Fans und Umfeld

Suedtribuene 1Wieder einmal ist eine Spielzeit mehr schlecht als recht geschafft. Hat sich unsere Borussia im DFB-Pokal noch wunderbar geschlagen, hat man in der Bundesliga mal wieder meilenweit die eigenen Ansprüche verfehlt und analysiert eifrig nach den Gründen. Vielfach genannt und beliebt ist hierbei der Verweis auf das schwierige Umfeld in Dortmund. Die mediale Aufmerksamkeit und die Erwartungshaltungen der Fans würden ein erfolgreiches Arbeiten erschweren oder gar unmöglich machen.

Aber welches spezielle Problem gibt es denn in Dortmund mit den Fans und dem Umfeld?

Dass die Leute unzufrieden sind, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden, die von Funktionären und Spielern noch selbst befeuert werden? Wie war das noch zu Anfang der Saison? Das Westfalenstadion endlich wieder zur Festung machen, Powerfußball spielen - das wollten sie. Die Spieler selbst sprechen doch vom Anspruch darauf, dass sie international spielen wollen. Steht man dann mal zu Anfang der Saison in der Nähe von Platz 5, hat man sich "intern" noch "ganz andere Ziele gesetzt". Hat Kuba nicht schon bei seinem Wechsel davon fabuliert, dass Dortmund nur ein Sprungbrett sei und er sich langfristig bei einem spanischen Topclub sieht? Nicht nur in diesem Fall liegen zwischen Anspruch und Wirklichkeit ganze Welten.

Und dann ist es das böse Umfeld, dass ein erfolgreiches Arbeiten unmöglich macht, wenn man dabei ist, an den eigenen Ansprüchen grandios zu scheitern und Fußball zum abgewöhnen zeigt?

Wo bitte ist dieses Utopia, in dem man dafür belohnt wird, dass man nicht ansatzweise an sein Leistungsmaximum geht? In Leverkusen, weil dort weniger Fans und Medien sind? Nun, dort hört man auch die "Skibbe raus"-Rufe, wenn es nicht so läuft wie geplant. In Cottbus vielleicht, weil man da eh auf Abstieg geeicht ist? Frag mal Herrn Sander, wie schnell man auch nach 2 Jahren guter Arbeit seinen Posten los ist. Oder Herrn Piplica. Wenn man bei einem Torwart schon mit Pannen rechnen muss, dann bei ihm. Aber selbst da ist das Maß irgendwann voll und die Fans artikulieren ihren Unmut. Vielleicht liegt das gelobte Land ja auch in Bremen. Aber auch da gab es an Thomas Schaaf, der nun wirklich konstant gute Arbeit geleistet hat, während der kleinen bis mittelschweren Krise mit u.a. der Heimniederlage gegen Duisburg, und der Mannschaft deutliche Kritik.

Was ist in Dortmund so extrem anders und schlimm? Nur die Wahrnehmung, weil alles zahlenmäßig etwas größer ist. Aber im Endeffekt ist es doch völlig egal, ob 2 kleinere, regionale Zeitungen den Trainer aus dem Amt schreiben oder 5 große Tageszeitungen. Ebenso ist es egal, ob in einem großen Stadion 20.000 Fans pfeifen oder in einem kleineren 5.000. Die Mechanismen sind bei allen Vereinen gleich und egal ob Spieler, Trainer, Sportdirektoren oder Manager - alle haben sich mit ihrer gut dotierten Beschäftigung im Profifußball diesen Mechnismen unterworfen. Und sie selbst verstärken das Ganze doch auch noch. Da wird die Gegenwart zu Saisonbeginn in den rosarotesten Farben ausgemalt, um die Fans in die Stadien zu locken. Da küssen Spieler das Vereinsemblem und wechseln in der Winterpause zum Erzrivalen. Und wenn es mal nicht so läuft, redet der Herr Profikicker auch mal mit seinem Lieblingsjournalisten und lässt ein paar Internas springen, um dann im Gegenzug einen der-Trainer-ist-böse Artikel zu bekommen. Natürlich nur, um dann wenige Wochen später zu beklagen, dass in diesem Verein alles viel zu transparent sei. Da kritisiert ein Geschäftsführer öffentlich in einer Pressekonferenz den Präsidenten, der ihn dann ebenso öffentlichkeitswirksam entlässt. Das alles ist ein unheimliches mediales Tamtam, das in guten Zeiten gerne für sich genutzt wird, in schlechten Zeiten aber als Ruhestörer verteufelt wird. Über Dortmunder Phänomene im speziellen, was die Außendarstellung angeht, möchte ich gar nicht reden - ich hab gerade erst gegessen.

