Als Brechler die Rote Erde zum Schweigen brachte

IntroSBIm Jahre 1950 erzielte der uruguayanische Spieler Alcides Ghiggia im Maracana-Stadion vor 200.000 fanatischen Brasilianern das entscheidende 2:1 gegen den Gastgeber im letzten Spiel der Finalrunde. Brasilien hätte ein Remis zur ersten Weltmeisterschaft gereicht. Als Ghigga zehn Minuten vor dem Ende traf, herrschte blankes Entsetzen und eisiges Schweigen im weiten Rund. Mehrere Nummern kleiner, aber nicht minder leiser ging es im Spiel der BVB-Amas gegen Wolfsburg II zu, als Brechler in der Nachspielzeit von der Mittellinie das leere Tor traf und die Rote Erde zur Einsicht kam, dass der Traum von der Dritten Liga nur noch rein rechnerischer Natur ist.

Anstatt 200.000 Zuschauer kamen nur 2.133 Personen in die Rote Erde, die sich in der bekannten Dreiteilung anordneten. Auf der Sitzplatztribüne das Stammpublikum, die Gegengerade wurde hauptsächlich von Wochenend-Ausflüglern besetzt, während in der Nordkurve ein recht ansehnlicher BVB-Fanblock zu besichtigen war, der während des Spiels immer wieder neue Impulse auf den Platz senden konnte. Dies wurde während und nach dem Spiel auch von vielen BVB-Verantwortlichen registriert. Beim Einlaufen  wurde unter schöner Schwenkfahnen-Choreo ein Spruchband ("Avanti Amateure") präsentiert und auch BVB-Fan und Kommentator Hansi Küpper auf der Sitzplatztribüne war sichtlich angetan. Die Wolfsburg-Fans waren an einer Hand abzuzählen, wobei man dazu weder einen Daumen noch einen Finger haben muss...

Der BVB betrat den Platz unter lauten Motivationsversuchen des heimlichen Kapitäns Uwe Hünemeier. FansDieser konnte wieder in der Innenverteidigung neben Brzenska agieren, der sich trotz Schulterproblemen zur Verfügung stellte. Für Daniel Gordon reichte es nicht mehr, sein Knie macht weiterhin zu große Schmerzen. Dafür nach langer Verletzungspause wieder dabei: Der flinke Sebastian Hille. Leider nicht mit dabei waren Sahr Senesie, der sich in Emden eine Gelbsperre abholte und der kamerunische Olympia-Teilnehmer Franck Njambe. Die Wolfsburger Spieler interessieren uns nicht, dafür aber der bulgarische Trainer Petar Houbtchev (spielte auch beim 2:1-Sieg der Bulgaren gegen Deutschland bei der WM 1994 im Viertelfinale mit), der von Profi-Trainer Felix Magath extra für die zweite Mannschaft verpflichtet wurde, was sich bisher nicht ausgezeichnet hat. Sang- und klanglos steht man am Tabellenende und hat diese Saison die antiproportionale Entwicklung im Hinblick auf die Profis genommen.

Für alle Schreibfaulen Redakteure waren die ersten 30 Minuten ungefähr so angenehm wie ein ausgedehnter Sommerurlaub. Es tat sich überhaupt nix auf dem Spielfeld und nur die BVB-Fans in der Nordkurve machten etwas Krawall und Remidemmi. Aber auf dem Platz hätte man auch gut und gerne eine veritable Kuhherde weiden lassen, ohne dass sich Tiere und Spieler irgendwie in die Quere gekommen wären. Nachdem Nöthe und Wemmer nach gut 20 Minuten erste Warnchancen abgegeben haben, war es der bis dato fahrig spielende, sich aber im Spielverlauf stets steigernde Großkreutz, der eine scharfe Freistoßflanke Nöthes nur knapp neben das Tor setzte. Die größte Chance hatten jedoch die niedersächsischen Retörtchen im Gegenzug. Nach einem diesmal sehr schwachen Freistoß Nöthes konnten die, die die (Geil! Drei "die" hintereinander) Welt nicht braucht, klären und Hillenbrand nahm an der Mittellinie den Ball an und beherzigte nicht den Ratschlag eines jeden Aushilfstrainer im Unterhemd mit Bierpulle und ZweikampfWürstchen in der Hand, der über die dritte Mannschaft eines mediokren Dorfvereins bisher nicht herauskam: "Hau die Pocke weg!" Nee, die feinen Badenser (Hillenbrand ist einer) wollen einen Ball erst schööön annehmen. Blöd, dass Margarinen-Rama den Stockfehler nutzte und auf und davon lief, den Ball an Höttecke vorbei legte und nur noch einzuschieben brauchte. Wenn, ja wenn Hillenbrand seinen Fehler nicht gut machen wollte und sein schlechtes Gewissen damit befriedigte, dass er den Torschuss vor der Linie weggrätschen konnte.

