Leb wohl, Thomas! Quo vadis, Borussia?
Überrascht hat es niemanden mehr, im Gegenteil: Als am gestrigen Tag die Trennung des BVB von Thomas Doll bekannt wurde, dürfte der Großteil der Borussen dafür nicht mehr als ein Kopfnicken übrig gehabt haben. Die Zeichen dafür hatten sich schließlich immer mehr verdichtet.
Der angebliche Rücktritt des Trainers ist auch die einzig richtige Entscheidung in der aktuellen Situation. Von Dolls Kredit, den er in den letzten Wochen der Saison 2006/2007 in Windeseile erspielt hatte, war zuletzt nicht einmal mehr ein kleiner Rest übrig. Allenthalben wurde mehr oder weniger offen der Übungsleiter kritisiert, der auch am 34. Spieltag noch keine Stammelf (oder auch nur ein Spielsystem) herausgearbeitet hatte. Gepaart mit einer unglücklichen Außendarstellung und fußballerischen Darbietungen zum Davonlaufen blieb weder der Vereinsführung noch Doll etwas anderes übrig, als die Reißleine zu ziehen. Die Alternative wäre gewesen, an einem Trainer festzuhalten, der bereits beim ersten Gegenwind der neuen Spielzeit aus dem Sattel geweht worden wäre. Eine fatale Option angesichts des Umstands, dass sich Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke schon heute fragen lassen müssen, warum man nicht bereits im Winter die Trennung von Doll besiegelt hat. Dass die Ehe keine dauerhafte mehr sein dürfte, zeichnete sich schon damals ziemlich deutlich ab.
Der Person Thomas Doll tut man dennoch Unrecht, wälzt man auf sie nun alles Schlechte der abgelaufenen Spielzeit ab. Denn auch die Dollsche Medaille hat zwei Seiten. Auf der einen stehen der nicht mehr für möglich gehaltene Nicht-Abstieg in der letzten Saison, die Mutter aller Derbysiege und das diesjährige Pokalfinale - kurzum: einige der schönsten Fanmomente der letzten Jahre. Auch das sollte der Gerechtigkeit wegen nicht vergessen werden.
Der Trainer Thomas Doll hat es darum nicht verdient, zum Abschied mit Spott und Häme übergossen zu werden. Viel mehr verdient er ein aufrichtiges „Leb wohl!", verbunden mit den besten Wünschen für die Zukunft. Dazu gehört vor allem eine längere Verschnaufpause, um die Zeiten in Hamburg und Dortmund endlich reflektieren zu können. Mit 42 Jahren gehört Doll zu den jüngsten Vertretern seiner Zunft. Wenn der um ein halbes Jahr jüngere Matthias Sammer ihm attestiert, das Geschäft in seinem jungen Alter möglicherweise noch nicht vollständig begriffen zu haben, wirkt das zwar seltsam, es mag aber dennoch etwas dran sein. Sofern sich Doll als lernfähig erweist und die richtigen Lehren aus seinen bisherigen Engagements zieht, kann er zukünftig trotzdem noch zu einem wertvollen Coach für seinen jeweiligen Verein werden. Zu wünschen ist ihm das.
Und Borussia Dortmund? Der Verein steht - wieder einmal - am Scheideweg. Ziemlich genau anderthalb Jahre nach der Demission Bert van Marwijks ist auch sein Nachfolger-Nachfolger gescheitert. Das spricht nicht unbedingt für den Verein und seine Mannschaft und dürfte auch die Position von Geschäftsführer und Sportdirektor alles andere als stärken.
Letzterer ist schließlich mitverantwortlich für die Zusammenstellung der Mannschaft gewesen, die derart oft hinten den Erwartungen zurück geblieben ist, und der inzwischen immer wieder attestiert wird, nicht über ausreichend Qualität zu verfügen. Man muss wahrlich keine Prophet sein: Allzu viele Versuche wird auch Michael Zorc nicht mehr bekommen, den BVB wieder auf Kurs zu bringen.
Und auch Hans-Joachim Watzkes Kredit bei Fans, Sponsoren und Entscheidungsgremien wächst angesichts der Fehleinschätzungen in der Trainerfrage nicht eben ins Uferlose. Zur Erinnerung: Noch im vergangenen Sommer erklärte Watzke im Gespräch mit schwatzgelb.de, dass er aufpassen müsse, angesichts des Trainers nicht ins Schwärmen zu geraten. Heute, nicht einmal zwölf Monate später, ist diese Euphorie merklich erkaltet.
Immerhin ist man zum wiederholten Mal an den eigenen Saisonzielen gescheitert. In der vergangenen Saison hieß dies noch Platz Fünf, in der aktuellen Spielzeit wollte man sich mit Platzierungswünschen zurückhalten und gab lediglich „attraktiven Fußball" als Zielsetzung heraus. Bittere Erkenntnis heute: Diesem Ziel ist man die überwiegende Zeit noch weiter entfernt gewesen, als einem akzeptablen Tabellenrang.
Doch was tun? Das Falscheste wäre sicher, Thomas Doll allein als Bauernopfer zu betrachten und nur zu glauben, dass allein ein neuer Trainer der Heilsbringer schlechthin für die Borussia sein könne. Die Geschichte der letzten anderthalb bis zwei Jahre erzählt etwas anderes. Beim BVB muss sich zwangsläufig auch in den Strukturen, in den Hierarchien und im gesamten Selbstverständnis etwas ändern, um langfristig auch wirklich Erfolg haben zu können. Bislang sieht sich der gesamte Verein viel zu sehr als unglücklich verhinderter Dauer-Champions-League-Kandidat, dessen Zielerreichung angesichts neuer finanzieller Möglichkeiten aber nur eine Frage der Zeit ist. Diese Einstellung beginnt bei uns Fans, sie ist aber leider ungleich ausgeprägter in der Mannschaft, deren Einzelspieler oftmals ein merkwürdiges Selbstverständnis an den Tag legen und die ihre Verträge in Madrid oder Mailand nur noch als eine Frage der Zeit betrachten. Sie spiegelt sich aber eben auch wieder in einer sportlichen Leitung, die fortwährend neue Erfolgsgeschichten für die nächsten Jahre skizziert, ohne zu berücksichtigen, dass die aktuelle und reale Entwicklung steil nach unten zeigt.
Insofern ist es gar nicht so wichtig, wer denn der neue Trainer der Schwatzgelben sein mag. Viel relevanter erscheint es, dem Verein endlich einen konstruktiv-professionellen Anstrich zu verpassen und eine leistungsfördernde Atmosphäre zu kreieren, in der (Selbst-)Kritik, klare Kompetenzen und Verantwortlichkeiten die bisherige Schönrederei und Luftschloss-Architektur ablösen. Erst dann wird der BVB wirklich wieder seinen Weg zurück auf die Erfolgsspur finden.
Arne, 20.05.2008
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