Freundschaftskick statt Westfalenderby
"Das Spiel (v. althochdt.: spil für „Tanzbewegung“) ist eine Tätigkeit, die ohne bewussten Zweck zum Vergnügen, zur Entspannung, allein aus Freude an ihrer Ausübung ausgeführt wird. Es ist eine Beschäftigung, die um der in ihr selbst liegenden Zerstreuung, Erheiterung oder Anregung willen und oft in Gemeinschaft mit anderen vorgenommen wird." (aus Wikipedia)
Zugegeben: Entspannung fand zumindest der Anhang der Borussia auf der Bielefelder Alm zur Genüge. Verwöhnt von der frühsommerlichen Sonne war es, als wohne man bereits vor Saisonende einem sommerpäuslichen Freundschaftskick in der Fußballprovinz bei. Und auch den bewussten Zweck dieser Partie wussten beide Mannschaften lange Zeit geschickt zu verschleiern. Freude an der Ausübung ihres Spiels oder gar tänzelnde Bewegungen indes schienen sowohl der Arminia wie auch der Borussia gänzlich fremd zu sein.
Doch gegen wir chronologisch vor: Nachdem der Dortmunder Angang tapfer gegen brennendes Buschwerk im Schienenbereich einerseits und krude Verkehrsführungen samt Einbahnstraßenwirrwarr andererseits angekämpft und somit siegreich aus der Schlacht gegen die Widrigkeiten der Anreise hervorgegangen war, fand man sich bei feinstem Biergartenwetter direkt auf der Alm wieder, wo Bierstände, Holzkohlen-Bratwurst
und das weitläufige Areal um den Gästeblock zu Verweilen herum einluden. Für den Großteil des Anhangs hieß es anschließend: Heraus aus dem Stadion, hinein in den Stehplatzblock. Der ist von findigen ostwestfälischen Star-Architekten nämlich kurzerhand neben das eigentliche Stadion gebaut worden und besitzt zurzeit nicht mal ein Dach, was den mitgereisten Borussen ein ausgiebiges Sonnenbad bescherte. Zwar macht der Bielefelder Hauptsponsor in Solaranlagen, aber man kann es auch übertreiben.
Übertrieben haben es unter der Woche auch die Borussen-Kicker, mit Krankmeldungen nämlich. Auf insgesamt acht mehr oder weniger stammplatzfähige Schwarzgelbe musste Thomas Doll auf der Alm verzichten, und um nicht in den Verdacht zu geraten, kurz vor Saisonende immerhin endliche eine feste Abwehrformation gefunden zu haben, ließ der Trainer auch dort noch einmal rochieren. Der zuletzt sehr ordentliche Mats Hummels fand sich zur
Belohnung auf der schattigen Bank wieder, Christian Wörns musste hinaus in die gleißende Sonne.
Das Spiel selbst begann, wie so eine Freundschaftskick bei viel zu warmen Temperaturen eben beginnt: verhalten. Die Schwarzgelben machten den Eindruck, als säßen sie viel lieber bei kühlen Getränken und Gegrilltem im heimischen Garten, und auch die schwarz-weiß-blau gewandeten Gastgeber legten sich nicht so sehr ins Zeug, wie man das hätte erwarten können. Weder auf dem Rasen noch auf den Rängen war spürbar, dass die Arminia hier mit dem hohen Einsatz des eigenen Kragens an den Start gegangen war.
Die Anfangsphase verlief denn auch schiedlich friedlich mit je einer Torchance auf beiden Seiten. Zuerst war es Alex Frei, der in der achten Minute, eine Dede-Flanke aus dem Halbfeld knapp über das Tor der Arminen jagte, vier Minuten später ließ Bielefelds Zuma Christian Wörns recht alt aussehen, zielte aber ebenfalls zu hoch.
Marcel Höttecke war das alles zu unspektakulär und so übernahm er die Initiative. Nachdem die schwache Innenverteidigung Wichniarek links zu viele Freiräume gewährt hatte, ging Höttecke an der Torauslinie und
ohne wirkliche Torgefahr viel zu ungestüm in den Mann. Wichniarek ließ sich die Chance nicht entgehen, fiel und brachte seine Arminen damit in Front. Den fälligen Elfmeter verwandelte Thorben Marx problemlos. 1:0 für den DSC nach 16 Minuten. Nicht eben verdient, aber angesichts der bis dato zahnlosen Borussen auch nicht völlig ungerecht.
Danach passierte erst mal nichts. Beide Mannschaften gaben sich weiterhin dem Sommerfußball hin, die Gastgeber indes ein wenig zu sehr. So wurde Federico in der 28. Minute auf links nicht nennenswert attackiert und konnte eine feine Hereingabe in Richtung zweiter Pfosten absetzen, wo Delron Buckley ohne Anwesenheit von Gegenspielern locker zum Ausgleich einschieben konnte.
