Plädoyer für einen Vielgescholtenen
Als Spieler war er fast 17 Jahre lang Leistungsträger, Führungsspieler, Publikumsliebling und Konstante in einem Verein, der sich im gleichen Zeitraum in atemberaubender Geschwindigkeit komplett veränderte. Wenn er zu seiner aktiven Zeit ins Westfalenstadion einlief, schallten ihm regelmäßig „Susi, Susi"-Sympathiebekundungen im leidenschaftlichen Stakkato entgegen. Kaum ein anderer Spieler kann von sich behaupten, in seiner Profikarriere über einen so langen Zeitraum einem einzigen Profiverein die Treue gehalten zu haben.
In vielen Clubs wäre ein Mann wie Michael Zorc zweifelsohne die Lichtgestalt. Eine Identifikationsfigur, der man unbegrenztes Vertrauen entgegenbrächte. Beim BVB jedoch muss sich das Urgestein, dessen Vater Dieter bereits die schwatzgelben Vereinsfarben trug, seit dem Antritt als Manager für den sportlichen Bereich mit kritischen Stimmen auseinander setzen. Durchsetzungsschwäche, Fehlbeurteilungen bei Transfers, schlechte Kaderzusammenstellung und sogar Planungslosigkeit werfen viele Fans und Experten dem Spielführer der, mittlerweile legendären 97er Champions League-Siegermannschaft seit Jahren vor und fordern die Demission eines Mannes, der seine zweite Karriere am Schreibtisch unter der Regentschaft der Sonnenkönige Niebaum und Meier beginnen, und somit lange Zeit ohne größere Kompetenzen verrichten musste.
Braucht Borussia Dortmund wirklich einen neuen Sportmanager, oder ist Michael Zorc vielleicht doch nicht so schlecht wie sein Ruf?
Saison 2004/2005 - Ohne Moos nix los
Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich die finanzielle und sportliche Situation der letzten vier Jahre genauer anschauen. Als Bert van Marwijk im Juli 2004 seinen Dienst in Dortmund antrat, hatte - was da noch keiner so richtig ahnte - der Verein seine beste Zeit bereits hinter sich. Finanzielle Drahtseilakte des dynamischen NieMeier-Duos verhinderten größere Investitionen in eine Mannschaft, die nach dem Titelgewinn 2002 langsam aber stetig auseinander fiel. Stammkräfte wie Lehmann, Heinrich, Reuter, Frings und Amoroso hatten aus unterschiedlichen Gründen den Verein verlassen. Geld für gleichwertigen Ersatz war nicht vorhanden, und so musste man notgedrungen auf die eigene Jugend setzen. Wenig Möglichkeiten also für einen Sportmanager, sich in dieser schweren Zeit zu profilieren. Mit Sunday Oliseh wurde ein „Problemkind" ablösefrei zurückgeholt, um wenigstens die Lücke zu schließen, welche durch die Abgänge von Torsten Frings und Stefan Reuter im defensiven Mittelfeld hinterlassen wurde.
Erstmals „investieren" konnte das Tandem van Marwijk/Zorc in der Winterpause, als Ebi Smolarek nach vehementen Forderungen des Holländers, von Feyenoord Rotterdam ausgeliehen wurde. Ein sportlich und finanziell durchaus gelungener Transfer, der sich im weiteren Verlauf als lebenswichtig herausstellen sollte.
Saison 2005/2006 - Löcher in sämtlichen Mannschaftsteilen
Es folgte die erfolgreichste Rückrunde der Vereinsgeschichte; zumindest sportlich, denn finanziell musste für die neue Spielzeit das Korsett auf Wespentaillen-Enge geschnallt werden. Mit Madouni, Bergdölmo, Demel, Addo, Jensen, Evanilson und Warmuz wurden nahezu sämtliche Alternativen zur Stammelf abgegeben. Zudem verließ mit Ewerthon der „Held von 2002" das Westfalenland in Richtung Spanien, da Borussia die fällige Ablösesumme dringend zur Abwendung des Allerschlimmsten benötigte. Aufgrund des Konsolidierungskurses durften die Abgänge nur durch moderate Geldausgaben aufgefangen werden. In erster Linie ging es darum, einen neuen Mann für die rechte Abwehrseite zu finden, da diese Position komplett verwaist war. Weiterhin fehlte nach dem Verkauf Ewerthons ein Stürmer für Bert van Marwijks 4-3-3-System. Zur Erinnerung: Nach dem endgültigen Kauf Smolareks (der Ratenzahlungen in Höhe von insgesamt ca. 1,5 Millionen Euro erforderte) waren lediglich knapp 500.000 Euro übrig, um die Mannschaft zu verstärken und den Wegbruch des Zweiten Anzugs zu kompensieren. Mit Philipp Degen konnte man einen Akteur gewinnen, der in seiner Heimat Stammkraft in der Nationalmannschaft war, und durch starke Auftritte in der vorherigen UEFA-Cup-Saison nicht nur das Interesse der Schwatzgelben weckte. Neben diesem ablösefreien Transfer konnte man Delron Buckley von Arminia Bielefeld für die vergleichsweise „geschenkte" Summe von 425.000 Euro loseisen. Einen schnellen, für das
BvM-System scheinbar maßgeschneiderten Außenstürmer, der zudem mit der Empfehlung von 15 Saisontoren aufwarten konnte. Zum gleichen Zeitpunkt wechselten übrigens Dauer-Bankdrücker wie Klemen Lavric, Mihail Papadopulos oder Vahid Hashemian für jeweils mehr als 1 Million Euro das Trikot. Dass sowohl Degen, als auch Buckley bislang selten Ihre Qualitäten im BVB-Dress abrufen konnten, ist sicherlich unbestrittener Fakt. Finanziell und sportlich waren beide Einkäufe jedoch zur damaligen Zeit durchaus nachvollziehbar.