Dieses Dortmunder Umfeld, von 36 Proficlubs würden sich 34 davon doch die Finger danach lecken (die Blauen haben ähnlich viele "Gestörte" und die Bayern sind mit ihrem größtenteils domestizierten Publikum wohl auch ganz zufrieden). Wo sonst gehen 70.000 Leute in ein Stadion, wenn man die ganze Saison über sein foto berlinmöglichstes getan hat, um die Leute mit Fußball zum Abgewöhnen wieder nach Hause zu treiben? Wo sonst wird einem eine hundserbärmliche Saison verziehen, weil man am vorletzten Spieltag den Erzrivalen besiegt hat? Nicht nur das, die Leute tanzen auf den Straßen und feiern die Mannschaft minutenlang mit Standing Ovations, statt zu fragen, warum man diesen Willen nicht immer gesehen hat. Wo sonst steht, wie gegen Leverkusen, nach einem miserablen Kick in den letzten Minuten auf einmal alles fest zusammen und erzwingt den Siegtreffer, statt dem Team vorher schon einen Pfeifftinitus verpasst zu haben? Wo sonst kassiert man eine 0:5 Niederlage ohne jedes bisschen Motivation in München und ein paar Tage später bevölkern Unmengen von Fans mit und ohne Karte in Berlin das Stadion und die Stadt, auch wenn es gegen den gleichen übermächtigen Gegner geht?

Ist dieses Umfeld kritisch? Definitiv. Wer aber auch etwas anderes bei unserer Geschichte der letzten 15 Jahre erwartet, verkennt die Realitäten. Große Erfolge, Möchtegernstars als Abzocker, eine Geschäftsführung, die den Verein an den Rand des Ruins und fast darüber hinaus geführt hat. Wer bitte kann da eine manchmal vielleicht überkritische Haltung verübeln?

Ist dieses Umfeld treu? Bei Gott, das ist es. Wir haben zum x-ten mal hintereinander den dritthöchsten Zuschauerschnitt der Welt. Auch wenn man die Trikotaktion zu Saisonbeginn abzieht, ist das außergewöhnlich. Wir dümpeln seit mehreren Spielzeiten unten herum, sehen Fußball der einem Angstschweiß auf die Stirn treibt und eigentlich einen natürlichen Fluchtreflex auslösen sollte. Und die Leute kommen trotzdem. Nur mal zum Vergleich: Beim zu diesem Zeitpunkt noch amtierenden Meister aus Stuttgart waren im Pokalviertelfinale nicht ganz 20.000 Zuschauer anwesend. Viele davon aus Jena. Gähnende Leere im Stadion. Wir legen parallel gegen einen anderen Zweitligisten mit 55.000 die höchste Zuschauerzahl für ein Pokalviertelfinale aller Zeiten hin. Eine Runde weiter, diesmal gegen Jena, ist das Stadion unter der Woche gegen den Tabellenletzten der 2. Liga restlos ausverkauft.

Ist das Umfeld begeisterungsfähig? Sieht man doch immer wieder, dass oft nur ein Zündfunke fehlt, um das Fass zum Brennen zu kriegen. Nur sind diese Zündfunken auch recht spärlich gesät. Bei den Heimspielen ist die Stimmung im Allgemeinen nicht schlechter, als fast überall anders auch. Wenn dann allerdings mal ein Ruck durch das Stadion geht - weil die Mannschaft auf einmal Biss zeigt, der Schiri subjektiv völlig für das Gästeteam ist oder man dem blauen Pack ordentlich Paroli bietet - sind sie alle da. Man ist ja selbst für Testspielsiege dankbar und lässt nach einem Sommerkick gegen AS Rom die Laola durchs Stadion schwappen.

suedtribuene 2Wieso bitte immer diese Selbstgeißelung? Der Verein verdient allein durch seine Fans und das Medieninteresse Gelder, die Vereine mit vergleichsweisen Platzierungen und fußballerischen Darbietungen niemals kassieren werden. Der Verein verdient damit, die Spieler verdienen damit. Sicherlich ist nicht alles Gold was glänzt. Wenn ich z. B. sehe, dass ein eigener Spieler mit einem Bierbecher beworfen wird, weil er als einziger den Arsch in der Hose hat, zu den Fans zu gehen und sich für ein Gewürge zu entschuldigen, oder jungen Spielern kaum mehr Fehler zugestanden werden als erfahrenen Profis, dann ist das höchst traurig. Aber das ist doch kein Alleinstellungsmerkmal für Dortmund. Nichts ist hier schlimmer als anderswo - nur vielleicht größer. Manches ist sogar besser, bedeutend besser als in anderen Städten. Wer damit ein Problem hat, sollte sich aus dem Profifußball zurück ziehen. Wesentlich bessere Bedingungen wird er nämlich woanders nicht finden.

Sascha, 18.05.2008