Bis zur Pause gab es dann nur noch zwei nicht als Chancen notierte Schüsse. Zunächst traf Hille aus der Drehung den Ball nicht richtig und der aufmerksame Deumeland konnte mühelos parieren. Auf der anderen Seite erspielten sich die stets gefährlich wirkenden "Jungwölfe on Tour" (steht auffem Bus von denen) eine Möglichkeit, als Rama auf Brechler passte, Brzenska zu spät kam, der Stürmer aber klar übers Tor zielte. Kurz zuvor setzte Hünemeier übrigens eine Ricken-Freistoß knapp übers Gästegehäuse, sodass die beiden Führungsspieler noch ohne Torerfolg blieben.

Fazit nach 45 Minuten

Alle BVB-Akteure spielten irgendwie so nervös. Man dachte an aknebehaftete 14-jährige, die erstmals den Eltern der verehrten Freundin begegnen sollten. Eigentlich ist man frech, forsch und mutig, doch wenn ein Drache im Damenpelz vor einem steht, macht man plötzlich einen auf taubstumm und will möglichst keine Fehler mehr begehen. Personifiziert wurde diese Nervosität durch Hillenbrands schlimmen Fehler und Rickens Unzufriedenheit, die in einer Gelben Karte wegen Meckerns mündete.

Zweikampf am BodenZu Beginn der zweiten Hälfte rollten die BVB-Fans in der Nordkurve dann ein Spruchband aus: "Rauball. Anwalt der Fans? Danke für unser Todesurteil!" Diese Aktion ist auf die neuen, von DFL-Präsident Rauball abgesegneten Spielansetzungen in der Bundesliga gemünzt. Viele aktiven Fußballfans sind mit der Salami-Zerstückelung nicht einverstanden und stören sich besonders an der Diskrepanz zwischen den Worthülsen Rauballs und seinen tatsächlichen Handlungen. Dies führt also inzwischen dazu, dass es fast so viele verschiedene Spieltermine an einem Wochenende gibt, wie Rauball mal Tage Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen war...

Zurück zu Lück und in die Rote Erde. Dort passierte eine Viertelstunde mal wieder nix und alle japanisch angehauchten Besucher konnten erstmal ein solides Power-Napping abhalten. Erst in der 60. Minute eine Chance für den BVB, welche gleichzeitig auch die schönste Kombination des Spiels beinhaltete: "Sterni" Großkreutz rechts raus auf Hille, der in die Mitte geflankt auf Schmelzer. "Schmelle" kriegt ihn grad noch vor der Torauslinie und legt per Kopf zurück auf Nöthe. Der ebenfalls per Kopf. Drüber! Nur drei Minuten später eine Drehung von Brechler um die eigenen Achse. Knapp daneben. Viel schöner jedoch der Wechselgesang zwischen Sitztribünen-Fans und den Stehplatzbesuchern in der Nordkurve. Das sollte doch noch einmal Auftrieb geben, dachten die gut 2000 Besucher des Spiels.