Weniger Glück hatte man mit zwei weiteren Neuverpflichtungen, die Bert van Marwijk in der holländischen Liga ausfindig machte. Cedric van der Gun fiel nach positiven Ansätzen mit einem Kreuzbandriss monatelang aus, und der in der Winterpause für 400.000 Euro nachgekaufte Matthew Amoah enttäuschte auf der ganzen Linie. Unerklärlich, wenn man sich die Trefferquote des Ghanaers vor und nach dem Intermezzo im Westfalenstadion ansieht.
Saison 2006/2007 - Die letzten Eckpfeiler des Teams brechen weg
Nachdem die abgelaufene Spielzeit spielerisch eher enttäuschend verlief, immerhin aber noch den 7. Tabellenplatz zur Folge hatte, musste der BVB weiteren Substanzverlust in Kauf nehmen. Neben Publikumsliebling und „Leuchtturm" Jan Koller - der unglücklicherweise in der Vorsaison länger verletzt ausfiel und ablösefrei den Verein verließ, musste der Abgang des Mittelfeldmotors Tomas Rosicky
kompensiert werden. Immerhin war nun ein wenig Geld vorhanden, um endlich wieder zielgerichtet die Qualität des Teams zu erhöhen. Nachfolger von Rosicky sollte Steven Pienaar werden; ein feiner Techniker, der bei seinen Vertrag bei Ajax Amsterdam nicht verlängerte. Um weiteren Schwung ins Mittelfeld zu bringen, wurde mit Tinga ein weiterer namhafter Spieler verpflichtet. Da war die Saison allerdings schon in vollem Gange, so dass die Integration ins Team und ins Spielsystem nur mit Zeitverzögerung erfolgen konnte. Viel Handlungsbedarf bestand ebenfalls im Angriff, wo nach dem Verkauf von Ewerthon, den Enttäuschungen Buckley und Amoah und der langen Verletzung Jan Kollers nur noch Ebi Smolarek als Alleinunterhalter übrig geblieben war.
Da die WM im eigenen Land vor der Tür stand und der Transfer von Wunschstürmer Alex Frei zu einem Nervenspiel ausartete, entschied man sich, auf Nummer Sicher zu gehen und mit Nelson Valdez einen weiteren, jungen und entwicklungsfähigen Angreifer zu verpflichten. In der Retrospektive war diese Verpflichtung der einzige richtige Fehlgriff Zorcs, wenn man sich das Verhältnis von Kosten und Nutzen vor Augen hält.
Nach anfänglichen Eingewöhnungsproblemen entwickelte sich Alex Frei zum absoluten Führungsspieler und - ganz wichtig - Torgaranten. Überlebenswichtig sogar, denn nach den (teilweise vom Verein selbstverschuldeten) Turbulenzen um Bert van Marwijk und später auch Jürgen Röber konnte der Schweizer mit seinen Treffern wenigstens für den Klassenerhalt und den Saisonhöhepunkt in Form des Derbysiegs am vorletzten Spieltag sorgen. Um in der neuen Serie nicht wieder zittern zu müssen, sondern im Gegenteil wieder nach höheren Zielen zu streben, sollten weitere Investitionen den richtigen Weg weisen. Im Gegensatz zu den Vorjahren musste Michael Zorc sich endlich einmal nicht nur um Ersatz für abgegebene Leistungsträger bemühen, sondern konnte sich nunmehr auf die Verstärkung des Teams konzentrieren. Lediglich der Dauerpatient Christoph Metzelder schloss sich Real Madrid an; sonst verließen nur Bankdrücker den Verein.
Erst nach Beginn der neuen Saison gab man den unzufriedenen Ebi Smolarek noch ab, und beraubte sich so einer vielleicht wertvollen Alternative im Sturm.
