Die Leidensgeschichte des Nelson V.
Seit mittlerweile schon fast zwei Jahren stellt er sich in den Dienst der Borussia. Immer wenn der 24-Jährige auf dem Platz steht, gibt er alles für sein Team. Er läuft, kämpft und grätscht. Nelson Valdez gibt keinen Ball verloren. Sein einziges Problem: Der Nationalspieler von Paraguay trifft das Tor einfach nicht. Eine Problemdiagnose, die zurück in die Anfänge führt.
Sommer 2006: Mit den beiden Tschechen Rosicky und Koller hatten zwei Führungsspieler mit außergewöhnlichen Qualitäten den Verein verlassen, David Odonkor, Cedric van der Gun und Salvatore Gambino schwächten den Offensivverband des Teams durch ihre Abgänge ebenfalls. Um diesen großen Quantitäts- und Qualitätsverlust auszugleichen, reinvestierte die Borussia die Ablösesummen in teure Ersatzleute wie Nelson Valdez oder Alexander Frei. Die Euphorie war groß.
Die sportliche Führung plante aufgrund des neuen Spielermaterials eine Systemumstellung vom 4-3-3 auf ein 4-4-2. Dabei vernachlässigte sie aber, dass der damalige Trainer Bert van Marwijk vor allem ein Verfechter des Drei-Mann-Sturms gewesen war. Diese Änderung und der Umbruch bereitete der Mannschaft große Probleme und sie stolperte nur von Spiel zu Spiel. Der Sturm - als Paradebeispiel für die schlechte Verfassung des BVBs - schien blockiert. Während sich jedoch ein Alexander Frei nach anfänglichen Problemen im Laufe der Zeit zu einem wichtigen Torjäger entwickelte, avancierte Nelson Valdez zum Problemfall erster Güte. Mit viel Einsatz, aber mindestens genauso viel Pech und Unvermögen ausgestattet, vergab er Chance um Chance, verletzte sich und spielte auch danach mehr als unglücklich. Es wurde einfach nicht besser, dem Paraguayer schien das Pech am Stiefel zu kleben. Das Problem war einzig die Verwertung der Chancen, die er sich erarbeitete. Ansonsten stimmte die Leistung zumeist. Auch die Trainerwechsel über Röber hin zu Doll lösten die Probleme des zweifachen Vaters nicht. Während die Mannschaft sich nach einigem Auf und Ab schließlich zum Saisonende hin von den Abstiegsplätzen absetzen und spielerisch stabilisieren konnte, war die Torkrise des Nelson V. immer noch akut. Auch sein erstes Saisontor am 32. Spieltag gegen die Werkself aus Wolfsburg brachte den vielzitierten Knoten nicht zum platzen.
In der laufenden Spielzeit hat Valdez erst dreimal treffen können. Bedenkt man, dass eins dieser Tore ein Elfmeter gegen Bielefeld war und ihm ein Treffer fast aus Mitleid von der DFL geschenkt wurde (Stuttgart), wird offenkundig, dass Valdez´ Leiden weiterhin bestehen. Der allgemeine Vorwurf, Valdez sei ein „Chancentod“, wurde anfangs von seinen Sympathisanten mit dem Verweis auf die gute Torquote bei Werder Bremen abgeschmettert. Das Gegenargument aber, dass den Angreifern bei den Grün-Weißen generell mehr Chancen geboten werden, wirkt in letzter Zeit immer stärker. Trotzdem ist es längst keine normale Krise mehr, die den Stürmer belastet. Dieser Valdez, der 2006 in den Ruhrpott gekommen war, scheint nicht mehr derselbe Spieler zu sein, der für Bremen in gut 80 Bundesligaspielen 21 Tore geschossen hatte. Woher kommt diese Verwandlung des ehemaligen Topjokers? Eins ist klar: Weder die mannschaftliche Krise bei Valdez’ Wechsel noch der Faktor Pech dürfen mittlerweile als Argumente für seine Torungefährlichkeit gelten. Wahrscheinlicher ist es, dass er in seinen Torjägerqualitäten einfach überschätzt wurde. Der große Druck, beim BVB treffen zu müssen, tut sein Übriges.
Die Probleme auf dem Platz übertragen sich auch auf das Umfeld. Sein Verhältnis zu den Fans gilt als problematisch. Hatte er bei seinem Wechsel noch großspurig angekündigt, sein Ziel seien 15 Saisontore, hält er sich jetzt lieber zurück. Denn auch der Angreifer weiß, dass er einen Großteil seines Kredits verspielt hat. Die Fans zeigten sich lange mehr als geduldig. Der Spieler mit der Rückennummer 9 spaltet mittlerweile aber die BVB-Anhängerschaft. Die Einen mögen ihn, weil er immer alles gibt. Die Anderen raufen sich bei jeder weiteren vergebenen Torchance die Haare und wünschen sich einen Abschied Valdez’. Und mit jeder weiteren vergebenen Torchance wird die Kritik lauter werden.
Den internen Rückhalt scheint er bei seinen Kollegen noch zu besitzen. Dieser Eindruck verdeutlichen nicht nur seine Vielzahl an Startelf-Einsätzen. Auch die Worte von Kapitän Kehl, der seinen Mitspieler nach dem Leverkusen-Spiel in Schutz genommen hatte und kein Verständnis für den höhnischen Applaus seitens der Fans zeigte, dürfen so gewertet werden.
Vielleicht sollte man die sportliche Rolle Valdez’ im Team insgesamt anders sehen. Als Torjäger für unglaublich viel Geld gekauft, kann er in der Gegenwart immer noch ein wichtiger Bestandteil im Spiel des BVB sein. Allerdings nicht als Stürmer, sondern mehr als Flügelspieler im Mittelfeld. Der Druck, Tore schießen zu müssen, wäre weg. Schon mehrmals hat der Nationalspieler in dieser Rolle bewiesen, dass er im Defensivspiel deutlich besser agieren kann als ein Petric oder ein Frei. Allerdings hätte dies wieder eine Systemumstellung zur Folge, wo der BVB doch mal etwas Konstanz gebrauchen könnte.
Es wäre nur ein letzter Versuch, die vielen Fragezeichen um Nelson Valdez aufzulösen. Ob Borussia Dortmund und seine Nummer 9 auf Dauer gemeinsam glücklich werden können, steht in den Sternen. Denn was sich am Sonntag bei seiner Auswechslung auf den Rängen abspielte, kann zwar verschieden gedeutet werden. Aber eins bleibt: Der bittere Nachgeschmack.
Daniel R., 07.04.2008
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