BrzenskaAm Arsch die Räuber! Denn nach 68 Minuten ließ sich an der linken Außenlinie der schwache Brzenska von Rama düpieren, während Brechler in der Mitte Eggert beseitigte. Der beschissen leitenden Schalk aus Augsburg pfiff nicht, sodass die 2-1-Situation durch einen Querpass in die Mitte auf eben diesen Brechler durch ein Tor aufgelöst wurde, indem genannter Spieler Wolfsburg-Neurotiker Höttecke durch die Beine schoss. Erst nach diesem Gegentor wirkte die schwatzgelbe Frischzellenkur und der BVB begann endlich, wie wild zu laufen und zu kämpfen. Jedoch unkonzentriert! So war es der eingewechselte Omerbegovic, der nicht Tyrala in der Mitte direkt per Flachpass bediente, sondern es unbedingt allein versuchen wollte - wir zitieren den bereits aufgeführten Unterhemd-Trainer: "Dat is doch ein eigensinniger Knochen, der Kerr!" - und an Deumeland scheiterte. Tyralas Nachschuss in Form eines Kopfballs ging neben das Tor (70.).

Doch wie sagte doch Oliver Kahn immer wieder: "Immer weiter!" Und wenn man an den Erfolg glaubt, dann wird man auch irgendwann und irgendwie belohnt. Nach einer Ecke von links blieb der Ball lange in der Luft. Der Ball war so lange in der Luft, dass ein Wolfsburger Akteur wohl von "Spielstopp" ausging und die Kugel einfach mal mit einer formidablen Stelian Moculescu-Gedächtnis-Baggerabwehr aufnehmen wollte (Aus Gründen des Schutzes der Familie dieses Spielers werden wir seinen Namen nicht nennen. So ein selten blödes Handspiel gibts nicht oft!). Das hat sogar der Schalk im Nacken gespürt und entschied folgerichtig auf Handelfmeter. Natürlich übernahm der Capitano Ricken die Verantwortung. Harter Rechtsschuss in die linke Ecke, Deumeland mit gutem Instinkt, aber nicht mit dem langen Arm. Tor. 1:1.

Nun setzte der BVB alles auf die Karte, wurde aber in der letzten Minute erneut zurückgeworfen. So sah Brzenska nach einem klaren Schubser wegen Schiri-Beleidigung die Rote Karte. Im Nachhinein stellte sich Theo Schneiderheraus, dass der Abwehrhüne nach erfolgtem Pfiff wohl nur ein "Es ist unfassbar!" von sich gegeben haben soll. Nach dem Spiel fragte dieser auch den Schiri nach den Gründen für den Platzverweis, der ihn daraufhin mit den Worten "Ach komm, hau ab! Das gibt einen Sonderbericht "weggeschickt haben soll. Geiler Typ, der Schalk. Und zu Hause wartet die Alte mit dem Nudelholz. Naja, jedenfalls erspielte sich der BVB doch noch zwei Chancen

Erst scheiterte Omerbegovic nach abgewehrtem Boztepe-Freistoß an seiner Schusstechnik und dem zu niedrigen Tor (90.). Dann verkam der Ex-Ahlener in der zweiten Minute der Nachspielzeit zur tragischen Figur. Wieder einmal war Höttecke mit nach vorne geeilt und war bei zwei Standards auch zweimal mit der Hirse anner Kugel. Bei einem weiten Einwurf störte er entscheidend und Deumeland mit unmotiviertem Rauslaufen, Omerbegovic hat die Möglichkeit zum Kopfball aus vier Metern. Zu schwach, Gäste-Kapitän Reiche rettet auf der Linie und die Wolfsburger spielen an die Mittellinie. Dort steht Brechler und sieht aus den Augenwinkeln, dass Höttecke zurückrennt. Die einzige Möglichkeit ist ein Fernschuss aus der Drehung. Der Ball erhebt sich in die Lüfte und schier endlose Sekunden beginnen. Das Leder wird länger und länger und senkt sich langsam, aber zielstrebig in Richtung BVB-Tor. Es tickt auf und Höttecke rennt um sein Leben. Zu spät! Er berührt den Ball erst hinter der Torlinie und zappelt wie ein Käfer im Netz einer Spinne. 1:2 und brutales Schweigen im weiten Rund. Direkt nach dem Anstoß pfeift der Schiri das Spiel ab. Aus der Traum von Liga 3.