Dieser Treffer bedeutete immerhin so etwas wie ein „Hallo wach“-Signal, die letzte Viertelstunde der ersten Hälfte wurde etwas munterer. Fast im Anschluss an den Ausgleich
lief Zuma auf und davon auf das Borussentor zu, ohne dass Bewacher Robert Kovac noch einzugreifen vermochte. Der Abschluss des Südafrikaners allerdings sehr kläglich: freistehend weit am Tor vorbei.
Die BVB-Hintermannschaft, gegen den VfB unter der Woche noch sehr sicher, offenbarte ein ums andere Mal Schwächen, Unkonzentriertheiten und Stellungsfehler. So kam, was kommen musste. 34. Minute, Halfar kann auf der linken Seite ungestört flanken, in der Mitte lässt Kovac erneut Wichniarek aus den Augen, der braucht nur noch zu springen und den Ball per Kopf unhaltbar im Netz unterzubringen. So leicht kann Fußball manchmal sein.
Immerhin: Die Borussia mühte sich um den Ausgleich, blieb allerdings viel zu harmlos. Direkt im Anschluss an den erneuten Rückstand immerhin die Gelegenheit für Federico, doch aus gut 16 Metern in zentraler Position verfehlte er das Tor knapp.
So ging es daher mit 1:2 aus schwarzgelber Sicht in die Pause. Wer sich Hoffnung auf eine bessere zweite Halbzeit machte, wurde indes enttäuscht. Im Gegenteil: Torraumszenen wurden noch seltener. Lediglich Kuba
vermochte Arminias Fernandez kurz nach Wiederanpfiff noch einmal zu prüfen, das war’s jedoch schon.
Die zweite Halbzeit gehörte den Nebenkriegsschauplätzen. Zuerst würfelte Thomas Doll die Ausrichtung der Borussia gleich mehrfach durcheinander, indem er zunächst Senesie für Rukavina und anschließend (verletzungsbedingt) Hummels für Buckley ins Spiel brachte. Kurz darauf tobte urplötzlich das gesamte Stadion. Die Hertha war hunderte Kilometer weiter gegen Nürnberg in Führung gegangen und die Ostwestfalen waren laut, wie das gesamte Spiel über nicht. Bielefeld hatte zu diesem Zeitpunkt den Klassenerhalt geschafft, die Nürberger waren abgestiegen.
Wieder ein paar Minuten später spielten Kovac, der eingewechselte Kamper und Schiri Fandel den wechselseitigen Doppelpass: Der Kroate grätschte den Dänen regelkonform ab, Fandel blieb Fandel und zückte Gelb, was in der Addition Gelb-Rot bedeutete.
Als niemand im Stadion mehr annahm, dass sich hier noch etwas ändern könnte, trat Alex Frei auf den Plan. Zuvor war der Schweizer nur durch Lamentieren, Abseitsstellungen und völliges In-der-Luft-Hängen aufgefallen. Doch in der 83. Spielminute holte er zunächst einen Freistoß an der Strafraumkante heraus und brachte anschließend alles Unglück dieser Welt über die Arminen. Sein perfekt gezirkelter Freistoß umkurvte
die Mauer der Gastgeber und prallte zwar lediglich gegen den Innenpfosten, von da aus jedoch gegen den Schädel von DSC-Keeper Fernandez und anschließend in die Maschen. Unglücklich ging der Billard-Torwart zu Boden.
Das war’s eigentlich. Auf dem Spielfeld tat sich nicht mehr viel, lediglich Fandel bekam noch einmal Gelegenheit zur Show. Nachdem er im Zweikampf zu Boden ging und am Kopf getroffen wurde, sprang Bielefelds Kauf urplötzlich und wie von der Tarantel gestochen auf, stürmte auf den unbeteiligten Frei zu und stieß diesen zu Boden. Fandel zeigte sich innovativ und beiden Gelb.
Die Borussen machten sich wahlweise sonnengebräunt oder sonnengebrannt auf den Heimweg. Jene, die per Zug unterwegs waren, allerdings mit einem unfreiwilligen Zwischenstopp in Kamen, nachdem in Scharnhorst ein ICE das Duell gegen einen Gartentraktor für sich entscheiden konnte.