Saison 2007/2008 - Endlich der Aufbruch zu neuen Ufern?
Nach einer, schon Mitte der vorherigen Spielzeit angekündigten „knallharten Analyse" kam die sportliche Leitung zu der Erkenntnis, dass die Dynamik im Mittelfeld dringend erhöht werden musste. Des Weiteren sollten potenziell torgefährliche Spieler geholt werden, die die chronische Flaute des Offensivbereichs beheben konnten. Zu guter Letzt sollte ein etablierter Innenverteidiger für mehr Konkurrenz im hinteren Bereich sorgen.
Mit Jakub Blaszczykowski wurde ein junger, schneller Mann für die rechte offensive Seite verpflichtet, Giovanni Federico kam mit der Empfehlung von unzähligen Toren und Vorbereitungen in der zweiten Bundesliga zum Westfalenstadion. Diego Klimowicz wurde von Wolfsburg geholt, um den Ausfall von Alex Frei (der damals nur mit höchstens acht Wochen kalkuliert wurde) kurzfristig zu kompensieren. Schwierig gestaltete sich die Suche nach einem Abwehrspieler; Manuel Friedrich und Lukas Sinkiewitz entschieden sich frühzeitig für das ganz große Geld in Leverkusen, Wunschkandidat David Rohzenal war ablösetechnisch (noch) nicht bezahlbar. Als weitere Alternative für den Offensivbereich hatte man seit Längerem Mladen Petric beobachtet, einen Akteur, der variabel als Spielmacher oder Stürmer einsetzbar zu sein schien. Da dieser mit 3,5 Millionen Euro auch nicht gerade günstig war, fand man den Kompromiss und holte sowohl den Kroaten mit schweizerischem Pass, als auch den ablösefreien Robert Kovac, der bei Juventus Turin nicht glücklich wurde, in seiner Nationalmannschaft aber immer noch vernünftige Leistungen ablieferte. Kein Modell mit größerer Zukunft, aber doch ein Transfer mit kalkulierbarem Risiko. Schließlich waren Christian Wörns und Markus Brzenska in der stürmischen Schlussphase der vorangegangenen Spielzeit ein zuverlässiges Duo, und auch Martin Amedick galt als vielversprechendes Jungtalent. Da die Planspiele aufgrund der schlimmen Patzer sämtlicher Innenverteidiger im Laufe der Saison pulverisiert wurden, prasselte mitunter heftige Kritik am Sportmanager auf. Mit Antonio Rukavina und Mats Hummels wurde in der Winterpause noch einmal auf der rechten Defensivseite, sowie in der Abwehrmitte nachgebessert, ohne dass sich die Defizite im Deckungsbereich des Teams entscheidend gebessert hätten.
Was aber kann man Michael Zorc bei Betrachtung der vorgenannten Überlegungen vorwerfen?
Der Verein hatte von 2003 bis 2006 einen großen Aderlass an Spielerpersönlichkeiten zu verkraften, welche nur durch „Sonderangebote" ersetzt werden konnten. Alle namhaften Transfers haben vor, und teilweise auch nach dem Engagement bei Borussia, Ihre fußballerischen Qualität unter Beweis gestellt.
Woran liegt es also dann, dass die Arbeit des Sportmanagers so überaus kritisch gesehen wird?
Nun, zunächst muss man natürlich die Ursache im schleichenden Niedergang der Spielkultur sehen, welcher proportional zum erreichten Tabellenplatz auftrat. Die Gründe hierfür sind vielfältig; im Jahr 2006 brach neben den meisten Stammkräften auch der komplette Unterbau weg. Eine neue Einheit ohne Führungspersönlichkeiten zu formen, ist vor diesem Hintergrund eine langfristigere Geschichte. Auffallend ist zudem, dass ausländische und nicht deutsch sprechende Spieler (außer Brasilianer, die in Dede eine Art „Herbergsvater" zur Seite haben), selten integriert wirken und somit ihr wahres Leistungsvermögen oft nicht abrufen können. Große Probleme scheint es im Verein insbesondere mit eher introvertierten Charakteren zu geben. Die Namen Pienaar, Amoah, Degen und Federico sind hier nur exemplarisch zu nennen; auch Leute wie Rosicky und Sörensen haben sich in der Vergangenheit schon schwer mit dem Dortmunder Umfeld getan.
Vermutlich sind dies Dinge, die die Verantwortlichen (und somit auch Michael Zorc) neben der weiteren Transferbemühungen berücksichtigen sollten.
Der Sportmanager des BVB hat mit Sicherheit nicht alles richtig gemacht. Ihm eine Hauptschuld an der momentanen Situation im Verein zu geben, wäre allerdings weder fair noch korrekt.
Thomas Vigano, 03.06.2008
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