Fazit nach 90 Minuten

20 Minuten gutes Spiel reichen selbst gegen den abgeschlagenen Tabellenletzten nicht, um erfolgreich bestehen zu können. Letztlich war der Sieg der Grün-Weißen, erkämpft mit Glück und Geschickt, noch nicht einmal völlig unverdient und alle von diesem Ergebnis profitierenden Teams dürfen sich bedanken, dass sich Houbtchevs Mannen nie haben hängen lassen und tolle Moral und Charakter bewiesen.

Am nächsten Samstag geht es zu denen um ihre letzte Chance kämpfenden Braunschweiger wohl um die goldene Ananas, da man nicht davon ausgehen kann, dass der Fußballgott so einen Sahnetag haben wird und alle Partien so laufen lässt, dass der BVB noch eine reelle Chance auf die Quali haben wird. Denn wie soll Lübeck in Essen zum Beispiel bestehen? Aber im Fußball ist schließlich nix unmöglich und mit diesen 5 Euro ins Phrasenschwein endet dieser Spielbericht und das letzte MannschaftHeimspiel der BVB-Amas in der Saison 2007/2008. Doch warten wir das nächste Wochenende einfach mal ab und schauen ganz entspannt, was noch so geht.

Stimmen zum Spiel

Petar Houbtchev: Wir waren in der Defensive sehr diszipliniert und haben den Dortmundern keine Freiräume gelassen. Dabei hatten wir auch noch gute Kontermöglichkeiten, wobei wir am Ende auch schon mit etwas Glück das Spiel gewonnen haben,

Theo Schneider: Wir wussten im Vorfeld schon, dass es eine unangenehme Partie wird, weil Wolfsburg sehr spielstark ist. Sie hatten in all ihren Spielen ihren Möglichkeiten. In der ersten Hälfte waren wir sehr verunsichert im Spiel nach vorne und haben auch hinten 2,3 Chancen zugelassen. Erst in der zweiten Halbzeit hat man gesehen, dass wir das Spiel unbedingt gewinnen wollten. Aber Fußball kann nun einmal sehr brutal sein, was man besonders in der letzten Spielminute gesehen hat. Es sollte nicht sein heute, zumal auch der Schiri heute seinen Anteil dazu beigetragen hat, aber das soll keine Ausrede sein. Wir waren sehr nah an der Dritten Liga und deshalb ist die Enttäuschung jetzt auch riesengroß. Meine Spieler weinen in der Kabine, auch wenn sie eine sehr gute Saison gespielt haben. Wir haben uns zwar nicht für die Dritte Liga qualifiziert, sind aber auch nicht "regulär" abgestiegen. Nun kehrt nächste Saison der Alltag sein, wobei wir auch in der Regionalliga versuchen werden, eine gute Rolle zu spielen.

HötteckeDaten zum Spiel

BVB II (4-1-3-2): Höttecke (4) - Hillenbrand (5), Brzenska (5,5), Hünemeier (4), Schmelzer (4) - Eggert (3,5) (72. Boztepe, - ) - Ricken (4), Großkreutz (3,5), Öztekin (4,5) (55. Omerbegovic, 4,5) - Nöthe (4,5), Hille (4,5) (63. Tyrala, - )

Wolfsburg II (4-4-2): Deumeland - Schlimpert, Reiche, Kreuels, Karimow - Wemmer (84. Schulze), Karow, Meier, Neumann (72. Maaß) - Brechler, Rama (70. Tunc)

Tore: 0:1 Brechler (68., Rechtsschuss, Vorarbeit Rama), 1:1 Ricken (80., RS, Handelfmeter), 1:2 Brechler (90.+2, RS)

Zuschauer: 2.133

SR: Schalk (Augsburg), 5. Völlig überfordert am Ende. Assi auf der Gegenseite unglaublich schlecht. Handelfmeter korrekt, auch gute Vorteilsauslegung. Sonst Kategorie: Zu Hause nix zu sagen und auffem Spielfeld den Dicken markieren!!

Gelbe Karten: Ricken (45., Meckern), Omerbegovic (81., Fuß drüber gehalten) - Kreuels (70., Meckern), Rama (70., Zeitspiel)

Rote Karte: Brzenska (90., Schiri-Beleidigung)

Chancen: 7:4

Ecken: 8:5

Malte, 24.05.2008