Fazit
Auch nach gesichertem Klassenerhalt verfallen die Borussen in alte Muster. Ging man gegen den VfB Stuttgart noch konzentriert und engagiert zu Werke, verrichteten die Schwarzgelben in Bielefeld einmal mehr Dienst nach Vorschrift und kamen mit 80% „irgendwie über die Runden“. Diese Spielweise macht einfach keinen Spaß mehr und lässt sich auch mit der Vielzahl der verletzten Spieler nicht befriedigend erklären. Selbst mit einem Sieg gegen Wolfsburg wird der BVB maximal noch auf 43 Zähler in der Endabrechnung kommen, schneidet also definitiv noch schlechter ab als in der vergangenen Spielzeit, der vielbeschworenen Horrorsaison, die sich nie wiederholen sollte. Es wird sich einiges ändern müssen, will man in der kommenden Saison nicht erneut nur mit den Kalibern Cottbus, Karlsruhe oder Bochum konkurrieren.
Die Borussen in der Einzelbewertung
Marcel Höttecke: Verschuldete den Elfmeter und bekam ansonsten nicht wirklich viel zu halten. In besagter Szene merkte man ihm die noch fehlende Erfahrung deutlich an. Geht er dort weniger ungestüm zu Werke, gibt es schlimmstenfalls einen Eckball. Note 4
Antonio Rukavina: Früh ausgewechselt und bis dahin auch mehr schlecht als recht. Das 2:1 fiel über seine Seite. Note 4,5
Christian Wörns: Licht und Schatten. Verstand sich mit Kovac anscheinend überhaupt nicht, stand öfters zu weit vom Mann entfernt und spielte mehrfach böse Fehlpässe. Note 4
Robert Kovac: Katastrophales Abwehrverhalten beim 2:1 der Gastgeber. Auch sonst kein Rückhalt. Note 5
Dede: Engagierte Leistung mit versuchten Offensivakzenten. Auch hinten durchweg Sicher. Note 3
Marc-Andre Kruska: Sehr solide, wie übrigens das gesamte BVB-Mittelfeld, allerdings ebenso ohne die nötigen Impulse für das Spiel. Note 3,5
Tinga: Ähnlich wie Kruska aktiv, aber ohne Durchschlagskraft. Note 3,5
Kuba: Im Vergleich zum letzten Spiel schwächer. Im fehlt sichtlich die Bindung zu den Mitspielern. Gelegentlich mit aufblitzenden Genialitäten, spielt sich viel zu oft aber einfach nur fest. Note 4
Giovanni Federico: Bereitete das 1:1 sehenswert vor und hatte die Chance zum zweiten Ausgleich auf dem Fuße. Insgesamt engagiert, aber die Abstimmung mit dem Sturm passte nicht. Note 3,5
Delron Buckley: Bester Borusse an diesem Tag. Laufstark wie immer und endlich auch mit dem nötigen Quäntchen Glück an alter Wirkungsstätte. Note 2,5
Alex Frei: Hing weitgehend der Luft und lamentierte viel. Genialer Freistoß zum 2:2, ansonsten kaum merkliche Teilnahme am Spiel. Note 3,5
Sahr Senesie: Kam nur eine gute halbe Stunde zum Einsatz, war am Ende aber der Borusse mit den meisten Torschüssen. Sichtliche Belebung für das Offensivspiel. Note 3
Mats Hummels: Kam recht spät und fand sich in der veränderten Ausrichtung auch kaum zurecht. Nicht bewertbar.
Daniel Gordon: Kam noch später.
Aufstellungen und Statistik
Borussia: Höttecke – Rukavina (56. Senesie), Kovac, Wörns, Dede – Kruska – Kuba, Federico (88. Gordon), Tinga – Buckley (71. Hummels), Frei
Bielefeld: Fernandez – Bollmann, Mijatovic, Gabriel, Schuler – Kirch (87. Eigler), Kauf, Marx (87. Böhme) - Zuma, Wichniarek, Halfar (61. Kamper)
Tore: 1:0 Marx (24.), 1:1 Buckley (28.), 2:1 Wichniarek (34.), 2:2 Fernandez (Eigentor, 83.)
Gelbe Karten: Wörns, Frei - Bollmann, Kauf
Gelb-Rote Karte: Kovac
Zuschauer: 27.400
Schiedsrichter: Herbert Fandel, Note 5 : unberechtigte Gelb-Rote Karte gegen Kovac, nicht geahndete Tätlichkeit von Kauf und damit zwei deutliche Fehler in einer leicht zu leitenden Partie
Schüsse: 11:14
Schüsse aufs Tor: 2:4
Ecken: 5:2
Flanken: 18:23
Ballbesitz (in %): 34:66
Gewonnene Zweikämpfe (in %): 49:51
Pässe gelungen (in %): 63:83
Fouls: 14:20
Abseits: 0:2
Arne, 11.05.2008
Die Stimmen zum Spiel findet Ihr hier.
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