schuss eben nicht im Netz gelandet ist. Der Gang ins Fußballstadion ist eine Wundertüte, der emotionale Ausgang ungewiss.
Wie arm und langweilig dagegen wäre der Fußball, wenn er wirklich das von vielen als seeligmachend propagierte Fanfest wäre. Würde uns allen nicht etwas wichtiges fehlen, wenn schon vor dem Anpfiff klar wäre, dass man danach gemeinsam feiert und der Ausgang des Spiels völlig unbedeutend für die Gemütslage wäre?
Möge der Fußballalltag sich diese gegenseitigen Rivalitäten zwischen allgemeiner Ablehnung und Gift und Galle bewahren und nicht diesem vermittelten Trugbild von gemeinsamer Party und Ausgelassenheit aufsitzen. Fußball ist derb und archaisch und genau das sorgt für die geliebte, brodelnde Atmosphäre. Die Zuneigung zum eigenen Verein und der Gewissheit den anderen überlegen zu sein. Wer daraus eine familienfreundliche Gute-Laune-Veranstaltung machen möchte, beraubt den Sport seiner Emotionalität und somit seiner Seele.
Also, die Fähnchen vom Auto demontiert, der Hupe ihre wohlverdiente Auszeit geben und volle Konzentration auf eine neue Saison unserer geliebten Borussia und ihrer 17 erbitterten Gegner. Party gibt's woanders.
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