Ein Mann für gewisse Momente
Es war der 19. April 2008. In Berlin standen sich der BVB und Bayern München im Pokalfinale gegenüber. Ganz Dortmund und alle schwatzgelben Spieler und Fans freuten sich auf das Spiel und die damit verbundene Atmosphäre. Alle? Nein, ein Mann schaute mit wehmütigem Blick dem Treiben auf dem grünen Rasen zu: Giovanni Federico wurde von Ex-Trainer Doll noch nicht einmal in den Kader für Berlin nominiert, obwohl der Deutsch-Italiener mit seinen zwei Führungstreffern gegen Bremen und Hoffenheim maßgeblich am diesjährigen Pokalerfolg beteiligt war.
Es war der negative Höhepunkt der jetzt ein knappes Jahr andauernden Beziehung zwischen Federico und dem BVB. War der "Denkzettel", ihn nicht mit zum Auswärtsspiel nach München mitzunehmen (wobei das Ergebnis 0:5 eher für den Spieler sprach), noch irgendwo nachvollziehbar, weist die Aussortierung aus dem Finalkader ein gehöriges Maß an mangelnder Sensibilität und Menschlichkeit von Seiten des ehemaligen Trainerteams auf. Man gewann viel eher den Eindruck, als dass der eher introvertierte Kreativspieler für die schwachen Mannschaftsleistungen vor dem Finale als Bauernopfer herhalten musste; mit dem klaren Hintergedanken, dass sich dort einer nicht gerne wehren will oder kann.
Jeder BVB-Fan kennt die Statistiken über einzelne Spieler und ihre Leistungsdaten in dieser Saison. Fakt ist bei Federicos Bilanz auf alle Fälle, dass immer, wenn er in der Anfangself (25 Spiele) gestanden hat, der BVB in dieser Saison 1,44 Punkte pro Spiel geholt hat. In den 9 Spielen, in denen er nur eingewechselt oder gar nicht zum Einsatz kam, steht der Punkteschnitt auf kümmerlichen 0,44 Punkten pro Partie! Diese Bilanz gibt rein statistisch Federicos Leistung ein
immenses Fundament. Doch muss sich in diesem Zusammenhang auch mit seiner Spielweise beschäftigt werden.
Federico war in seiner gesamten Karriere nie ein Spielertyp, der über 90 Minuten präsent war und das Spiel als Leader seines Teams nach vorne trieb. Ob als Jugendlicher in der Kreisauswahl Hagen oder dann unter "Enatz" Dietz, der Federico übrigens einen hervorragenden Charakter bescheinigt (Beweis dafür auch: Der freiwillige Einsatz Federicos beim Spiel der Amas gegen Oberhausen), beim VfL Bochum als junger Erwachsener: Stets war der Offensivspieler dann präsent, wenn es drauf ankam. Ganz egal, ob es sich dabei um den tödlichen Pass in die Gasse in den Lauf des Stürmers handelte oder ob er selbst sich mit nach vorne schlich, um dann mit seiner formidablen Schusstechnik selbst den Abschluss zu suchen.
Seine großartigen Anlagen ließ er bereits an seiner ersten "richtigen" Station beim 1. FC Köln aufblitzen, wo er von 2002 bis 2005 spielte und mehrmals als Joker für Furore sorgte. Doch waren seine Leistungen noch zu instabil und seine Lobby nicht ausreichend genug, als dass er eine Chance gegen das Kölner Idol Dirk Lottner gehabt hätte. Nach 20 Toren in der Saison 04/05 in der Regionalliga Nord wurde der damalige Zweitligist Karlsruher SC auf ihn aufmerksam. Dort blühte "Gio" dann richtig auf und zeigte endlich auch einem breiteren Publikum all seine Fähigkeiten: Schusstechnik, Spielübersicht, Kreativität, Kaltschnäuzigkeit und Passgenauigkeit. Schon in seiner ersten Saison im Badenland kam er auf 22 Scorerpunkte in 30
Spielen, ehe er in der letzten Saison die gesamte Liga überragte und den Karlsruher SC fast alleine zum Aufstieg führte (33 Scorerpunkte in 34 Spielen). Es war übrigens die erste und (bisher) letzte Saison Federicos, indem er wirklich Verantwortung übernahm (was sich durch seine vielen verwandelten Elfmeter ausdrückte) und zu jeder Zeit bemüht und auch erfolgreich war, das Spiel an sich zu reißen. Sicherlich hing dieser Umstand auch mit seinem privaten Glück zusammen, da er 2005 stolzer Vater eines Sohnes wurde.
So konnte die ablösefreie Verpflichtung des erklärten Borussia-Fans durchaus als klarer Erfolg für das BVB-Management gewertet werden. Doch schien es im Laufe der Saison oft, dass Doll mit den Fähigkeiten dieses Spielers nichts anfangen konnte. Da stellt sich die Frage, was sich dieser Verein einbildet. Wenn man sich etwa wundert, dass dieser Akteur im Spiel zu oft untertaucht und nur sporadisch in Erscheinung tritt, muss die Frage erlaubt sein, ob man sich über Federico informiert hat oder nur von der außer der Reihe stehenden letzten Saison beim KSC geblendet wurde? Und wenn man sich dann noch seine Leistungsdaten anschaut, muss einfach festgehalten werden, dass er nach Petric mit 4 Toren und 8 Vorlagen der zweitbeste Scorer der Mannschaft ist und seine Aktionen oftmals spielentscheidend waren. Neben den schon genannten Pokaltoren gegen Bremen und Hoffenheim sorgte er für den 1:0-Sieg in Rostock und in Unterzahl per Traumtor für den 2:1-Sieg gegen seinen Ex-Verein Bochum. Viel wichtiger jedoch seine Vorlagen: Beim 2:1-Sieg in
Stuttgart, dem 3:3-Remis in Duisburg (Assists zum 2:3 und 3:3) und 2:0 in Cottbus sowie neulich erst beim 3:2-Sieg gegen Stuttgart wartete er mit perfekten Zuspielen auf die jeweiligen Verwerter auf. Gerade die ersten Beispiele zeigen übrigens auf, dass Federico sehr wohl auch noch einmal gegen Ende einer Partie auffällig werden kann und die in dieser Saison oftmals frühen Auswechslungen mit mangelnder Ausdauer nicht unbedingt begründet werden können. Auf die vielen vorletzten Pässe, mit denen er oftmals eine gegnerische Abwehrkette erst auseinanderriss, sei hier aus Platzgründen verzichtet.
Zugegebenermaßen hatte auch ein Federico seine Schwächephasen in dieser Saison. Doch fragen sich viele BVB-Fans auch berechtigterweise, warum ein Kringe, ein Buckley und auch ein Valdez immer wieder diesen Kredit vom Trainer bekommen haben, obgleich sie eine wesentlich schwächere Leistungsbilanz vorzeigen können. Auch die Fans müssen sich fragen, ob man lieber Spieler haben will, die 90 Minuten "zu sehen" sind oder ob man nicht auch einen völlig anderen Spielertyp bedingungslos unterstützen sollte, der zwar nicht der Prototyp eines Mittelfeldrackers à la Tinga ist und auch nie werden wird (abgesehen davon, dass man ihm damit seiner Stärken berauben würde), aber mit seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten auch seinen Anteil am Erfolg haben kann. Die oben genannte Punktestatistik jedenfalls nimmt allen Federico-Kritikern viel Wind aus den Segeln.
Zu guter Letzt ist hier auch das kommende Trainerteam gefragt. Will man beschriebenem Spieler eine Chance geben, dann muss man ihm auch zwei, drei schwächere Spiele zugestehen können. Federico ist ein typischer Spielertyp, dem man Vertrauen, Freiheiten und auch den Status geben muss, dass andere für ihn laufen und arbeiten. Und bisher hat er dieses Vertrauen auch an all seinen Stationen zurückgezahlt, wenngleich er noch nie als unbedingter Trainingsweltmeister galt. Doch scheint die Tendenz momentan dahin zu gehen, lieber wieder einen quirligen und stets präsenten Regisseur wie Hajnal zu verpflichten. Klar ist seine Bilanz und auch sein kicker-Notenschnitt wesentlich besser als der
Federicos. Und man kann sich auch schlecht vorstellen, wie diese beiden Offensivspieler zusammen agieren sollen. Doch wäre es höchst fahrlässig, einen Spieler mit solchen Qualitäten wie die Federicos nach nur einem Jahr, was letztlich im Vergleich zu anderen BVB-Spielern noch durchaus passabel war, wieder ziehen zu lassen. Gerüchten über eine mögliche Rückkehr zum KSC und einen somit entstehenden Tausch mit Hajnal erteilte der 27-jährige selbst schon eine Absage. Trotz der misslichen letzten Zeit fühle er sich wohl beim BVB.
Die weiter im Raum stehende Trainerfrage und schließlich auch die Sommervorbereitung wird den Weg weisen, ob der zwischen seiner Heimatstadt Hagen und seinem Arbeitsplatz Dortmund in Herdecke lebende Federico einen Durchbruch mit toller Quote und Leistung feiern kann oder ob er am Ende seiner Karriere lediglich als sehr guter Zweitligaspieler und herausragender Amateurspieler in Erinnerung bleiben wird. Auf gehts also, lieber "Gio", und möge das nächste Endspiel mit BVB-Beteiligung diesmal durch einen deiner Geistesblitze entschieden werden!
Malte, 24.05.2008
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